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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Das Volk sehen und sterben

Die Geschichte der russischen Populisten am Ende des 19. Jahrhunderts veranschaulicht das Scheitern eines politischen Bündnisses zwischen der städtischen Intelligentsia und dem Bauerntum. Menschen, die sich in Reaktion auf die Gewalt, die von der Autokratie ausgeht, radikalisieren, und die verloren in den eisigen Weiten Sibiriens, auf dem Schafott oder im Feuer ihrer eigenen Bomben enden.


 


In den 1970er Jahren riefen die verschieden französischen maoistischen Gruppen ihre Mitglieder dazu auf, in die Fabriken zu gehen. Zahlreiche getarnte revolutionäre Intellektuelle fanden sich unter den Arbeitern wieder, um sich einem Proletariat anzunähern, das sie nur vom Namen her kannten. Aber auch um «bei den Massen den revolutionären Geist zu erwecken».


Obwohl die Ergebnisse dieses Engagements nicht ihren Erwartungen entsprachen, so wäre es doch ungerecht, den Mut einer Generation politischer Aktivisten zu vergessen, die sich von den Privilegien ihres kulturellen Erbes abwandten, um ihren politischen Kampf tiefer in der sozialen Wirklichkeit zu verankern.


Der «engagierte Intellektuelle» muss sich zwangsläufig mit einem Widerspruch auseinandersetzen. Wie kann man revolutionäre Politik machen, wenn man selbst von den Ungerechtigkeiten profitiert, die man bekämpft? Können Studenten, Wissenschaftler, Journalisten oder Professoren aufrichtig eine Revolution wollen, die sie dazu zwingen würde, ihre Lebensart und ihre Privilegien radikal in Frage zu stellen?


Können Intellektuelle am revolutionären Prozess teilhaben, ohne die Führung zu übernehmen?


Die Bereitschaft der russischen Populisten, ihre sozialen Privilegien zu opfern, macht es uns möglich, diesen wesentlichen Widerspruch zu untersuchen. Trotz der Heldenaura, die ihr Handeln umgibt, stellt sich die Frage, ob sie von einer aufrichtigen Opferhaltung getrieben waren oder ob sie von der Anmaßung verleitet waren, eine Vorhut der politischen Szene zu sein oder gar über ihr zu stehen. Wie haben sie das Dilemma gelöst, vor dem Frauen und Männer unvermeidlich stehen, wenn sie in einer politischen und sozialen Situation extremer Gewalt versuchen, ihre Ideen und die Wirksamkeit ihrer politischen Aktionen in Einklang zu bringen?


Die russischen Populisten ihrerseits mussten sich dem vollkommenen Unverständnis von Seiten des Volkes stellen. Die fortschreitende Radikalisierung ihrer Positionen isolierte sie mehr und mehr von den Bauern, die sie zur Befreiung führen wollten, bis diese Entwicklung schließlich nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte.


Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts


Als Zar Alexander II. 1855 an die Macht kam, kämpfte Russland im so genannten Krimkrieg seit zwei Jahren gegen die Koalition zwischen Frankreich, England und dem Osmanischen Reich. Als sich die russische Armee im darauffolgenden Jahr geschlagen gab, bedeutete dies das Ende der von den Zaren seit dem 16. Jahrhundert geführten Expansionspolitik. Als Folge dieser Demütigung leitete Alexander II. zahlreiche politische Reformen ein, mit der Hoffnung, das Land auf diese Weise zu modernisieren. Die bekannteste dieser Reformen ist zweifellos die Aufhebung der Leibeigenschaft am 3. März 1861.


Zu jener Zeit bestand die russische Bevölkerung hauptsächlich aus Bauern: 50 Millionen der 60 Millionen Einwohner arbeiteten auf dem Land auf Höfen, die den Lehnsherren oder dem Zaren gehörten. Im Gegensatz zu der Entwicklung in Westeuropa hatte sich im modernen Zeitalter die Situation der Bauern langsam verschlechtert. Im 15. Jahrhundert lebten sie in fast autonomen Dorfgemeinschaften. Der Staat setzte dieser relativen Friedlichkeit ein Ende, als er in den Jahren zwischen 1580 und 1620 versuchte, einen Teil der Bauern an sich zu binden, um den Wert der Ländereien des Zarenreichs zu steigern, denen es an Arbeitskräften fehlte. Erstaunlicherweise verstärkte sich diese Bewegung während der Aufklärung, denn es waren die großen modernisierenden Zaren (Peter der Große und Katharina die Zweite), die die Knechtschaft der Bauern vollendeten, um die Ländereien der Lehnsherren mit «Seelen» zu versorgen. Das unausgesprochene Ziel dieser Maßnahmen war es, den Unmut und die Bereitschaft zur Auflehnung der Adeligen im Keim zu ersticken. Zum Zeitpunkt der Abschaffung der Leibeigenschaft stellten die Bauern 85 Prozent der Bevölkerung dar und arbeiteten für den Adel, der nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung ausmachte. Die Bauern erwarteten von der Reform – der sie den Namen «Manifest» gaben – eine radikale Veränderung ihrer Lebensbedingungen.


