GESTERN - HEUTE - MORGEN: Reflexionen über den Tango
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Beim Lesen der Neuausgabe des Buches Les poètes du Tango von Saul Yurkievich und Henry Deluy entstanden Überlegungen, die in diesem Text vorliegen, über das unzertrennliche Trio Musik-Worte-Tanz, das den Tango ausmacht.


Der Tango ist eine Sequenz von Texten, von Musik und Tanz, eingefügt in einen historischen, sozialen und politischen Kontext. Neben einer Technik und einer Sprache, die ihm eigen sind, reflektiert er eine gespensterhafte Identität. Geboren im Umfeld des Rio de la Plata am Ende des XIX. Jahrhunderts, verkörpert er die Fusion von Kulturen, erfunden hauptsächlich von Untertanen verschiedenster Herkunft: den Schwarzen, Mestizen, Mulatten, Europäern, Gauchos, Bauern, Arbeitern, kleinen Leuten und all jenen, die am Rande der Gesellschaft lebten.





 


Die narrativen und dramatischen Traditionen dieser Poesie verschmelzen mit dem Vokabular der neuen Berufe und des sozialen Umfelds in den Städten und Vorstädten. Sie werden zu neuen literarischen Formen, die der Tango sich aneignet. Armut und Elend als Folge der Krise von 1930 bringt dem Jargon neue Schattierungen, er wird bitterer. Aufgrund einer großen Vielfalt von rhythmischen Konstruktionen aus verschiedenen Quellen, verändert sich die Instrumentierung und der melodische Kern einer Textphrase und verwandelt die auf Harmonie ausgerichtete klassische Art des Tangos. Es entsteht plötzlich eine neue Ästhetik. Diese außerordentliche populäre Ausdrucksweise mit ihrer Besonderheit der sozialen Klasse, des Stadtviertels und der Region leidet manchmal unter plumpen Deformationen: Durch den Einfluss des Tourismus, durch den Hybridtango, durch dekadente Versionen, hollywoodsches Lächerlichmachen nach Marketingkriterien für den Export in die USA und Europa, aber auch für internen Konsum in Argentinien.

 

 


Das in der Journalistenkritik verwendete Vokabular, das auch von einigen Schriftstellern und Poeten übernommen wurde, konzentrierte sich auf einige wenige Begriffe: das gemeine Volk, Huren und Zuhälter, Gecken, Kneipen und Bordelle. Der Tango sei geboren aus einer «Allianz von Alkohol, Schlägereien, Pöbel und Gesindel, in dem sich Prostituierte, Betrüger, Kuppler, Strohmänner und Taugenichtse tummeln».

 

 


Der Tanz selbst nimmt unter der Bezeichnung «neuer Tango» hollywoodsche Allüren an, eine neue ästhetische Richtung, dem ursprünglichen Tango völlig entgegengesetzt. Nur der Leichnam der früheren Pracht wird zur Schau gestellt - in einer Welt, die die wirkliche Welt des Tangos nie gekannt hat. Weit weg von der Klasse, die ihn erfunden hat, weit weg von seinem historischen Kontext der Solidarität, der Begegnungen, seiner sozialen Identität, wo Mühen und einfache Freuden geteilt werden, verliert er seine Idiosynkrasie (griechisch: eigentümliche Mischung der Säfte im Körper).

 

 


 

 

 


Der ursprüngliche Tango lebt weiter

 

 


Ich möchte einen Aspekt unterstreichen, der Yurkievich entgangen ist, den er beiseite gelassen hat oder wofür er in seiner Anthologie keinen Platz fand und eine Tanzform einfordern, zu der meine Generation keinen Zugang hatte.

 

 


Damals in den 1970er-Jahren verlangten andere Ereignisse unsere Anwesenheit, die wir mit revolutionärem Elan in Angriff genommen hatten. Wir trachteten danach, ein sozial und wirtschaftlich destruktives System frontal anzugreifen; ein System, das bloß Elend, Entfremdung und Tod bringen konnte. In diesen Jahren wurde Argentinien durch die imperialistische amerikanische Strategie der Folter, des Terrors, des Verschwindenlassens von Oppositionellen und des Exils zermalmt. Die Argentinier mussten zusehen, wie sich Tag und Nacht eine brutale Repression breitmachte, begleitet von einer stillschweigenden Zensur des Mutes und der Leidenschaft.

