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GESTERN - HEUTE - MORGEN: Von den Anfängen des Darwinismus

5.Teil: Die Revolution von Darwin


Unbestreitbar schaffte es Darwin, die Meinung der Wissenschafter seiner Zeit für die Idee der Evolution der Arten zu gewinnen. Obwohl zahlreiche Probleme ungelöst bleiben, wie dies aus den vorhergehenden Artikeln ersichtlich wird, haben sich die Einfachheit des Mechanismus der natürlichen Selektion und die Rückführung jeglicher Evolution an diesen Anpassungsprozess schlussendlich bei den Evolutionisten durchgesetzt. Aber dieser Triumph hat bei weitem nicht nur wissenschaftliche Ursachen.


 


Die Evolution ist für Darwin nicht nur ein fremdes Problem, er versucht sogar die Fakten und Ideen, die es ermöglichen, die Natur der Lebewesen und die Logik ihrer Evolution zu verstehen, zu verwischen. Der Philosoph Etienne Gilson merkte dazu folgendes an: «Man kann, ohne dabei ungerecht zu sein, sagen, dass Darwin, sobald er die Beobachtung verlässt, worin er ein Meister ist, eine intellektuelle Nachlässigkeit und eine Ungenauigkeit in seinen Ideen zeigt, die ihm offensichtlich entgehen.»1 Man kann sagen, dass der Erfolg des Darwinismus in der Biologie zu einem großen Teil auf dieser Konfusion in den Ideen und der Nachlässigkeit in der Definition der verwendeten Begriffe beruhen. Im Gegensatz zur Physik entwickelte sich die Biologie auf keinem mathematischen Formalismus.


André Pichot beschreibt diese Evolution folgendermaßen: «Mitte des XIX. Jahrhunderts sind die dominierenden biologischen Disziplinen vor allem die Physiologie, die Biochemie und die Zytologie, und diese sind von den Mechanismen der Evolution überhaupt nicht betroffen. Die davon betroffenen Disziplinen, die Taxonomie und die Paläontologie, waren zweitrangig. Der Erfolg des Darwinismus besteht darin, dass er schnell zu einer Art universellem Interpretationswerkzeug wurde. Und dies in erster Linie für die Sozial- und Humanwissenschaften. Seine Popularität in diesen Disziplinen ermöglichte es ihm, in der Biologie zu überleben, bis die Erfindung der modernen Genetik anfangs des XX. Jahrhunderts dem Darwinismus mit der Theorie der Vererbung einen wissenschaftlicheren Hintergrund verschaffte. Die Veränderungen der Lebewesen werden durch die zufälligen Mutationen der Gene und die Übertragung auf die Nachkommen durch die Selektion der am besten Angepassten erklärt.»2


Mit dem Mechanismus der natürlichen Selektion erklärt der Darwinismus die Evolution nicht, er begnügt sich damit, die Diversität der lebenden Formen zu beschreiben, sodass sich eine Biologie der Funktion der Lebewesen entwickeln konnte, die diese analysierte, als würde es sich um Maschinen handeln. Indem die speziellen historischen Phänomene des Lebens (Entwicklung, Evolution) nur auf das Spiel des Zufalls und der natürlichen Selektion reduziert wurden, vereinfachte er das Problem des Verstehens der Lebewesen zu einem physikalisch-chemischen Prozess. Nicht nur die Vererbung einer erworbenen Eigenschaft, sondern auch die Kontinuität eines Prozesses über Generationen hinweg wurde vom Darwinismus verworfen. Dies ermöglicht es, die komplexen Probleme (der Metabolismus3 und seine Geschichte), die man nicht behandeln kann, zu übergehen und den Anschein einer materialistischen und wissenschaftlichen Erklärung zu geben.


Lebende Maschinen


Die einzige wissenschaftliche Weise die Lebewesen zu erfassen, ist also, sie als Maschinen zu betrachten. Der Unterschied zwischen Maschine und Lebewesen besteht in der Art und Weise, wie sich die Mechanismen untereinander artikulieren: in einer Maschine hat das Räderwerk eine bestimmte unveränderliche Funktion; beim Lebewesen sind sie dynamisch, können sich verändern und neu zusammensetzen, vor allem während der Entwicklung und der Evolution4.


Im Gegensatz zu Lamarck begriff Darwin die Notwendigkeit einer doppelten Erklärung der Lebewesen nie, sowohl physikalisch und chemisch als auch historisch5 , und der spätere Darwinismus wird dieses fehlende Verständnis noch verhärten. So dient er also als Rahmen für die Genetik (die Mutationen erklären die Variabilität der Lebewesen) und anschließend auch für die Molekularbiologie (das genetische Programm erklärt die Entstehung der Lebewesen). Dies ergibt eine scheinbare Kohärenz und Einheit der verschiedenen Bereiche der Biologie, man nennt das heute noch «synthetische Evolutionstheorie». Eine Kontinuität der Substanz (die Transmission der DNA) kann man sich einfacher vorstellen als die Kontinuität eines physikalisch-chemischen Prozesses (die Fortpflanzung des Metabolismus zwischen Generationen).


