GESTERN - HEUTE ? MORGEN : Die Ludditen, ein Versuch der Wiederaneignung
ute


Die Ludditen* waren englische Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich vor allem in den Jahren 1811 bis 1813 gegen die Einführung von Maschinen auflehnten und diese zerstörten. Viele haben aber seit den 1980er Jahren im Namen des Luddismus gehandelt: Landbesetzungen in Spanien, Aktionen gegen genmanipuliertes Saatgut in Frankreich, Belgien oder Großbritannien, Widerstandsbewegungen der Bauern in Brasilien und Indien – sie alle wehren sich gegen den sogenannten technisch-wissenschaftlichen Fortschritt.


Die Aufstandsbewegung der Ludditen richtete sich gegen die Fabriken und die durch die kapitalkräftigen Unternehmer neu eingeführten Maschinen. Die Weber, die Spinner und Tuchscherer, die den Großteil dieser Bewegung ausmachten, waren jedoch alles andere als technologiefeindlich. Durch ihre Aktionen versuchten sie, ihre Gemeinschaften und ihre Selbständigkeit vor diesen Unternehmern zu schützen.


Damals existierte noch kein staatliches Sozialsystem im modernen Sinne. Der einzige soziale Schutz war die Organisation der menschlichen Gemeinschaften, deren Zentrum die Hauswirtschaft, die Bewirtschaftung eines kleinen Landstücks und die Tuchproduktion mittels Web- und Kardmaschinen bildete. Es bestanden soziale Bindungen, die auf dem Gewohnheitsrecht, dem Gesetz der Gegenseitigkeit und der gegenseitigen Hilfe innerhalb des Dorfes und in der Korporation be ruhten. Die eigenen Institutionen und sozialen Bräuche garantierten diesen Gemeinschaften eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Kaufleuten, an die sie ihre Produktion veräußerten.


Man kann durchaus sagen, dass die Revolte der Ludditen gegen Maschinen und Fabriken konservativer Natur war, aber sie war keineswegs reaktionär. Denn sie verweigerten sich in voller Kenntnis einer Entwicklung, die in Wirklichkeit für die Betroffenen einen menschlichen und sozialen Rückschritt brachte.


Die kapitalistischen Unternehmer wollten ihnen soziale Beziehungen aufzwingen, die allein auf Lohnarbeit und Warenverkehr beruhten. Lohnarbeiter zu sein bedeutete für diese Handwerker, nicht nur einem Patron gehorchen zu müssen, sondern auch noch Knecht einer Maschine zu sein und von den Launen des Marktes abhängig zu werden - eines Marktes, der dir von einem Tag auf den anderen Arbeit und Einkommen rauben kann und dich auf die Strasse stellt. Aber es bedeutete auch Wehrlosigkeit, Abhängigkeit und Enteignung, die so weit gingen, dass einem nichts anderes mehr übrig blieb, als sich täglich zu verkaufen, weil man täglich alles kaufen musste.1 Die Unternehmer, welche die Maschinen und Fabriken einführten, hatten nichts anderes vorzuschlagen als eine neue Form der Sklaverei, den "Krieg aller gegen alle", und allgemeines Elend.


"Der Graben zwischen einem Knecht, einem Lohnarbeiter, der sich den Befehlen und der Disziplin des Meisters unterwerfen musste, und einem Handwerker, der frei war, ‚zu kommen und zu gehen’, wann er wollte, war dermaßen tief, dass die Leute eher bereit waren, Blut zu vergießen, als gezwungen zu werden, von der einen auf die andere Seite überzuwechseln. Und innerhalb des damaligen Wertesystem der Gemeinschaft fühlten sich jene, die Widerstand leisteten, durchaus im Recht. (...) Die gesamte Zukunft des gemeinschaftlichen Lebens stand auf dem Spiel, und wir sollten verstehen, dass die Opposition der Scherer gegen bestimmte Maschinen viel weiter ging als die Verteidigung eines Partikularinteresses von Facharbeitern. Diese Maschinen waren das lebendige Symbol für den fortschreitenden Eingriff des industriellen Systems in ihr Leben."

