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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Piratenutopien

Während des «goldenen Zeitalters» der Piraterie im 17. und 18. Jahrhundert plünderten Besatzungen von früheren proletarischen Rebellen und Aussteigern aus der Zivilisation die lukrativen Schifffahrtsrouten zwischen Europa und Amerika.
Auf Landenklaven und in Freihäfen, die sich auf Inseln oder entlang der Küstenlinie außerhalb der Reichweite der Zivilisation befanden, entstanden auf diese Weisen «Piratenutopien». Vierter Teil.
Die Piraten scheinen sich sehr viel mehr amüsiert zu haben als ihre Kameraden auf den Handels- und Kriegsschiffen. Sie organisierten rauschende Feste. 1669 ließen die Bukaniere von Henry Morgan in der Nähe der Küste von Hispaniola ihr eigenes Schiff während eines besonders wilden Festes untergehen. Sie hatten irgendwie das Schießpulver im Lager angezündet und die daraus resultierende Explosion zerstörte das Schiff vollständig. Bei manchen Reisen «floss der Alkohol in Strömen», und für viele Matrosen war das Versprechen des immer zugänglichen Grogs einer der wichtigsten Gründe, die Handelsmarine zu verlassen und Pirat zu werden. Manchmal kehrte sich das jedoch zu ihrem Nachteil – eine Piratengruppe brauchte drei Tage, um ein Handelsschiff zu kapern, weil nicht genügend nüchterne Männer zur Verfügung standen. Die Seeleute im Allgemeinen hassten Reisen ohne Alkohol – einer der wichtigsten Gründe war, dass das Wasser in den Tropen manchmal Lebewesen enthielt, die zwischen den Zähnen gefiltert werden mußten.1
Ohne Musik war ein Piratenfest seines Namens nicht würdig. Die Piraten waren bekannt für ihre Liebe zur Musik und engagierten oft Musiker für die Dauer einer Reise. Während der Verurteilung der Crew von «Schwarzbart» Bartholomew Roberts im Jahr 1722 wurden zwei Männer freigesprochen, weil sie einfache Musiker waren. Die Piraten scheinen die Musik auch während der Kämpfe eingesetzt zu haben. Es wurde gesagt, daß die Arbeit von einem der beiden, James White, «darin bestand, im Moment des Kampfes Musik zu spielen.»2
Für einige erstreckte sich die Freiheit, welche die Piraterie ihnen im Gegensatz zu der Welt der Zwänge bot, auch auf die Sexualität. Die europäische Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts war sehr homophob. Die Royal Navy führte regelmäßig brutale Kampagnen gegen Homosexuelle auf den Schiffen durch, an Bord derer die Männer über Jahre zusammengesperrt waren. Auf den Handels- und Kriegsschiffen betrachtete man Sexualität einerseits und Arbeit und Disziplin an Bord andererseits als miteinander nicht vereinbar.
In seinem Buch behauptet B. R. Burg, dass die Hälfte der Piraten homosexuell war, und selbst wenn es nicht genügend Beweise gibt, um diese Theorie zu stützen, so kann man davon ausgehen, dass eine Piratenkolonie der sicherste Ort für diese Praktiken war. Am Anfang lebten einige der Bukaniere aus Hispaniola und Tortuga in einer Art homosexueller Vereinigung, die unter dem Namen Matelotage bekannt wurde, bei der sie ihre Güter zusammenlegten und der Überlebende den Teil seines Kameraden erbte, wenn dieser starb. Selbst als die Frauen zu den Bukanieren gestoßen waren, bestand dieses Konstrukt weiter, in dem ein Matrose seine Frau mit seinem Kameraden teilte. Louis le Golif beschwerte sich in seinen Memoiren über die Homosexualität auf Tortuga, wo er sich zweimal duellieren musste, um die hitzigen Werber von sich fern zu halten. Letztendlich ließ der französische Gouverneur von Tortuga hundert Prostituierte kommen in der Hoffnung, die Bukaniere von ihren Praktiken abzubringen. Der Piratenkapitän Robert Culliford hatte einen «großen Gemahl», John Swann, mit dem er lebte. Manche Piraten kauften sich «schöne Jungen», um sie zu ihren Begleitern zu machen. Auf einem Piratenschiff wurde ein junger Mann, dessen homosexuelle Neigung entdeckt worden war, in Eisen gelegt und misshandelt. Aber offenbar handelte es sich hierbei um eine Ausnahme. Es ist auch bedeutsam, dass in keiner Charta der Piraten Artikel gegen Homosexualität auftauchen.3

