© 

GESTERN - HEUTE - MORGEN: Musterschüler und Zauberlehrling 2.

Wie viel Westen steckt im modernen Islam?

In der Debatte über den Islam ist oft die Rede von einer Identität, die mit den westlichen Werten unvereinbar sei. Thomas Bauer, Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität von Münster, zeigt im Folgenden auf, dass der moderne Islam, radikal oder gemäßigt, nicht als Fortsetzung des traditionellen Islam angesehen werden kann und dass er mehr von der Kolonisierung als von seinen historischen Quellen geprägt ist. Zweiter Teil.
Die Reihe der Beispiele lässt sich beliebig fortführen. Ich nenne nur folgende:
1. Islamische Intellektuelle, und dies gilt gerade auch für islamistische Theoretiker, übernehmen Ideen westlicher Autoren, die von westlichen Beobachtern wiederum für genuin islamisch gehalten werden. Ein schönes Beispiel hierfür ist der «Vater» des arabischen Islamismus, Sayyid Qutb. Von islamischer Theologie hatte er wenig Ahnung. Stattdessen sind es zwei Europäer, denen er wesentliche Teile seiner Gedankenwelt verdankt. Der eine ist Leopold Weiss, Autor des Bestsellers «Islam am Scheideweg», der andere der katholisch-fundamentalistische Autor Alexis Carrel (1873-1944), der 1912 den Medizinnobelpreis für seine Leistungen auf dem Gebiet der Gefäßchirurgie erhielt. In seinen Schriften verbindet er katholischen Fundamentalismus und Biologismus zu einer Ideologie, die eine Neuschaffung der Welt «nach den Gesetzen des Lebens» fordert. Heute ist Carrels Hauptwerk «Der Mensch, das unbekannte Wesen» (1935) im Westen – zurecht – vergessen. Dort, wo seine Ideen im Islamismus weiterleben, hält man sie für genuin islamisch.
2. Ein besonders drastisches Beispiel bietet der Umgang der islamischen Welt mit Homosexualität. Das klassische islamische Recht verbietet bekanntlich sexuellen Verkehr zwischen Männern. Die dafür angedrohten Strafen sind jedoch ganz offensichtlich in über tausend Jahren kein einziges Mal angewendet worden.
Stattdessen dichteten arabische Poeten – und sogar Religionsgelehrte – zwischen dem 9. und dem 19. Jahrhundert Hunderttausende homoerotischer Liebesgedichte, die einen bedeutenden Anteil der gehobenen und populären arabischen, persischen und osmanischen Literatur ausmachen. In den Jahrzehnten nach 1830 verschwinden homoerotische Gedichte ganz plötzlich vollständig. Grund hierfür ist nicht der Islam, sondern die Übernahme westlicher, nämlich viktorianischer, Moralvorstellungen. Die viktorianische Sexualmoral ist bis heute in weiten Teilen der islamischen Welt fest verwurzelt. Das ist der Grund dafür, dass viele Muslime heute ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu ihrer eigenen literarischen Tradition haben, die in ihren Augen von einer moralischen Dekadenz durchsetzt ist, die letztlich zum Niedergang des Islams führte.
Das, was für heutige westliche Augen also ein Zeichen für Fortschritt und Modernität ist – nämlich ein gelassener Umgang mit mann-männlicher Erotik – war über ein ganzes Jahrtausend charakteristisch für die islamische Welt. Im 19. Jahrhundert übernahmen Muslime westliche Werte mit ihrer damals drastischen Verdammung homosexuellen Fühlens und Handelns und fingen an zu glauben, dass die scheinbar «lockere» Moral ihrer Vorfahren dafür verantwortlich sei, dass die islamische Welt nicht mit der westlichen Moderne schritthalten konnte. Heute fordert die westliche Welt - durchaus zurecht – in der islamischen Welt Schwulenrechte ein und hält – durchaus zu Unrecht – die dortige Homophobie für typisch