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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Piratenutopien

Während des «goldenen Zeitalters» der Piraterie im 17. und 18. Jahrhundert plünderten Besatzungen von ehemaligen proletarischen Rebellen und Aussteigern aus der Zivilisation die lukrativen Schifffahrtsrouten zwischen Europa und Amerika.
Auf Landenklaven und in Freihäfen, die sich auf Inseln oder entlang der Küstenlinie außerhalb der Reichweite der Zivilisation befanden, entstanden auf diese Weisen «Piratenutopien». 5. Teil
Die bekannteste Piratenutopie ist die des Kapitäns Misson und seiner Mannschaft, die sich im 18. Jh. eine Kommune im Norden Madagaskars, ihre gesetzesfreie Utopie Libertalia, schufen.1

Misson und Libertalia

Misson war Franzose und stammte aus der Provence. In Rom auf dem französischen Kriegsschiff «La Victoire» stationiert, verlor er, von der Dekadenz des päpstlichen Hofes angewidert, seinen Glauben. Er traf dort auf Caraccioli, einen freigeistigen Priester, der sich entschloss, mit ihm an Bord der La Victoire zu kommen. Im Verlauf langer Reisen, die nicht viel Abwechslung außer dem Gespräch boten, schaffte es Caraccioli, Misson und einen Großteil der Mannschaft zu einer Art atheistischem Kommunismus zu konvertieren:
«(...) er griff die politischen Fragen auf und zeigte seinen Zuhörern, dass alle Menschen frei geboren würden und die gleichen Rechte auf die lebensnotwendigen Ressourcen hätten, wie auf die Luft zum Atmen. (...) Und dass der enorme Unterschied, den es zwischen dem Menschen, der sich im Reichtum wälzt und demjenigen, der sich am Abgrund sieht, nur durch den Geiz und die Ambitionen des Einen und durch die verängstigte Unterwerfung des Anderen entstünde.»
Die 200 Mann starke Besatzung verschrieb sich der Piraterie und bat Misson, ihr Kapitän zu werden. Die Männer kollektivierten das Schiff und beschlossen, dass «alles zu Gemeingut werden sollte» und dass die zu treffenden Entscheidungen «der ganzen Mannschaft jeweils zur Wahl gestellt» würden. Und so nahmen sie Kurs auf ein neues «Leben in Freiheit». Entlang der westafrikanischen Küste kaperten sie ein holländisches Sklavenschiff. Die Sklaven wurden befreit und mit an Bord der La Victoire genommen, wobei Misson erklärte, dass «der Handel mit versklavten Menschen niemals Gnade vor den Augen der göttlichen Gerechtigkeit finden wird.» Bei jedem ihrer Kämpfe erhielt die Mannschaft Verstärkung durch neue französische, englische und holländische Rekruten und durch befreite afrikanische Sklaven.
Während Misson an der madagassischen Küste entlang segelte, fand er eine kleine Bucht mit fruchtbarem Boden, klarem Wasser und freundlichen Bewohnern. Dort errichteten die Piraten Libertalia, nahmen von ihren englischen, französischen, holländischen und afrikanischen Staatsbürgerschaften Abstand und nannten sich Liberi. Sie erschufen ihre eigene Sprache, eine Mischung aus mehreren afrikanischen Sprachen kombiniert mit Französisch, Englisch, Holländisch, Portugiesisch und der indigenen madagassischen Sprache. Kurze Zeit nachdem sie angefangen hatten, an der Siedlung zu arbeiten, kreuzte die La Victoire den Piraten Thomas Tew, der sich entschloss, sie bis nach Libertalia zu begleiten. Diese Art der Ansiedlung war für Tew jedoch nicht neu. Er hatte seinen Quartiermeister sowie 23 Mannschaftsmitglieder verloren, die sich ein Stück weit entfernt an der madagassischen Küste angesiedelt hatten. Die Liberi, die «Feinde der Sklaverei», planten, ihre Zahl durch das Kapern eines weiteren Sklavenschiffes zu vergrößern. Entlang der angolanischen Küste kaperten Tew und seine Mannschaft ein Schiff mit 240 Männern, Frauen und Kindern in den Lagerräumen. Die afrikanischen Mannschaftsmitglieder der Piraten fanden unter den Sklaven etliche Freunde und Eltern, befreiten sie von ihren Fesseln und überschütteten sie mit Geschichten über ihr neues, glorreiches Leben in Freiheit.

Die Piraten ließen sich dort nieder und wurden Bauern, die das Land gemeinsam verwalteten - «kein Hass begrenzte das Eigentum der Anderen». Die Beute und das Geld, das sie auf dem Meer ergatterten, wurde «in den gemeinschaftlichen Tresor gepackt».