Piratenfrauen

Das Leben in Freiheit unter der schwarzen Fahne, dem Jolly Roger, dehnte sich auch auf eine weitere Gruppe aus: die Piratenfrauen. Es war im 17. und 18. Jahrhundert nicht so selten, Frauen am Steuer zu sehen. Es gab eine alte Tradition von Frauen, die sich verkleideten, um zu Reichtum zu gelangen, oder ihrem Mann oder Liebhaber auf See zu folgen. Natürlich wissen wir nur von denjenigen, die auch als solche erkannt wurden. Ihre Schwestern, die mehr Glück hatten, navigierten anonym. Dennoch waren Frauen an Bord der Piratenschiffe eher selten. Ironischerweise hat dies wahrscheinlich zu ihrem Fall beigetragen. Es war relativ einfach für den Staat, die Piratengemeinschaft zu vernichten, weil diese weit verstreut und von Grund auf zerbrechlich war. Für die Piraten war es schwer, eine Nachkommenschaft zu haben. Im Vergleich dazu hatten die Piraten des südlichen chinesischen Meers mehr Glück und dauerten länger. Sie waren in Familiengruppen organisiert, welche die Männer, Frauen und Kinder auf die Schiffe verteilte – so dass sich immer eine neue Piratengeneration entwickeln konnte.4
So wie die Piraten sich generell in Opposition zu den sozialen Beziehungen des beginnenden Kapitalismus des 17. und 18. Jahrhunderts befanden, entdeckten einige Frauen in der Piraterie eine Art und Weise, gegen die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern zu rebellieren. Die 1636 in England geborene Charlotte du Berry folgte ihrem Mann beispielsweise in die Kriegsmarine, indem sie sich als Mann verkleidete. Nachdem sie auf einem Schiff, das Richtung Afrika unterwegs war, vergewaltigt worden war, führte sie eine Meuterei gegen den Kapitän an, der sie vergewaltigt hatte, und enthauptete ihn mit einem Dolch. Sie wurde Piratenkapitän, und ihr Schiff kreuzte vor der afrikanischen Küste, um mit Gold beladene Schiffe zu kapern. Es gab auch andere Piratenfrauen mit weniger Glück. 1726 verurteilten die Behörden von Virginia Mary Harley (oder Harvey) sowie drei Männer wegen Piraterie. Die drei Männer wurden zum Tod durch den Strick verurteilt, aber Harley wurde freigelassen. Thomas, Marys Mann und ebenfalls Pirat, scheint der Gefangennahme entgangen zu sein.5
Die Piratenfrauen, über die wir am meisten zu berichten wissen, sind Anne Bonny und Mary Read.
Anne Bonny war das uneheliche Kind einer irischen Kellnerin und wuchs als Junge verkleidet auf, wobei ihr Vater vorgab, dass sie ein Kind war, dessen Eltern sie ihm anvertraut hatten. Er nahm sie nach Charleston in Südcarolina mit, wo es nicht mehr nötig war, ihre wahre Identität zu verschleiern. Ann wurde eine «robuste» Frau mit einem «wilden und mutigen Temperament». In der Tat, als «eines Tages ein junger Mann gegen ihren Willen mit ihr schlafen wollte, schlug sie ihn so stark, dass er lange Zeit bettlägerig blieb.» Daraufhin flüchtete sie sich in die Karibik, wo sie sich in einen Mann namens «Calico» Jack Rackham (man nannte ihn wegen seiner merkwürdigen und altertümlichen Kleidung so) verliebte. Anne und «Calico» Jack «entdeckten, dass sie nicht auf ehrlichem Weg miteinander glücklich sein konnten und beschlossen zu fliehen und gegen den Rest der Welt ihr Glück zu suchen.» Zusammen raubten sie ein Schiff aus einem Hafen und in den zwei folgenden Jahren war Anne zeitgleich die Geliebte des Piraten und an seiner Seite die Anführerin einer Mannschaft, welche die Schiffe der Karibik und der Küstengewässer Amerikas ausraubte.6
Mary Read war ein uneheliches Kind und wurde von ihrer Mutter wie ein Junge großgezogen, um sie vor ihrer Familie als ihren legitimen Sohn auszugeben. Sie musste sich abhärten und war als Jugendliche bereits «kühn und stark». Mary scheint ihre männliche Identität genossen zu haben. Sie heuerte auf einem Kriegsschiff an und später als englischer Soldat im flandrischen Krieg. Am Ende des Krieges ging sie auf ein holländisches Schiff, das in Richtung Karibik fuhr. Als ihr Schiff von der Piratencrew von «Calico» Jack Rackham, auf der auch Anne Bonny lebte, gekapert wurde, beschloss sie, ihr Glück bei den Piraten zu suchen. Sie gewöhnte sich an dieses Leben und verliebte sich in eines der Mitglieder der Mannschaft.
Eine der Zeuginnen bei dem späteren Prozess gegen die Piratenfrauen, Dorothy Thomas, die von den Piraten gefangen genommen worden war, bestätigte, dass die Frauen «Männerjacken, lange Hosen und um den Kopf geknüpfte Schals trugen und dass jede von ihnen eine Machete und eine Pistole trug». Auch wenn Bonny und Read Männerklamotten trugen, täuschten sie ihre Gefangene nicht. Für sie war «der Grund, warum sie wusste, dass es sich um Frauen handelte, die Größe der Brüste».
Die anderen Gefangenen der Piraten berichteten, dass Bonny und Read «alle beide sehr ausschweifend waren, nicht aufhörten zu fluchen und immer bereit und willens zu tun, was an Bord zu tun war». Beide Frauen scheinen von einem Aufstieg profitiert zu haben; so waren sie zum Beispiel ein Teil der Entermannschaft – eine Rolle die nur den mutigsten und respektiertesten Mannschaftsmitgliedern übertragen wurde. Sobald die Piraten «ein Schiff erspähten, es verfolgten oder angriffen» trugen die zwei Frauen «Männerklamotten» und bei allen anderen Gelegenheiten «trugen sie Frauensachen».7
Rackham, Bonny und Read wurden zusammen von einem britischen Schiff gefangen genommen, das im Jahr 1720 Jamaika verließ. Die Mannschaft des Piratenschiffs war völlig betrunken (was normal war) und versteckte sich im Frachtraum – nur ein einziger unter ihnen hatte, außer Read und Bonny, den Mut zu kämpfen. Enttäuscht feuerte Mary Read mit ihrer Pistole in Richtung des Lagerraums, «tötete ein Mannschaftsmitglied und verletzte mehrere weitere». 18 Männer der Mannschaft waren bereits zum Tod durch Hängen verurteilt, als die Frauen vor das Tribunal geführt wurden. Drei der Männer, unter ihnen Rackham, wurden später an ausgewählten Orten gehängt, um den anderen Matrosen, die an den verwesenden Körpern vorbeikamen, als Abschreckung zu dienen. Mary Read beharrte jedoch darauf, daß «mutige Männer» – wie sie – vor dem Tod keine Angst hatten. Der Mut war eine der wichtigsten Tugenden unter den Piraten, da nur der Mut es ihnen erlaubte zu überleben. Jack Rackham war vom Quartiermeister zum Kapitän aufgestiegen, weil der zuständige Kapitän Charles Vane von seiner Mannschaft wegen Feigheit abgesetzt worden war. Deshalb war es für Rackham ein schändlicher Tod, als Anne Bonny ihm, bevor er gehängt wurde, sagte, dass er, «wenn er wie ein Mann gekämpft hätte, nicht wie ein Hund gehängt werden würde». Bonny und Read entgingen beide der Exekution, weil sie beteuerten, «dass sie ein Kind trugen und flehten, daß die Exekution aufgeschoben werden solle.»8
Do or Die

