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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Eine große Divergenz

Die Entstehung der «Dritten Welt» aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, ist der Versuch zu erklären, inwiefern sich die Unterschiede zwischen den Nationen zu Ende des 19. Jahrhunderts vertieft hatten und definitiv diese «große Divergenz» besiegelten, die eine Reihe westlicher Länder von der zukünftigen «Dritten Welt» trennen würde. (1.Teil)


Im Artikel Hungersnöte in Asien* beschrieb ich vor einiger Zeit, wie die britische Kolonialverwaltung in Indien und China an der Verarmung von Regionen beteiligt war. Gebiete, die im 18. Jahrhundert noch zum Zentrum riesiger Machtsysteme innerhalb des asiatischen Kontinents gehörten, verwandelten sich in Peripherien. Der aktuelle Artikel beleuchtet die wirtschaftlichen Entwicklungen verschiedener geographischer Zonen, die sich von der Größe, der Bevölkerung und dem Entwicklungsniveau noch bis Ende des 18. Jahrhunderts ähnlich waren, wieder aus einer anderen Sicht. Dabei stützt er sich auf das Buch Eine große Divergenz von Kenneth Pomeranz, der die allgemein vorherrschende eurozentristische Vision ausblenden und eine «gerechte» Geschichte schreiben will. Er versucht zu erklären, warum das, was wir «industrielle Revolution» nennen, mehr in Europa und genauer gesagt in England stattgefunden hat, und nicht in China, Japan oder Indien. Die Beobachtungen des Autors zeigen, dass die Welt bis ungefähr 1750 mehrere Zentren besass von denen kein einziges dominierte. Erst ab dem Moment, als die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts weit voran geschritten war, können wir von einem einzigen europäischen Zentrum mit Vormachtstellung sprechen.
Verschiedene Regionen - erstaunliche Ähnlichkeiten
Auf der makroregionalen Ebene erscheinen ihm China einer-seits und West- und Osteuropa andererseits hinsichtlich ihrer Fläche und Bevölkerung in etwa vergleichbar. Der Norden Chinas weist mehr Ähnlichkeiten mit dem gesamten Europa auf. Darum schlägt der Autor vor, gewisse westeuropäische, höher entwickelte Regionen - Belgien, Holland, Nordfrankreich und vor allem England – mit dem Jangsekiang-Delta und der Provinz Shandong zu vergleichen, eine der am weitest entwickelten Regionen Chinas. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts weisen diese beiden Regionen im Vergleich zum weniger entwickelten Osteuropa mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede auf.
Auch wenn England zum Teil seine landwirtschaftliche Revolution gemacht und die Arbeit intensiviert hatte, war die Produktivität des europäischen Bodens relativ schwach. Im Jangsekiangdelta hingegen gab es schon sehr grosse landwirtschaftliche Erträge dank eines höchst ausgefeilten Bewässerungssystems für den Reisanbau. Die schwache landwirtschaftliche Produktivität des europäischen Bodens würde der Entwicklung dieses Kontinents auf Dauer hinderlich sein, nur dass sich - wie in China - die Arbeit auf der begrenzt vorhandenen landwirtschaftlichen Fläche noch mehr steigerte. Nicht ausser Acht zu lassen ist, dass die meisten Gesellschaften der beobachteten Epoche bäuerlich waren.
Auch wenn sich schon ein gewisser Handelskapitalismus entwickelte, dessen Beginn manche Historiker im Jahr 1000 situieren, tritt der industrielle Kapitalismus erst um 1800 in Erscheinung. Ausser in Grossbritannien hält sich die Industrialisierung in Europa bis 1860 in Grenzen.
Für Kenneth Pomeranz leitete die Eroberung Amerikas durch Spanien am Ende des 15. Jahrhunderts den Überseehandel ein und bot Europa die Möglichkeit, den Mangel an knappen Energiequellen und an Boden zu verringern. Dieser Aspekt erscheint ihm ebenso wichtig wie der Übergang in England zu dem fossilen Brennstoff Kohle. Seiner Ansicht nach sind die Kolonialisierung und ein per Waffengewalt erzwungener Handel entscheidende Faktoren für die beginnende Divergenz und den industriellen Vorsprung Englands.
