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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Auf den vergessenen Spuren der Utopie

«Kommunismus, hier und jetzt!» Drohung oder Versprechen? Schon damals rief das Schlagwort heftige spontane Reaktionen hervor, wie wir sie heute noch kennen. Allerdings handelte es sich nicht nur um ein Schlagwort. Sondern um gelebte, kollektive, stürmische Erfahrungen, kaum länger als ein Kometenregen.
Diesem schillernden Ereignis widmet sich nun der französische Historiker Eric Aunoble*. Man fragt sich, ob er nicht geträumt hat. Aber dem scheint nicht so Vielmehr hat er in der Region Charkow (Charkiw auf ukrainisch) die verstaubten Provinzarchive durchforstet, die sonst niemanden interessieren. Wozu diese Neugier nach einer «Mikro-Geschichte», die das Jahrhundert keineswegs geprägt hat?



Menschen im Herzen des Sturms


Das Jahr 1919. Es ist das «Nackte Jahr» von Boris Pilnjaks atemberaubenden Roman auf Tauchfahrt in die Tiefen des vom revolutionären Wahnsinn gepackten Landes.
Der Autor sieht in diesem vor allem ein ur-russisches, heidnisches, wildes Aufbegehren, das aus den Tiefen vergangener Zeiten hervorbricht. Ähnlich wie die Aufstände Stepan Rasins und Pugatschows, wahrt es vollkommen die Ideologien und die guten Sitten. Es ist die Vergeltung der Anarchie gegen den Despotismus, der vielbesagte «Umschwung», der so typisch für die russische Geschichte sein soll. Aus der gleichen Zeit erzählen uns die meisten Historiker Schlachten zwischen Armeen jeglicher Färbung, ideologische Streitigkeiten, die sehr realen Qualen und Gemetzel eines Bürgerkriegs, die Pogrome. Eric Aunoble hat nicht vergessen, dass im Herzen des Sturms Menschen leben, und manchmal in den von den Umwälzungen aufgerissenen Kluften das Leben neu erfinden. So hat er sich auf die Suche nach Spuren der «Kommuna» begeben, die bei weitem nicht das einzige ist, was die «wilde Grausamkeit» hervorgebracht hat.
Die Kommune? Artikel Nr.1: «Alles gehört allen, und in der Kommune kann niemand etwas als seinen Besitz bezeichnen, mit Ausnahme der persönlichen Gebrauchsgegenstände; in der Kommune arbeitet jeder nach seinen Kräften und wird, im Rahmen der wirtschaftlichen Möglichkeiten der Kommune, seinen Bedürfnissen entsprechend versorgt; die Arbeit wird kollektiv verrichtet.» Wir befinden uns auf dem von Krieg und Elend verwüsteten Land. «Einige tausende verarmte Bauern werden zu diesem Winterende versuchen, den Kommunismus hier und jetzt in seiner maximalen Form aufzubauen.» Wir sind weit entfernt von der orthodoxen Lehre des Marxismus, der zufolge erst Überfluss, erhöhte Produktivität und Bildung die (weit entfernten) Bedingungen schaffen für einen Kommunismus, in dem mehr als Armut zu teilen wäre. Aber Lenin hatte schon wohlweislich von diesem Marxismus abgelassen, um in dem rückständigen aber «für den Sozialismus reifen» Russland das Feuer der Weltrevolution zu entfachen. Das Wagnis der (politischen) «Kommune» wurde in München, Berlin, Hamburg, Budapest, Turin, in Vietnam und in China eingegangen, während sich in Russland und in der Ukraine die (landwirtschaftliche) «Kommuna» ans Werk machte.
«Die Tafel ist bescheiden, aber sie steht allen offen.» Ein arbeitsunfähiger Invalide findet hier seinen Platz. Selbst die Frauen (als menschliche Wesen?) gewinnen an Rechten, eine Kinderkrippe; die Entscheidungen werden in den Generalversammlungen getroffen. «Die Dauer der Versammlungen erklärt sich durch den unaufhörlichen Redefluss der Mitglieder», auch der Analphabet «sollte seinerseits den Rausch der machtgebenden Worte erfahren».
Im Mai 1919 gab es 202 Kommunen in der Ukraine, 79 davon in der Provinz, in der Eric Aunoble vor kurzem die Archive erforscht hat: «Niemals zuvor wurde eine solche Materialsammlung zusammengebracht.»



