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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Eine große Divergenz

Im Archipel Nr. 223 veröffentlichten wir den 1. Teil des Artikels zur Entstehung der «Dritten Welt», der die vorherrschende eurozentristische Sicht in Frage stellt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts gab es mehrere gleichberechtigte Zentren auf der Welt. Erst mit der Industrialisierung in Europa und dem Kolonialismus entstand die westliche Vormachtstellung.
II. Produktionsfaktoren
Die Landwirtschaft war der wichtigste Wirtschaftsbereich vor Entstehung der Industrie. China, ein gewaltiges Imperium, war zweitausend Jahre vor Europa durch eine tumultvolle Ablösung von Dynastien geographisch geeint und zentralisiert, die in erster Linie Steuern von ihren Untertanen verlangten. Dies ließ mit der Zeit die Anzahl der steuerpflichtigen Haushalte und kleinen Bauernwirtschaften auf den landwirtschaftlichen Flächen anwachsen, die mehr oder weniger ohne Gegenleistung zur Nutzung überlassen wurden. Die chinesischen Bauern und Bäuerinnen wählten ihre Produktion weitgehend autonom. Die staatlichen Strukturen waren weniger starr als in Europa und ermöglichten die Anpassung an die Konjunktur, die Entwicklung der Märkte und auch Innovationen, vor allem im Bereich der Produktionen und der kollektiv verwalteten Wassernutzung.
 In Westeuropa herrschte Leibeigenschaft bis ins 15. Jahrhundert, in Ost- und Zentraleuropa bis ins 19. und 20. Jahrhundert. In Frankreich wurde die Nutzung von Ackerland vererbt. Diese Handhabung wurde seit dem 16. Jahrhundert mehr und mehr geschützt. Die Leibeigenschaft endet aber erst gänzlich mit der Revolution. In England hingegen privatisierte der Adel ab 1650 das Gemeindeland (Allmend) und zäunte es ein, um damit eine produktivere Landwirtschaft zu praktizieren. Die vertriebenen Bauern und Bäuerinnen hatten keine andere Wahl, sie mussten als Bettler in die Städte abwandern. Auf dem europäischen Festland blockierte das Fortbestehen der alten Besitzstrukturen im Agrarbereich sowie auch die Stellung der Arbeiter_in-nen jegliche Fortentwicklung der Landwirtschaft. Dieser Zustand führte sogar zu mangelhafter Nutzung der vorhandenen Rohstoffe und Arbeitskräfte und einer Zerstückelung der Parzellen. Der Historiker Marc Bloch spricht in diesem Zusammenhang in China und auch in Westeuropa von einer Entwicklung der Regionen hin zum «Agrarindividualismus». Um einen Ausgleich zwischen den Regionen zu schaffen, wurde in China schon im 16. und 17. Jahrhundert die Migration in weniger besiedelte ländliche Zonen gefördert. In Europa dagegen blieben die Arbeiter-innen an ein Stück Land oder eine Person gebunden oder in England an eine Kirchgemeinde, und somit herrschte wenig soziale Mobilität. Erst mit der Eroberung des amerikanischen Kontinents fand die «überschüssige» europäische Bevölkerung neue Überlebensperspektiven.
Stagnation oder Aufschwung?
 Die enorme Zunahme des ländlichen Handwerks, vor allem der Textilverarbeitung in Europa und China, war die Antwort auf die Notwendigkeit der Familien nach mehreren Einkommensquellen. Alle vorhandenen Arbeitskräfte auf den Höfen und die lokalen Rohstoffe sollten genutzt werden. Es war auch die sicherste Methode, um die Bevölkerung vor Ort zu halten und überschüssige Arbeitskräfte einzubinden. China stützte seine vorindustrielle Revolution hauptsächlich auf die Verarbeitung von Baumwolle und Seide, Europa die ihre auf das Verarbeiten von Wolle, Leinen und Hanf. Diese Protoindustrie war aber nicht unbedingt Wegbereiterin einer Industrialisierung und konnte früher oder später in eine Sackgasse führen. Erst mit der Einführung von Baumwolle nach England wird eine Mechanisierung im großen Maßstab möglich.
 Vor der industriellen Revolution, zwischen dem 12. und dem 19. Jahrhundert, mussten die Menschen bei sinkendem Einkommen mehr arbeiten: Um die gleiche Weizen- oder Reismenge zu erhalten, waren mehr Arbeitsstunden nötig. Der Produktionsaufschwung in China und in Europa lässt sich im Zeitraum von 1500 bis 1800 mehr auf die Steigerung der geleisteten Arbeitszeit, als auf eine Entwicklung der Produktivität zurückführen. Die landwirtschaftlichen Erträge steigen wenig in Europa und das verfügbare Land wird knapp. Die landwirtschaftliche Revolution hat hier noch nicht stattgefunden. In China weisen gewisse Regionen schon die weltweit höchsten Erträge auf, und die Bevölkerung nutzt den territorialen Raum und dessen Möglichkeiten optimal aus. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gibt es also im Bereich der Wirtschaft mehr Ähnlichkeiten als Divergenzen zwischen den am meist entwickelten Regionen Chinas und Europas.
 


Fortsetzung folgt im nächsten Archipel
Quellen: Kenneth Pomeranz, The great divergence: China, Europe and the making of the modern world economy

verfasst von Jacques Berguerand Longo maï,  10.04.2014, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 224 (03/2014)

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