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GRIECHENLAND: «Diese Tage sind auch die unseren!»

Der folgende Text, von dem wir Auszüge veröffentlichen, wurde bei einer Kundgebung vor den Polizeihauptquartieren von einer Gruppe albanischer MigrantInnen, der «Haunt of Albanian


Migrants», verteilt. Er zeigt, dass das Band der Solidarität durch viele verschiedene Teile der griechischen Gesellschaft weiter geknüpft und


gestärkt wird.


 


Nach dem Mord an Alexis Grigoropoulos lebten wir in einer beispiellosen Situation des Aufruhrs, eines nicht enden wollenden Wutausbruchs. Es scheint, als würden die SchülerInnen und StudentInnen diesen Aufstand maßgeblich führen, der mit einer unglaublichen Leidenschaft die ganze Situation in Griechenland auf den Kopf gestellt hat. Man kann nichts stoppen, was man nicht kontrollieren kann, was sich spontan organisiert unter Bedingungen, die nicht erfasst werden können. (…)


Die SchülerInnen machen Geschichte und überlassen es den anderen, sie aufzuschreiben und ideologisch einzuordnen. Die Straßen, die Motivation, die Leidenschaft gehören ihnen.


Im Rahmen dieser großen Mobilisierung gibt es auch eine große Anteilnahme von MigrantInnen der zweiten Generation und vieler Flüchtlinge. Die Flüchtlinge kommen in kleinen Gruppen auf die Straße, mit begrenzter Organisation, aber mit einem hohen Grad an Spontaneität und Kraft.


Momentan sind sie der militanteste Teil der in Griechenland lebenden AusländerInnen. Vielleicht auch, weil sie nichts zu verlieren haben.


Die Kinder von MigrantInnen kommen in Massen und sind sehr dynamisch. (…). Sie stellen den «integriertesten» und zugleich mutigsten Teil der Migrantencommunity dar. Sie sind anders als ihre Eltern, die mit gesenkten Köpfen kamen, als würden sie um Brot betteln wollen. Sie sind Teil der griechischen Gesellschaft, sie kennen keine andere. Sie betteln nicht um etwas, sondern sie fordern die gleichen Rechte wie ihre griechischen MitschülerInnen.


Für uns, politisch organisierte MigrantInnen, ist dies ein zweiter November 2005. Wir hatten nie die Illusion, diesen Wutausbruch in eine bestimmte Richtung lenken zu können. Trotz der vielen Kämpfe, an denen wir teilgenommen haben, ist uns nie eine derart große Mobilisierung gelungen.


Jetzt ist es an der Straße zu reden: Der ohrenbetäubende Schrei, den ihr hört, gilt den 18 Jahren der Gewalt, der Repression, der Ausbeutung und Demütigung.


Diese Tage sind für die MirgantInnen und Flüchtlinge, die an den Grenzen, Arbeitsplätzen und in den Polizeistationen umgebracht wurden. Sie sind für die, die durch Polizisten oder «pflichtbewusste Bürger» umgebracht wurden. Sie sind für die, die ermordet wurden, weil sie eine Grenze überschritten, weil sie den Kopf nicht senken wollten, für jene, die sich zu Tode schufteten. Sie sind für Gramos Palusi, Luan Bertelina, Edison Yahai, Tony Onuoha, Abdurahim Edriz, Modaser Mohamed Ashtraf und so viele mehr, die wir nicht vergessen haben!


Diese Tage gelten der täglichen Polizeigewalt, die ungeahndet und unbeantwortet bleibt. Sie gelten den Demütigungen an den Grenzen und in den Ausländerbehörden, die bis heute anhalten. (…) Sie gelten der Mühe und dem Blut unserer Eltern, der Schwarzarbeit und den endlosen Versetzungen. Sie gelten den Papieren, denen wir den Rest unseres Lebens hinter rennen müssen, wie einem vom Wind verwehten Lotto-Schein.


Diese Tage gelten dem Preis, den wir zahlen müssen, um zu leben, zu atmen. Sie gelten all den Tagen, an denen wir das zähneknirschend hingenommen haben, gelten der harten Arbeit und den Niederlagen, mit denen wir kämpfen mussten. Sie gelten all den Situationen, in denen wir nicht reagierten, auch wenn wir alle Gründe der Welt dazu gehabt hätten.


Sie gelten all den Situationen, in denen wir reagiert haben und wir alleine waren, weil unser Tod und unsere Wut nicht in die vorgeformten Bahnen passten, keine Stimmen brachten und sich nicht in den Prime-Time-News verkauften.


Diese Tage sind für die Ausgegrenzten, die Ausgeschlossenen, die mit den schwierigen Namen und unbekannten Geschichten.


Diese Tage gehören den Kids der Mesollogiou-Straße, den Unintegrierten, den unkontrollierbaren StudentInnen und SchülerInnen.


18 Jahre der stillen Wut sind genug!


Auf die Straße, für Solidarität und Würde!


Wir haben nicht vergessen, wie werden nie vergessen - diese Tage sind auch die unseren!


Luan, Tony, Mohamed, Alexandros…


16. Dezember 2008


 

 28.02.2009, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 167 (01/2009)

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