Die Folgen der Abschaffung der Leibeigenschaft waren in ihren Augen jedoch vor allem enttäuschend. Sie, die glaubten, das Land stünde ihnen rechtmäßig zu, entdeckten, dass sie es zurückkaufen mussten, und dass die besten Parzellen in den Händen ihrer ehemaligen Herren blieben.


In dieser Situation kam es zu zahlreichen Aufständen. Sie waren weniger gegen den Zaren gerichtet, sondern betrafen vielmehr den Landadel, der verdächtigt wurde, die Reform zu seinen Gunsten ausgenutzt zu haben.


Die Russifizierung des revolutionären Denkens


Zeitgleich mit den Ereignissen, die die Bauern bewegen, gehen Veränderungen in der jungen Generation der Mittelschichten einher, die den theoretischen Grundstein eines typisch russischen Sozialismus legen werden. Die jungen, vor allem aus dem Kleinadel, dem Bürgertum und dem Militär stammenden Personen profitieren von der herrschenden relativen Meinungsfreiheit, um ihre Ideen in der legalen Presse zu verbreiten. Diese Intelligentsia charakterisiert sich durch ihre entschlossene Ablehnung der Autokratie und ihr Vorhaben, das Land durch eine Revolution zu verändern. Sie berufen sich auf die Lehre Alexander Herzens (1812-1870), der Vater des russischen Sozialismus, wenden sich von der institutionellen Politik ab und setzen ihre Hoffnungen in die mythische Figur des russischen Bauern. Artikel und Essays aus dieser Zeit interessieren sich besonders für die Obscina, die traditionelle Organisationsform der Bauern. Sie stellte seit Jahrhunderten den Rahmen für die gemeinschaftliche Verwaltung der Ländereien, die nicht im Besitz der Lehnsherren waren. Ein Rat der Ältesten sicherte die Versorgung der Ärmsten und organisierte die Zusammenarbeit zwischen mehreren Familien bei der Bestellung der Felder. Der gemeinschaftliche Besitz des Landes verhinderte grundsätzlich jede Art von Veräußerung des Bodens und sicherte so den Fortbestand der Obscina.


Die jungen Leute der Intelligentsia, die sich selbst als Populisten (Narodniki) bezeichnen, respektieren den einflussreichen Beitrag des Marxismus1, aber sie teilen seine Schlüsse die Revolution betreffend nicht. Sie stellen vielmehr die Allgemeingültigkeit des marxistischen Prinzips in Frage, nach dem das Aufeinanderfolgen der verschiedenen Produktionsphasen zu einer klassenlosen Gesellschaft führe. Die Eigenheit Russlands, nämlich die wichtige Stellung der Bauern, mache eine andere Entwicklung möglich, die die Phase des Kapitalismus überspringen und so auch «das Übel der Proletarisierung, die in Europa wütet und droht, auch Russland zu erreichen»2 vermeiden könne.


Drei Tendenzen


Zu Anfang der 1870er Jahre teilen die Populisten ein gemeinsames Ziel: Die Umwandlung Russlands in eine Föderation von Kooperativen für Landwirtschaft und Handwerk nach dem Modell der Obscina, aber es herrscht Uneinigkeit, was die Methode zur Verwirklichung dieses Ziels betrifft. Vereinfachend könnte man sagen, dass zu dieser Zeit drei verschiedene Tendenzen innerhalb der Bewegung der Narodniki existierten.


Die sogenannte «aufständische» Tendenz beruft sich auf die Schriften Bakunins. Die propagandistische oder «lawristische» Tendenz folgt den Ideen Pjotr Lawrowitsch Lawrows (1823-1900), ein russischer Schriftsteller, der zu dieser Zeit in Genf im Exil lebt. Die «Verschwörer» versammeln sich um die Figur Pjotr Tkatschows (1844-1885). Wortreiche Konflikte zwischen den unterschiedlichen Richtungen entfachen sich in Russland, aber auch in der Schweiz, wo ein beträchtlicher Teil der Intelligentsia zusammentrifft.


Aus Sicht der Lawristen ist das Volk noch nicht bereit, seine revolutionäre Aufgabe zu übernehmen, da es die politischen Möglichkeiten der allgemeinen Situation Russlands nicht erkenne. Sie geben sich die Aufgabe, das Volk zu bilden und durch intensive Propaganda ein revolutionäres Gefühl zu nähren. Die Bakunisten verwerfen hingegen die Idee, dem Volk etwas aufzuzwingen, was immer es auch sei. Ihrer Meinung nach muss die Revolution durch eine steigende Zahl von Bauernaufständen entstehen. Sie müssen sich «dem herrschenden Aufstand anschließen und ihn hervorrufen, wenn er noch nicht existiert»3 Die «Verschwörer» stimmen weder dem Sozialismus Lawrows noch dem Anarchismus Bakunins zu. Sie betrachten die Umwandlung Russlands in eine kapitalistische Gesellschaft als unvermeidlich und zeitlich nah. Ihrer Meinung nach wird das Bürgertum als aufkommende gesellschaftliche Klasse die Chancen verringern, den Sozialismus auf der Grundlage der Bauerngemeinschaft zu errichten. Deswegen müsse schnell gehandelt werden, und da es den Bauern an Verlässlichkeit fehle, versuchen die Verschwörer, Richtlinien einer professionellen revolutionären Partei aufzustellen, die gänzlich auf eine Machtübernahme zielen. Diese vom Jakobinismus geerbte Idee ist im Grunde genommen ein Vorläufer des Leninismus.


