GESTERN - HEUTE - MORGEN :Die Lichter der Aufklärung und der Lampenputzer und der Lampenputzer
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In der Januarausgabe (Nr. 112) des Archipel schreibt Robert Kurz: «Die Lichter der Aufklärung. Die Symbolik der Moderne und die Vertreibung der Nacht.» Hier einige Ideen, als Antwort, als Ergänzung, manchmal als Polemik, um ein bisschen mehr Klarheit zu gewinnen.


Vergleichen wir zunächst die Begriffe auf deutsch und französisch, welche diese Epoche bezeichnen. In meinem Wörterbuch steht als Übersetzung für Aufklärung: «éclaircissement, renseignement, information» (Klarstellung, Auskunft, Information…). Lumières (Lichter) hat nicht denselben Sinn, obwohl «le siècle des Lumières» durch «das Zeitalter der Aufklärung» übersetzt wird. Im deutschen Begriff steckt eine pädagogische Konnotation; das französische Wort Lumières versteht sich als Gegensatz zur Dunkelheit - obscurité, zum Obskurantismus. Die pädagogische Absicht der Lumières ist dennoch unbestreitbar, das Ziel der Enzyklopädisten zum Beispiel war es, Wissen unter die größtmögliche Anzahl von Menschen zu bringen. Im Gegensatz zur deutschen Aufklärung ist diese Konnotation jedoch nicht im Wort Lumières zu finden. Das Wort Aufklärung hat noch einen zweiten Sinn «Auskundschaften des Feindes» *, der Verwirrung stiftet. In meinem Diktionär steht für «Aufklärer» rationaliste. Schon in den Übersetzungen der verschiedenen Worte steckt der Keim für gegenseitiges Unverständnis. Der Übergang von der Vernunft - raison, im Sinne der Lumières - als Gegensatz zu Aberglauben oder Glauben – zum Rationalismus ist nicht automatisch. «Bei den Philosophen der Lumières soll die Vernunft den verschiedenen Formen der Kenntnis Kohärenz verleihen. Vernunft ist noch nicht der Rationalismus, den wir heute kennen, d.h. eine Ideologie der Vernunft, die sie zu wissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Berechnung verkümmern lässt, eine Berechnung, die anschließend auf alle Bereiche des Lebens angewendet wird.» 1


Licht und abstrakte Zeit


Robert Kurz erklärt uns, dass die Lumières für das Licht verantwortlich sind, für dieses künstliche, allgegenwärtige Licht, das uns das Leben vermiest, uns daran hindert, die Ruhe der Nacht zu genießen und uns zwingt, immer mehr zu arbeiten. «Es ist längst medizinisch nachgewiesen, dass die Verkehrung von Tag und Nacht durch das flächendeckende kalte Licht der künstlichen Sonnen den biologischen Rhythmus des Menschen stört und zu psychischen und körperlichen Schäden führt». Sicherlich, aber es ist auch bekannt, dass das Licht ein wirksames Mittel gegen Depressionen ist. Ich muss sagen, dass ich große Angst hätte in einer Stadt ohne Lichter zu leben, glücklicherweise wohne ich nicht in der Stadt.


Das Licht und die astronomische Zeit, die abstrakte Zeit, ermöglichen es dem Kapitalismus, Zeit und Arbeit nach seinem Belieben und zu seinem größtmöglichen Nutzen zu organisieren. «Wir lesen z.B. in mittelalterlichen Urkunden, dass die Arbeitszeit der Knechte auf großen Landgütern ‚von Sonnenaufgang bis Mittag’ dauern sollte. Das bedeutet, dass die Arbeitszeit nicht nur absolut kürzer war als heute, sondern auch relativ, indem sie je nach Jahreszeit variierte und im Winter kürzer war als im Sommer.» Es ist übrigens nicht nötig, in der nicht glücklicheren Vergangenheit nach Beispielen zu suchen, um zu beweisen, dass das liberal-kapitalistische System verheerende Folgen nach sich zieht. Aber wie soll man nach diesem Prinzip die Dauer des Arbeitstages eines Knechtes oder Bauern berechnen, der in den nördlichsten Regionen der Erde lebt? Im Sommer wäre sie wahrscheinlich nicht weit entfernt von der Ewigkeit…


«Das Licht der Aufklärung-Vernunft ist die Beleuchtung der Nachtschicht». Das ist nicht nur ein Scherz, wie es Robert Kurz schreibt. Natürlich nicht, Licht und Zeit sind Symbole eines Systems; die These an sich besagt, dass das kapitalistische, liberale, wissenschaftsgläubige und technokratische System, unter dem wir heute leben, seinen Ursprung in den Lumières hat. Ich teile diese deterministische Sichtweise der Geschichte nicht und werde versuchen, das zu erklären.