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Die Maschinen, das heißt die Anwendung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts der damaligen Epoche, wurden zu Kriegsmaschinen gegen die Bevölkerung, ihre Gemeinschaften und ihre autonome Lebensform. Dies alles mit gleichzeitiger Unterstützung der politischen Macht und des damaligen Staates, der die Arbeiter von allen "bürgerlichen" Rechten fernhielt (Die erstmalige Erwähnung des Begriffs "Arbeiterklasse" stammt übrigens vom englischen Parlament, das definieren wollte, wer - obwohl nicht armengenössig oder kriminell - vom Wahlrecht auszuschließen sei. Anm. d. Ü.). Nicht nur das Gewohnheitsrecht und das Arbeitsrecht (obwohl beide sehr paternalistisch) wurden durch das Parlament außer Kraft gesetzt, sondern auch die Versammlungsfreiheit, das heißt jede Form gewerkschaftlicher Aktivität. Durch diese technischen und rechtlichen Vorkehrungen zielten die herrschenden Schichten darauf ab, Handwerker und unabhängige Arbeiter zu einfachen Instrumenten zu reduzieren, zu nach Gutdünken ausbeutbarer Arbeitskraft und zu braven Rädchen für ihre Maschinen zu machen. Maschinen, die nur einem Einzigen Gewinn erwirtschafteten, statt einer Gemeinschaft von Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Ihre Produkte sind in der Regel von minderer Qualität, aber sie produzieren mehr, schneller und billiger. Neben diesen rechtlichen Vorkehrungen ist es auch dieses "dumping", dank dessen es die Kapitalisten schafften, die industrielle Produktion, die Lohnarbeit und die Fabriken durchzusetzen.


Nebenbei sei erwähnt, dass dieses "dumping", das damals gegen die alten Strukturen der Völker Westeuropas gerichtet war, noch heute angewandt wird, um Formen der lokalen Ökonomie in den sogenannten "Entwicklungsländern" den Garaus zu machen. Dies betrifft vor allem den Bereich der Nahrungsmittelproduktion. Der Landwirtschaftssektor der Industrieländer, der hochproduktiv und hochsubventioniert ist, liefert seine Überschüsse in die Länder der Dritten Welt und dies zu Preisen, mit denen niemand mithalten kann, am wenigsten die lokalen Produzenten. Daran gehen nicht nur die Kleinbauern zugrunde, die ihre Produkte nicht mehr auf dem lokalen Markt verkaufen können (was schließlich zu Unterversorgung und Hunger führt, welche wiederum den Import von billiger Nahrungsmittelhilfe rechtfertigen), das gesamte soziale Leben, die Unabhängigkeit der Gemeinschaften und damit verbunden ihr inneres Netz von Beziehungen werden durcheinandergebracht (Folgen davon sind Landflucht, Elend der Großstädte, ethnische Konflikte, usw. die wiederum die "Entwicklungshilfe" für diese Regionen rechtfertigen, das heißt die billige Plünderung der natürlichen Ressourcen im Austausch gegen ein paar humanitäre Projekte).


Ich möchte die traditionellen Gemeinschaften, aus denen die Ludditen hervorgingen, keineswegs als idyllisch und perfekt darstellen. Aber sie waren, im Vergleich zum politischen und sozialen Projekt des Kapitalismus, wenigstens echte soziale Organisationsformen auf einer menschlichen Ebene. Jeder konnte in seinen Beziehungen zu den andern sein Gleichgewicht schaffen oder finden. Die Wirtschaft und die Technik standen im Dienste der Menschen und nicht umgekehrt. Der Preis für Nahrungsmittel und die Entschädigung für geleistete Arbeit wurden durch eine Vielfalt von Bräuchen, oft auch durch Gesetze geregelt, die eine Verteilung des kollektiv produzierten Reichtums gewährleisteten. Technischen Errungenschaften wurden enge Grenzen gesetzt, was erlauben sollte, sie ganz langsam ins Gewerbeleben einfließen zu lassen, ohne die sozialen Beziehungen brutal zu erschüttern: Für die Ludditen war es inakzeptabel, dass eine Maschine qualifizierte Arbeiter brutal auf


"Bis vor kurzem bestand das System darin, Tuch durch Personen, die in den verschiedenen Dörfern der Grafschaft wohnten, herstellen zu lassen und es darauf in den öffentlichen Verkaufshallen von Leeds an die Händler zu verkaufen, welche sich ihrerseits nicht um die Herstellung kümmerten. In letzter Zeit sind jedoch mehrere Kaufleute Tuchproduzenten geworden. Um dies besser bewerkstelligen zu können, haben sie riesige Gebäude, Fabriken genannt, errichtet, in denen sie Tuchweber anstellen und diese behandeln, als wären sie ihre Sklaven. Die Betroffenen, die früher weit verstreut in der Gegend wohnten, wurden nun mit ihren Familien an einem Ort konzentriert, im Inneren oder in nächster Nähe dieser Gebäude und in völliger Abhängigkeit."


Erklärung der kleinen Webermeister von West Riding, 1795, zitiert durch E.P. Thompson in: Die Entstehung der englischen Arbeiterschaft, 1969.


 


Arbeit und Produktion waren nicht Lohn und Profit, wie es im Kapitalismus verstanden wird, sondern die Sorge, den Menschen eine würdige und unabhängige Existenz zu verschaffen.


