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GRIECHENLAND - MAZEDONIEN: Wir kochen weiter!

Unsere Freund_innen von der «NoBorder-Train-Kitchen» haben zwei Wochen lang täglich für 2‘000 Menschen an der griechisch-mazedonischen Grenze in Idomeni gekocht. Seitdem die Grenze zu Mazedonien – ausser für Menschen aus Syrien, Afghanistan und Irak – geschlossen bleibt, hat sich dort die Lage aufs Unerträgliche zugespitzt. Ein Erfahrungsbericht.
Anfang November 2015 fuhren wir mit voll beladenen Transportern nach Slowenien, um dort gespendetes Material wie Zelte, Decken und Schlafsäcke an geflüchtete Menschen zu verteilen und eine mobile VolXküche zu errichten. Dann änderte sich die Situation in Slowenien und wir entschlossen uns mit einer achtköpfigen Gruppe kurzfristig mit einem voll beladenen 12-Tonnen-LKW nach Lesbos in Griechenland aufzubrechen. Kaum in Griechenland angekommen, wurde die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien für viele Geflüchtete geschlossen. Tausende Menschen harrten unter härtesten Bedingungen dort aus, stetig kamen neue Busse an. Schnell war klar, dass wir an die Grenze nach Idomeni fahren würden, um das gespendete Material dort zu verteilen und dort zu kochen.
Die Situation in Idomeni war katastrophal. Es regnete viel und die Lebensbedingungen waren sehr schlecht. Es gab kaum korrekte Schlafmöglichkeiten und die meisten Menschen lagen unter Planen im Schlamm. Für alle Menschen aus anderen Ländern als Syrien, Afghanistan und dem Irak ging es ab hier nicht weiter. Viele Leute kommen aus Somalia, Marokko, Palästina, Bangladesh, Iran oder Pakistan. Sie wurden von den Grenzsoldaten nicht weiter gelassen.
Non-Stop-Küche
Seit unserer Ankunft war für uns in Idomeni «Non stop cooking» angesagt. Wir haben uns mit einer anderen Kochcrew zusammengetan und versorgten, zusammen mit einer weiteren autonomen Küche, täglich 2‘000 Leute mit ca. 3‘000 Mahlzeiten. Zunächst bauten wir unsere Küche auf einem verlassenen Militärgelände auf und begannen dort zu kochen. Währenddessen kam es zu einem ersten grösseren Aufstand. Schon vorher hatte es Proteste gegeben. Menschen aus dem Iran beispielsweise hatten sich die Münder zugenäht, andere gingen in den Hungerstreik. Nun gingen hunderte Geflüchtete friedlich mit Rufen wie «all together» und «open border» auf die Grenze zu. Einige versuchten, den Zaun zu überqueren, wurden aber wieder zurückgedrängt. An anderer Stelle wurde der Zaun komplett niedergerissen. Das Militär stellte sich mit Maschinenpistolen den Geflüchteten gegenüber. Vereinzelt flogen Steine, was jedoch durch andere Geflüchtete sofort unterbunden wurde.
Aufstand und Unterdrückung
Nach zwei Tagen wurden wir mit unserer ersten Kochstelle von der Polizei geräumt – während der zweite, grössere Aufstand begann und wieder hunderte Geflüchtete, entschlossener als zuvor, versuchten, die Grenze zu stürmen. Auslöser war der Tod einer Person, die sich auf dem Dach eines Güterwagons befunden hatte und dort von einem Stromschlag getroffen wurde. Daraufhin wurden die Menschen über eine Stunde vom mazedonischen Militär mit Gasgranaten und Schockgranaten beschossen. Im Nebel der Tränengasrauchschwaden entschlossen wir uns kurzerhand einen leer stehenden Güterwagon zu besetzen. Dort kochten wir fast pausenlos für tausende Menschen. Anfang Dezember kam es zu einem dritten, grösseren Aufstand bei dem die protestierenden Menschen mit Gummigeschossen beschossen wurden.
