GESTERN - HEUTE - MORGEN : Saatgut - Die Grundlage der Ernährung
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Seit 1999 vertreibt der Verein Kokopelli "Für die Befreiung des Saatguts und des Humus" mehrere Hundert Sorten traditionellen Saatguts und leistet so einen erheblichen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität. Um dem starren Korsett der Saatgutverordnungen und der Übermacht der multinationalen Konzerne zu entgehen, hat Kokopelli einen Tausch- und Patenschaftsring für bedrohte Gemüse-, Kräuter- und Blumensorten aufgebaut. In Indien betreibt der Verein ein Forschungszentrum für Landwirtschaft. Der folgende Artikel ist eine Beschreibung der Entwicklung der Saatgutherstellung seit 100 Jahren.


Das Saatgut stellt den Anfang der Nahrungskette dar. Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Nahrungskette und somit die Menschen. Während mindestens 12.000 Jahren haben die Bauern und Bäuerinnen der ganzen Welt ihr eigenes Saatgut hergestellt, ausgewählt, verbessert und neue Sorten von Getreide, Gemüse, Früchten und Faserpflanzen gezüchtet. Gleichzeitig respektierten die Bauern Mutter Erde. In alten Zeiten sprach man nicht vom "Schutz genetischer Reserven" und von "nachhaltiger Landwirtschaft": Man wusste instinktiv, dass eine Zivilisation, die ihr Saatgut verliert und ihre Böden zerstört, im Begriff steht, zu sterben.


Seit mehr als einem Jahrhundert zerstören die Initiatoren der modernen westlichen Landwirtschaft mit Unterstützung der mächtigen Finanziers der Erdölchemie die bäuerliche Samenproduktion und die althergebrachten Sorten. Gleichzeitig ersticken sie die landwirtschaftlichen Böden mit starken Giften. Die Agrochemie hat die Bauern ihrer Erde beraubt, und sie gedeiht zum Nachteil der Menschheit und des Planeten. Das Geheimnis dieses Erfolges ist ganz einfach, es ist ein wahrhafter Zaubertrick: Seit 1900 hat die moderne Landwirtschaft Pflanzen gezüchtet, die höchst empfindlich auf die vorherrschenden Schädlinge und Krankheiten reagieren (und gleichzeitig das Gegenteil behauptet). Für diese Pflanzen sind starke chemische Mittel nötig.


Dieses groteske Paradigma ist das Fundament der modernen Landwirtschaft und wütet unserer Tage noch in vollem Umfang. Nehmen wir z.B. den Fall Indien: Dieses Land stimmte gerade dem Anbau und der Vermarktung von drei genetisch manipulierten Baumwollsorten zu. Die Anbaufläche der Baumwolle in Indien umfasst ein Viertel der Baumwollplantagen der Erde. Sie wird von Millionen von indischen Kleinbauern bearbeitet. Diese Zustimmung öffnet auch die Tür für andere manipulierte Kulturen wie Senf, Soja und den berühmten "golden rice", der einen erhöhten Vitamin-A-Gehalt hat, weil man ihn mit einem Osterglocken-Gen angereichert hat. Von diesem Reis muss man jedoch mehrere Kilo pro Tag konsumieren, um an die gewünschte Ration des genannten Vitamins zu kommen (ein Minischerz). Für Indien arbeitet man schon seit langer Zeit darauf hin, die Einführung dieser technologischen Basteleien zu erleichtern. Seit 1986 führt Professor Swaminathan einen Kreuzzug, um die politische Klasse aufzuklären (einzuschläfern), damit Indien ohne großen Wirbel die Gentechnik in ihr wirtschaftliches Funktionieren integrieren kann. Professor Swaminathan war der Vater der Grünen Revolution in Indien und Direktor des IRRI (Institut der Philippinen, das Reissorten mit "hohem Ertrag" geschaffen hat). Er ist ein großer Freund von Monsanto und zur Zeit der Apostel der Entwicklung der biologischen (und natürlich nachhaltigen) Landwirtschaft mit Anwendung gentechnisch manipulierter Organismen (ein Riesenscherz). Währenddessen begehen die Baumwolle produzierenden Bauern Selbstmord (zwischen zehn- und fünfzehntausend in wenigen Jahren). Gleichzeitig leiden in Indien 300 Millionen Menschen an Hunger und den Folgen von Unterernährung.


Man muss bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgehen, um die verschiedenen Zaubertricks aufzudecken, die aus den Zylindern der Ratgeber (Lügner) der Agrochemie hervorgekommen sind. Mehrere Stufen der illusionistischen Wahrheit kommen so zum Vorschein: wissenschaftliche, juristische und technische Realitäten, die sich tief ineinander verflechten und schöne Trugbilder in der Wüste des Einheitsdenkens bilden.