Die Formel des russischen Genetikers Theodosius Dobzhansky, «Nichts in der Biologie ist sinnvoll außer im Lichte der Evolution betrachtet» ist zwar schön, aber leider bleibt sie toter Buchstabe, solange es keine Theorie der Lebewesen gibt. Die Geschichte des Lebens wird als eine riesige Akkumulation von Anekdoten und unwesentlichen Ereignissen und nicht als Entfaltung der Logik des Lebens behandelt.


Eine wissenschaftliche Ideologie


Georges Canguilhem definierte die sogenannte wissenschaftliche Ideologie als eine Wissenschaft, die noch nicht zur Reife gelangt ist, weil sie ihr Objekt nicht in seiner Spezifizität erfasst. Sie beruht auf einer wackligen Grundlage und benutzt ungenaue Methoden. Sie nimmt als Vorbild eine schon existierende Wissenschaft oder importiert Ideen aus anderen Bereichen, die nicht unbedingt wissenschaftlich sind. Die Ideologie ersetzt also den Mangel an Präzision und Strenge der Definition dieses Objekts und projiziert darin Ideen und Werte, die ihm fremd sind. Aber dies legitimiert die sozialen Gegebenheiten und die politische und wirtschaftliche Ordnung. Die aktuelle Biologie entspricht großteils dieser Definition, vor allem der Darwinismus, die Genetik und die Molekularbiologie6.


Marx erkannte sehr wohl den ideologischen Ursprung der Ideen Darwins: «Es ist sonderbar festzustellen, wie Darwin bei den Tieren und Pflanzen seine englische Gesellschaft mit der Arbeitsteilung, der Konkurrenz, der Eröffnung neuer Märkte, den 'Erfindungen' und den 'Kampf für das Leben' von Malthus wiederfindet. Es ist der bellum omnium contra omnes (der Krieg aller gegen alle) von Hobbes, und dies erinnert an die Phänomenologie von Hegel, wo die bürgerliche Gesellschaft unter der Bezeichnung der 'tierisch intellektuellen Herrschaft' figuriert, während bei Darwin die tierische Herrschaft in Form der bürgerlichen Gesellschaft erscheint.»7 Engels fügte hinzu: «Mit diesem Taschenspielertrick (...) werden die gleichen Theorien auf die organische Natur in der menschlichen Geschichte übertragen. Der kindische Charakter dieser Vorgehensweise springt in die Augen, es ist unnötig davon zu reden und seine Zeit damit zu verlieren.»8 Tatsache ist, dass weder Marx noch Engels diese Analysen veröffentlichten. Im Gegenteil, sie waren selber in ideologischen und politischen Kämpfen verstrickt und sahen in der natürlichen Selektion, dem Motor der Evolution, die Rechtfertigung des Klassenkampfs als Motor der sozialen Geschichte. Im Nachruf, den er auf dem Grab von Marx las, verglich Engels gar Marx mit Darwin.


Man stößt hier auf ein Ressort, den man als «darwinsche Revolution» in England bezeichnen könnte: Der Mechanismus der natürlichen Selektion rechtfertigte und legitimierte die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die vom industriellen Kapitalismus bewerkstelligt wurden. Diese Revolution ist eine Revolte des Industrie- und Handelsbürgertums gegen die alten aristokratischen Strukturen und die Heuchelei der Kirche. Aber dieses Bürgertum, das seit knapp fünfzig Jahren existierte, hat sich stark bereichert und will auf keinen Fall eine Revolution «à la française». Im Gegenteil, es verstärkt seine Herrschaft über das Volk und vor allem die Arbeiter und schafft zahlreiche Gesetze und Institutionen ab, die die Traditionen und Institutionen des gemeinen Volkes schützten. Es will sich als herrschende Klasse nicht nur mit politischen Mitteln durchsetzen. Der Darwinismus liefert ihm dazu die Gelegenheit.


Gegen die Werte der Aristokratie und die Doktrin der Kirche bejaht der Mechanismus der natürlichen Selektion, dass die soziale Herrschaft das Resultat eines unbarmherzigen Wettkampfs unter Gleichen ist, in dem sich die Besten durchsetzen. Der Mechanismus des freien Marktes, der sich selbst reguliert, entspricht dem Mechanismus, der in der Natur herrscht, sogar im ganzen Universum. Der Soziologe J. Novicow bedauerte dies schon 1910: «Die darwinsche Doktrin, vor einem halben Jahrhundert entstanden, breitet sich schnell in der ganzen Welt aus. Seit ihrer Entstehung wurde sie verwendet, um fast alle natürlichen Phänomene zu erklären, von verschwommenen Theorien bis zu Variationen in der literarischen Gattung. In diesen fünfzig Jahren wurde die Gesamtheit der Wissenschaften, von der Astronomie bis zur Soziologie, vom Darwinismus geprägt.»9 Darwin war für das Bürgertum, was Marx für das Proletariat bedeutete, nämlich der Theoretiker der jeweiligen Klasse, der ihre soziale und historische Rolle rechtfertigte.


