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GRIECHENLAND: Tapakika, ein später Brief

Ich war im Januar 2016 zweieinhalb Wochen in Tapakika. Ein Flüchtlingslager an der griechischen Küste inmitten der Stadt Chios. Mittlerweile hat sich auf Chios viel geändert, es gibt einen neuen Hotspot – ein seltsamer Name für die Organisation der Camps auf militärischem Gebiet und Tapakika gibt es nicht mehr, soweit ich weiss ...
Zwischen Brünn und Prag auf der A1. Martin schläft auf der Sitzbank neben mir. Der Gurt dient ihm gleichzeitig als Kopfstütze. Das sieht sehr unbequem aus, scheint aber zu funktionieren. Neben ihm sitzt Axel, und zündet uns die nächste Zigarette an. Vor uns in der Ablage liegen drei leere Päckchen.
Ich frage Axel, für wen Isidoro und Panda und all die anderen Griechen am Eingang von Tapakika gearbeitet haben. Und Axel antwortet: Für die Samariter. Die werden von den Norwegern bezahlt, glaube ich.
Dann lächelt er sein unverkennbar verschmitztes Axellächeln, das er nach draußen auf den Asphalt der rechten Fahrbahn wirft. Und ich richte meinen Blick zurück auf den Verkehr, wieder auf sein Lächeln und sage: Ist nicht wahr, oder? Und Axel lacht. Und jetzt lachen wir beide in uns hinein. Und Axel wedelt mit der rechten Hand vor seinem Gesicht herum, als wäre da draußen auf der anderen Seite der Scheibe jemand besonders bescheuert. Noch ein kurzes Lachen. Das geht so: Ha! Und ich sage: Die haben echt eine Vollmeise. Und Axel: Auf jeden Fall.
Die, das ist in diesem Moment für uns klar, sind die europäischen Staaten mit ihren offiziellen Organisationen. Und ich ärgere mich über mich selbst, da ich Worte wie die oder wir nicht sehr mag. Und ich muss daran denken, dass ich dir, obwohl ich dich kaum kenne, vor meiner Abreise vorgeschlagen habe, zu schreiben. Dir schreiben als Vorsorge, um nicht durchzudrehen. Das ist besser, hast du geantwortet.
Jetzt würde ich dir schreiben, dass sich morgen früh alle Freiwilligen in Tapakika registrieren lassen und für ihre Arbeit bezahlen müssen. Jedes Camp hat einen eigenen Polizeichef und der Chef von Tapakika hat beschlossen, dass die Freiwilligen bezahlen müssen.
Dass mich das aber nicht mehr betrifft, weil ich im Auto sitze. Und dass es mich deswegen dennoch trifft, weil es mich wütend macht, während wir zurück nach Deutschland fahren. Seit über fünfundzwanzig Stunden schon. Größtenteils parallel zur sogenannten Balkanroute. Und ich würde dir schreiben, dass ich schon nach zwei bis drei Tagen eins geworden bin, ein Teil des Systems der Flucht, an der so viele Menschen sehr viel Geld verdienen, und vor allem, dass ich ein Teil geworden bin von Tapakika selbst. Tapakika, wie das klingt!
Bei Herta Müller habe ich einmal gelesen, dass Orte auch nur Gegenstände sind, ja, selbst der Nachthimmel ist nur ein Gegenstand, und dass sie unsere verlängerten Arme sind. Und sie sagt, diese Gegenstände stehen nicht einfach nur herum, sie sind Teil unserer Handlungen. Ich glaube auch, dass die Orte uns prägen, deswegen haben einige Menschen vielleicht auch Angst aus dem Haus zu gehen oder zu verreisen und sich die Welt anzusehen. Doch viele können es sich nicht aussuchen, welche Orte ihre verlängerten Arme sind, und sie müssen sich zwangsläufig entscheiden an einen anderen Ort zu gehen. Weil sie nur noch diese eine Wahl haben. Denn die sich bietende Alternative ist keine, die als solche bezeichnet werden kann.
Kommt ein Boot, und es ist immer ein Schlauchboot, an der Küste von Chios an, sind, wenn es gut läuft, ein paar Freiwillige zur Stelle und versorgen die Menschen mit Decken, heißem Tee und etwas zu Essen und neuen Socken. Wenn es richtig gut läuft, auch mit trockenen Schuhen und trockener Kleidung. Meist ist als einer der ersten auch ein Pick-up vor Ort. Der Fahrer und Beifahrer des Pick-ups schnappen sich den Motor des Bootes und verschwinden spurlos. Manchmal kommt auch die Polizei und die stellen dann Fragen, wer das Boot gesteuert hat und so. Denn die Schleuser sind die Menschen auf den Booten selbst. Läuft es gut, zahlt derjenige, der das Boot steuert, einen geringeren Preis für die Überfahrt und niemand verrät ihn. Läuft es schlecht, wird die Familie des Steuermanns auf der türkischen Seite als Pfand dabehalten und er lässt die anderen noch vor der Küste ins Wasser springen und sie müssen den Rest schwimmen, während er mit dem Boot und dem Motor (der ist wichtig) in die Türkei zurückkehrt, um dann vielleicht bei einer nächsten Überfahrt zusammen mit seiner Familie endlich übersetzen zu dürfen. In den Booten sitzen außen die Männer und in der Mitte die Frauen und Kinder, aber immer zwischen dreißig und siebzig Personen. Auf einem ähnlich großen Boot der Agentur Frontex finden offiziell sechs Personen ihren Platz.