Widerstandsfähigkeit


1907 entdeckt Hugo de Vries die Vererbungsregeln von Mendel wieder, und seither konfrontieren sich zwei verschiedene Schulen dieser Lehre aufs heftigste: die Schule der Anhänger Mendels und diejenigen von de Vries, der Biometrik. Die Anhänger Mendels befassten sich vor allem mit den monogenen Eigenschaften der Pflanzen: Die Blüte einer bestimmten Pflanzengattung oder Varietät ist entweder weiß oder rot, wenn die Farbe von einem einzigen Gen vorgegeben ist. Die Biometriker untersuchten vor allem die polygenen Eigenschaften der Pflanzen: Die Blüte einer bestimmten Pflanzengattung oder Varietät kann entweder weiß oder rot sein, aber auch rosa in seinen vielfältigen Nuancen, wenn die rote Farbe durch mehrere Gene vorgegeben ist. Gleich am Anfang ihrer Karriere haben die Anhänger Mendels das Glück gehabt, eine monogene Resistenz gegen eine Rostkrankheit des Weizens zu entdecken, und sie erhoben diese einfache Entdeckung zu einer Philosophie: Die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegenüber verschiedenen Aggressionen (Pilze, Viren, Bakterien etc.) muss gezwungenermaßen monogener Natur sein. Der grosse Pflanzenpathologe Vanderplank qualifizierte die monogene Resistenz als vertikal und die polygene Resistenz als horizontal.


Zum Unglück der Verkäufer der Chemie haben quasi alle althergebrachten bäuerlichen Sorten (seit Hunderten von Jahren verbessert und ausgewählt) eine polygene oder horizontale Resistenz: Wenn in einer Pflanze eine Resistenz nachlässt, wird eine andere aktiv. Zum Glück der Verkäufer der Chemie würde eine ab 1910 geschaffene landwirtschaftliche Pflanzensorte ohne einen massiven Zugriff auf chemische Mittel sterben, wenn ihre monogene oder vertikale Resistenz versagt.


Was glauben Sie, passierte? Die traditionellen Sorten wurden total ausgerottet zum Vorteil der modernen Sorten, die mit einer vertikalen, monogenen Resistenz ausgestattet sind. Bis zum heutigen Tag werden jedes Jahr 36 Milliarden Dollar für Fungizide und andere Pestizide ausgegeben und trotzdem gehen weltweit 20 Prozent aller Ernten durch den Befall von Bakterien, Pilzen und Viren verloren... Hinzu kommt, dass die Anzahl der pflanzlichen Krankheiten proportional zur vermehrten Anwendung starker chemischer Spritzmittel steigt. Heutzutage gibt es über 300 gravierende Krankheiten, die Pflanzen zur Lebensmittelherstellung befallen. Dies alles ergibt einen unerbittlichen Teufelskreis: Die erhöhten Werte von chemischen Elementen in den Böden führen durch das Ungleichgewicht, das sie erzeugen, zu neuen Krankheiten. Die Wissenschaftler werden diese Tatsache nicht aufhalten können, indem sie jedes Jahr Pflanzen einführen, die neue Resistenzen aufweisen.


Hybride


An dieser Stelle unseres Berichtes muss man deutlich machen, dass um 1920 die Einführung des F1 Hybriden die systematische Ausrottung der althergebrachten Sorten beschleunigt hat. Die Hybriden F1 stellen einen Leckerbissen der mendelschen Anhänger der monogenen Resistenz in der Suppe der Pseudowissenschaft dar, die man unbefangen als Mythologie bezeichnen kann. Geblendet durch die Illusion einer Superproduktivität, gaben die Bauern ihre traditionellen Sorten auf, die sich entsprechend der Art fortpflanzen, um die Hybriden der ersten Generation einzuführen. Die Sorten F1 (gewonnen aus Linien, die man als rein bezeichnet, die aber in Wirklichkeit völlig geschwächt sind) sind degenerativ und führen zwangsläufig zu einem profitablen Markt für die Samenproduzenten: Landwirte, Gemüsebauern und Gärtner sind dazu gezwungen, ihre Samen jedes Jahr aufs Neue einzukaufen. Jean-Pierre Berlan, Wissenschaftler des INRA Frankreich (Nationales Institut für landwirtschaftliche Forschung), hat die Hochstapelei des Konzeptes der Heterogenität oder Robustheit der Hybriden ausreichend bewiesen.