Die Kommunarden


Es handelt sich weder um kommunistische «Missionare» oder Volkstümler, noch um Anhänger Kropotkins oder Tolstojs, oder Städter, die die «Rückkehr aufs Land» preisen, sei es aus Idealismus oder wegen der Nahrungsknappheit während des Bürgerkriegs.1
Die Akteure und Gründer sind arme Bauern, die entscheiden «anders zu leben». Anstatt von «Bauern» zu sprechen, könnte man sie eher als «Lumpenproletarier» ohne Land bezeichnen. Die Hälfte der Bewohner der untersuchten Kommunen besteht aus Kindern und Jugendlichen. Das Durchschnittsalter der Erwachsenen beträgt 34,5 Jahre, was in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung bei 30 – 40 Jahren liegt, schon «sehr alt» ist. Ein «Haushalt» besteht aus 4,59 Personen, weit unterhalb des ukrainischen Durchschnitts. 34 Prozent der Männer sind alphabetisiert und 6,67 Prozent der Frauen. Es gibt kaum Besitztümer und Werkzeug, nur ein Viertel der Kommunarden besitzt Vieh, 52 Haushalte teilen sich sieben Pflüge. Entsprechend ist auf Aunobles Buch das erste aber ebenfalls in Vergessenheit geratene russische Wahrzeichen abgebildet: Pflug und Hammer.



Der Hintergrund: Ein weltweiter Bürgerkrieg


Wir befinden uns im Nordosten der Ukraine, seit Dezember 1918 sozialistische Sowjetrepublik, in der Gegend von Charkiw (Charkow), wo damals wie heute der russisch-ukrainische Dialekt «Surjik» gesprochen wird.
Zu jener Zeit (1919-20) ist die Ukraine gespalten, zwischen Sowjetrepubliken mit der Roten Armee im Norden, Osten und Süden (Odessa und Krim), den anarchistischen Partisanen Machnos im Südosten (Saporischschja), den nationalistischen Truppen der Ukrainischen Volksrepublik2 unter der Führung Symon Petljuras im Zentrum und Westen und der polnischen Armee ebenfalls im Westen.
Dazu kommen – in dem sogenannten «russischen» Bürgerkrieg – Deutsche, Tschechen, Rumänen, Ungarn, Engländer, Amerikaner, Japaner und Franzosen. Mehr als ein Dutzend Staaten «intervenieren» an Seiten der konterrevolutionären und antibolschewistischen Kräfte, und zahlreiche Volksgruppen werden in die Gefechte hineingerissen, in denen sich soziale und nationale Revolutionen oder auch einfache Auflehnung gegen jegliche Macht durchkreuzen.
Während die Partisanen Petljuras für einen ukrainischen Nationalstaat und die des Zarenreiches für das «große und unteilbare Russland» kämpfen, setzen sich die Anhänger des Kommunismus und der Anarchie im Zuge der Sowjetrevolution für soziale Fragen ein. Ihre Gesinnung ist eher internationalistisch. Die Minderheiten, vor allem die Juden, befürchten die Entfesslung nationalistischer Ideologien. Die sozialen Fragen sind auf komplexe Art mit den nationalen verflochten, aber auf sehr unterschiedliche Weise in den verschiedenen Regionen und gesellschaftlichen Schichten.
Der Einfluss der sowjetischen Revolution, der gemeinschaftlichen Traditionen und der anarchistischen Ideen im Osten und im Süden ist offensichtlich, denn dort lebt man seit langem unter dem Einfluss der ‚russischen Welt‘ und der orthodoxen Religion, dort haben sich Industrie und Arbeiterproletariat entwickelt und dort besteht die traditionelle Dorfgemeinschaft (Mir) fort. Im ländlichen Westen hingegen ist der russische und neuerdings sowjetische Einfluss gering. Er ist seit langem der Einflussbereich der Germanen, Österreich-Ungarns, Polens und, vor allem in Galizien, der griechisch-katholischen Kirche, Hochburg des «ethnischen» Nationalismus. Das sozial-wirtschaftliche Bild wäre unvollständig ohne den Hinweis auf die Bedeutung des polnischen Großgrundbesitzes im Westen und der Ansiedlung deutscher Kolonien in verschiedenen Gegenden.
Die rückblickende «Nationalisierung» der Ereignisse, die heutzutage stattfindet, verstellt den Blick auf die komplexe Revolutionsgeschichte, und hält nur an den nationalistischen Akteuren, den «gegen den Bolschewismus kämpfenden» Armeen und Kirchen fest. Die Geschichte wird umgeschrieben, ganz so als hätte die für ihre Unabhängigkeit kämpfende Ukraine nur mit «den Russen» ringen müssen, als sei sie nicht zwischen verschiedenen nationalen und sozialen Akteuren zerrissen gewesen.
Der neue ukrainische Nationalstaat, der sich seit 1991 im Aufbau befindet, sucht nach einer nationalen Ideologie, die mit den sowjetischen Traditionen bricht – was weder verwunderlich noch außergewöhnlich ist. Folglich ist da kein Platz für die «Kommuna», die ukrainische Sowjetrepublik oder die Machnowschtschina. Sie alle wurden aus der «kollektiven Erinnerung» verbannt.



