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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Ma bister ! Vergesst nie! Roma, Sinti, Gitans, Manouches

Wir erinnern uns an die fremdenfeindlichen Aussagen von Nicolas Sarkozy vom letzten Jahr in Bezug auf die Roma und deren spektakulären Abschiebungen nach Rumänien. Angesichts dieses hysterischen Rassismus haben die Bewohner von Reillanne, einer Kleinstadt in der Provence, beschlossen, eine Reihe von Veranstaltungen zu machen. Einer der Höhenpunkte war der Vortrag der Historikerin Claire Auzias.
Sie hat in den letzten 20 Jahren zahlreiche Bücher und Forschungsarbeiten über die Roma veröffentlicht. Hier ihr Vortrag:

Der Genozid an den Roma

Es ist, wie Victor Serge einst schrieb, «spät in diesem Jahrhundert», spät auch heute, um erschüttert zu sein über den Genozid an den Roma, der auf das Betreiben des Dritten Reiches in allen europäischen Ländern stattgefunden hat. Spät in dem Sinne, dass es uns schwer fällt, am Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts genau zu beziffern, wie viele Genozide es überhaupt gegeben hat. So gab es welche am Beginn des 20. Jahrhunderts (der Genozid an den Armeniern 1915-23) und am Anfang des 21. Jahrhunderts den Genozid in Ruanda. Der Völkermord, also das Ausrotten einer ganz bestimmen Gruppe Menschen, ist von nun an eines der grundlegenden Merkmale der Moderne. Angesichts all dieser systematischen Gewaltübergriffe, an die sich die Welt gewöhnt hat, scheint die Verfolgung der Roma  etwas unterzugehen.
Es gibt aber auch Ursachen für diese Verspätung, die es zu begründen gilt. Die Opfer, unabhängig davon, warum sie verfolgt wurden, schafften es im Allgemeinen während langer Zeit nicht, über ihre Erfahrungen zu reden. Es handelt sich um eine klassische Latenzzeit bei einem Trauma, sowohl individuell als auch kollektiv. Die Opfer des Zweiten Weltkrieges waren und sind in einem traumatisch unheilbaren Zustand. Das wichtigste Merkmal eines tiefen Traumas ist das Schweigen. Die Roma1, sowie die anderen Überlebenden des nationalsozialistischen Europas, haben sofort geschwiegen. Und den Wenigen unter ihnen, die versucht haben zu reden, wurde nicht zugehört, nicht geglaubt und sie wurden nicht verstanden. Unhörbar.
Für jede Opfergruppe war die Scham der Grund, nicht nur zu schweigen, sondern auch sich zu verstecken. So erging es den Homosexuellen, die es nicht wagten zu reden, den Prostituierten aus den Feldbordellen, oder den Überlebenden, die sich schuldig fühlten am Leben zu sein, wo doch alle anderen gestorben waren. Es gilt, dieses Schweigen der Roma in einen gemeinsamen Zusammenhang aller Opfer dieser Zeit zu stellen. Nur die politisch Verfolgten, und auch nicht alle, redeten sofort (David Rousset, Gemaine Tillion zum Beispiel für Frankreich).
Die Roma hatten ihre besonderen Gründe zu schweigen. Es sind dies die permanente Verachtung, der sie unter allen politischen Regimen, zu allen Zeiten und überall auf der Welt ausgesetzt waren. Diese Verachtung ist tief verankert in der Bildung ihrer Persönlichkeit und auch ganz bewusst verinnerlicht. Seit jeher von der Gesellschaft ausgeschlossen, hatten sie größte Schwierigkeiten sich vorzustellen, dass sie sich wie jedermann ausdrücken könnten.

Ma bister - Vergesst nie!