Eine andere Welle kollektiver Verzauberung offenbarte sich um 1961, zur Zeit der Konvention von Paris, durch die Gründung der UPOV: eine internationale Union zum Schutz neuerfundener Pflanzen. Die Staaten oder vielmehr die multinationalen Konzerne, die diese Union "beriet", haben sich einen legalen Rahmen geschaffen, der es ihnen ermöglichte, ihre Vormachtsstellung auf einen Sektor auszuweiten, den sie bis anhin nur wenig kontrollierten: die Herstellung des Saatguts. Innerhalb von 30 Jahren wurden über tausend Samenproduzenten der nördlichen Hemisphäre von der Petrochemie aufgekauft. Die UPOV führte die Möglichkeit ein, jede neuerschaffene Sorte patentieren lassen zu können. Dieses Konzept an sich ist schon ein gewaltiger Betrug. Wie kann man ein Patent anmelden auf eine leicht veränderte oder ausgewählte Pflanzenart, deren Existenz seit Hunderten oder Tausenden von Jahren die Frucht mühsamer bäuerlicher Arbeit ist?


Heute kontrollieren zehn multinationale Konzerne fast 50 Prozent des weltweiten Saatgutsektors. Die vier ersten sind DuPont (der Pioneer Hibred aufgekauft hat), Syngenta (eine Fusion aus Novartis und Aztra-Senecca, Novartis selber ist eine Fusion aus Cyba-Geigy und Sandoz, die zwei größten Verschmutzer des Rheins), Monsanto (berühmt für seinen Terminator) und Limagrain (eine kleine Kooperative aus der Limagne, die ihr Vermögen erlangt hat durch eine hybride Maissorte F1- geschaffen durch das französische Forschungsinstitut INRA, somit dank der französischen Steuerzahler). Dieselben zehn multinationalen Konzerne, aber das ist sicher reiner Zufall, kontrollieren ebenfalls 60 Prozent der Agrochemie.


Es ist aufschlussreich, den Katalog des GNIS zu öffnen (interproefessionelle Gruppierung des Saatgutsektors, 1945 von Petain gegründet). In der Rubrik "Tomaten" findet man 87 Prozent hybride F1- Sorten und 11 Prozent "bestimmte" Sorten (die sich je nach Typ reproduzieren), alle durch Patente geschützt. Nur zwei Prozent sind "freie" Sorten.


Alles, was auf europäische Teller kommt, ist in einem der nationalen Kataloge der Europäischen Gemeinschaft verzeichnet. Das heißt, dass es per Gesetz streng verboten ist, eine Gemüse- oder Getreideart, zum Verzehr oder zur Saatgutgewinnung, anzubauen, die nicht in einem dieser Kataloge ist.


Die "Grüne Revolution"


Die UPOV hat den Versuch unternommen, Westafrika zu verschlingen. Dasselbe hat höflich abgelehnt, aber für wie lange noch? An dessen Stelle hat sie dafür unlängst Asien ganz und gar verschlungen. Die UPOV vollendet somit das Werk einer umfassenden, weltweiten Mythologie, die sich Grüne Revolution" nennt. Sie trägt diesen Namen ohne Zweifel wegen der Farbe des Dollars, zu dessen Gedeihen sie kräftig beigetragen hat. Der offiziellen Theorie zufolge wurden dank der "Grünen Revolution" höchst ergiebige Reissorten geschaffen und kultiviert, die Indien vor dem Hunger bewahrt haben.


Doch was bedeutet höchste Ergiebigkeit, wenn man weiß, dass laut englischen Archiven im Staate Tamil Nadu um 1750 dreizehn Tonnen Reis pro Hektar produziert wurden, und das unter den Bedingungen einer vollkommen nachhaltigen Landwirtschaft? Der große indische Reisexperte, Professor Richcharia, brachte es vor einigen Jahren auf 10 Tonnen pro Hektar mit traditionellen Sorten.