Was die Kommuna nicht ist


Wegen der engen Bindungen zwischen den Mitgliedern wird die Kommuna manchmal als «Familie» bezeichnet. Man spricht dort sogar vom «Verlangen» zusammen zu sein. Aber sie gehört nicht zu den damals noch zahlreichen «Großfamilien», die die Grundlage der traditionellen Gemeinschaften bildeten. Die Kommunarden sagen: «Es gibt keine Schwiegermutter, die sich ihrer Schwiegertochter unterordnen oder diese als Gleichgestellte ansehen würde; und es gibt keine Familie, in der der jüngste Sohn die gleichen Rechte hat wie der Vater.» Jeder weiß, welche sozialen Beziehungen die Familie verbirgt: «Schwiegertöchter werden vergewaltigt, die Jüngsten werden zu Arbeitern der Eltern gemacht». Die Sowjetrevolution hat dieser Familie den Krieg erklärt.
Es ist offensichtlich: Die Kommuna, die Namen trägt wie «die Pariser Kommune», «Rosa Luxemburg», «Lenin», oder «Trotzki», aber auch «Taras Schewtschenko» der ukrainische Dichter, oder «die Evangelische», darf nicht mit anderen kollektiven Organisationen verwechselt werden.
- die Mir oder Obschtschina, die traditionelle patriarchale Dorfgemeinde oder -gemeinschaft, die auf dem Land einen starken Einfluss ausübt;
- die neuen sowjetischen, staatlichen, landwirtschaftlichen Großbetriebe (Sowchos) oder Kooperativen, die eine Randerscheinung bleiben;
- die «anarchistische» Bewegung Nestor Machnos im Südosten der Ukraine;
- die sektiererischen Religionsgemeinschaften, fern der großen Konflikte.



Soll man die «Kommunarden» als «Kommunisten» verstehen?