Zusätzlich redet man in der Kultur der Roma nicht über die Toten. Lesen sie die Romane von Matéo Maximoff, französischer Rom russischer Abstammung, um zu sehen, wie die Kultur der Roma mit den Toten umgeht. Dieses Gebot, an das sich die modernen Roma nicht mehr halten, war eines der größten Hindernisse, das bewältigt werden musste, um über diese Zeit zu reden. Die Roma sind kein homogenes Volk und auch nicht frei von sozialen Klassenstrukturen. Sie sind strukturiert wie die dominierenden Gesellschaften, in denen sie leben. Sowohl die Mittelschicht, integriert oder assimiliert, als auch die Intellektuellen und Aktivisten zur Erhaltung der Würde der Roma, haben sich bewusst an die dominierenden Gewohnheiten angepasst. «Ma bister!» («Vergesst nie», in Romani Sprache) wurde zur Losung all deren, die sich jedes Jahr am 2. August trafen, zum Gedenken an die Nacht im Sommer 1944, in der die Roma in Auschwitz liquidiert wurden, um der massiven Ankunft ungarischer Juden Platz zu machen.
Die modernen Roma Europas, die ihre Gleichberechtigung in der Gesellschaft anstreben, haben beschlossen, ihre Tradition abzulegen, um - wie andere Opfergruppen - die Aufarbeitung in Angriff zu nehmen und die Würde der Ermordeten wiederherzustellen.   Seit der Gründung der International Roma Union (IRU) 1971 in London ist es ihr oberstes Ziel geworden, die Anerkennung des Genozids an den Roma durch alle Staaten, unabhängig des Grades ihrer Verantwortung, zu erreichen. Bis heute hat nur Polen seine Verantwortung bezüglich der Vernichtung der polnischen Roma anerkannt. Deutschland hat begonnen, sich in diese Richtung zu bewegen, hat es aber, soviel ich weiß, noch nicht ausreichend getan. Es muss aber hier erwähnt sein, dass am 27. Januar dieses Jahres, dem Gedenktag der Opfer der Lager, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, ein überlebender Rom zum ersten Mal öffentlich vor dem Bundestag geredet hat. Die offizielle Version in Frankreich ist es, jede Verantwortung von sich zu weisen, da es die deutsche Besatzung gewesen sei, die befohlen habe, die französischen Roma zu verfolgen. Ich teile diese Sicht überhaupt nicht.
Eine diplomatische Initiative versucht heute, die Erinnerung an die Verfolgung der Roma während des Zweiten Weltkrieges in die alljährliche Gedenkzeremonie der «Rafle du Vel d’hiv»2 einzubetten, während der (wahrscheinlich) keine Roma verhaftet wurden sondern ausschließlich Juden. Dies ist eine entwürdigende Art, der Juden Frankreichs zu gedenken, die unter der Vichy Regierung gelitten haben. 70.000 von ihnen wurden ermordet, und dieser Schmerz rechtfertigt sicherlich einen spezifischen Gedenktag zu ihren Ehren. Für die Roma ist dies eine nicht weniger entwürdigende Art, sie aus dem öffentlichen Gedächtnis auszuschließen. Es ist notwendig, auch ihnen einen nationalen Trauertag zuzugestehen unter der Bedingung, dass er ausschließlich ihnen gewidmet ist. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass man sich eines unbequemen Problems entledigt, ohne ihm wirklich Beachtung zu schenken. Wird es einen gemeinsamen Gedenktag für die Roma und die Juden Frankreichs geben, werden beide Bevölkerungsgruppen Mühe haben, in diesem Ereignis die ihnen geschuldete Würdigung zu finden. Bis heute ist das eine Art, dem Problem auszuweichen, und die Verantwortlichen des französischen Staates haben immer noch nicht die Tragweite des Desasters anerkannt, welches unsere Mitbürger getroffen hat. Der schwarze Tag für die Roma Frankreichs ist der 6. April 1940. Die im Sterben liegende Dritte Republik verbietet den Roma Frankreichs an diesem Tage das Reisen. Andere freiheitsberaubende Beschlüsse gegen sie sollten noch  folgen, aber der 6. April könnte als Symbol dienen.