Wie hoch ist die Rechnung in Wirklichkeit? Die Sorten der "Grünen Revolution" waren durch die Anwendung von Spritzmitteln (Kunstdünger, Pestizide, Herbizide) überaus produktiv. Die Erträge wurden durch die Benutzung intensiver, modernster Bewässerungssysteme noch gesteigert. Das Resultat daraus ist eine Senkung des Grundwasserspiegels, die Luft, die Böden und das Wasser sind extrem verschmutzt. Zusätzlich wurden die genetischen Reserven ausgerottet: Vor der Grünen Revolution gab es in Indien mehr als 100.000 verschiedene Reissorten, 50 davon sind übriggeblieben. Die armen Bauern pferchen sich in den Slums der Großstädte zusammen, die Ruinierten begehen Selbstmord oder verkaufen ihren Boden an die Banken oder Cargill. Die Frauen verlieren ihre Rolle als Nahrungsbeschafferinnen der Familie. Die Landwirtschaft, die grundlegend weiblich, vielfältig und auf eine sichere Versorgung mit Nahrung ausgelegt war, ist zu einer männlichen Monokultur verkommen, deren Hauptanliegen es ist, Produkte herzustellen mit einem hohen Handelswert auf dem nationalen und internationalen Markt.


Mit der zweiten "Grünen Revolution" halten die Biotechnologien und die GMO (genmanipulierten Organismen) in der Dritten Welt ihren Einzug. Die Farce geht also weiter, obwohl die Verfechter der ersten "Grünen Revolution" ihre Methoden damals als endgültige Allerweltsheilmittel gegen den Hunger angepriesen hatten.


Die ersten Geschöpfe der Agronomiezauberlehrlinge Anfang des 20. Jahrhunderts nannte man Hybride aus dem griechischen "hybros", was soviel heißt wie Monster oder Trugbild. Wie wird man heute die neuen Trugbilder nennen, deren Erbgut aus einer Mischung aus Genen von Mensch, Tier, Pflanze und Antibiotika, Viren und pathogenen Stoffen bestehen wird? Die Welt der transgenen Trugbilder konnte nur durch die rasante Entwicklung der Computertechnologie entstehen.


Das Saatgut


Wir wollen nun die Beschaffenheit des Saatgutes und die Wechselbeziehung zu seiner Umwelt genauer beleuchten: Wie alle Lebewesen haben Samen zwei sich ergänzende Eigenschaften, einerseits das vorhandene Erbgut zu vererben und es zu verändern. Die Landwirtschaft und der Fortbestand des Saatgutes stützen sich auf die erste Eigenschaft. Beim Selektionieren und der Züchtung verbesserter Sorten zählt die zweite. Zusätzlich gibt es eine enge Verbindung zwischen dem Saatgut, der aus ihm wachsenden Pflanze und ihrer Umwelt. Das Saatgut prägt seine Umwelt genauso wie die Umwelt das Saatgut prägt.


Während Jahrtausenden war Saatgut frei anwendbar, heute ist sein Gebrauch beschnitten: Die F1 Hybridsorten sind entweder steril oder degenerativ. Den Höhepunkt an Sterilität erreicht das sogenannte Terminatorsaatgut (vor einigen Monaten wurde es in den USA auf sehr diskrete Art bewilligt), das genetisch darauf programmiert ist, sich selber zu zerstören. Die in vitro-Kulturen (Züchtung von Pflanzen anhand einiger Zellen), sind ein weiteres Beispiel der Zerstörung des biologischen Kreislaufs der Pflanzen vom Samen zum Saatgut. Die moderne westliche Landwirtschaft hat das weibliche Element im Samen zerstört, seine Evolutionsanlagen wurden durch ein undurchsichtiges Konzept der "fixen Erbanlagen" ersetzt. Das Saatgut wächst nicht mehr auf dem Acker, sondern wird in Laboratorien der Agrochemie hergestellt.


Das Saatgut hat nicht nur seine Fähigkeit verloren sich fortzupflanzen, es ist auch ohne chemische Stütze total unproduktiv geworden. Anfang des letzten Jahrhunderts begannen die Saatguthersteller, den Bauern für teures Geld gegen Parasitenbefall garantiertes Saatgut zu verkaufen, das jedoch anfällig für eine ganze Reihe von Krankheiten war. Heutzutage stellt das "Traitorgen" oder die "GURTs" "Genetic Use Restriction Technologies" den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung dar. Das Saatgut ist genetisch so programmiert, dass es sich nur entwickeln kann, wenn es auf dem Acker mit den entsprechenden chemischen Produkten behandelt wird. Bei der FAO läuft zurzeit eine Studie über die Auswirkungen dieser Technologien auf die Agrobiodiversität und die landwirtschaftlichen Produktionsabläufe. Wir hoffen, dass es uns anhand dieser Erläuterungen gelungen ist aufzuzeigen, dass die Beschaffenheit des Saatgutes die Art der Landwirtschaft bestimmt


Die Art der Landwirtschaft


Das traditionelle Saatgut für den Nahrungsmittelanbau verlangt nach einer nachhaltigen Landwirtschaft. Das F1- Saatgut, mit hohen Ernteerträgen, oder genetisch manipuliertes, gedeihen nur in einer von der Technologie total abhängigen Landwirtschaft: massive Bewässerung, Kunstdünger, Fungizide, Herbizide, mechanische Ernte etc.