Zugtiere, landwirtschaftliche Produktion und Transport
K. Pomeranz untersucht die Frage, ob Europa schon vor Ausbruch der industriellen Revolution wirtschaftlich stärker war als Asien und erforscht eine ganze Reihe von Punkten:
Europa besass sehr viele Arbeitstiere ohne deswegen besonders produktiv zu sein. Osteuropa zum Beispiel war im landwirtschaftlichen Bereich sehr rückständig im Vergleich mit den reichsten Regionen von Westeuropa und Asien. Insgesamt war der trockene Norden Chinas, in der Art des Anbaus und seinen ökologischen Bedingungen, Europa ähnlicher als die Reisanbaugebiete im südlichen China. Die Anzahl der Arbeitstiere war wesentlich geringer und dennoch war die Ernährung der extrem dicht besiedelten Zone gewährleistet. Alle vorhandenen Flächen wurden bebaut. Der Preis dafür war ein massives Abholzen.
In Europa überwog der Transport mit Zugtieren auf dem Landweg. In China und Japan hingegen war der Transport auf dem Wasserweg beachtlich entwickelt. Der chinesische Handel verschiffte im 18. Jahrhundert schätzungs-weise drei Millionen Tonnen Korn pro Jahr und dies über sehr weite Entfernungen. Das bedeutete fünfmal mehr als der europäische Kornhandel zu gleicher Zeit und zwanzigmal mehr als die Kornmenge, die durch das Baltikum befördert wurde.
Nahrung
Als Proteinlieferant verzehrten die Europäer - zumindest die reichsten - mehr Fleisch. Die Asiaten ihrerseits konsumierten, demokratischer verteilt, Bohnen, Linsen, Kichererbsen und vor allem Soja in Form von Tofu oder Öl. Die Pressrückstände von Soja dienten zur Bodendüngung und riesige Mengen davon wurden von Nordchina in die südlichen Reisanbaugebiete importiert. In einigen Teilen Asiens war die Produktivität pro Hektar und pro Bauer höher als in Europa. Im Vergleich zu einem durchschnittlich Ertrag von 10 bis 12 Doppelzentner Weizen pro Hektar in Europa, kam Asien auf 30 Doppelzentner Reis und man konnte oft mit einer zweiten Getreide- oder Hülsenfruchternte rechnen. Erst zu Ende des 18. Jahrhunderts führt der Kartoffelanbau in Irland und Flandern mit fünf- bis zehnmal höheren Erträgen als durch die Weizenproduktion, zu einem beachtlichen Gewinn von nun anderweitig verfügbarem Ackerland.
Bevölkerung
Im Shandong, einer Provinz südlich von Peking, lebten un-gefähr 23 Millionen Einwohner_in-nen also mehr als in ganz Frankreich. Gegen 1750 lebten im Shandong 400 Einwohner_innen pro km², die sich ohne Nahrungsmittelimporte ernähren konnten. Die Niederlande, eine der meist bevölkerten und entwickelten Regionen Europas, zählte nur 160 Einwohner_in pro km², importierte aber enorme Nahrungsmengen. Auch wenn England und die Niederlande, beide nun protestantisch, um 1650 die produktivste Landwirtschaft Europas und den Ansatz einer miteinander verflochtenen Textilindustrie besassen, machen beide Bevölkerungen zusammen hundert Jahre später nur die Hälfte der französischen aus, die 20 Millionen beträgt. Allein in der landwirtschaftlich am stärksten entwickelten Region um den Jangtseking (auch Yangzi genannt) leben 30 Millionen Ein-wohner_innen, etwa gleich viel wie in allen westeuropäischen untersuchten Regionen zusammen. Gegen 1850 zählten beide Bevölkerungen von China und von Gesamteuropa je 300 Millionen Menschen.
Bevor die asiatischen Städte vom London des 18. Jahrhunderts übertroffen wurden, waren sie weit größer als jede beliebige europäische Stadt, außer vielleicht das prachtvolle Rom und Konstantinopel. Letzteres war schon seit Alexander dem Grossen der wichtigste Handelsknotenpunkt zwischen dem europäischen und dem asiatischen Kontinent.
Der durchschnittliche Lebensstandard in Asien, China und Europa, wie auch das geschätzte Einkommen pro Einwohner_in waren sehr ähnlich. Das Gleiche galt für die Lebenserwartung. Sie betrug 40 Jahre in den entwicklungsstarken Regionen und ungefähr 25 Jahre in den ärmsten Regionen wie Indien oder Norddeutschland. Wobei zu dieser Zeit vor allem eine hohe Kindersterblichkeitsrate die statistische Lebenserwartung verminderte.
Energiequellen