islamisch, obwohl sie weitgehend ein Europa-Import ist. Übrigens sind homosexuelle Handlungen noch immer in der Mehrzahl der arabischen Staaten straffrei. Dort, wo es Strafbestimmungen gibt, sind diese meist nicht aus der Shari’a abgeleitet, sondern aus dem britischen Recht übernommen. Im Britischen Recht gelten sie natürlich heute nicht mehr, und den britischen Ursprung hat man in den islamischen Ländern längst vergessen. Dort und im Westen gelten sie heute als typisch islamisch – ein sehr drastischer Fall von Asynchronizität.
3. Wiederum Ähnliches gilt auch für die heute in vielen islamischen Ländern so auffällige Prüderie. Dieser Prüderie fallen nicht etwa nur westliche Druckerzeugnisse zum Opfer, vielmehr erstreckt sich die Zensur gerade auch auf klassische Texte wie die Gedichte von Abu Nuwas aus dem 8. Jahrhundert oder die Sammlung der 1001 Nacht. In Münster wird gerade das poetische Werk des «Baumeisters» al-Miamar ediert. Die Gedichte dieses Volksdichters sind frech, frivol und sexually explicit, und machen vor Scherzen mit religiösen Dingen keinen Halt. Im 14. Jahrhundert wurde al-Miamar von seinen Zeitgenossen – auch von den Religionsgelehrten – hoch geschätzt. Heute hätte seine Gedichtsammlung kaum eine Chance, in einem arabischen Land gedruckt zu werden. Wenn nun aber erotische Texte aller Couleurs über tausend Jahre lang in der islamischen Welt geschätzt und geachtet waren, kann Prüderie schlechterdings nicht zum Wesen des Islams gehören, auch wenn viele Menschen sowohl im Westen als auch in der islamischen Welt dies glauben wollen.
Doch wieder erblickt der Westen im Spiegel des Islams sein eigenes Bild, das er aber nicht mehr erkennen kann oder will.
Strukturveränderungen
Noch komplizierter wird es, wenn nicht einzelne Werte, einzelne Vorstellungen oder einzelne Institutionen vom Westen übernommen werden, sondern ganze Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, die den Umgang mit der eigenen Tradition vollständig verändern. Solche Strukturveränderungen innerhalb der cognitive maps sind naturgemäß schwer zu erkennen und man muss doch wieder auf das philologische Prinzip zurückgreifen, die Texte, die die Menschen einer Kultur hinterlassen, ernst zu nehmen und nicht zu versuchen, sie aus eurozentrischem Blickwinkel zu interpretieren.
Tut man dies, dann entdeckt man eine strukturelle Gemeinsamkeit hinter den geschilderten Phänomenen. Dieses gemeinsame Element, das den Unterschied zwischen dem modernen und dem vormodernen Islam am stärksten charakterisiert, ist das allmähliche Zurückdrängen der alten Ambiguitätstoleranz1, die den klassischen Islam über lange Zeit in einer ganz besonderen Weise charakterisierte. Während man in der islamischen Welt einst Vieldeutigkeit schätzte und sie lediglich auf ein handhabbares Maß reduzieren, nicht aber ausmerzen wollte, ist man in der westlichen Moderne bestrebt, Ambiguitäten so weit wie möglich zu beseitigen. Die klassische islamische Form der «Ambiguitätszähmung» wurde in der Moderne abgelöst durch den Versuch einer radikalen «Ambiguitätsvernichtung». Lediglich in Kunst und Literatur hat man der Ambiguität ein Reservat eingerichtet, in dem sie sich austoben kann, ohne weiteren Schaden anzurichten.
Nur wenige Beispiele: Der Korantext: Die klassische Lehre von den Koranlesarten geht davon aus, dass der Koran in einer großen Zahl verschiedener Lesarten von Gott offenbart wurde. Der Koran ist also sozusagen mitsamt seinem Variantenapparat göttlicher Text. Um diese Komplexität auf ein handhabbares Maß zu reduzieren, hat man sich darauf geeinigt, für kultische und juristische Zwecke lediglich sieben oder zehn dieser Lesarten heranzuziehen. Sie gelten alle als gleicher-maßen gut und gültig.