 

 


Die Jahre des Exils verstärkten noch die zarte und unlösbare Bindung zu der musikalischen Poesie, in die wir von unseren Eltern schon eingetaucht worden waren, bevor wir zur Welt kamen.

 

 


Nach Yurkievich entstand der Tango in den Schlachthöfen von Buenos Aires mit einem Beigeschmack von Lumpenproletatriat. Die Worte - immer in Versform - handeln vom Thema der verlorenen Liebe, erduldetem Unglück, von Elend, Verrat, vom irregeleiteten jungen Mädchen und von verschiedensten Schicksalsschlägen.

 

 


Die Sprache ist manch-mal sarkastisch, satirisch, lächerlich. Aber der Tango ist immer schwermütig und herb. Schriftsteller und Poeten hauchten ihm ein lokales Temperament ein, den Geist der Stadt, in der er geboren wurde, aber «er nimmt in sich alle Zutaten auf, die in Griffweite liegen: den Schwarzen, den Weißen, den Amerikaner, den Afrikaner und den Europäer».

 

 


Das Wort Tango geht auf das tam-tam der Schwarzafrikaner zurück. Das afrikanische Wort tang bedeutet «berühren». Tangir aus dem spanischen heißt, «ein Instrument spielen», und tanguillo andalou bedeutet «Kreisel».

 

 


Geschichtliches

 

 


Der Tango ist wahrscheinlich zum ersten Mal gegen 1880 in den Spezereigeschäften getanzt worden - zwischen zwei Kartenspielen in einem staubigen Hinterhof. Ein Tanz ohne Worte: Er wurde begleitet von drei Instrumenten, dem Akkordeon, der Gitarre und der Harfe; später auch von der Flöte und der Mandoline. Schließlich wandert er von den Vorstädten ins Zentrum der Stadt. Der Tango erobert das Tanzpaar; gegenseitiges Ablenken und Sprechen sind während dem Tanzen nicht erlaubt.

 

 


In den populären Quartieren wird er im Innenhof der Häuser getanzt; auch in den Cafés. Gegen 1900 werden die Tangos El choclo, El enterriano und La Morocha berühmt.

 

 


Das Bandoneon, ein Verwandter des Akkordeons mit 71 Tasten taucht auf. Es tritt in Harmonie mit den Saiten der Gitarre, in seufzenden Klagen und melancholischem Hauch. Der Tango verlangsamt seinen Rhythmus, er wird schwerer und dichter. Die ersten typischen Orchester bestehen aus Bandoneon, Klavier und Gitarre. Danach gesellen sich Kontrabass und Geige dazu. Es gibt den Tango milonga und den Lied-Tango. Er wird in Notenheften aufgeschrieben, Partituren werden publiziert. Er wird in den Quartieren la Boca, in den Bas Palermo und im Abasto getanzt.

 

 


Der Tango vervollkommnt den Menschen aus der Vorstadt. Er gibt seiner Unzufriedenheit Ausdruck, der Entwurzelung und Frustration in der großen Stadt, welche die Menschen unterjocht, vom rechten Weg abbringt und gemein macht. Der Plattenspieler wird erfunden und die ersten zweiseitigen Schallplatten erscheinen. Der Tango erobert die Stadt, durchdringt sie und stellt sie dar. Unterdessen werden die Musiker im Ausland gezwungen, sich als Gauchos zu verkleiden: mit Blusen, lächerlichen Hosen mit Blumenbändern, gestickten Halstüchern, Stiefeln und Dolch am Gürtel. Der Erzbischof von Paris spricht gegen den Tango den Kirchenbann aus. Pius X bezeichnet ihn als Tanz der Wilden (ein langer Artikel in der London Times 1913) und schlägt vor, den Tango durch die Furlana aus Venedig zu ersetzen.

 

 


1912 tanzt Rodolfo Valentino im Film «Die vier Ritter der Apokalypse» einen «Exporttango», mit langen Ballettschritten, seiner Partnerin in die Augen schauend. Sie ist in ein Flamenco-Kostüm gekleidet, er kommt in einem Gaucho-Aufzug daher.

 

 


Die goldene Zeit des Tangos verkörpert sich schließlich im Mythos von Carlos Gardel. Ist er Argentinier oder Franzose? Das ist unwichtig, aber er singt Mi Buenos Aires querido. Er trägt in seiner Stimme seine große Liebe für Buenos Aires und die argentinische Pampa. Er singt auf Quartierfesten in Calendaria, in Balvanera oder im El Socorro im Zentrum von Buenos Aires, in den Läden und Spelunken, er singt Chansons vom Lande und milongas der Vorstädte, mit «liebkosenden Tremolos, Patina aus Honig und Schluchzen in der Stimme». 