Darwin malgré lui


Aber Darwin war sich wahrscheinlich nicht bewusst, welche Rolle er dabei spielte. In einem Absatz seines Werks Die Abstammung des Menschen, in dem er über die Anwendung der natürlichen Selektion beim Menschen dissertierte, befand er sich im Zwiespalt zwischen der Logik seines Systems, das die Elimination der «Körperlich und geistig Schwachen» verlangte, um die Degenerierung der Rasse zu verhindern und andererseits seiner sehr christlichen moralischen Einstellung, der eine solche Extremität widerstrebte: «Wir können unsere Sympathie nicht einschränken, auch wenn die unflexible Logik uns ein solches Gesetz aufzwingt, ohne dabei den nobelsten Teil unserer Natur zu beschädigen.»10


Es ist dieser Konflikt zwischen der unflexiblen Logik des neuen ökonomischen Systems und den moralischen Werten der alten Welt, der die Gesellschaft bis heute entzweit. Durch den heftigen Angriff des Kapitalismus lösen sich die traditionellen Gesellschaften auf und stürzen in sich zusammen. Die Ökonomie und die Technik haben sich selbstständig gemacht und zwingen den Menschen und der Gesellschaft ihr Gesetz auf. Darwin befindet sich im Herzen des Konflikts, aber er kennt die Begriffe nicht, die wir benützen, um dies zu erklären. Er erlebt auf grausame Art den Verlust seines wohlwollenden Gottes. Und gleichzeitig begründet er genau diesen Prozess durch seine wissenschaftliche Theorie, die die Zerstörung der alten Ordnung und die Desillusion der Welt bewirkt.


Der Darwinismus schafft also eine konservative Revolution, die infrapolitisch ist. Sie schiebt die Wissenschaft vor, um sich eine Pseudolegitimität zu geben und als progressiv zu gelten. In Wissenschaftskreisen und auch anderswo verfügt sie auch deswegen über große Popularität: es geht um einfache Ideen, die die herrschende Ordnung legitimieren. Der ganz besonders wissenschaftsgläubige Genetiker Miroslav Radman sagt denn auch ohne Umschweife: «Was mich fasziniert, ist die Allgemeingültigkeit der Theorie (von Darwin). Ich sehe die Theorie der Evolution überall. Das hilft mir, in dieser Gesellschaft zu leben.»11


Im Schlusswort von Der Ursprung der Arten macht Darwin folgenden lyrischen Gedankenflug: «Das direkte Resultat dieses Krieges der Natur, der Hunger und Tod mit sich bringt, ist also die wunderbarste Tatsache, die wir uns vorstellen können: die Produktion der höheren Lebewesen. Zeugt diese Betrachtungsweise des Lebens nicht von einer wirklichen Größe (...)?»12 Auf diese Art eine soziale Beherrschung zu rechfertigen, ist überhaupt keine Größe sondern ganz einfach jämmerlich. Wir sollten endlich unsere Anschauungsweise des Lebens radikal ändern und die Autonomie des Lebenden anerkennen, bevor der Kapitalismus uns durch den unaufhörlichen Krieg gegen das Lebende zu Hunger und Tod führt.


 


*Bertrand Louart ist Redakteur von Notes & Morceaux choisis, Bulletin critique des sciences, des technologies et de la société industrielle, im Verlag La Lenteur, Paris. Diese Artikelserie ist die Vorbereitung eines Buches mit dem Titel L’autonomie du vivant, in dem die Ideen und Analysen dieses Artikels eingehender behandelt werden.


1. D’Aristote à Darwin et retour, 1971.


 


2. A. Pichot, Aux origines des théories raciales, 2008.


3. Stoffwechsel.


4. Gérard N. Amzallag, L’homme végétal, pour une autonomie du vivant, Verlag Albin Michel, 2003.


5. A. Pichot, Histoire de la notion de la vie. Verlag Gallimard, coll. TEL, 1993.


6. A. Pichot, Histoire de la notion de gène, Verlag Flammarion, 1999.


7. Brief von Marx an Engels vom 18. Juni 1862.


8. Brief von Engels an Lavrov vom 12. November 1875.


9. La critique du darwinisme social, Verlag Alcan, 1910.


10. Darwin, Der Ursprung der Arten, Verlag GF, 1992.


11. Science & Vie, Juni 2009.


12. Darwin, Der Ursprung der Arten, Verlag GF, 1992.


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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 173 (07/2009)

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