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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Nazigegner verfolgt

Begleitet von entsprechenden Hetztiraden in den Medien, ermitteln die litauischen Justizbehörden derzeit gegen jüdische Widerstandskämpfer, die den faschistischen Okkupanten Paroli geboten haben. Der Vorwurf: Verbrechen an Litauern. Unmittelbar betroffen sind die in Israel lebenden Yitzhak Arad und Rachel Margolis sowie die in Vilnius lebenden Fania Brantsovsky und Sara Ginaite. Gemeint sind alle Juden, die mit kommunistischen Partisanen kooperiert haben.


 


Anfang des Jahres eröffnete die rechtskonservative überregionale Tageszeitung Lietuvos Aidas die Kampagne mit der rhetorischen Frage «Warum stellt niemand Fania Brantsovsky vor Gericht?» Brantsovsky hatte sich 1943 der «Vereinigten Partisanen-Organisation» FPO angeschlossen; heute arbeitet sie im Jüdischen Museum Vilnius. Das Blatt wirft ihr vor, sie habe gemeinsam mit «sowjetischen Terroristen» im Januar 1944 die Einwohner des Dorfes Kaniukai umgebracht. Dabei stützt es sich auf die Memoiren der früheren Partisanin Margolis und fordert, diese als Zeugin zu laden. Eine Anklage fordern zahlreiche Medien auch gegen Yitzhak Arad, der als Jugendlicher in der Markov-Brigade gekämpft hatte (Deckname «Tolya») und von 1972 bis 1993 Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem war. Arad schreibt in seinen Büchern über Angriffe auf litauische Kollaborationseinheiten. Seine Gegner schlussfolgern messerscharf, er habe Litauer ermordet. Die Justiz hat die Kampagne gegen die als «Mörder» und «Terroristen» diffamierten Nazigegner aufgegriffen. Brantsovsky wurde aufgefordert, als Zeugin gegen ihre Kameraden zu auszusagen. Im Mai dieses Jahres erschien die Polizei mehrfach am Nebenwohnsitz von Rachel Margolis in Vilnius, um sie zu «befragen». Weil Margolis aber in Israel lebt, hat die Polizei statt ihrer die Direktorin des Jüdischen Museums, Rachel Konstanian, ausgefragt. Arad hat noch keine offizielle Benachrichtigung, weiß aber aus litauischen Quellen, dass «antisowjetische Gruppen» ihn angezeigt haben und die Behörden ihn vernehmen wollen. Das sagte er der Zeitung Jewish Chronicle. Nach jW-Informationen wird auch gegen die Widerstandskämpferin Sara Ginaite ermittelt.


Dabei ist die krude antisemitische Ausrichtung von Lietuvos Aidas offensichtlich: Die Kampagne begann ausgerechnet am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Allen Ernstes behauptet das Blatt, die «Endlösung» sei vom «100-Prozent-Juden» Adolf Eichmann ersonnen worden; auch die Nazigrößen Heydrich, Himmler, Bormann seien Juden gewesen. Stalin, ebenfalls unter jüdisch-zionistischem Einfluss stehend, habe geholfen.


Komplett ausgeblendet wird dagegen, dass Litauen eine Hochburg der Nazikollaboration war. Die «Belastungszeugin» Margolis berichtet tatsächlich über Kaniukai – und zwar über den Angriff auf eine «Nazigarnison». In der Lesart von Lietuvos Aidas freilich handelte es sich um einfache Bauern, die gegen die «Plünderungen durch rote Terroristen» eine «Selbstverteidigung» organisiert hätten – das ist ziemlich genau der Sprachgebrauch der Nazizeit. Dass die Justiz dennoch ermittelt, zeugt vom antikommunistischen Klima in Litauen: Wer als Jude überleben wollte, konnte das nur im gemeinsamen Kampf mit Kommunisten bzw. Rotarmisten.


Die Beschuldigten sind entsetzt von den Vorwürfen und lehnen die Mitwirkung an der Justizposse ab. In der Jerusalem Post vom 28. Mai sagte Arad: «Sie wollen die Geschichte neu schreiben». Die Mörder der Juden sollen als Helden Litauens dargestellt werden und die wenigen Überlebenden als Kriminelle. Brantsovsky steht zu ihrer Teilnahme am Widerstand: «Es war eine Frage der Ehre.» Sie habe nicht vor, aus Litauen zu emi-grieren. «Ich habe einmal gekämpft, ich kann wieder kämpfen.»


Das Simon-Wiesenthal-Zentrum Jerusalem wirft den litauischen Behörden eine Kampagne gegen «jüdische Helden des antinazistischen Widerstandes» vor, deren Ziel es sei, von den unzähligen Verbrechen von Litauern an Juden abzulenken. Nach der Unabhängigkeit 1990 sei in Litauen nicht ein einziger Naziverbrecher eingesperrt worden.


 


 


Quelle: junge welt vom 2. Juli 2008

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 163 (09/2008)

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