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GROSSBRITANNIEN: Böses Erwachen

6 Uhr. Ein kalter Herbstmorgen. Eine junge Frau und ihre zwei kleinen Kinder werden von einem lauten Poltern an der Türe geweckt. Sie weiß, wer da ist. Sie befürchtete es seit Monaten. Acht bis zehn große, aggressive Männer stehen draußen. Als sie die Türe öffnet, wird sie – die kein Verbrechen begangen hat – verhaftet. Die Männer befehlen ihr, ihre Sachen zu packen.


 


Wenn sie die Tür nicht geöffnet hätte, wären die Männer gewaltsam eingedrungen. Sie hat Angst, die Kinder haben Angst. Sie werden in einen Kleinbus gestoßen und zu einem nahe gelegenen Gebäudekomplex gebracht, wo man sie einschließt. Dann werden sie wieder in den Bus gestoßen und zu einem Gefängnis gefahren. Die Reise dauert mehrere Stunden. Bogota? Bagdad? Nein. Bristol in Großbritannien.


Routine. Eine Asylbewerberfamilie wird in ein Lager gebracht.


Als Antwort auf einen Aufruf der No-border-Camps und anlässlich des Internationalen Tages der Migration blockierten Aktivisten im ganzen Land am 18. Dezember 2007 gleichzeitig die Büros der Immigration Reporting Centres (Immigrationsbehörde), von wo aus die Brigaden ausziehen, um Asylbewerber festzunehmen. Schon ganz früh am Morgen versuchten die Aktivisten, die Beamten der Fremdenpolizei an ihren Razzien gegen Ausländer zu hindern.


In Bristol kamen sie rechtzeitig, ketteten sich an die Fahrzeuge der Polizei, nachdem ein Polizist erklärt hatte, dass tatsächlich eine Festnahme geplant war.


In Portsmouth ketteten sich die Aktivisten schon um 4h30 an das Tor an, was ebenfalls eine Razzia an diesem Tag verhinderte. In Glasgow konnten die Polizisten schon ab 5h30 den Parkplatz nicht verlassen, da ein dreibeiniges Gerüst die Ausfahrt verstellte und einige Personen ebenfalls an das Tor gekettet waren.


In Newcastle blockierten als Weihnachtsmänner verkleidete Aktivisten die Ausfahrt der Polizeifahrzeuge. Sie waren durch Handschellen aneinander gefesselt. Zwei der Aktivisten von Glasgow wurden von ihren Ketten «befreit», doch das Gerüst verstellte weiterhin wirksam die Ausfahrt.


Es gab keine weiteren Verhaftungen.


In Manchester wurden die Gitter von Dallas Court, dem lokalen Immigration Reporting Centre, mit einer Motorradkette versperrt, auf einem Transparent war zu lesen «Vorsicht, ihr werdet beobachtet!».


Gegen 10 Uhr wurde die Eingangshalle des Innenministeriums in London durch ein großes Transparent blockiert, auf dem stand: «Kein Kind ist illegal, die Verhaftung von Kindern ist ein Verbrechen».


Zur gleichen Zeit versuchten Aktivisten in Nottingham, die Ausweisung von Jane Mary Mutesi zu verhindern. Sie war über Uganda aus Rwanda nach Großbritannien geflohen, nachdem ihr Mann ermordet und sie selbst von rwandischen Soldaten vergewaltigt und geschlagen worden war, was sie ein Auge, einen Eierstock und mehrere Zähne gekostet hat. Jane Mary soll an Uganda ausgeliefert werden, wo sie angeblich von der Polizei gesucht wird.


Diese morgendlichen Razzien richten sich gegen Einzelne und ganze Familien. Sie spielen sich in den großen Städten Großbritanniens ab, ohne dass die Öffentlichkeit es merkt. Die Polizisten gehen äußerst diskret vor und rechnen mit der Unwissenheit oder der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit.


Wer berichtet über die 2500 Personen, die zur Zeit gefangen gehalten werden, ohne das geringste Verbrechen begangen zu haben? Wer berichtet über die Dutzende von Kindern, von denen manche nicht einmal ein Jahr alt sind, die im Gefängnis sind? Wer berichtet über die wahre Situation der Asylsuchenden, die zu uns gekommen sind, weil sie Frieden und Sicherheit suchen und nur Demütigungen, Beschimpfungen und Verhaftungen vorfinden? Die man angegriffen und wie den letzten Dreck behandelt hat?