Ursprung des Kapitalismus


Bei Adam Smith finden wir sicherlich den Ursprung des modernen kapitalistischen und liberalen «Denkens». Er ist der Erste, der den Reichtum einer Nation an seinem Brutto-Inlandprodukt misst. Seine Worte sind unmissverständlich: «Der durch die Arbeiter geschaffene Mehrwert kann in zwei Teile geteilt werden: Der eine zahlt ihre Löhne, der andere schafft Profit für den Arbeitgeber.» Diese Profite «sind durch den Wert des investierten Kapitals geregelt und mehr oder weniger bedeutend je nach dessen Größe». 2


«Es gibt, meiner Meinung nach, nur eine Möglichkeit, die zwielichtigen Axiome der Lumières auf kohärente Art weiterzuentwickeln: den liberalen Individualismus. Die politische Übersetzung, die radikalste und logischste dieses Individualismus, ist im Diskurs über politische Wirtschaft enthalten. Der Reichtum der Nationen von Adam Smith ist die erste vollendete Version dieses Diskurses.»  3


Adam Smith lebt im Vereinigten Königreich, wo im Gegensatz zu den anderen Ländern Europas der Absolutismus abgeschafft ist. Smith wohnt hier auch dem Beginn der industriellen Revolution bei. Die «Philosophen» der Lumières leben in einem ganz anderen sozialen und politischen Kontext. Kant, Rousseau, Diderot… sind nicht Adam Smith.


„Was ist Aufklärung? Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.»4


«… ist also vor allem ein Vorstoß, der an die Vernunft und den kritischen Geist appelliert, um die Welt allen verständlich zu machen. Damals hatte dies eine enorme politische Schlagkraft und einen subversiven Impakt in einer Gesellschaft, die vor allem auf autoritären und dogmatischen Institutionen (Königreich, Kirche) aufgebaut war, auf Traditionen, die die Beibehaltung des Status quo zum Ziel hatten (Adel, Korporationen). Hinter einem scheinbar vor allem philosophischen Vorstoß zeichnet sich ein politisches Projekt ab, das man folgendermaßen zusammenfassen könnte: Vernunft und kritischer Geist als Grundlage des Individuums und frei zusammengeschlossene Individuen als Basis der Gesellschaft. Die revolutionären Aspekte des politischen Projekts der Lumières scheinen mir heute noch ihre subversive Tragweite zu besitzen.» 1


Enzyklopädie


Für Diderot und d’Alem-bert ist die Enzyklopädie – Symbol der Lumières – die Beschreibung der Künste, Handwerke und Wissenschaften ihrer Epoche. Für sie heißt Künste alle manuellen, mechanischen, geistigen und kreativen Betätigungen der Menschen. Die Enzyklopädie ist eine detaillierte Bilanz, die bisher noch nie erstellt worden ist. Fachwissen wurde in Werkstätten weitergegeben, im Rahmen eines Herrschaftsverhältnisses zwischen Meister und Lehrling. Die Veröffentlichung einer Beschreibung des Fachwissens in allen Bereichen war an sich ein revolutionäres Unterfangen. Revolutionär, weil sie die traditionelle Hierarchie des Wissens umwirft, Technik erreicht den Rang von Wissen und ist nicht mehr nur durch eine Lehre erlernbar. Um zu Wissen zu gelangen, musste man in die richtigen Kreise eingeführt sein oder Gönner haben, die Enzyklopädie will die traditionelle Vermittlung von Wissen umstoßen und die «Meister» ihrer Macht berauben.


Es war das wichtigste Ziel der Lumières, Wissen zu vermitteln, um Ignoranz und Aberglauben zu verdrängen.


Ich denke heute, so wie die Enzyklopädisten gestern, dass diese Vermittlung unerlässlich ist. Die Scientisten oder Techno-Scientisten im Dienste des Liberalismus und des Geldes haben ein leichtes Spiel, niemand versteht so richtig, was sie eigentlich machen. Genmanipulationen, Biotechnologien, Atomkraft, Nanotechnologien … entziehen sich dem Verständnis des Normalsterblichen, obwohl sie angeblich unsere Zukunft bestimmen werden. Ignoranz, Aberglauben und Obskurantismus sind wieder präsent, die «Meister» haben ihre Macht wiedererlangt.


« … vom 19. Jahrhundert an stellte sich die Wissenschaft in den Dienst gewisser Menschen, d.h. der herrschenden Klassen, der Bourgeoisie und des Staates, um deren Macht über die Natur und die Bevölkerungen zu stärken, statt sich in den Dienst aller Menschen zu stellen.» 1


Jean Jacques Rousseau, zunächst Mitarbeiter der Enzyklopädie, wendet sich anschließend radikal von den Lumières ab, obwohl auch er ein erbitterter Gegner von Obskurantismus und Absolutismus ist. Er wird auch als Denker seines Jahrhunderts angesehen, des Zeitalters der Aufklärung.