1. Robert C. Ritchie - Captain Kidd and the War against the Pirates; Cordingly - Life Among the Pirates
2. Cordingly - Life Among the Pirates
3. Ibid.; Marcus B. Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger: The Lives of Anne Bonny and Mary Read, Pirates in M. Creighton and L. Norling (eds.) - Iron Men, Wooden Women: Gender and Atlantic Seafaring, 1700-1920 (Baltimore, John Hopkins University Press, 1995), Ritchie, Op. Zit.; Marx - Brethren of the Coast
4. Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger; Defoe, Op. Zit.; Platt and Chambers - Pirate; Rediker, Op. Zit.,; Klausmann Ulrike, Marion Meinzerin & Gabriel Khun (trad. Nicholas Levi) - Women Pirates and the Politics of the Jolly Roger
5. Platt and Chambers - Pirate; Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger
6. Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger, S. 5-7, 13-16, 234 n41; Platt and Chambers - Pirate S. 32-3; Defoe, Op. Zit., S. 623-6
7. Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger, S. 7-8
8. Ibid. S. 2-3, 5-7, 13-14; Platt and Chambers - Pirate S. 32, 35; Defoe, Op. Zit., S. 158-9

 

 11.03.2011, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 190 (02/2011)
Tags: Piratenutopien
Kommentare zu diesem Artikel

Blackbeard - der wahre Fluch der Karibik. Filmrezension.