 

 


1917 schafft er mit Razzano mi noche triste von Pascual Contursi im Theater Esmeralde von Buenos Aires wahrscheinlich den ersten Lied-Tango. Er erfindet diese neue Form, beginnt Geschichten zu erzählen, leuchtet das Innenleben aus, spielt mit subtilen Gefühlen, diagnostiziert, moralisiert und philosophiert. Mi noche triste ist ein Prototyp des Tangos. Er benutzt ein sentimentales elegisches Argument, von der im Stich gelassenen, gebrochenen Liebe, die Erinnerung an die entschwundene Jugend, die Sitten, Menschen und Landschaften aus früheren Zeiten. Das Lied ist klagend und nostalgisch.

 

 


Die Zeit um den hundertsten Geburtstag der Unabhängigkeit von Argentinien (9. Juli 1915) ist Zeuge des Eintritts des Tangos in die unteren Mittelklassen. Er nähert sich von den Vorstädten dem Zentrum. In der populären Vorstellung der Menschen gibt selbst die Atmosphäre in den Straßen, den Boulevards und den Plätzen eine Art von andauernder Vibration wider, die schließ-lich die ganze Stadt erobert. 1925 publiziert Felipe Fernandes (Le yacaré) eine Artikelserie über den Tango. 1926 veröffentlicht Enrique Gonzalez Tunion «Tangos», eine Sammlung von Artikeln, die in der Zeitung Critique erschienen.

 

 


 

 

 


Die Meinung der Intellektuellen

 

 


Trotzdem bleiben viele Intellektuelle – und nicht die geringsten – aus dem Zentrum von Buenos Aires skeptisch oder ablehnend. Hier ein paar Kommentare von Schriftstellern und Poeten über den Tango, als er in das Stadtzentrum in den Jahren 1920 bis 1925 vordringt. Jorge Louis Borges: «Niemand war giftiger als ich in der Einschätzung der Artikelserie 'Tangos' von Enrique Gonzalez Tunion, die in der Zeitung Critique veröffentlicht wurde. Diese volkstümliche Rhapsodie war vom Autor nur halb überlegt, oder sagen wir lieber: nur zu einem Drittel oder zu einem Viertel. Es war eine vor sich hin seufzende Prosa aus weinerlichen Tango-Worten, eine kommerzielle Angelegenheit.»

 

 


Manuel Galvez: «Eine hybride und düstere Musik, ein typisch kosmopolitisches Produkt. Ich kenne nichts Ekelhafteres als den argentinischen Tango. Er ist nicht nur ein grotesker Tanz, sondern auch der höchste Ausdruck der Unanständigkeit.»

 

 


Leopoldo Lugones: «Der Tango ist ein Reptil aus dem Bordell und wird ungerechterweise im Moment seines schamlosen Erfolgs als argentinisch bezeichnet.»

 

 


Borges: «Der lunfardo (eine Mischung aus Dialekt und volkstümlicher Sprache) bezieht sein Vokabular aus dem Fachjargon der Gauner und Zuhälter.»

 

 


Last Reason, ein Pseudonym für Maximo Téodoro Saéns, fragt sich im Jahre 1926 wegen Borges: «Wer ist dieser Niemand, der sich den Luxus erlaubt, auf die einfachen Leute herabzukotzen, auf diejenigen, die am Rande stehen, auf die kleinen Missetäter und Verrufenen?»

 

 


Borges lässt ganze Tiraden der Verachtung gegen die Menschen in den Vorstädten los, und er ist davon überzeugt, dass es für den Aufbau eines wirklichen Dialektes die geübte Feder eines Schriftstellers braucht.

 

 


Reason antwortet darauf: «Und der Tango? Denk’ an Che, an Jorge Luis. Die Geschichte des Vorstadtbewohners klingt schon im Wort des Tangos mit, in der klagenden, sinnlichen und penetranten Melodie, die weint und hie und da auch einmal lacht.»