Gegenangriff des Imperiums

Das Goldene Zeitalter der euro- amerikanischen Piraterie erstreckte sich in etwa von 1650 bis 1725, mit der Blütezeit um 1720. Dies war bestimmten Umständen zu verdanken. Die Zeitspanne beginnt mit dem Auftauchen der Bukaniere auf den karibischen Inseln Hispaniola und Tortuga. Die Piraterie konzentrierte sich fast während der gesamten Zeit auf die Karibik – aus gutem Grund. Die karibischen Inseln boten eine Vielzahl an Verstecken, geheimen Buchten und Inseln, die auf keiner Karte verzeichnet waren, also Orte, an denen die Piraten Wasser und Nahrung fanden, sich entspannen und warten konnten. Die Positionierung war perfekt, da sie auf dem Weg lag, den die Flotten der mit Schätzen beladenen Handelsschiffe nahmen, wenn sie nach Spanien oder Portugal zurückkehrten. Von Südamerika kommend war das Karibische Meer für die Kriegsmarine unkontrollierbar, zudem waren die meisten Inseln unbewohnt oder gehörten niemandem. Ein echtes Paradies also für die Freibeuterei.
Im Jahr 1700 wurde das «Gesetz zur effizienteren Unterdrückung der Piraterie» in Kraft gesetzt, das die schnelle Verurteilung und Exekution der Piraten ermöglichte, egal an welchem Ort sie aufgegriffen wurden. Vorher mussten die Piraten nach London gebracht werden, um dort verurteilt und in Wapping2 gehängt zu werden. Das Wichtigste war, dass die Piraten nicht mehr durch Volksgerichte sondern durch ein spezielles, mit Offizieren der Kriegsmarine bestücktes Tribunal verurteilt wurden. Der berühmte Captain Kidd war eines der ersten Opfer dieses neuen Gesetzes. Es wurde übrigens im Schnellverfahren genutzt, damit es auf ihn angewendet werden konnte. Er wurde auf dem Exekutionsdock in Wapping gehängt und sein Körper am Galgen von Tilbury Point3 mit Teer überschüttet als Abschreckung zur Schau gestellt. Sein geschwärzter und verfaulender Körper sollte den Seeleuten eine klare Mahnung sein, was es bedeutete, sich der Disziplin zu widersetzen.4
Der Fall von Kidd ist ungewöhnlich, da er in London gehängt wurde. Nach 1700 entwickelte sich der Kampf gegen die Piraterie, dank des neuen Gesetzes, in den entfernten Gebieten des britischen Imperiums sehr schnell. Es handelte sich nicht mehr um ein oder zwei Kadaver, die am Galgen baumelten, sondern manchmal um 20 oder 30 auf einmal. Im Jahr 1722 verurteilte die britische Admiralität 169 Piraten der Mannschaft von Batholomew Roberts und richtete 52 von ihnen in Cape Coast Castle hin. Die 72 Afrikaner, die sich an Bord befanden, ob sie nun befreit worden waren oder nicht, wurden als Sklaven verkauft.5 Es war das Wegfallen der besonders günstigen Bedingungen des Goldenen Zeitalters der Piraterie, die der Herrschaft der Piraten ein Ende bereitete. Mit der Entwicklung des Kapitals im 17. Jh. kam auch der Aufstieg der Staaten, die durch die imperialen Kriege auf der Welt ab 1688 begünstigt wurden. Die umfangreichen Kriegskampagnen benötigten eine enorme Entwicklung der Staatsmacht.
Als 1713 der Vertrag von Utrecht den Kriegen innerhalb Europas ein Ende bereitete, waren die staatlichen Möglichkeiten, die Piraterie zu kontrollieren, stark angestiegen. Das Kriegsende bot den Kriegsschiffen die Gelegenheit, sich auf die Piratenjagd zu konzentrieren. Ausserdem witterten die Briten zusätzliche kommerzielle Möglichkeiten in der Karibik, was eine Motivation mehr war, sich diese Mühe zu machen. Während der neue, stärkere Staat sein Gewaltmonopol weiterentwickelte, mussten die neuen Kolonien sich diesem unterordnen. Die alte Praxis, mit den Piraten zu handeln und in ihre Fahrten zu investieren, war immer noch lange Zeit gängig gewesen, auch nachdem dies in England verboten worden war. Jetzt wurde diese Gewohnheit durch die Ausweitung der Staatsmacht gebrochen.
Der Anfang des Endes der Piraterie war die Rückkehr des Bukaniers Sir Henry Morgan nach Jamaika, der die strikte Anweisung hatte, die Piraten zu vernichten. Die Schiffspatrouillen trieben diese aus ihren Verstecken; die massiven Hängungen eliminierten die Chefs. Schlussendlich war der Krieg der Piraten gegen den Handel zu effizient geworden, um toleriert zu werden. Der Staat bekämpfte sie im Namen der freien Entwicklung des Handels und der Anhäufung von Kapital für den Reichtum der Händler und die Pfründe des Staates.6