Am 9. Dezember wurde das Camp in Idomeni durch die griechische Polizei geräumt. Dabei blieb den Geflüchteten kaum Zeit, ihre Sachen zu packen, viele Zelte wurden aufgeschlitzt und das Camp in Verwüstung hinterlassen. Die Geflüchteten mussten in Reisebusse steigen und wurden nach Athen gefahren. Teilweise gingen die Polizist_innen auch mit Gewalt gegen Geflüchtete vor, die ihre Zelte nicht freiwillig verlassen wollten. Der Versuch, sich das Geschehen aus nächster Nähe anzusehen, wurde von der Polizei unterbunden. Ebenso wurden wir darauf hingewiesen, dass es illegal sei Fotos zu machen. Menschen, die versuchten, das trotzdem zu tun, wurden von Beamten in Zivil angeschrien, gestossen und festgenommen. Bereits kurz nach der Räumung begannen die Aufräumarbeiten. Zelte, Planen, Decken etc. wurden mit Baggern zusammengeschoben. Ein Teil unserer Gruppe in Idomeni konnte glücklicherweise tausende Decken, Schlafsäcke etc. einsammeln, die in Thessaloniki eingelagert wurden. Dort haben griechische Aktivist_innen ein besetztes Gebäude für den Empfang von 100 bis 150 Geflüchteten eingerichtet. Ein Teil unserer Gruppe hat sich nach Lesbos aufgemacht, andere nach Athen. Ein kleiner Teil unserer Gruppe ist in Thessaloniki geblieben, um vor Ort den Squat sowie die VolXküche aufzubauen und aufzurüsten.
Ruf nach Hilfe
Wir möchten, so lange es notwendig ist, die Geflüchteten hier in Griechenland unterstützen und dafür brauchen wir Hilfe. Auch die No Border Kitchen in Lesbos benötigt dringend Hilfe. Durch unsere Erfahrungen hat sich herausgestellt, dass es günstiger ist, Lebensmittel direkt vor Ort einzukaufen. Auch bei Sammlungen von Decken, Kleidung, Schuhen, Planen und Zelten ist es praktischer, benötigte Materialien hier vor Ort in Griechenland zu sammeln. Wir wollen jedoch niemanden ausbremsen – es fehlt nach wie vor an allem. Immer wieder begegnen uns Menschen ohne Schuhe, Decken, Jacken oder Socken. Nach wie vor sind wir dringend auf Geldspenden angewiesen, um überhaupt weiter kochen zu können. In einer Woche geben wir rund 3‘000 Euro für Lebensmittel aus. Darüber hinaus braucht es zusätzlichen personellen Einsatz, da wir an der Grenze des Leistbaren angekommen sind. Wir sind ein bunt zusammen gewürfelter Haufen von Menschen aus der Altmark, Hamburg, Hannover, Berlin, Melbourne … Einige von uns stammen aus VoKü-Gruppen, wie z.B. VolXküche Hannover, Le Sabot, Food for Action. Andere bringen ganz andere Erfahrungen, Stärken und Schwächen mit. Die meisten von uns kannten sich vorher nicht. Inzwischen haben sich unserer Crew auch Geflüchtete aus Marokko sowie dem Iran und Pakistan angeschlossen, ohne deren Hilfe wir das hier gar nicht schaffen könnten. Was uns eint: durch unsere Arbeit und die Bereitstellung von Verpflegung und technischer Infrastruktur vor Ort konkrete Hilfe zu leisten und so die Menschen auf der Flucht bei der Überwindung der Grenzen praktisch zu unterstützen. In Idomeni, in Thessaloniki, in Lesbos oder irgendwo an einem anderen Grenzübergang.


Kontakt: noborderkitchen(a)riseup.net
Für mehr Information: http://grenzenloskochenhannover.blogsport.de
Spendenkonto: Rote Hilfe e.V. / OG Salzwedel
IBAN: DE93 4306 0967 4007 2383 12
BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: just people

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 224 (03/2014)

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