Erinnerungsarbeit

Hingegen hat der Spielfilm von Tony Gatlif «Liberté» Gruppen von französischen Roms sehr berührt. Bevor der Film gezeigt wurde, befürchteten die strengsten Wächter der Tradition, dass der Regisseur «mit unseren Toten Folklore treiben wird», aber nachdem sie den Film gesehen hatten, waren sie sich einig, dass es sich um ein Monument zu ihren Ehren handelte und die Zungen lösten sich. Sogar bei sehr zurückhaltenden Roma, zum Teil Analphabeten, wirkte dieser Film wie ein Auslöser. Sie begannen zu sprechen, sie sammelten die Erinnerungen ihrer Vorfahren, sie holten die Familienfotos heraus und jeder in diesem Lande ob Rom, Gitan, Manouch, Sinti oder Yenische ließ Erinnerungen, die seit Jahrzehnten begraben waren, an die Oberfläche kommen. Eine Erinnerungsarbeit hat in Frankreich bei den bescheidensten Roma angefangen.
Wir kennen die Zahl der während des Zweiten Weltkriegs getöteten Roma nicht. Kein Zahlenspezialist und professioneller Statistiker hat dieses Problem ergründet und die Forschung ist noch ganz am Anfang. Die Arbeit hat erst begonnen und ist keineswegs abgeschlossen. Erst im Januar 1947 wurde der letzte französische Rom aus einem französischen Konzentrationslager3 entlassen, weil die offiziellen Dekrete und die Ausnahmeregelungen betreffend des Kriegsendes erst im Mai 1946 in Kraft traten. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sich niemand bemüht, die Roma aus den Konzentrationslagern in Frankreich zu befreien. Ganz im Gegenteil, die neuen Behörden wünschten den Akkulturationsprozess weiterzuführen und durch Zucht und Ordnung diese Menschen, die sich gegen die moderne Kontrollgesellschaft wehrten, zu disziplinieren.
Den Roma Frankreichs wurde fast keine Wiedergutmachung zugesprochen: Ihre konfiszierten Güter sowie der gestohlene Schmuck wurden nicht zurückerstattet. Ihre Häuser, falls sie welche besaßen, wurden geplündert und verwüstet. Von den Sinti und Roma Deutschlands wurden drei Viertel ermordet. Es handelt sich bei ihnen wahrscheinlich um den schwersten Verlust innerhalb Europas. Was aber die Forderung einer Anerkennung dessen, was ihnen angetan wurde, angeht, sind die Sinti am weitesten fortgeschritten. Ähnlich wie bei den deutschen Juden waren die Sinti oft gut integriert und eingegliedert, sie verstanden sich als Bürger mit vollen Rechten. Und obwohl sie in allen Kriegen für ihr Land gekämpft hatten, konnte nichts mehr ihren Ausschluss aus den von den Nazis beherrschten Gebieten aufhalten. Die polnischen Roma erlitten anschließend das größte Leid, sie repräsentierten für die Nazis die Rassenunreinheit eines nichtarischen Volkes sowie die Minderwertigkeit der slawischen Rasse. Die Roma der baltischen Staaten wurden massiv ermordet, in Jugoslawien wurde im Lager von Jasenovac in Kroatien mit Mordgier gegen sie vorgegangen, in Russland, hinter der Front, wurden die Roma Opfer der Besatzungstruppen und auch die holländischen Roma wurden stark dezimiert. So wie für die Juden Anne Frank als Symbol der Verfolgung dient, gaben die holländischen Juden in der Person von Settela der Welt das bekannteste Bild für die Vernichtung der europäischen Roma. Anfangs wurde sie als Symbol der jüdischen Deportation angesehen, die historischen Arbeiten haben aber belegt, dass es sich um eine holländische Rom handelte.
Obwohl es verschiedene Arbeiten in mehreren Ländern zum Genozid der Roma gibt, stehen wir heute noch am Anfang seiner Aufarbeitung.

2. Massenverhaftung von über 12.000 Juden in Frankreich durch die französische Polizei. Die Juden wurden am 16. Juli 1942 im Sportpalast, Vélodrome d’hiver eingesperrt und später deportiert. (Anm. des Übersetzers)

3. Anmerkung der Verfasserin: Ich benutze den Begriff des Konzentrationslagers heute wieder von neuem. Üblich nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde er vor kurzem, weil er brutal tönt, aus der französischen offiziellen Historiographie gestrichen, um darauf hinzuweisen, dass es in Frankreich keine Todeslager mit Gaskammern gegeben hat. Was auch stimmt. Das Yad Vashem Memorial in Israel hält nicht viel von diesen Spitzfindigkeiten und bezeichnet weiterhin als Konzentrationslager das was es in Europa, Frankreich inbegriffen, gab und so bezeichnet werden muss. Die Vernichtungslager, deren sechs es gab, waren natürlich etwas anderes. Die französische Administration benutzte sowohl den Ausdruck von Internierungslager als auch der des Konzentrationslagers.

 

 

 

 

 

verfasst von Claire Auzias (Socius, Lissabon),  18.05.2011, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 192 (04/2011)

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