Zugtiere und Wasserkraft wurden in Europa häufig eingesetzt um beispielswiese Getreide zu mahlen. Die asiatischen Wirtschaftssysteme, die auf Reisanbau basierten und zu den weltweit Bevölkerungsstärksten gehörten, benötigten vergleichsweise weniger mechanische Energiequellen. Nur selten wurde Reis als Mehl verzehrt, sondern hauptsächlich als ganzes Korn. In Asien wie in Europa war die menschliche Energie Grundlage der Produktion in Landwirtschaft und Handwerk. Der Energieverbrauch pro Kopf war um 1700 in China und Europa gleich hoch.
Im westlichen Europa führte das demographische und wirtschaftliche Wachstum im 18. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland zu massivem Abholzen und einer starken Erosion. England war schon seit dem Jahr 1600 vom Holzmangel betroffen. Dank kleiner «bäuerlicher Minen» wurde zunehmend mit Kohle geheizt und gekocht und wie in Nordchina wurde auch die vorindustrielle Eisenverarbeitung betrieben. Die steigende Verwendung von Kohle verringert im 19. Jahrhundert den ökologischen Druck auf den Wald in England. Mit der revolutionären Erfindung der Dampfmaschine war die kostengünstige Entwicklung des Abbaus von Kohle und deren Transport möglich. Aber erst nach 1800 breitete sich ihr Einsatz in den englischen Minen aus.
Im Norden und Nordosten Chinas hingegen wurden schon zu Beginn des Jahres 1000 enorme Kohle- und Eisenvorkommen ausgebeutet. Deswegen befand sich das demographische und wirtschaftliche Zentrum im Norden. Bereits damals überstieg die Produktion von diesem gigantischen Eisenverarbeitungskomplex die gesamte europäische Produktion von 1700. Bürgerkriege und Invasionen - wie die der Mongolen - und ökologische Katastrophen, die das Bett des Gelben Flusses verlegten, führten zum Niedergang dieser Region. Der ökonomische Schwerpunkt Chinas verlagerte sich weit entfernt von Kohleminen in den stark abgeholzten Süden. Die Transporte waren trotz dichtem Flussnetz zu kostspielig, um die alte wirtschaftliche Ausgeglichenheit zwischen dem Norden und dem Süden aufrecht erhalten zu können.
In England gestattete der einfache Zugang zu Kohle und die besagte Einführung der Dampfmaschine, trotz mangelndem Holz und Ackerland, einen wirtschaftlichen Aufschwung, der in den dicht besiedelten Zentren im Herzen der Kohlegebiete oder in deren Nähe stattfand. Dennoch blieb England im Vergleich zu China ein kleines Land.
Textilhandwerk
Während des ganzen 18. Jahrhunderts stand China an führender Stelle im Bereich der Seide- und Baumwollweberei, der Färberei, der Porzellanherstellung, der Eisengewinnung und Verarbeitung, der Medizin und Hygiene. Europa verfügte über Leinen, Hanf und Wolle, die sich schwieriger als Baumwolle verarbeiten ließen. Sie stellte keine ausreichende Rohstoffquelle dar, die mit Asien konkurrieren oder die zukünftige englische Industrie versorgen konnte. England war flächenmäßig begrenzt und die Privatisierung des Bodens ermöglichte die Entwicklung der Schafzucht. Als Rohstofflieferant war es jedoch unbedeutend für die Textilverarbeitung. Erst in den englischen Kolonien Australien und Neuseeland gab es ausreichend Weidefläche, damit sie sich in großem Maßstab ausbreiten konnte. Die Entfaltung der mechanischen Spinnerei und Weberei in England benötigte riesige Mengen an Textilfasern, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts von den Südstaaten der USA durch Sklavenarbeit auf Baumwollplantagen billig geliefert wurden, aber auch aus Indien oder Ägypten. Trotz höherer Löhne sanken mit der Industrialisierung die Produktionskosten der Stoffe in England. Sie traten mit den asiatischen Textilien in Konkurrenz, die aufgrund schlecht bezahlter Arbeitskräfte sowohl in der Rohstoffproduktion als auch in der Textilherstellung ebenfalls billig waren.


Quelle: Kenneth Pomeranz, The great divergence: China, Europe and the making of the modern world economy

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 223 (02/2014)

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