Nicht wirklich. Bei weitem nicht alle sind Mitglieder der bolschewistischen Partei. Aunoble zufolge waren die Beziehungen zwischen «Kommunarden» und «Kommunisten» jedoch von sehr großer Nähe gekennzeichnet, sie «verschmolzen» quasi mitein-ander.
Und es existierte auch eine (semantische) Verwechslung zwischen den Bezeichnungen. «Trotz des Bürgerkriegs (der unter den Bauern wütet und zu Spaltungen führt) verstehen die Kommunarden sich als Meister der neuen sich abzeichnenden Weltordnung und unterscheiden sich somit kaum von den den Staat leitenden Kommunisten. Das Verhältnis zwischen «Masse» und «Aktivist» verschwimmt: Überall macht sich die Unentschlossenheit der Entscheidungsinstanzen bemerkbar.» Aunoble bestreitet die Idee, nach der die Bolschewiki den Bauern die Kommunen mit Gewalt aufgezwungen hätten. Dies widerspricht der weitverbreiteten Vorstellung einer ersten «Zwangskollektivierung» unter Lenin und Trotzki, die einen Vorgeschmack auf die zweite unter Stalin nach 1927 gab. In diesem Punkt weicht Aunoble von den meisten Geschichtswissenschaftlern und Polemikern ab, die unlängst eine Anklageliste gegen die bolschewistischen Gewalttaten und den roten Terror während des Bürgerkriegs aufgestellt haben. Es geht nicht nur darum, diesen Anschuldigungen die Gewalttaten der jeweils anderen entgegenzusetzen. Es geht darum, dass über Terror und Krieg hinaus eine gesellschaftliche Revolution stattgefunden hat, mit regem sozialem Leben und einer Fülle kreativer Inseln.


Der Kommune gegenüber: Bolschewiki,


 Machnobewegung, Bauerntum...


Die Bolschewiki3 waren seit Oktober 1917 an der Macht. Nachdem sie auf eine vollständige Kollektivierung verzichtet hatten, machten sie tastende Versuche in der Agrarpolitik.
Erste Phase, Oktober: Aufteilung der «verstaatlichten» Ländereien, deren Nutznießen jedoch den Bauern zukam. Eine Idee, die vom Programm der Sozialrevolutionäre (SR) übernommen war, wobei diese selbst zögern, sie anzuwenden. Die Aufteilung setzt dem privaten Großgrundbesitz ein Ende, nicht aber dem kleinen. Sie stärkt die Mir und die kleinen Erzeuger, während sie den Sowchosen umfangreiche staatliche (zaristische) und kirchliche Ländereien überträgt.
Zweite Phase, 1918-1919: Neuverteilung und Förderung der armen Bauern und Landarbeiter, Unterstützung der Kommunen. Gleichzeitig kommt es zu Zwangsbeschlagnahmungen und Rationierung im Rahmen der sogenannten Verteilungswirtschaft, die vorgibt das Geld abzuschaffen. (Es handelt sich um den sogenannten Kriegskommunismus).
Dritte Phase, nach 1920: Kompromiss mit dem mittleren Bauernstand zum Nachteil des Kollektivismus und der Kommunen, Rückkehr zur Marktwirtschaft.
Die späteren stalinistischen und post-stalinistischen Zeiten können für diese Aufzählung unerwähnt bleiben, da ihre Paradigmen weit von den bolschewistischen Ursprüngen abweichen.
Für Aunoble ist also vor allem der Bolschewismus von 1919 den Kommunarden sehr wohlgesonnen. Die Anhänger Machnos hatten - Aunoble zufolge, der damit erneut einer weitverbreiteten Idee widerspricht - den Kommunen gegenüber eine weniger positive Haltung als die Bolschewiki. Wenn man dem Autor glauben schenkt, haben Schriftsteller, die mit Machno sympathisierten, (wie Volin) ihm im Nachhinein den Verdienst der «Kommunen» zugeschrieben, während sie gleichzeitig den bolschewistischen Kommunen zu Unrecht «Künstlichkeit» vorwarfen. Ein fruchtbarer Boden für die andauernden ideologischen Grabenkämpfe. Aber wurde die Geschichte der «Machnowschtschina» je geschrieben? Die Archive sind nun geöffnet. Man könnte sich vielleicht endlich von den alten  ideologischen Streitigkeiten frei machen und ... zur ernsthaften Forschung übergehen.
Das Bauerntum – wir sollten darunter nicht etwa die Proletarier oder gar die «reichen» Kulaken4 verstehen, sondern die breite Masse des mittleren Bauernstandes, die nicht vollkommen besitzlos ist – steht der Kommuna im allgemeinen feindlich gegenüber. Diese Feindseligkeit nährt alle möglichen Phantasien: Dort würde der Besitz an Frauen und Kindern geteilt und «Gott» sei dort verbannt. Tatsächlich gefährdet die Kommuna die patriarchale Tradition! Die steigende Aversion der Bauern gegenüber den «Roten» (die nur von der Angst, dass mit den «Weißen» die Großgrundbesitzer zurückkehren, übertroffen wird) konzentriert sich auf die Kommuna, aber auch gegen die Beschlagnahmung des Weizens und die Mobilisierung durch die Rote Armee. In der von Aunoble studierten Gegend werden Kommunen und Kommunisten von der Offensive der Weißen Armee unter Anton Denikin im Sommer 1919 hinweggefegt. Der weiße Terror ist erbarmungslos. Die lokalen «Konterrevolutionen» geben den Kommunen den Rest. Als solche bezeichnet der Autor die Bauernbewegungen, die er offensichtlich sehr kritisch beurteilt. Es ist die Zeit der großen anti-jüdischen Pogrome, eher im Westen der Ukraine, die – je nach Quelle – zwischen 50.000 und 200.000 Opfer gefordert haben sollen, und die hauptsächlich den Armeen Petljuras und Denikins zuzuschreiben sind.5



