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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Macht der Sowjets oder Diktatur einer Partei?

Jean-Marie Chauvier beendet mit folgendem Text die Serie von Artikeln über die Oktoberrevolution 1917 in Russland und über die Polemiken, die sie bis heute auslöst.


 



Im Oktober ist die Mehrheit (die Bolschewiken eingeschlossen), welche die Revolution unterstützt, tatsächlich für die «Macht der Sowjets». Und während langer Zeit bemühen sich Millionen Menschen, diese Macht der Versammlungen, die direkte sowie die repräsentative Demokratie der «Diktatur der Arbeiter und Bauern» am Leben zu erhalten. Aber für Lenin und Trotzki sind die Sowjets nur zur Unterstützung der Partei da. Vorerst muss ihre Hegemonie hergestellt werden. Das Verhalten der Bolschewiken unterscheidet sich nicht wesentlich von dem der anderen Parteien: Alle wollen die Sowjets beherrschen. Die «Parteilogik» steht immer über der Logik der «Macht des Volkes». Wie in der parlamentarischen Demokratie treten die Parteien an die Stelle der Bevölkerung, die sie eigentlich vertreten sollten. Diese für die russische Intelligenzija und die Eliten sehr charakteristische Verhaltensweise, das Volk zu «erziehen», es aus der Misere und dem Unwissen herausführen zu wollen, steckt im Herzen des Leninismus. Der Bürgerkrieg wird die kommunistische Partei zwingen, eine Armee und einen Staat zu organisieren, die Wirtschaft wieder aufzubauen und sogar «einige Stücke des zerfallenen Zarenreiches» wieder zusammenzuschweißen. Dafür sind ihnen sogar die Nationalisten dankbar. Sie geben zu, dass die Bolschewiken Russland vor dem «totalen Zerfall» bewahrt haben.


Unmittelbar nach dem Oktober jedoch liegt der Aufbau einer «Staatspartei» noch in weiter Ferne. Die «Macht der Sowjets» ist keine Fiktion, die «Bolschewisierung» kommt erst später. Sie beginnt im Zuge des Bürger- und des Weltkriegs, wo jeder gezwungen ist, «sein Lager zu wählen», und sie erstickt jeglichen Pluralismus. Die Feindseligkeit der ganzen Welt und der Cordon sanitaire rund um die UdSSR verstärken noch die Paranoia der «belagerten Festung».


Sehr rasch wird der Begriff «bolschewistisch» eine bürokratische Macht und Ideologie bezeichnen, später eine terroristische persönliche Diktatur, die man aber richtigerweise «stalinistisch» nennen sollte. Lenins Tod 1924, der Erfolg der Position Stalins für eine zentralistische UdSSR und nach 1927 für eine gewaltsame Kollektivierung sowie die sozialen Schichten, auf die Stalin sich stützt, entfernen uns allmählich vom ursprünglichen Bolschewismus und von Lenin. Dieser hatte seine eigenen Ideen von freiwilliger Kooperation auf dem Land und dem föderalistischen Charakter der Union. Einige Monate vor seiner Lähmung 1923 hatte er er die Bürokratie, den «großrussischen Chauvinismus» und die «kommunistische Arroganz» verurteilt. Seine Ideen waren denen Stalins entgegengesetzt und anders als die von Trotzki.


 


War die Revolution verfrüht?


Die grundsätzlichste Kritik an der Oktoberrevolution kommt von den klassischen Marxisten: Das unterentwickelte Russland war nicht «reif» für den Sozialismus. Die Revolution sei zu früh gekommen, Lenin habe sich sowohl in Bezug auf das Potential der russischen Gesellschaft als auch in Bezug auf die Chancen für eine Weltrevolution gründlich geirrt.


Lenins Fehleinschätzung ist unbestreitbar. Er hoffte auf diese Revolution. Er glaubte im Oktober noch nicht an den Sozialismus in Russland. Der Glaube kam etwas später, als er den «Kriegskommunismus» verkündete, eine militärische Dringlichkeitspolitik, welche die «Linken» in der Partei als «sofortigen Übergang zum Kommunismus» mit Abschaffung des Geldes und des Marktes interpretierten.