Als unbequeme Rezensentin flechte ich doch ein, dass sich selbst diese Dokumentation moderner Klischees bediente. Mein Geschichtsinteresse für das ausgehende Mittelalter und die damit beginnende Kolonialzeit ließ auch die goldene Zeit der Piraterie im 17. bis 18. Jh. nicht offen. Filmproduzenten preisen ihre Werke immer publikumswirksam an. Man zeigt dem sensationshungrigen TV-Publikum immer das, was es sehen will. Die Wahrheit ist viel nüchterner. Als Nachkomme einer ehemaligen Seefahrernation habe ich ein wenig Einblick in die Überlieferungen antiquarischer Logbücher, die kein Seemannsgarn spinnen und eine ganz andere Realität bereitstellen.

Kulturschock I: Piraten ließen bei ihren Überfällen auf See keine Überlebenden zurück. Hätten sie das getan, dann hätte die Piraterie nicht einen Monat überdauert. Die radikale Ausmerzung der Mannschaft gekaperter Schiffe resultierte nicht per se aus einem Tötungsbedürfnis, sondern aus logistischen Überlegungen und einem natürlichen Selbsterhaltungstrieb, dem Mitwisser hinderlich wären. Französische oder englische Handelsflotten wurden kaum auf offener See geentert, sondern vorwiegend in Küstennähe. Jedem, der bis 3 noch zählen kann, muss doch einleuchten, dass eine überlebende Mannschaft nach Erreichen des nächsten Hafen unverzüglich die Royal Navy auf den Plan gerufen hätte, um gegen die Plünderer vorzugehen. Bei einer Piraten-Crew von 100 bis 200 Mann stünden die Chancen gegen eine über 10000-Mann starke Kriegsmarine schlecht. Die Verschonung der kapitulierenden Gegner verleiht den Piratenhauptdarstellern in filmerischen Machwerken zwar ein edleres Antlitz, ist und bleibt aber eine schöne Mär. Vielmehr wurden Handelsflotten entweder mitsamt ihrer Crew in die Luft gesprengt und im Meer versenkt oder aber ein brauchbares Schiff einbehalten, nachdem man die Gegner über Bord gehen ließ an, und dies bestimmt nicht in Rettungsbooten. Überlebende waren Ausnahmefälle, die das Glück hatten, ausgezeichnete Schwimmer zu sein, um in Küstennähe Land zu erreichen oder die von Fischerbooten aufgegriffen wurden. Sie prägten dann aus ihrer Sicht das Bild vom blutrünstigen Piraten, ungeachtet der Tatsache, dass Piraten aus einem Überlebensinstinkt töten mussten, um unerkannt zu bleiben.

Kulturschock II: Bindet sich an I an. Piraten waren in erster Linie kundige Seefahrer, die sich in ihrer Hochblütezeit in den Gewässern besser auskannten, als mancher Marineoffizier. Zu Seeräubern wurde der Teil der Seeleute, für den die britische Marine nach Kriegsende keine Verwendung mehr fand und ohne Entlohnung für erwiesene Dienste sich selbst überließ. Bevor sich die Outlaws für das Piratenhandwerk entschieden, mussten sie zuerst noch nicht ausgekundschaftete Stützpunkte errichten, die später zu Pirateninseln deklariert wurden, auf denen sie Zuflucht fanden. Begriffe wie Tortuga und andere Piratenorte, die heute in aller Munde sind, waren der bürgerlichen Welt im 17. Jd. unbekannt. Man konnte diese Orte nicht einfach zu Ausflugszielen erklären. In Port Royal, Nassau oder anderen Zentren karibischer Handelsrouten englischer oder spanischer Kolonien betrieben zwar auch Piraten ihren Handel – aber sie gingen unerkannt von Bord. Auch ein Mr. Teach tat das. Kein professioneller Pirat legte Wert, eine Berühmtheit zu erlangen, denn er wusste, dass die am Galgen endete. Sie feierten auch keine Partys an Orten, an denen sie gefunden werden konnten, geschweige denn, dass ihnen ein Vertreter des Gouverneurs Besuche abstattete. Die Royal Navi ging durch kurzerhand inszenierte Standgerichte mit dem Piratenvolk nicht gerade zimperlich um. Die Überleitung zu

