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GAZA: Vernichtung der Lebensgrundlagen

Knapp zwei Monate nach dem Angriff Israels auf Gaza geraten die Geschehnisse schon wieder in Vergessenheit. Dieser grauenvolle, zerstörerische Zorn gegen ein wehrloses Volk ist aus den Medien und sogar aus unserem Bewusstsein bereits fast wieder verschwunden.


Ich möchte hier über einige Elemente berichten, die kaum erwähnt wurden, vor allem über die tragischen Auswirkungen der Angriffe Israels auf die Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie. Diese beiden Produktionszweige sind grundlegend für die Wirtschaft jedes Landes, umso mehr in Gaza, das seit 18 Monaten durch die Blockade hermetisch abgeschlossen ist.


Einem Juristen der FAO1 zufolge, haben fast alle Bauernfamilien, die von Landwirtschaft und Viehzucht leben, Verluste und Schäden durch die Bombardierungen und Militärinterventionen erlitten.


«Die Bauern, die schon vor den letzten Angriffen Mühe hatten, etwas zu verdienen, stehen im Moment vor dem unwiderruflichen Verlust ihrer Existenz. Es ist ihnen unmöglich, ihre Arbeitsgeräte zu ersetzen oder zu reparieren, die Felder zu bestellen oder ihre Herden neu aufzubauen.»2


Zwei Berichte, die von palästinensischen Landwirtschaftsorganisationen3 veröffentlicht wurden, geben genauer Auskunft über die Sabotageakte, denen die Landwirtschaft von Gaza ausgeliefert war: «Die Landwirtschaft ist zum totalen Chaos geworden. Überall wurden die Pflanzungen und Bäume von Tausenden Panzern und Militärfahrzeugen sowie Bulldozern, die über die Felder rollten, zerstört. Militärbasen wurden auf Landwirtschaftsflächen errichtet und Straßen zu militärischen Zwecken gebaut. Dies vor allem im östlichen Stadtteil von Gaza und in den Dörfern Beit Lahia sowie Jabalia im Norden von Gazas. Im Endeffekt wird die verbotene Zone (als «Sicherheitszone» bezeichnet) von 50 - 100 Metern bis zu 3 km oder noch mehr erweitert.» (Palestinian Agricultural Relief Committee, PARC)


Fast 1000 ha Land im Osten Gazas sind zerstört und zu wüstenähnlichem Gelände geworden. Erinnern wir uns, dass die gesamte Landwirtschaftsfläche vor der israelischen Offensive nur ca. 7000 ha betragen hat. (Palestinian Farmers-Union, PFU)


«Die israelische Armee griff insbesondere die Bauern an, die in den isolierten Zonen nahe der Grenze leben. Diese Leute sind Kleinbauern, die ein bescheidenes Leben führen und ihre Felder und Tiere pflegen, sofern sie welche haben.» (PARC)


 


Schäden und Verluste


Die materiellen Verluste in der Landwirtschaft wurden auf mindestens eine Milliarde Dollar geschätzt. Dazu kommen noch Schäden, die durch die Blockade und dem damit verbundenen Exportverbot sowie der Saatgutimportsperre entstanden sind. Laut PFU haben die Bauern während eineinhalb Jahren täglich 150.000 Dollar Verdienst verloren. Der Landwirtschaftssektor bietet sonst für 40.000 Menschen in Gaza Arbeit, wenn auch vornehmlich in Teilzeit; das sind fast 13 Prozent der aktiven Bevölkerung.