 


Der Gang ins Volk


Im Jahr 1874 brechen Teile der Moskauer und Petersburger Jugend in die ländlichen Gegenden Russlands auf, um die sozialistische Lehre bei den Bauern zu verbreiten. Selbst wenn diese Operation eine Antwort auf Bakunins Appelle zu sein scheint, «das Volk zu durchdringen und ihre Brüder von der kriminellen Versklavung zu befreien», darf der Einfluss der Theoretiker im Exil auf eine weitgehend spontane Bewegung nicht überschätzt werden. Denn obwohl der Aufruf, ins Volk zu gehen, schon Anfang des 19. Jahrhunderts von Alexander Herzen formuliert wurde, folgt die Jugend ihm nun zum ersten Mal massiv.


Im Laufe des Sommers brechen mehrere tausend Narodniki, ein Viertel von ihnen Frauen, mit falschen Papieren ausgestattet über Landstraßen ins westliche Russland auf. Die Kandidaten zum Gang ins Volk wählen oft Ziele im Süden des Landes, bevorzugter Schauplatz der Kosakenaufstände im 17. und 18. Jahrhundert. Um ihre Propaganda-Aktivität effektiver betreiben zu können, lassen sie sich im Allgemeinen in den Dörfern nieder und üben dort einen Beruf aus. Bevorzugte Berufe sind Tischler und Hebamme, fälschlicher- weise als leicht erlernbar und weniger hart als die Feldarbeit angesehen.


Sehr schnell müssen die Narodniki jedoch einen Pflock zurückstecken. Selbst wenn sie häufig von den liberalsten unter den Grundbesitzern und den ortsansässigen Beamten unterstützt werden, ist der Kontakt mit den Bauern auf vielen Ebenen wesentlich schwieriger. Die Studenten scheinen das Ausmaß des Analphabetismus auf dem Land unterschätzt zu haben. Tausende gedruckte revolutionäre Schriften finden keine Leser. Die neugierigsten unter den Bauern bringen sie zum Dorfpriester, damit er sie ihnen vorliest. So kommt es häufig zu Denunzierungen der Narodniki bei den örtlichen Behörden von Seiten der Priester. Die Studenten, die sich mit der Nutzlosigkeit gedruckter Propaganda konfrontiert sehen, organisieren öffentliche Treffen, in denen sie die russische Gesellschaft anprangern und die Bauern dazu aufrufen, sich ihrem Kampf anzuschließen. Der kulturelle Graben zwischen den jungen Intellektuellen und der gerade erst aus der Leibeigenschaft befreiten Bauernklasse ist tief und zwingt die Narodniki, vereinfachte Formulierungen zu benutzen. Auch wenn die Kritik des Landadels und der Bürokratie bei den Dorfbewohnern auf offene Ohren stößt, ist die Ächtung der Autokratie für sie nicht annehmbar, zu heilig ist die Figur des Zaren noch immer. Schlimmer noch, die Schmähschriften gegen Alexander II. bringen in einigen Fällen die Bauern gegen die jungen Intellektuellen auf, Prügel und Anzeigen bei der Polizei sind die Folge.


Durch die Idealisierung der traditionellen Organisationsform Obscina haben die Narodniki auch den Einfluss der Kirche und des reichen Bauerntums unterschätzt, das sich um seine Privilegien sorgt und nichts von den Veränderungen wissen will, die die Revolutionäre anpreisen. In mehreren Dörfern hetzen Klerus und Kulaken die Massen gegen die Populisten auf.


Letztendlich muss der Gang ins Volk als eine gewaltige Niederlage gewertet werden. Trotz der Anzahl und des Engagements der Teilnehmer ging kein einziger nennenswerter Aufstand in den ländlichen Gegenden Russlands aus ihm hervor. Er brachte allerdings mehr als zweitausend Narodniki in die Kerker des Zaren und so die revolutionäre Bewegung Russlands für eine Zeit lang um ihre treibenden Kräfte.


 


 


Fortsetzung in der nächsten Nummer


1. Die erste Übersetzung des Kapitals ins Russische wurde von dem Populisten Nikolai Danielson (1844-1918) angefertigt.


2. Nikolai Michajlowskij, zitiert nach: www.universalis.fr/encyclopedie


(auf deutsch übersetzt von Archipel)


3. Hanns-Erich Kaminski, Bakounine, la vie d’un révolutionnaire, Editions de la Table Ronde (2003)


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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 173 (07/2009)

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