Man sieht gut, dass rund um die Maschinen zwei verschiedene Konzepte des menschlichen und sozialen Lebens, dass zwei politische Projekte aneinandergeraten. Die Ludditen sahen es so, dass die Anwendung des technischen Fortschritts einer individuellen und kollektiven Kontrolle des gesamten Prozesses untergeordnet werden musste, und er so in die soziale Organisation integriert wird. Weder die Gemeinschaft noch die Individuen sollten sich der Maschine anpassen, sondern umgekehrt…


Die Ludditen konnten sich durchaus vorstellen, wie man sich die Maschinen hätte aneignen und sie technisch hätte beherrschen können und wie man von da aus eine Reformprozess ihrer Gemeinschaften im Sinne eines größeren sozialen und menschlichen Fortschritts, einer größeren Freiheit der betroffenen Menschen, hätte auslösen können. Aus diesem Grunde zerstörten sie nicht wahllos einfach alle Maschinen, sondern nur die derjenigen, die zur Arbeit hetzten und ihre Arbeiter zu schlecht bezahlten.


Die Ludditen erwarteten den Fortschritt also nicht vom Lauf der Geschichte, vom Wachstum der Wirtschaft oder vom Staat, sondern von ihrer Fähigkeit, die Bedingungen ihrer Existenz mittels ihres handwerklichen Könnens und ihrer Gemeinschaften und vor allem ihrer eigenen politischen Aktivität selbst in die Hand zu nehmen. Hier spielte ihr Kampf ab gegen das kapitalistische und industrialistische System, das versuchte, sie jeder Kontrolle über ihre eigene Existenz zu berauben.


Der Aufstand der Ludditen wurde schließlich durch das englische Bürgertum und den Adel brutal unterdrückt. Die heilige Angst, der Funken der französischen Revolution könnte den Ärmelkanal überspringen, schweißte die beiden zusammen. Sie gingen so weit, "für Maschinenzerstörung die Todesstrafe" einzuführen, das bedeutete immerhin, dass für sie das Funktionieren der Maschinen wichtiger war als das menschliche Leben. In diesem Zusammenhang kann man durchaus sagen, dass die Politik der kapitalistischen Wirtschaft "die vollendete Verneinung des Menschen" darstellt (Marx), der gesamte Prozess der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zeigt dies nochmals deutlich.3


Man sieht so nebenbei, dass in Wirklichkeit der berühmte "freie sich selbst regulierende Markt" – erfunden und theoretisiert von Adam Smith in seinem Werk "Wohlfahrt der Nationen", erschienen 1776 –von dem die Liberalen behaupten, er sei so "natürlich", einer Bevölkerung, die sich ihm verweigerte, durch den Staat aufgezwungen wurde, und zwar mit Bajonetten und Kanonen.


Die Industrialisierung erlebte einen weiteren Aufschwung im Laufe des 19. Jahrhunderts und verursachte dabei eine soziale Desorganisation und ein menschliche Desaster ohne Beispiel in der Geschichte, insbesondere in England: Liquidierung der Landwirtschaft, Zerstörung bäuerlicher und handwerklicher Gemeinschaften, Armut, Ausbeutung der Frauen und Kinder in Minen und Spinnereien, Kolonialismus usw. Der technische Fortschritt, der eine nicht zu leugnende Zunahme der Erträge und der Produktion mit sich brachte, wurde bezahlt durch einen noch weniger zu verleugnenden Rückschritt der Lebensbedingungen des Volkes.


Bertrand Louart


1. Thompson in: Die Entstehung der englischen Arbeiterschaft, 1969.


2. Die Opposition der Bevölkerung gegen die Einführung des kapitalistischen und industrialistischen Systems im 19. und im 20. Jahrhundert wird in der Regel von der offiziellen Geschichte ignoriert, obwohl es sich dabei, bei jedem Versuch eine Fabrik irgendwo zu installieren, um ein konstantes Phänomen handelt, egal in welchem Land. Siehe zum Beispiel der Anti-Maschnismus in Spanien, dargestellt im Informationsbulletin Los Amigos de Ludd Nr. 3, Juni 2002 – der Artikel in Französisch ist auf Anfrage bei Notes & Morcaux choisis verfügbar.


3. Siehe zum Beispiel die Untersuchung über die Minenregionen in England durch Georges Orwell, The Wigan’s Quai, 1937. Das Kapitel 12 dieses Buches ist eine Diskussion über die Konsequenzen der Entwicklung des "Industrialismus" und des "Maschinismus" – heute würde man sagen die Automatisierung – eine noch heute aktuelle Diskussion.


"Einzig unsere Epoche, die Epoche der triumphierenden Mechanisierung, erlaubt uns, die natürliche Neigung der Maschine festzustellen, eine Neigung, die dazu führt, jede authentische Form menschlichen Lebens zu verunmöglichen."

verfasst von Bertrand Louart,  17.09.2003, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 108 (09/2003)

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