Die Utopie, auf Biegen und Brechen


Die «Rückkehr der Roten» im Herbst 1919 reichte nicht aus, die Kommunardenbewegung wieder zu beleben. Sie blieb in der Folgezeit eine Randerscheinung. Im Übrigen machten die «Roten» zur gleichen Zeit, da sie den Krieg gewonnen hatten, auf politischer Ebene einen Rückzieher. Dem Landvolk gegenüber müssen sie sich von ihrem zu «kollektivistischen» und auch zu «jüdischen» Ruf befreien. In den Jahren 1920-21 gehen die Bolschewiki Kompromisse mit dem Bauerntum ein: die Handelsfreiheit wird wieder eingeführt, der Kollektivismus auf Eis gelegt, die Kommunen werden ausgegrenzt und die freie Kooperation zwischen den Bauern, auf besondere Empfehlung von Lenin und dem Agrarwissenschaftler und Schriftsteller Alexander Tschajanow, wird gefördert.6
Tschajanow, der die Theorie eines kooperativen Weges zum Sozialismus vertritt, ist kein Kommunist aber dem Sowjetsystem treu. Sicherlich steht er somit der Gemeinschaftstradition näher als den Kommunarden.7 Die Kooperativen Tschajanows stellen ein Modernisierungsprogramm der ländlichen Gegenden dar. Durch die Einführung neuer Techniken und Organisationsformen entwickeln sie den Gemeinschaftssinn über die Dörfer (die Mir) hinaus, ohne dabei Familienbetriebe und Privateigentum in Frage zu stellen.
Ob Bolschewiki oder Reformer, Anhänger Trotzkis, Bucharins oder Stalins, alle «Verhandlungsführer» der Sowjetmacht befassen sich mit der ökonomischen und geopolitischen Frage, wie Russland aus der Rückständigkeit geholt und seine Abschottung aufgebrochen werden kann. Wie kann man der feindlichen Welt trotzen und eine Industrie- und Militärmacht aufbauen, die einem Krieg, der vielen unvermeidlich erscheint, die Stirn bieten kann.
Die Kommunenbewegung und der «linke» Kommunismus der 20er Jahre situierten sich in einem ganz anderen geistigen Universum: man wollte gesellschaftliche Klassen und Privateigentum abschaffen, neue Umgangsformen miteinander finden, ganz im Geiste eines bäuerlichen Messias wie Sergeï Jessenins, oder eines avantgardistischen Wladimir Majakowskis, zwei Dichter die Selbstmord begangen, der eine 1926, der andere 1930. Bestand auch nur die geringste Aussicht auf Verwirklichung der Träume der Kommunarden, die «Massen» für sich zu gewinnen, eine Antwort auf die Nöte eines Landes im vollen Umschwung, der von einem «Cordon sanitaire» umstellten Sowjetmacht, zu finden? Konnte es für sie einen Raum geben, innerhalb einer Gesellschaft, in der solch gewaltige Umwälzungen stattfanden: Formierung eines neuen Industrieproletariats; das von Krieg und Revolution zersetzte, riesige Bauerntum; neue, «aus der Masse stammende» Eliten, mit einem bis dahin ungekannten, sowohl aufdringlichen als auch widersprüchlichen Hunger nach Macht und Anerkennung? Gab es nicht eine beunruhigende Diskrepanz zwischen historischer Realität und utopischem Ideal?