Die PFU hat eine Liste über die Zerstörungen durch die israelische Armee erstellt. Darauf findet man z.B. 500 ha Frucht- und Olivenbäume, Bewässerungsanlagen von 500 ha, 115 ha völlig zerstörte Plastikgewächshäuser,


47 km Bewässerungsschläuche, 185 Brunnen, 230 Wasserbehälter und 680 Zisternen, 16 Baumschulen, 175 Geflügelzuchthöfe mit jeweils 100 bis 500 Stück Geflügel, 285 Kuh- und Rinderherden, 85 vernichtete Hasenzuchtbetriebe…


Auf diese bereits lange Liste muss man eine große Anzahl Fabriken und kleiner Betriebe, in denen Landwirtschaftsprodukte verarbeitet wurden, hinzufügen. Yaser al-Wadeya ist Besitzer einer der größten Nahrungsmittelunternehmen. Seine Fabrik ist heute ein Schutthaufen. Der Schaden wird auf 18 Millionen Euro geschätzt. «Auch wenn er das Geld zum Wiederaufbau hätte, könnte er wegen der israelischen Einschränkungen keine neuen Maschinen einführen!


Der Hauptgrund dieses Vorgehens ist, dass die Infrastruktur einer bereits schwachen palästinensischen Wirtschaft zerstört werden soll. Sie wollen sicher sein, dass wir nie einen palästinensischen Staat haben werden», sagt er.4


Laut al-Wadeya, haben die Israelis auch schonungslos die größte Zementfabrik von Gaza sowie die wichtigste Getreidemühle, eine große Wasserkläranlage und das Parlamentsgebäude bombardiert…


Tunnel gegen die


Blockade


Angesichts der von Tel Aviv erbarmungslos auferlegten Blockade und der Knappheit lokal produzierter Lebensmittel, die zu vernünftigen Preisen gekauft werden können (FAO), musste die palästinensische Bevölkerung auch alternative Kanäle entwickeln, um das Überleben zu sichern. Ein weiterer wesentlicher Punkt der israelischen Desinformation, die von den westlichen Regierungen und Medien oft verbreitet wird, sind die «verfluchten» Tunnel der Hamas, die zwischen der Stadt Rabah in Ägypten und dem Flüchtlingslager desselben Namens südlich von Gaza gegraben wurden, und zur Einfuhr von Waffen und Raketen dienen. In Wirklichkeit handelt es sich um unterirdische Wege, die hauptsächlich für die In- und Ausfuhr von Produkten bestimmt sind und von der ägyptischen Polizei im «Austausch» gegen Bestechungsgeld toleriert werden. Das ist eine regelrechte Industrie!5 Die Palästinenser haben mehr als 1.000 Tunnel unter der hermetisch abgeschlossenen Grenze zu Ägypten gebaut. Nicht mitgezählt sind die von der Hamas kontrollierten Tunnel, welche speziell für die Einfuhr von Militärmaterial vorgesehen sind und ihren Besitzern durch private Geschäfte beträchtliche Summen einbringen können.


Der Bau eines Tunnels kann bis 100.000 Euro kosten. Sie sind zwischen 500 und 1000 Meter lang, einen Meter breit und zirka 15 Meter tief in den sandigen Boden gegraben. Omar Shaban zufolge, ein Wirtschaftsfachmann aus der Gegend, macht dieser Schwarzhandel zur Zeit fast 90 Prozent der gesamten wirtschaftlichen Tätigkeit Gazas aus.


Täglich transportieren Tausende von Einwohnern Lebensmittel und verschiedenste Waren. Diese werden in Wägelchen aus halbierten Plastikkanistern manchmal mit einer Seilwinde, gezogen. Die Tiere, Schafe und vor allem Ziegen, werden durch einen breiteren Tunnel geführt. Bis zu 400 Gasflaschen, Tausende Säcke Mehl, Öl, kleine Generatoren, Computer, Pfannen, Kleidung, Medikamente, Ersatzteile für Autos u.v.m. befördert man auf diesem Weg. Kurzum: Alles, was eine Bevölkerung von eineinhalb Millionen Menschen braucht. Das Benzin wird mit Hilfe beweglicher Schläuche durch kleinere Tunnel gepumpt. Dies ist übrigens zweimal billiger als die geringen Mengen aus Israel, deren Export  Tel Aviv gelegentlich bewilligt.