Heute stößt diese Pluralität von Lesarten auf Unverständnis, und zwar sowohl bei liberalen als auch bei fundamentalistischen Muslimen. Sowohl Reformmuslime wie der Pakistaner Shehzad Saleem als auch Fundamentalisten wie al-Maududi bestreiten häufig sogar die bloße Existenz verschiedener Lesarten. Im Internet schlagen sich protestantische Islammissionare und muslimische Islamverteidiger die Lesarten des Korans und die Varianten des Bibeltextes wechselseitig um die Ohren, um die heiligen Texte der jeweils anderen Religion als unzuverlässig zu entlarven. Varianten passen offensichtlich nicht zu einer modernen, ideologisch konsistenten Religion.
Nicht anders sieht es aus, wenn es um die Interpretation des Korantextes geht. Klassische Kommentatoren waren stolz, möglichst viele Interpretationen einer Koranstelle zusammenzutragen, von denen sowohl jede einzelne wahr sein konnte als auch mehrere gleichzeitig. Für den klassischen Gelehrten Ibn al-Djazari (gest. 1429) ist die Interpretationsoffenheit ein wesentliches, gottgewolltes Merkmal des Korans: Die Gelehrten ... hörten seit der Frühzeit niemals auf und werden bis zum Ende der Zeit nicht aufhören, aus dem Koran (rechtliche) Hinweise, Argumente ... [und] Einsichten ... abzuleiten, die noch kein Früherer erkannt hatte, ohne ihn deshalb für die Späteren auszuschöpfen. Vielmehr ist der Koran ein gewaltiges Meer, in dem man nie auf Grund stößt und nie durch ein Ufer zum Halt gebracht wird. Deshalb benötigt diese Gemeinde auch nach ihrem Propheten – ... – keinen weiteren Propheten mehr, wie das mit den früheren Völkern der Fall war ....»
Frühere Völker brauchten also sozusagen immer wieder ein update der göttlichen Botschaft, weil sich die Verhältnisse geändert hatten. Nach Ibn al-Djazari braucht es so ein update nicht mehr, weil jede Generation im Koran das findet, was sie braucht und was vorherige Generationen so noch nicht sehen konnten. Gerade durch seine Vieldeutigkeit ermöglicht der Koran für Ibn al-Djazari stets eine jeweils zeitgemäße Interpretation. Das klingt sehr modern, doch ist diese Interpretationsoffenheit vielen Muslimen unserer Tage – sowohl wiederum liberalen als auch fundamentalistischen – ein Dorn im Auge. Sie glauben jeweils, die einzige, für alle Zeiten wahre Bedeutung jeder Koranstelle zu kennen. Auch westliche Islambeobachter wollen keinen interpretationsoffenen Text sehen, sondern wollen – so das Zitat aus der «Zeit» – genau wissen, was die Aussagen des Korans in «Wirklichkeit» bedeuten. Die Ambiguität des Korans, die in klassischer Zeit gepriesen und genossen wurde, gilt heute als Makel, wenn sie nicht vollends verleugnet wird.

*Seit 2000 Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 2002-2006 Direktor des «Centrums für Religiöse Studien» der Universität Münster. 2006-2007 Fellow am Wissenschaftskolleg Berlin
1. Ambiguität: Mehr-,  Doppeldeutigkeit von Wörtern, Werten, Symbolen, Sachverhalten

 

verfasst von Thomas Bauer* Universität Münster,  24.09.2011, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 196 (08/2011)
Kommentare zu diesem Artikel
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 196 (08/2011)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Home - Themen - Archipel - Über das forumcivique - Shop - Mitmachen - Spenden

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo