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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Piratenutopien

 Während des «goldenen Zeitalters» des Piratentums im 17. und 18. Jahrhundert plünderten die ersten , Ausgeschlossene der Zivilisation, die Schifffahrtsrouten zwischen Europa und Amerika. Auf Landenklaven und in Freihäfen, die sich auf Inseln oder entlang der Küsten außerhalb der Reichweite der Zivilisation befanden, entstanden auf diese Weise «Piratenutopien». (1. Teil*)
Von diesen Mini-Anarchien - «temporär autonomen Zonen» – aus unternahmen sie so erfolgreiche Angriffe, dass es zu einer kaiserlichen Krise kam, weil sie den britischen Handel mit den Kolonien und das in Entwicklung begriffene System der globalen Ausbeutung, der Sklaverei und des Kolonialismus lahm legten.1
Wir können uns leicht den Reiz des Lebens auf dem Meer vorstellen, wo man niemandem Rechenschaft schuldig ist. Die euro-amerikanische Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts war eine Gesellschaft des aufstrebenden Kapitalismus, des Krieges, der Sklaverei, der Vertreibung der Bauern von kommunalem Boden2, des Hungers und der Armut Seite an Seite mit unvorstellbarem Reichtum. Die Kirche dominierte alle Aspekte des Lebens, und Frauen hatten nur wenige Möglichkeiten außerhalb der Unterwerfung in der Ehe. Man konnte in die Marine gezwungen werden und musste weitaus schlimmere Bedingungen ertragen als die an Bord eines Piratenschiffes: «Bedingungen für normale Seeleute waren zugleich hart und gefährlich - und die Bezahlung war schlecht. Die Strafen, die dem Schiffsoffizier zur Verfügung standen, schlossen Fesselung, Auspeitschen und Kiel-Holen – bei dem das Opfer mittels eines Seils von einer Seite unter dem Rumpf des Schiffes auf die andere Seite gezogen wurde - ein. Kiel-Holen war eine Strafe, die oft tödlich endete.»3 So wie Dr. Johnson treffend bemerkte: «Niemand wird Matrose, der es bewerkstelligen könnte, stattdessen ins Gefängnis zu kommen. Denn auf einem Schiff zu sein, ist als wäre man im Gefängnis mit der zusätzlichen Gefahr zu ertrinken ... Ein Mann im Gefängnis hat mehr Platz, besseres Essen, und im Allgemeinen bessere Gesellschaft.» 4
Im Gegensatz dazu schufen sich die Piraten ihre eigene Welt, in der sie selbst Entscheidungen treffen konnten- eine Welt der Solidarität und Brüderlichkeit, in der sie gemeinsam die Risiken und Vorteile des Lebens auf See teilten, ihr Leben in die eigene Hand nahmen und es somit vermieden, als Instrument für die Akkumulation toten Eigentums der Kaufleute benutzt zu werden. So schrieb Lord Vaughan, der Gouverneur von Jamaica: «Indien ist so weit und reich, und diese Art von Raub so mild, dass es eine der schwersten Sachen der Welt ist, diejenigen davon weg zu bekommen, die das so lange betreiben.»5

Der Aufstieg der Freibeuterei

Die Ära des euro-amerikanischen Piratentums wurde durch die Entdeckung der Neuen Welt und des riesigen spanischen Imperiums in Amerika eingeleitet. Neue Technologien ermöglichten lange Seereisen, die regelmäßig und mit größter Genauigkeit durchgeführt wurden. Die aufkommenden Imperien kontrollierten nicht so sehr das Land, sondern vor allem die Meere. Die Spanier waren die Weltmacht des 16. Jahrhunderts, blieben jedoch nicht lange allein: Franzosen, Niederländer und Engländer gaben sich alle Mühe, die Spanier im Kampf um die Macht zu überholen. Dazu nutzten sie die Piraterie, um die verhassten Spanier anzugreifen und ihre eigenen Kassen mit den großen Reichtümern zu füllen, welche die Spanier den Ureinwohnern Amerikaners gestohlen hatten. In Kriegszeiten war das Rauben legal, aber ansonsten war es einfach Piraterie mit staatlicher Unterstützung (oder zumindest Duldung). Im Laufe des 17. Jahrhunderts überholten die wachsenden Imperien schließlich die Spanier und etablierten sich. Mit den neuen Technologien wurde die Schifffahrt nicht mehr nur für Luxusgüter verwendet, sondern zur Grundlage eines internationalen Handels-Netzwerkes, das wesentlich zur Entstehung und zum Wachstum des Kapitalismus beitrug. Die massive Ausweitung des Seehandels in diesem Zeitraum brachte zwangsläufig auch eine große Zahl von Seeleuten hervor - eine neue Klasse von Lohnarbeitern, die es zuvor nicht gab.
Für viele von ihnen war das Piratentum eine attraktive Alternative zur harten Realität der Handels- oder  Kriegsmarine.
Mit Entwicklung der neuen Imperien - vor allem des britischen Empire - änderte sich die Haltung gegenüber der Piraterie: «Die lebenslustigen Freibeuter gefallen den nüchternen Kaufleuten und kaiserlichen Beamten nicht. Ihre muffige Welt der Bilanzen und Berichte steht in heftigen Konflikten mit der der Piraten». Die herrschende Klasse erkannte, dass ein stabiler, geordneter und regelmäßiger Handel den Interessen einer ausgereiften imperialen Macht weit besser diente als Piraterie. So wurde die Freibeuterei gezwungen, sich im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert weiterzuentwickeln. Piraten waren nicht mehr staatlich geförderte Gentleman-Abenteurer wie Sir Francis Drake, sondern geflohene Lohnsklaven, Meuterer, ein multi-ethnischer Schmelztiegel rebellischer Proleten. Wo es einst unscharfe Konturen zwischen der legitimen kommerziellen Tätigkeit und der Piraterie gab, fanden sich jetzt Piraten mit nur noch wenigen ihrer alten Freunde wieder und wurden immer öfter als «Rohlinge und Raubtiere» angesehen. Als die Mehrheitsgesellschaft die Piraten verstieß, wurden auch sie immer radikaler in ihrer Ablehnung dieser Gesellschaft. Von diesem Zeitpunkt an waren Piraten diejenigen, die ausdrücklich den Staat und seine Gesetze zurückwiesen und ihm den offenen Krieg erklärten.
Die Piraten wurden von den Machtzentren zurückgestossen, als die amerikanischen Kolonien, die ursprünglich außerhalb der staatlichen Kontrolle und relativ autonom waren, in den imperialen Handel und die Regierungsgeschäfte integriert wurden. Es entwickelte sich eine tödliche Spirale zunehmender Gewalt, als Angriffe des Staates von den Piraten rachsüchtig beantwortet wurden, was zu noch größerem staatlichen Terror führte6.

«Ein Misthaufen…»

Die karibischen Inseln waren in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Schmelztiegel der rebellischen und verarmten Einwanderer aus der ganzen Welt. Es gab Tausende deportierter Iren, Bettler aus Liverpool, royalistische schottische Gefangene, gestrandete Piraten, Wegelagerer, verbannte Hugenotten und Franzosen, vogelfreie religiöse Dissidenten und Häftlinge aus verschiedenen Aufständen und Verschwörungen gegen den König.
Die vor-anarchistischen revolutionären Bewegungen des Bürgerkriegs der 1640er Jahre in Grossbritannien waren unterdrückt worden, als das große Zeitalter der Piraterie im späten 17. Jahrhundert begann. Aber es gibt einige Anzeichen dafür, dass einige der Digger, Ranter, Muggletonians, Fifth Monarchy Men etc.7 nach Amerika und in die Karibik flohen, wo sie die aufständischen Piraten inspirierten oder sich ihnen anschlossen. In der Tat ließ sich eine Gruppe von Piraten in Madagaskar an einem Platz nieder, dem sie den Namen Ranters Bay gaben8. Nach der Niederlage der Levellers im Jahre 1649 bot John Lilburne an, seine Anhänger in den Westen der Antillen zu führen, wenn die Regierung dafür bezahlen würde. Es scheint auch, dass die Ranter und Digger mehr Zeit in Amerika verbrachten als in Großbritannien, woher sie kamen – bis in die 1690er wurde von Ranters in Long Island berichtet.
Dies ist nicht verwunderlich, da die Neue Welt von Großbritannien als Strafkolonien für unzufriedene und rebellische Arme verwendet wurde. Im Jahr 1655 wurde Barbados als «ein Misthaufen, auf den England seinen Müll warf» beschrieben. Unter diesen Unerwünschten gab es zahlreiche Radikale – diejenigen, die den Funken für die Revolution 1640 gaben.
«Perrot, der bärtige Ranter, der es ablehnte seinen Hut vor dem Allmächtigen zu lüften, endete in Barbados» genau wie viele andere, z.B. der Intellektuelle Joseph Salmon. Dass die Karibik zu einem Zufluchtsort für Radikale geworden war, blieb nicht unbemerkt: 1656 riet Samuel Highland dem Parlament, den ketzerischen Quaker James Nayler nicht zu verschleppen, damit er nicht andere Siedler «infiziere». Es war zu dieser Zeit klar, dass die neuen britischen Kolonien im Westen als Oase der religiösen und politischen Freiheit angesehen wurden. Sie lagen außerhalb der Reichweite von Recht und Autorität9. Bevor die europäischen Kaufleute den afrikanischen Sklavenhandel entdeckten, wurden Tausende Europäer der armen und arbeitenden Klassen verschifft, um in den neuen Kolonien als Vertragsarbeiter zu dienen – ein interner Sklavenhandel. Der einzige Unterschied zwischen dem Handel mit Knechten und dem afrikanischen Sklavenhandel war, dass in der Theorie die Sklaverei dieser Einwanderer nicht als ewig und erblich galt. Allerdings wurden viele betrogen, und ihre Verträge auf unbestimmte Zeit verlängert, so dass sie nie ihre Freiheit wieder erlangten. Sklaven, eine Investition fürs Leben, wurden oft besser behandelt als die Knechte10. Allerdings hatten die Herren große Mühe, ihre Diener fest zu halten, da sie zu fliehen versuchten, um sich den Einheimischen anzuschließen und ihre Freiheit auf den unzähligen Inseln der Antillen oder an abgeschiedenen Teilen der Küste oder des Dschungels zu suchen. Dort bildeten sie selbstverwaltete Banden oder Gruppen von Ausgesetzten und Ausreißern, wobei sie in vielerlei Hinsicht die eingeborenen Völker vor Ort imitierten. Diese Männer – Matrosen und Soldaten, Sklaven und Knechte – bildeten die Grundlage für die Freibeuterei in der Karibik, die im 17. Jahrhundert entstand. Sie behielten ihre egalitären Stammesstrukturen bei, wenn sie auf dem Meer waren. Während ihre Zahl wuchs und immer mehr Seeleute die rote Fahne hissten, wurden die Angriffe auf die Spanier immer kühner. Nach einem gelungenen Piratenstück gingen sie in eine Stadt wie Port Royale in Jamaika, wo sie ihr ganzes Geld in einem großes Gelage verschleuderten, bevor sie zu ihrem Jäger-Sammler-Dasein auf die Inseln zurückkehrte11.
Es gab natürlich auch bis zu 80.000 schwarze Sklaven, die auf den Plantagen arbeiteten, wo es häufig zu blutigen Revolten kam, genauso wie bei den letzten verbliebenen indianischen Bewohnern der Inseln. Im Jahr 1649 fiel ein Sklavenaufstand auf Barbados mit einem Aufstand weißer Diener zusammen. Einem ähnlichen Muster zufolge vereinigten sich die Iren 1655 mit den Schwarzen zu einer Revolte. Es gab ähnliche Aufstände auf den Bermudas, St. Christoph und Montserrat, während sich in Jamaika Monmouthite-Rebellen mit Indigenas zu einem Aufruhr zusammenschlossen. Dieser Mischmasch der Besitzlosen wurde im Jahr 1665 beschrieben als: «Galgenvögel, Aufrührer, im besten Fall Faulpelze und nur für die Minen zu gebrauchen.» Und eine Dame der Kolonien von Antigua fügte hinzu: «Das sind alles Sodomiten.»
Dies war die brodelnde multiethnische Brutstätte des Zorns, in die unsere verschleppten oder freiwillig verbannten Ranter, Digger und andere eintauchten, und aus welcher das große Zeitalter des europäisch-amerikanischen Piratentums in der Karibik um die Mitte des 17. Jahrhunderts Gestalt annahm12.
Do or Die

10. Jenifer G. Marx - Brethren of the Coast‘ in Cordingly (ed.) - Pirates; Ritchie Op.cit.; Ritchie Op.cit.
11. Richard Platt and Tina Chambers (Photographer) - Pirate (Eyewitness Books) (London, Dorling Kindersley, 1995; Ritchie Op.cit.
12. Hill Op.cit.

* Das Britisches Kollektiv Do or Die, gibt eine gleichnamige Zeitschrift für radikale Ökologie heraus. Dieser Text wurde in ihrer Nr. 8 (2001) veröffentlicht. Übersetzung FTP, Korrekturen Archipel. Kein copyright. www.eco-action.org/dod/index.html
1. Die East India Company beispielsweise wurde 1690 durch Freibeuterei fast zum Kollaps gebracht: Robert C. Ritchie - Captain Kidd and the War against the Pirates.
2. Der Erlass zur Landnahme erlaubte die Privatisierung kommunaler Güter, genauer Kommunaler Böden, die vorhergehend von den Bauern und Bewohnern als Gemeingut erklärt worden waren. (Anm. Archipel)
3. Larry Law - Misson and Libertatia, (London, A Distribution/Dark Star Press, 1991)
4. Marcus B. Rediker - Between the Devil and the Deep Blue Sea: Merchant Seamen, Pirates and the Anglo- American Maritime World 1700-1750
5. Rediker Op.cit, Ritchie Op.cit.
6. Rediker Op. zit.: «je mehr Piraten gefangen und gehängt wurden, desto größer wurde die Grausamkeit der Überlebenden»; Ritchie Op.cit.
7. Die verschiedenen Gruppen der protestantischen Radikalen: Die Digger (Gräber) versuchten die soziale Ordnung durch einen rein landwirtschaftlichen Lebensstil zu reformieren (sie widersetzten sich dem Erlass zur Landnahme) autonom und gleichberechtigt. Die Ranter versuchten eine Änderung der Werte, die Abschaffung des Privateigentums und der Ehe. Die Muggletonier verfolgten ein Ideal der Gleichheit und bestanden zu einem großen Teil aus Frauen. Die Fifth Monarchy Men wollten eine Regierung, die ausschließlich aus Heiligen bestehen sollte. (Anm. Archipel)
8. Marcus B. Rediker - Libertalia: The Pirate‘s Utopia’ in David Cordingly (ed.) – Pirates
9. Christopher Hill - Radical Pirates?‘ in Collected Essays; Peter Lamborn Wilson - Caliban‘s Masque: Spiritual Anarchy and the Wild Man in Colonial America’, in Sakolsky and Koehnline (eds.) - Gone to Croatan: The Origins of North American Dropout Culture (New York/Edinburgh, Autonomedia/AK Press, 1993); Ritchie Op.cit.

 

 

 

 

 

verfasst von Do or Die,  15.12.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 187 (11/2010)

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