Auch in der intensiven biologischen Landwirtschaft finden wir hierfür Beispiele: Heutzutage werden 95 Prozent des Biogemüses mit F1-Hybridsaatgut produziert. Bei großflächigem Anbau von Kopfsalat werden ganz neue gegen Pilzkrankheiten resistente Sorten verwendet. Der Anbau von Biotomaten im Winter in geheizten Plastikgewächshäusern ist nur möglich dank moderner Sorten, die resistent sind gegen Krankheiten wie Verticillium und Fusariose. Diese Art von biologischer Landwirtschaft unterscheidet sich nur wenig von der konventionellen. Sie verwendet das moderne Saatgut und produziert in Monokulturen unabhängig von den Jahreszeiten. Die Abfälle der Agroindustrie (Blut-, Knochen- und Federmehl, auf sehr hohe Temperaturen erhitzter Mist) als "organische" Düngemittel verwendet. Zum gleichen Zweck wird die Dritte Welt ihrer Biomasse (Guano, Rizinusölkuchen, Kokosfasern) beraubt. Seit mehreren Jahren existieren auf dem Biomarkt mehr als 20 Sorten Blumenkohl, denen ein Radieschengen eingepflanzt wurde, und die Beschaffenheit gewisser "long-life" Tomaten ist auch nicht über jeden Verdacht erhaben... Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit, bis die ersten GMO-Sorten offiziell verkauft werden.


Vielleicht erscheinen wir einigen Leuten als Nostalgiker. Stellen wir uns einmal vor, wie leistungsfähig das traditionelle bäuerliche Saatgut sein könnte, wenn die Bauern über die Milliarden Dollar verfügt hätten, um das Saatgut zu verbessern, die genetische Vielfalt zu erhalten mit dem Ziel, die ständig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Altbewährte Sorten auf einem sehr fruchtbaren Boden können wahre Wunder bewirken. John Jeavens vom Verein Ecology Action in Kalifornien hat bewiesen, dass man in milden Klimazonen mit nachhaltigem biologischem Gartenbau 10 Aren Land braucht, um einen Menschen während einem Jahr vegetarisch zu ernähren. Seinem System zufolge besteht der Garten aus 60 Prozent Faserpflanzen (Mais, Sonnenblumen, Amaranthus und Quinoas), die in Form von Kompost als Düngemittel Gebrauch finden. 30 Prozent der Pflanzen werden als Kalorienspender (Karotten, Rote Beete, Rüben etc.), und 10 Prozent der Pflanzen als Vitaminspender (Tomaten, Paprika, Auberginen, Melonen etc.) verwendet. In tropischen oder subtropischen Klimazonen können sogar zwei Personen von der gleichen Fläche ernährt werden unter der Bedingung, dass genügend Wasser vorhanden ist. Die 150 Millionen Hektar Ackerland in Indien könnten mit diesen Anbautechniken drei Milliarden Vegetarier ernähren. Wo ist also das Problem?


Mythologie


Es wäre schade, diese zu kurze Ausführung abzuschließen, ohne einige schöne Eindrücke aus den Schöpfungsmythen dem modernen, trockenen und sterilen westlichen Muster entgegenzustellen. In dem Schöpfungsmythos aus den Anden, das sich das Reich der vier Erden nennt, das vormalige Reich des Inkavolkes, ist das Saatgut ein lebendes Wesen und Teil der Mutter Erde und der Gemeinschaft, genauso wie die Menschen, die Tiere, das Wasser, die Winde, die Götter und die Naturgeister. Die Samen verfügen über ein Eigenleben: Sie leben mit den Menschen und sorgen für sie, gehen aber, wenn man sie nicht schätzt oder misshandelt. Wenn eine neue Saat in den Garten kommt, sollte man ihr Zuneigung zeigen und sie umhegen. Wenn sie aber müde ist, glauben die Bauern der Anden, dass man sie auf die Reise in andere Biotope und Gärten schicken sollte.


Lasst die Samen der Sterne zurückkehren, auf dass die Mutter Erde wieder fruchtbar und empfänglich werde. Die Samen sind nicht unser Besitz, sie sind das Geschenk des Lebens.


Für nähere Informationen:
Association Kokopelli
Oasis 131 Impasse des Palmiers
F-30100 Alès
kokopelli.semences@wanadoo.fr
www.kokopelli.asso.fr.

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 101 (01/2003)

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