Lenin gestand seinen Fehler implizit 1921 ein, als er die NEP (Neue Wirtschaftspolitik) einführte: Das zweite sowjetische Regime, das nicht mehr kurzfristig auf den Sozialismus und auch nicht mehr auf die Weltrevolution setzte, führte die Handelsfreiheit und einen kontrollierten Kapitalismus wieder ein. Dadurch gaben die Bolschewiken den Forderungen der aufständischen Bauern und der Revolte von Kronstadt nach, bis auf einen Punkt: Die Diktatur einer einzigen Partei, die sich auch innerhalb der Partei verstärkte, wo Fraktionen und Tendenzen von nun an verboten waren.


Schließlich stellt sich die Frage, von welchem «Oktober» und von welcher «Revolution» die Rede ist: Jene, die sich Kommunisten, Anarchisten, Bauern der Dorfgemeinschaften – wenn auch auf unterschiedliche Weise – vorstellten, oder jene, die tatsächlich stattfand, mit den Widersprüchen und Wechselwirkungen vielfältigster sozialer, interner und internationaler Faktoren? Wie konnte man träumen von Kommunismus, einer brüderlichen Gesellschaft, von gerechter Verteilung in einem ausgebluteten, ausgehungerten, vom Krieg erschöpften Land, wo die Menschen vor allem mit dem nackten Überleben beschäftigt waren? Es ist zweifellos nicht leicht, die «ideale» Revolution von der anderen zu trennen. Die eine wird erzählt, besungen, entwickelt sich in der Kunst oder in utopistischen Theorien, die andere wird in Schlamm und Blut vollzogen. Beide sind «reell», aber die eine ist ideell und die andere materiell.


Die anarchistischen Projekte werden bei der Niederschlagung des Kronstadter Aufstands 1921 radikal und gewaltsam im Keim erstickt. Hier trennt sich der anarchistische Traum (Sowjets ohne die Diktatur der Partei) endgültig von der Revolution unter der Führung der Bolschewiken. Von nun an sagen die Anarchisten «Konterrevolution». Doch in der Realität findet eine ANDERE als die erträumte Revolution statt – «Revolution» im Sinn von radikaler Veränderung des Gesellschaftssystems: bolschewistische Diktatur und Staatskapitalismus (laut Lenin 1921), aber auch Ansätze von Kollektivismus, Alphabetisierung, Frauenemanzipation, Kreativität in der Kunst, die sozialen und kulturellen Kämpfe der 1920er Jahre vor der stalinistischen Wende 1927, die ein ganz anderes Regime hervorbringen wird, als jenes, das sich bisher abzeichnete. Man kann natürlich sagen, dass die Oktoberrevolution, Lenin und Trotzki den Keim des Stalinismus gesät haben, doch das ist eine andere Debatte, die unseren Rahmen hier sprengen würde.


 


Was wäre gewesen, wenn…?


Die Revolution, die in Russland während des ganzen Jahres 1917 und danach stattfindet, ist die Frucht einer krisengeschüttelten Gesellschaft, eines mörderischen Weltkriegs und des Auftretens der Massen auf der politischen Szene. Auch der politischen Leere, die nach dem Debakel der provisorischen Regierung entstanden war. War die Frucht überreif oder noch grün? Wenn Lenin sie nicht «gepflückt» hätte, kann man sicher sein, dass die Früchte der sozialen Verzweiflung und der Revolte nicht weiter gereift wären, dass die Volksbewegungen aufgehört hätten? Und wenn Lenin, statt das Abenteuer zu wagen, dem revolutionären Volk geraten hätte, nach Hause zu gehen – hätte es gehorcht, die Waffen gestreckt und brav auf die Rückkehr der Feudalherren, der Großunternehmer und Kornilovs gewartet? Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, dass die Oktoberrevolution nicht in eine Diktatur und einen Bürgerkrieg mündete. Aber war die Bourgeoisie zu den nötigen Konzessionen bereit? Die Generäle, die Landjunker, die liberale Rechte und die westlichen Verbündeten, wollten sie nicht die Geschichte zurückdrehen? Und wenn die Konterrevolution vor dem «roten Oktober» stattgefunden hätte, mit den verheerenden Folgen, die man sich vorstellen kann, hätte man Lenin und den Bolschewiken nicht Mangel an Voraussicht, verantwortungslosen Pazifismus, und eine historische Pleite vorgeworfen? Hätte die erfolgreiche Konterrevolution den Bürgerkrieg verhindern können… oder hätte sie ihn auf eine andere Art beschleunigt? Hat der rote Terror den weißen nach sich gezogen oder umgekehrt? Man kann die Fragen beliebig lang fortsetzen und politische und moralische Beurteilungen abgeben. Dies ist sehr bequem zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Zumindest sei daran erinnert, dass die Akteure der russischen Revolution weder wohltätige Damen der schicken Quartiere noch Aktivisten von Amnesty International waren und dass sie die Erfahrungen des «real existierenden Sozialismus» noch nicht hinter sich hatten. Und auch nicht die spektakulären «Fortschritte des Modernismus» wie Auschwitz und Hiroshima.