Die Wurzeln der Piratenautonomie

Die Ausgangsmotivation der Piraterie des 17. und 18. Jahrhunderts geht auf radikale Bewegungen wie z.B. die Levellers zurück, deren Ideenströme und Praktiken in der Welt des Atlantiks zirkulierten, um manchmal an überraschenden Orten aufzutauchen. Im Jahr 1748 gab es in der Nähe von Cape Coast Castle an der afrikanischen Küste eine Meuterei an Bord der HMS Chesterfield. Einer der Anführer – John Place – hatte dies schon einmal erlebt. Er war einer derjenigen, die 1722 mit Bartholomew Roberts gefangen genommen wurden. Es waren die alten «Wölfe des Meeres» wie John Place, die wussten, wie man die Piratentraditionen leben musste, und die sich für das Weiterführen der Ideen und Praktiken einsetzten. Die Meuterer hofften darauf «eine Kolonie einzurichten» die den Piratentraditionen entsprach. Der englische Ausdruck «to strike» (streiken) kommt von den Meutereien, ganz besonders von den «großen Meutereien» von Spithead und Nore im Jahr 1797, anlässlich derer die Matrosen die Segel herunterließen, um den Handel sowie die staatliche Kriegsmaschinerie zu unterbrechen. Diese englischen, irischen und afrikanischen Matrosen setzten einen eigenen Rat ein sowie eine «Borddemokratie» und manche sprachen sogar davon, eine «neue Kolonie» in Amerika oder Madagaskar einzurichten.7
Die Piraten konnten dank eines Machtvakuums während einer Zeitspanne der Umwälzung und des Krieges aufblühen, die ihnen die Freiheit gab, wirklich außerhalb der Gesetze zu leben. Die Rückkehr des Friedens vergrößerte die Ausbreitung der Kontrolle und bedeutete das Ende der Möglichkeiten, Piratenautonomie zu leben. Dies ist nicht wirklich überraschend, wenn man annimmt, dass die Zeiten des Krieges und der Unruhen oft die Entstehung von revolutionären Erfahrungen, Enklaven, Kommunen und Anarchien ermöglicht haben. Von den Piraten des 17. und 18. Jahrhunderts bis zur Pariser Kommune in Folge des französisch- preußischen Krieges, die Gemeinschaften der Digger während des englischen Bürgerkrieges und die Bauern in der Ukraine während der Revolution in Russland. Oft sind es Zeiten des Übergangs, die Raum für Erfahrungen mit Freiheit schaffen.

1. Heutzutage gibt es keinen historischen Beweis, dass Libertalia jemals existiert hat; allerdings wurde während vieler Jahre von Historikern und einem breiten Publikum daran geglaubt, also verdient diese Geschichte auch wahr zu sein. (Anm. Archipel). Das ist dem Werk von Captain Charles Johnson, General History of the Robberies and Murders of the most notorious Pyrates, in London 1728 verlegt, (Defoe, Op. Zit. 1, S. 383-439), ausserdem in Libertalia, une utopie pirate (Esprit Frappeur), Histoire générale des plus fameux pirates (Phébus) von Daniel Defoe, ebenso wie Utopies Pirates (Dagorno) von Peter Lamborn Wilson.
2. Die Grenze des Meeres, das bei Tide erreicht wird. Der Tidenhub der Themse bei London kann bis zu sechs Meter hoch sein. (Anm. Archipel).
3. Hafen vor London in Assex. (Anm Archipel).
4. Robert C. Ritchie - Captain Kidd and the War against the Pirates, S.153-4, 228, 235; Cordingly - Life Among the Pirates, S.237.
5. Ritchie, Op. Zit., S. 235; Bolting - The Pirates, S.174-5.
6. Ritchie, Op. Zit., S. 7, 128, 138, 147-51.
7. Rediker - Liberty beneath the Jolly Roger, S. 137-8.

verfasst von Do or Die*,  21.03.2011, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 191 (03/2011)
Tags: Piratenutopien
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 191 (03/2011)

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