Solche Lager gibt es überall im Land. Es gibt keine Statistiken über die Anzahl und Häufigkeit der Razzien, weil die Regierung sich weigert, Zahlen preiszugeben. Doch die Anzahl der blockierten Fahrzeuge an einem einzigen Morgen und die erschütternden Berichte der Familien zeigen, dass es sich um groß angelegte Operationen handelt.


Die Familien werden festgenommen, bevor sie zur Arbeit oder die Kinder in die Schule gegangen sind. Jeden Tag werden Türen eingetreten, Familien aus den Betten gerissen und in Lager gebracht, wo man sie dafür bestraft, dass sie in unserem Land Zuflucht gesucht haben. Sie werden aus ihrem Haus gezerrt, von der Arbeit geholt, aus der Schule, der Nachbarschaft gerissen – aus ihrem Leben. Zu einer Uhrzeit, zu der es keine Zeugen gibt.


Bis heute – außer wenn die Gefangenen in den Lagern einen Aufstand auslösen – haben die Medien über diesen Aspekt der unmenschlichen britischen Immigrationspolitik kaum Bericht erstattet. Der Immigrationsminister Liam Byrne gab zu, dass diese Razzien sehr früh am Morgen stattfänden, damit die Familien in der Öffentlichkeit kein Mitleid erregten.


Andere Aktivisten versuchen kontinuierlich, die Schwachstelle der «Entführungen» anzugreifen, nämlich die Transporte im Flugzeug. Bis vor kurzem wurden die Ausgewiesenen gewaltsam in Passagierflugzeuge verfrachtet. Einige leisteten gegen die Ausweisung Widerstand, doch die meisten wurden in eine unsichere und gefährliche Zukunft befördert. Sie saßen im Flugzeug oft neben fröhlichen Urlaubern auf dem Weg zu einem «cut-price bargain citybreak»-Wochenende.


Die Fluggesellschaft XL-Airlines verzichtete auf einen Vertrag über 1,5 Millionen Pfund mit dem Innenministerium, nachdem bei einer Aktion anlässlich des Klimacamps (s. Archipel Nr. 154) Piloten und Flugpersonal durch Flugblätter davon informiert wurden, dass sie Leute in den Tod transportieren sollten. Die Sprecher der Fluggesellschaft erklärten ihre Sympathie «mit den Armen dieser Welt», doch sie verständen «die politische Dimension solcher Charterflüge» nicht.


Eine kleine österreichische Fluggesellschaft, Asylum Airways1, die mit britischen Security-Gesellschaften zusammenarbeitet, bietet nun der britischen Regierung Transporte in Flugzeugen an, die extra für diesen Zweck konzipiert wurden: «Die Abschiebeflugzeuge sollen folgendermaßen aussehen: kleine Kojen sollen montiert werden. Das soll die Bewegungsfreiheit der Betroffenen reduzieren, auf Fesseln und Klebebänder soll verzichtet werden. Alle Metallteile sollen mit Schaumstoff abgedeckt, die Sanitäranlagen umgebaut werden. Außerdem soll eine Wachmannschaft, medizinisches Personal und einE BeobachterIn einer Menschenrechtsorganisation an Bord sein. Nach Angaben der umtriebigen Abschieber ist Österreich mit seinen 71 Luftabschiebungen im Jahr 2006 für den Betrieb eines derartigen Abschiebeflugzeugs zu klein. Daher laufe nun die «Marktforschung» bei den europäischen Regierungen. Erst wenn der ungefähre Bedarf an Personen und Flugkilometern feststehe, könne auch die Entscheidung für die Flugzeugtype fallen.»2 Wird die Regierung dieses verlockende Angebot annehmen?


Die Aktivisten haben jedenfalls nicht die Absicht, sich mit den Aktionen des Dezember 2007 zu begnügen. Sie präsentieren sie als Beginn einer Welle des Widerstands gegen die rassistische Immigrationspolitik im allgemeinen und gegen die frühmorgendlichen Razzien im besonderen.


Schews


11th January 2008,


http://www.schnews.org.uk


.

Siehe auch:

www.noborders.org.uk


1. Bericht auf http://news.independent.co.uk/uk/politics/article3286810.ece


2. Zitat aus dem Bericht vom 13. Mar 2007:


Profit durch Abschiebungen -


 


 http://no-racism.net/article/2012


 


 
 27.02.2008, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 157 (02/2008)

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