Der Kometenschweif


Und dennoch weisen die 20er Jahre in der UdSSR einen großartigen Erfindungsreichtum neuer Lebensformen auf: soziale Experimente, Kunst, Kino, Theater, Arbeiterkultur und pädagogische Selbstverwaltung. Die Spuren dieser Agitation sind mit der heute den Ton angebenden «totalitaristischen» Geschichtslesung oft verloren gegangen. Die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Autonomie wird ausgeblendet, und mit ihr eben die Weggabelungen und jene Stellen, in denen verschiedene politische und kulturelle Entscheidungen offen blieben. Die Herrschenden selbst handelten innerhalb des gesellschaftlichen Durcheinanders, waren jedoch weit davon entfernt, es unter Kontrolle zu haben!
Abschied von der Kommuna? Nicht gänzlich unberührt erwähnt Eric Aunoble den Nachglanz der Träume, der bei den «Davongekommenen» und in der Literatur fortbesteht. Er räumt ein, dass der radikale Kommunismus keinen «minimalen Konsens zur Gründung einer neuen Gesellschaft» schaffen konnte. Blieb eine andere Wahl als der Rückzug? Auf die «ungezügelte Spontaneität», die die Bolschewiki 1919 förderten, folgte das «Machtmonopol». Mit der Niederlage der Kommunen und ihrer Auslöschung aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis wurde der Weg bereitet für Stalins «große Wende» zu Ende der 20er Jahre. Erneut wurde eine «Kollektivierung» erzwungen, von eiserner Hand und ohne Gnade für diejenigen, die Widerstand leisteten.
Und doch bestehen am Rande Bauern-, Arbeiter-, Studenten-, Künstler-Kommunen weiter und auch pädagogische Projekte, inspiriert von den revolutionären Idealen, die Stück für Stück vom bürokratischen Regime zurückgeschlagen oder «gezähmt» werden. In den 60er Jahren sprach man wieder von Selbstverwaltung und auch während der Perestroika der 80er, vor der großen liberalen Wende von 1989.
«Die Utopie, trotz allem» wird erst 1991 nach dem «Sturz des Kommunismus» vollständig (?) ausgelöscht. Aunoble bemerkt: «Das Bild der Kommune verschwand niemals ganz aus der sowjetischen Kultur».
Der Autor erinnert an die Erfahrungen in Spanien 1936-38, in Portugal 1974-75... Träume von Gleichheit und direkter Demokratie werden bei jedem Umschwung neu geboren. Wir könnten Budapest 1956 und Prag 1968-69 hinzufügen, sowie die Gemeinschaften und Kooperativen, die sich unlängst in Frankreich, Spanien, Brasilien, Argentinien, Venezuela auf den Weg gemacht haben. Auch die Geschichte von «Longo Mai» sollten wir nicht vergessen.
Sobald alte Oligarchien erschüttert werden, der «offizielle Weg» in eine Sackgasse zu führen scheint, erheben sich Menschen, versuchen sich aus der freiwilligen Knechtschaft zu befreien, finden eine neue Würde, entdecken neue Wege und die Tugenden von Solidarität, Gleichheit und des gemeinschaftlichen Handelns.
Diese Vorstöße der Emanzipierung finden – wie auch ihre Rückzüge – immer wieder statt.
Handelt es sich dabei um den Widerschein früherer Feuer oder um ein den hoffenden und sich auflehnenden Menschen innewohnendes Verlangen? War die «Kommune» vergängliche Romantik oder ein die Zukunft fruchtbar machendes Saatgut? Das Werk Eric Aunobles gibt uns wenigstens die Möglichkeit, eine Seite davon zu ersinnen, ein winziges Stückchen der unerschöpflichen Geschichte der russischen Revolution.