 

 


Später dann, entgegen der Kritik der Intellektuellen aus der Florida-Straße im Zentrum von Buenos Aires, wird der Tango in Theaterstücken, in Einaktern, in den Cabarets der Vorstädte mit einem typischen Orchester aufgeführt – zur großen Freude der Poeten aus den Stadtquartieren des Boedo, des Maldonado und des Parque de los Patricios. Erst als der Tango in Europa akzeptiert wird, findet er Gnade bei den Poeten und Schriftstellern der Florida-Strasse.

 

 


  

 

 


Der musikalische Ausdruck eines Volkes

 

 


Wer das Wort Tango in den Mund nimmt, vor dem taucht die spirituelle Geografie von Buenos Aires auf. Der Tango ist nicht nur ein Vergnügungstanz. Er bietet mehr als die Kehren und Ausschmückungen (quebradas y firuletes), mehr als Poesie und Freude, die er der milonga verleiht. Der Tango tönt ganz leise die Melodie an, summt fortwährend den Refrain und über Kontrapunkte und subtile Wortspiele hinweg, singt er die Traurigkeit des Lebens der einfachen Leute. Jedes Wort ist ein sinnreiches Bild, ein brutales oder schreckliches, welches - an den Dialekt gepfropft – seine ganze kräftige Farbe entwickelt. Der Tango erzählt Geschichten aus dem Leben, in denen der Erzähler eins ist mit seinem Schicksal, und wo die Energie und die Originalität in einer Art von Epos ihren Ausdruck finden. Der Tango lässt seine frivole Vergangenheit hinter sich, und in seiner Erlösung verwandelt er sich in das Tango-Lied, in eine Tragödie, welche das Fühlen des Volkes erfasst. Die Stadt ist davon in Besitz genommen, vom Wolkenkratzer bis zur armseligsten Hütte, von den Wohlstandsvierteln bis zu den Elendsquartieren. Überall hallt das Leben der Parias wider, und eine ungerechte und absurde Gesellschaftsordnung wird mit ätzenden Parolen der Revolte in Frage gestellt. Die Orte La Quema – die öffentliche Müllkippe, welche die Ärmsten nach Verwertbarem durchwühlen -, Corrales, wo das Schlachtvieh zusammengepfercht wird, Riachuelo, das Dock, das Flüsschen Maldonado, Parque Patricios, Pompeya haben dem Tango den Rahmen für die Inspiration gegeben.

 

 


Ein Stadtviertel nach dem anderen taucht vor unseren Augen auf. Wir entdecken ein anderes Buenos Aires – eines mit seinen mythischen Pfaden.

 

 


Der Poet, der einen Tango schreibt, kann sich nicht darauf beschränken, lediglich die Realität wiederzugeben. Der Poet fabuliert und schafft eine Wirklichkeit, die zur Dichtung wird, zu einer Wahrheit. Der Tango toleriert nur Erneuerungen durch Komponisten und Poeten, die ihn im innersten Wesen seiner Struktur kennen und beherrschen.

 

 


Die Stadt baut sich als literarisches und sentimentales Szenario für die Kreation des Tangos und der milonga auf. So entstehen Stadtquartiere, die sich durch Herzlichkeit, Offenheit und Bescheidenheit auszeichnen; sie sind der Nährboden für eine anarchische Bohème. Der Tango vermischt die Worte des ursprünglichen Dialekts mit der gewöhnlichen volkstümlichen Sprache, die sowohl reich als auch arm ist, sowohl bildreich als auch eintönig, expressiv und introvertiert, archaisch und modern. Er besitzt eine Überschwänglichkeit der Sprache und erfreut sich eines großen Erfindungsreichtums beim Jonglieren mit dem Text. Ein schwindelerregender Wasserfall von Worten kann Liebe in tausenden Tönen der Zärtlichkeit und Leidenschaft beschreiben.

 

 


Die Worte des Tangos beschwören ein Milieu herauf, seine Sitten und seine Mentalität, die ihm ganz allein gehören. Sie sind der Ausdruck des Leidens und des Missgeschicks der kleinen Ganoven. Typisch ist auch, dass Ratschläge an junge Mädchen erteilt werden, die auf den falschen Weg geraten, oder an junge naive Männer, die meinen, unsterblich verliebt zu sein. Dies geschieht oft in der Form einer Parodie oder einer kleinen philosophischen Überlegung. Eine Geschichte, die im Tango erzählt wird, zeichnet sich nicht durch ihren großen Umfang aus, sondern durch die Intensität.

 

 


  

 

 


  

 

 


 

 

 


 

 

 


 

 

 


 

 

 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 































































































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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 153 (10/2007)

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