Die Regierung Gazas, die von der Hamas geleitet wird, hat sehr strenge Einschränkungen verordnet. Insbesondere ein totales Verbot von Alkohol und Drogen, um vor allem Unfälle zu verhindern. Trotzdem starben im Jahr 2008 vierzig Palästinenser beim Bau der Tunnel. Andere kamen bei Einstürzen ums Leben, so wie die fünf Opfer Ende Februar.


Dieser Handel ist wegen der israelischen Bombardierungen, die danach trachten, die Tunnel zu zerstören, natürlich noch gefährlicher geworden. Eines der vorrangigen Ziele der Militäroperation, die am 27. Dezember begonnen wurde und das am häufigsten vorgebrachte Motiv für deren Rechtfertigung, lautete: Dem Import von Waffen und Raketen durch die Hamas ein Ende zu setzen. Die Armee rühmte sich, 100 Tunnel zerstört zu haben; die Schäden wurden jedoch sehr schnell behoben. Offenbar schützen die tiefe Lage und Erdbeschaffenheit diese Konstruktionen.


Auch nach Ende der israelischen Besatzung wurde die Grenzzone, in der sich die Tunnel befinden, regelmäßig von Tel Aviv aus bombardiert.


Wohl kaum leichten Herzens riskieren die Bewohner von Gaza ihr Leben, um die Versorgung ihres Gebietes zu sichern. «Solange Israel den Gazastreifen belagert, werden wir nicht aufhören, in den Tunneln zu arbeiten. Erst wenn die Durchgangspunkte geöffnet werden, können wir den Bau stoppen», meint Abu Jabal, der Besitzer eines Tunnels.


In ihrem Artikel vom


8. Februar 2009 (The Guardian) beschreibt Sara Flounders: «Hunderte Lastwagen, beladen mit Lebensmitteln, gechartert von internationalen Hilfs- und anderen Organisationen, befinden sich außerhalb des Gazastreifens, weil die israelische Grenzwache ihnen den Einlass nach Gaza verweigert.»


Der Generalsekretär der UNO, Ban Ki-Moon, hat die israelische Blockade verurteilt, da es sich um eine «kollektive Strafe» handelt, die nach internationalem Recht verboten ist. Zwei amerikanische Abgeordnete der Demokraten wunderten sich kürzlich bei ihrer Reise nach Gaza, dass Nudeln und Speiseöl als strategische Objekte angesehen werden und somit von der Blockade betroffen sind.


Die scheinheilige Haltung der westlichen Länder wird besonders durch die völlig verschiedene Reaktion auf zwei ähnlichen Geschehnisse deutlich: Die Geschichte der Tunnel in Gaza und die des Tunnels in Sarajewo, der von Menschen aus der mehrheitlich musliminischen Bevölkerung gebaut wurde. Dieser 800 Meter lange Tunnel war damals der Weg für Lebensmittel, Medikamente und Waffen, die von Bosniern unter Lebensgefahr in das von Serben belagerte Sarajewo gebracht wurden. Die Tunnelbauer aus Sarajewo feierte man auf der ganzen Welt als Helden – die in Gaza gelten als Terroristen.


  


 


 1. Organisation der UNO für Ernährung und Landwirtschaft, Bericht vom 30.01.2009


2. Luigi Damiani, Koordinator der FAO in Jerusalem


3. Bericht vom 27.12.08 vom Palestinian Agricultural Relief Committee (PARC) und Pressemitteilung der Palestinian Farmers-Union (PFU) vom 15. Januar 2009


4. The Guardian, «Inside the Gaza tunnels», Rory McCarthy, 10. Februar 2009



5. Der bereits erwähnte Artikel von Sara Flounders «The tunnels of Gaza», veröffentlicht am 11.02. 09 von «Global Research».


 

verfasst von Nicholas Bell EBF,  22.04.2009, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 170 (04/2009)

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