 


Der neue Proletarierstaat


Der rote Oktober war sicher nicht nur ein Mythos oder eine Utopie: «Das Land den Bauern» und die Annullierung ihrer Schulden, das war reell, «die Fabriken den Arbeitern» war ein laufendes Experiment, «der Friede den Völkern» war ein Versuch, «die Macht der Sowjets» nahm ihren Lauf. Und schließlich, zumindest im Prinzip, sollten die Frauen ihre Männer aussuchen, Kinder und Erwachsene die Schule besuchen können. Ein Leben entstand, das keineswegs bequem, aber neu war. Für die Kinder der Leibeigenen und der Arbeiter begann ein phantastischer sozialer Aufstieg, ihnen stand schon bald die «Rabfak», die Arbeiteruniversität, offen sowie die Möglichkeit, Verantwortung auf allen Ebenen zu übernehmen. Der Aufstieg der «Plebs» ist vielleicht das Phänomen, das im kollektiven Gedächtnis der bürgerlichen Eliten als das schrecklichste verankert blieb. Die bittere Frucht des roten Oktobers für die revolutionären Massen war nicht sofort ersichtlich: die Macht einer einzigen Partei, die Diktatur, welche sowohl von den gemäßigten Sozialisten als auch von den Anarchisten und den aufständischen Bauern zwischen 1918 und 1921 angeprangert wurde - die «Diktatur des Proletariats», schon bald im Namen der Massen von der bolschewistischen «Avantgarde» ausgeführt. Diese wurde nach dem Bürgerkrieg von einer Führungskaste abgelöst, zusammengesetzt aus jungen Bürokraten aus den volkstümlichen Schichten und ehemaligen Funktionären des Zaren. Sie wiederum rekrutierten im Proletariat und bei den Bauern das Personal des neuen «Proletarierstaates», der in den 1920er Jahren aufgebaut und von der stalinistischen Kaste und ihrer «über der Partei» stehenden Superpolizei unterwandert, kolonisiert und schließlich verdrängt wurde.


Der wieder hergestellte Staat kümmerte sich nach dem verheerenden Bürgerkrieg viel weniger um den «Kommunismus» als um den Aufbau des ruinierten Landes, um seine Modernisierung nach dem Vorbild der «zivilisierten» euro-amerikanischen Welt, allerdings unter Anwendung brutaler «asiatischer» Methoden – wie z. B. durch die Versklavung in den Gulags. Der Staat machte sich an den Aufbau einer Militärmacht und an die Vorbereitung auf einen unvermeidbaren Krieg mit der Außenwelt nach der Nazi-Invasion 1941. Doch wer konnte sich im Oktober 1917 oder zu Beginn der 1920er Jahre die Zukunft vorstellen, wo sich doch so viele Möglichkeiten der sozialen Emanzipierung, der Bildung und Kultur, den nationalen und sozialen Befreiungsbewegungen auf der ganzen Welt eröffneten?


Der Stalinismus, der Krieg und der Völkermord der Nazis, der «real existierende» Sozialismus waren noch nicht auf der Tagesordnung weder der Sieger noch der Besiegten oder der Dissidenten der Oktoberrevolution. Wie ein weiser Spruch besagt: Die Menschen machten Geschichte, kannten aber nicht die Geschichte, die sie machten.


 


 


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 159 (04/2008)

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