4. Kulak: wörtlich «Faust». Bezeichnung für die dynamischen und einflussreichen, eher wohlhabenden «Schlag»-Bauern. Im sowjetischen Vokabular wird der «Kulak» ein Synonym für den «reichen Bauern», der gegen die Revolution eingestellt ist. In der stalinistischen Mythologie ist der Kulak der Feind, der «als ganze Klasse ausgelöscht werden muss». Eine Klasse mit unbeständigen Grenzen: die mittleren Bauern, die der Kollektivierung feindlich gesinnt sind, werden von den Mächtigen mit einbezogen.
5. Lidija B. Miljakova (otv. red.) Kniga pogromov. Pogromy na Ukraine, v Belorussii i evropejskoj èasti Rossii v period Gradanskoj vojny 1918-1922 gg. Sbornik dokumentov [Buch der Pogrome. Pogrome in der Ukraine, in Weißrussland und im europäischen Teil Russlands in der Zeit des Bürgerkriegs 1918-1922. Dokumentensammlung]. Izdat. Rosspën Moskau
6. Die berühmte NEP, Neue Ökonomische Politik, das zweite sowjetische Regime, das die Parteidiktatur mit einer Mischwirtschaft verbindet (1921-1927)
7. Siehe u. a. Alexander Wassiljewitsch Tschajanow, «Bauern, Agrarsoziologie» in Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft, Freiburg, Herder, 1966
 * Eric Aunoble: Die «Kommunarden» in der Ukraine (1919-1920)
1. Zu den Tolstojaner Kommunen: (auf russisch) «Vospominanija krestian-tolstovtsev : 1910-1930» Kniga, Moskau 1989. englische Übersetzung: «Memoirs of peasant Tolstoyans in Soviet Russia», Bloomington: Indiana University Press, 1993
2. Ohne Einbezug anderer Bewegungen und Kräfte ist die «Volksrepublik» Symon Petljuras die alleinige historische Referenz des aktuellen unabhängigen ukrainischen Staates, wie es vom scheidenden Präsidenten Viktor Juschtschenko immer wieder betont wurde.
3. «Bolschewiki» oder «Mehrheitler» der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), die Minderheit der Partei, oder auch «Menschewiki», war gegen die Oktoberrevolution. Die Bolschewiki nahmen 1918 den Namen «kommunistische Partei» an.

verfasst von Jean-Marie Chauvier (Brüssel, Januar 2010) Aus dem Französischen von Inga Frohn und Lena Müller,  11.03.2010, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 180 (03/2010)
Tags: UTOPIE, Die Kommune
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 180 (03/2010)

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