«Rousseau gelingt ein Paradoxon, nämlich seine Jugendambitionen zu verwirklichen, indem er bei den anderen die geheimen Motivationen denunziert, die auch seine waren, und ideologische Überzeugungen, die er hatte, als er an seinen Weg dachte. Wir kennen seine These: Der Fortschritt der Wissenschaften und der Künste ist nicht Träger eines moralischen Fortschritts. Die Entwicklung der Lumières ist nicht Motor eines Vorwärtsschreitens der Menschheit. Die Philosophen sind also nicht so, wie sie es vorgeben. Es fehlt ihnen die Wahrheit, in deren Dienst sie angeblich stehen und die sie verbreiten wollen, sie sind Sklaven einer Meinung, die sie entmytifizieren und so befreien wollen. Er sagt es ausdrücklich in seinen Dialogen: Das System von Jean-Jacques ist in Wirklichkeit das System der Natur. Das der Intellektuellen ist anti-natürlich.» 5


 


«Das metrische System wurde vom Regime der französischen Revolution 1795 eingeführt. (…) Das Bild des Weltalls und der Natur als einer einzigen großen Maschine befand sich in Koinzidenz mit der ökonomischen Weltmaschine des Kapitals, und eine gemeinsame Form der physikalischen und der ökonomischen Weltmaschine wurden die astronomischen Maße».*


Warum hat Großbritannien als letztes Land Europas das metrische System erst 1985 und das Dezimalsystem für den Pfund Sterling 1971 eingeführt? Warum misst die Weltmacht USA Entfernungen und Geschwindigkeit in Meilen und nicht in Kilometern? Erdöl wird in Barrels auf dem Weltmarkt gehandelt – 159 Liter – und an den Tankstellen in Litern in Europa und Gallons in den USA…


Die französische Revolution


stellt nach der englischen und der amerikanischen den Beginn der Herrschaft der Bourgeoisie und des modernen Kapitalismus dar. Trotzdem gab es bei den Revolutionären von 1789 anti-bourgeoise Bewegungen wie die Enragés, die den Handel in Frage stellten, Die Conspiration des Egaux von Gracchus Babeuf, die das Dogma vom Privateigentum bekämpften. Die Französische Revolution ist eine Folge der Lumières. Aber mehrere Lumières prallten in dieser Zeit auf-einander, Voltairianer und Girondisten gegen Rousseauisten und Montagnards (Mitglieder der Bergpartei) zum Beispiel, vereinfacht gesagt. Andererseits ist die Revolution mit Vertretern der Lumières nicht immer sanft umgegangen, Condorcet und Lavoisier wurden zum Tode verurteilt, der eine, weil er Girondist, der andere, weil er der Gutsverwalter von Louis XVI war.


Wo ist also das Licht der Lumières? Das Denken dieses «Jahrhunderts» ist komplex und oft widersprüchlich. Welches Jahrhundert hat übrigens nur eine einzige Denkweise hervorgebracht? Man kann die Lumières nicht auf einen einzigen Nenner bringen und daraus einen einfachen Vektor machen, der zu einer Gegenwart geführt hat, an der wir viel auszusetzen haben. Müssen wir wirklich akzeptieren, dass andere noch weiter gehen und zum Beispiel behaupten, dass ein direkter Weg von den Lumières zu Auschwitz und Hiroshima führt und damit jene und ihre Komplizen entlasten, welche das schreckliche Verbrechen der programmierten und industriellen Tötung begangen haben?


Die Romantik war eine Reaktion auf die Aufklärung, die Romantik ihrerseits ebnete dem Nationalismus den Weg, der Nazismus wiederum ging aus dem Nationalismus hervor. Eine hyperrationalistische Verkürzung wäre es zu sagen, dass die Aufklärung bereits den Keim des Nazismus in sich trug… «Alles, was am Marxismus despotisch war, entstammt dem aufklärerischen Liberalismus»*. Ach ja, ich hatte fast vergessen: Stalinismus und Gulag sind auch Früchte der Aufklärung…


«Nur wenn Nacht, Schlaf und Traum aus dieser reaktionären Gefangenschaft befreit werden, können sie zu Parolen einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik werden. Widerstand gegen den totalen Markt beginnt vielleicht dort, wo die Menschen sich rücksichtslos das Recht nehmen, erst einmal gründlich auszuschlafen.»*


 Zum Abschluss – als Scherz oder auch nicht – dieser Ausspruch von Lao Tse: «Statt die Dunkelheit zu verfluchen, ist es besser, eine Kerze zu entzünden.»


Bertrand Burollet


EBF


*Robert Kurz: «Das Licht der Aufklärung», Archipel Nr. 112, Januar 2004


1. Bertrand Louart: Quelques éléments d’une critique de la société industrielle (Einige Elemente einer Kritik der Industriegesellschaft)


2. Adam Smith: Der Reichtum der Nationen


3. Jean-Claude Michéa: Impasse Adam Smith (Sackgasse A. Smith)


4. Immanuel Kant: Was ist


Aufklärung?

5. Georges Lapassade: Rousseau et les encyclopédistes (Rousseau und die Enzyklopädisten)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 114 (03/2004)

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