Kulturschock III: Piraten und Frauen. Die Dokumentation stellte richtigerweise klar, dass Frauen an Bord verboten waren. Einen 15jährigen Teenager (ein Esser mehr) hätten sie wohl kaum in ihre Crew aufgenommen. Verständlicherweise gingen aber auch die Räuber der Meere Vergnügungen nach, die sie in den damaligen Tavernen der Hafenstädte fanden. Der Casus Knacktus ist der, dass sie die Betten mit den Dirnen zwar teilten, aber diese nicht wussten, dass ihre Kunden Piraten waren, denn die reisten prinzipiell inkognito unter zahlreichen Namen und falschen Flaggen. Jeder seriöse Historiker weiß, dass in den Häfen nicht eine einzige Piratenflagge gehisst wurde. Das wäre Selbstmord. Glaubt Ihr wirklich, dass die Räuber der See so dumm waren? Für die Frauen waren es spendable und ihnen unbekannte Seeleute, Matrosen und Kapitäne irgendwelcher Handelsflotten. Es mag doch niemand so naiv sein, zu glauben, dass sich eine Piratenmeute auf die Verschwiegenheit der Lebedamen verlassen hätte, oder ihnen hinterher einen Trank verabreichte, der bei ihnen Amnesie hervorrief. E. Teach heiratete auch nicht auf dem Höhepunkt seiner Piratenkarriere, aber eventuell war er zuvor verheiratet und die Filmemacher bedienten sich eines gekonnten Anachronismus. Für Damen aus Gouverneurskreisen wäre die Ehelichung mit einem Outlaw nicht nur eine Zumutung, sondern zu damaliger Zeit, in der gesellschaftliche Unterschiede höhere Barrieren setzten, undenkbar.

Kulturschock IV: Das Leben an Bord war hart und entbehrungsreich und damals übliche Krankheiten verschonten auch keine Piratenflotten. Auf Beibooten steuerte man die Häfen an (um unerkannt zu bleiben), um sich Medikamente zu kaufen. Ganz sicher wurde kein Hafen in Charleston, der einer militärisch gut bewachten Festung glich, blockiert, um sich durch Raub Waren anzueignen. Das wäre dann das letzte Abenteuer gewesen. Die Pionierarbeit der Schatzsuche ist eine ebensolche Legende, denn die Schätze der Inkas und Azteken befanden sich längst in Hand der Kolonialmächte, die ebenso legal kriminell waren. Hafenstädte wurden aufgrund der Übermacht der Kriegsmarine kaum geplündert, die Überfälle beschränkten sich auf die offene See oder Küstennähe, die ein gefahrloses Entkommen garantierte. Ausgeraubte und versenkte Handelsschiffe, die nie die Küsten erreichten, wurden erst nach mehreren Wochen mit möglichen Piratenüberfällen assoziiert, insofern sie geborgen wurden. Da es, von Ausnahmen abgesehen, keine Überlebenden gab, konnte sich die Piraterie auch über Jahrhunderte hindurch aufrechterhalten. Erst nachdem Blackbeard tot war, (seine Tötung geschah in einem solchen Hafen seiner Selbstüberschätzung und bestätigt realitätsnah meine Angaben) rankten sich die Legenden um seine Person, erst dann wurde er bekannt, und ein gänzlich verzerrtes Bild floss während der Epoche der Romantik in die alte Welt zurück.

Die schönen Filme älteren und neueren Datums zeigen die Piraten-Helden, wie man sie gerne sehen möchte, nicht aber wie sie wirklich waren. Nach modernen Maßstäben fand eine romantische Verklärung statt, indem man Blackbeard und andere Epigonen seines Gewerbes mit ethischen Werten ausstattete, die sie faktisch nicht hatten, denn der Hass auf die Eroberer der neuen Welt, die sie an ihrer Beute nach der Freibeuterei nicht teilhaben ließen, war unvergleichlich groß. Aber für Träumer sind diese Filmchen doch eine nette Abwechslung vom grauen Alltag, wobei ich nicht nur auf Blackbeard und seine Crew anspiele, sondern auch auf die Disney-Parodie der Fluch der Karibik. Fast sämtliche Mantel- und Degenfilme sind nach dem gleichen Muster gestrickt. Diese Dokumentation dieses Filmes ist zwar auch unrealistisch, beweist aber noch ein höheres Niveau.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 190 (02/2011)

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