Dann wird auf einen städtischen Bus gewartet, der pro Person drei Euro kostet und die Menschen nach Tapakika bringt. Hat jemand die drei Euro nicht, muss derjenige nach Tapakika laufen oder auf das gute Gewissen des Busfahrers hoffen. Werden die Menschen, die laufen müssen, von der Polizei aufgegriffen, gibt es Ärger, der mit drei Euro nicht aufzurechnen ist.
Der Bus hält auf einem großen vom Regen zerfressenen Hinterhof vor einer alten Werkshalle, dem Registrierungscamp, Tapakika. Das Glas der meisten Oberlichter fehlt, sodass drinnen nahezu die gleichen Temperaturen herrschen wie draußen. Die Halle selbst wird durch ein System an Zäunen aufgeteilt, das an einer der Längsseiten zwei schmale Gänge bildet, durch die die Menschen dann bis zum Ende laufen, wo die Angestellten der Samariter ihnen Papierbändchen um die Handgelenke kleben, die wie die Eintrittsbänder eines Konzerts oder eines Festivals aussehen. Darauf stehen Buchstaben, die anzeigen, mit welchem Boot und an welchem Tag sie hier in Tapakika eingetroffen sind und ob sie beispielsweise eine der Schlafsacktüten, mit denen sie hier die Nacht verbringen werden, erhalten haben. Dann bekommt jede Person einen Schein, der ausgefüllt werden muss. Und dann dauert es noch einmal vier bis zwölf Stunden (oft auch  länger), bis die Anzeige am Ende der Halle die Personen nach Booten aufruft. Und dann können sie sich in einem persönlichen Gespräch mit der griechischen Polizei und Angehörigen der Agentur Frontex am Ende der Halle, wiederum hinter einem ausgeklügelten System an Gängen, das durch Zäune begrenzt wird, offiziell registrieren lassen. In der Halle gibt es außerdem seit einigen Tagen ein paar wenige Heizpilze, die ein Käfig aus Maschendrahtzaun umgibt. Daran hängen die Menschen dann ihre nassen Kleider.
Und dann gibt es da noch einen Verschlag aus OSB-Platten, vor dem sich immer lange Schlangen bilden. Wir nennen diesen Verschlag die Boutique, denn darin verteilen einige der anderen Volunteers die eingegangen Kleiderspenden. Volunteers, so werden wir (ich mag das Wort wir wirklich nicht) von den meisten auf der Insel genannt. Nur nicht von den geflüchteten Menschen, denn die wissen ja nicht, dass wir Freiwillige sind. Neben der Boutique ist auch eine Tür, an die ein rotes Kreuz gemalt ist. Diese ist nachts fast immer verschlossen. Viel-leicht, so habe ich einmal gehört, weil es den Mitarbeitern zu gefährlich ist in Tapakika, aber das habe ich nur gehört.
Manchmal gibt es auch Schlägereien und Ärger wegen der besten Plätze vor den Heizpilzen oder wegen der Ehre eines Mannes oder weil es einfach zu eng ist in Tapakika. Manchmal ist aber auch alles ganz ruhig und einige führen Gespräche mit uns an unserem Tisch, auf dem ein achtzig Liter fassender Topf mit heißem Tee steht, während die meisten versuchen zu schlafen. Sie erzählen dann, woher sie kommen und wohin sie am liebsten gehen möchten und wir erzählen dann auch woher wir kommen. Und das ist dann meist der Moment, an dem wir zusammen unsere Blicke schweifen lassen durch die Halle, in der ein paar hundert und oft auch viel mehr Menschen in ihren Schlafsacktüten liegen oder in Gruppen zusammensitzen, sich unterhalten oder diskutieren. Und wir sehen verzweifelte und frierende und verängstigte und lächelnde und kranke und glückliche und immer noch stark unterkühlte und weinende und gesunde und schreiende und erleichterte Menschen.
Und wir werden dann so langsam müde, weil es schon fünf Uhr morgens ist und wir ab fünf Uhr, falls keine neuen Boote mehr ankommen, nach Karfas fahren. Dort wird der Tee gekocht und dann in die kleineren Töpfe umgefüllt. Anschließend fahren wir zurück und bauen unseren Tisch   nacheinander vor den übrigen Camps auf, wo die vor Tagen registrierten Menschen übernachten und auf eine der Fähren warten, die sie für mindestens fünfundvierzig Euro (meist aber viel mehr) pro Person auf das Festland bringen wird. Die Camps heißen Souda und Dipethe und Port-Camp. Und jedes Camp hat seine eigenen Regeln, weil jedes Camp einen eigenen Polizeichef hat. Aber die lernst du sehr schnell und du passt dich an, und wie gesagt, nach ein paar Tagen steckst du selbst mittendrin in diesem ganzen System. Und du wunderst dich über gar nichts mehr, während du Tee verteilst und es knapp über Null Grad sind. Und in unseren Rücken über dem türkischen Festland geht die Sonne auf …

verfasst von Paul Jeute, 24. Januar 2016,  30.04.2016, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 247 (04/2016)

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