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HIER UND JETZT: Elektronische Kennzeichnung von Tieren

Eine Rückschau auf die Geschichte der Industrialisierung und Bürokratisierung der Viehzucht.
Seit 1. Juli 2010 ist die elektronische Kennzeichnung von Tieren obligatorisch für jedes neugeborene Lamm und jedes neugeborene Zicklein. Gegen diese neue Phase der Politik bei der Rückverfolgbarkeit und gegen die Fortführung der Politik einer flächendeckenden Industrialisierung in der Landwirtschaft regt sich Widerstand. Zweiter Teil.


Obwohl manche schon 2006 aufbegehrten, befindet er sich aber immer noch in einem embryonalen Stadium. Nachdem im ersten Teil dieses Artikels auf die jüngere Geschichte der Tierzucht und -haltung sowie auf die Ursprünge einer die Industrialisierung begünstigenden Politik eingegangen wurde, wovon die elektronische Kennzeichnung nur einer von vielen Aspekten ist, soll nun die Bedeutung dieser Entwicklung analysiert werden.


 Das für Halter und Züchter ausgeheckte und bis 2015 reichende Programm ist recht aufschlussreich:
1. In einer ersten Etappe soll die elektronische Kennzeichnung abgeschlossen werden (2010 - 2013), gemeint ist einerseits die individuelle Registrierung von Tieren als Probeexemplare für Forschungslabore und andererseits die Einführung eines technischen Hilfsmittels, um Herden digital zu erfassen.
2. In der folgenden, bereits angelaufenen Etappe wird Software für die Verwaltung der Herden an die Halter verteilt.
3. Diese ersten beiden Etappen sind entscheidend, um Selbstkontrolle zu einer festen Einrichtung zu machen, denn mit geeigneter Software können Halter über das Internet die Herde betreffende Informationen regelmäßig und direkt an die Datenbasen der Kontrolleinrichtungen der DDT1 übermitteln, welche ihrerseits dann alles von ihrem Bildschirm aus kontrollieren2.
4. Als eines der ersten Resultate davon kündigt Artikel 93 des Gesetzes 2006-11 vom 5. Januar 2006 die Pflicht an, für die Fortpflanzung ab 2015 nur noch solche männlichen Tiere einzusetzen, die eine entsprechende Zulassung erhalten haben. Diese soll sichern, dass sie über angemessenes genetisches Material verfügen3. In dem Gesetzestext wird das «La voie mâle» (männliche Zuchtlinie) genannt. In der Konsequenz führt dies zur Durchsetzung von aus künstlicher Besamung hervorgegangenen männlichen Tieren, denn sie allein hätten eine gültige Zulassung.
Von den ersten Forschungsprogrammen des INRA (Institut National de la Recherche Agronomique - Staatliches Institut für landwirtschaftliche Forschung) aus den 50er Jahren bis zu den jüngsten behördlichen Kontrollmaßnahmen zeigt sich ein und dieselbe Logik: die der Industrialisierung von Haltung und Züchtung, d.h. vom Gestalten einer durchgehenden Produktionskette, basierend auf den Forschungen zur Produktivitätssteigerung, mit wissenschaftlichen Methoden der Haltung.
Mit dem oben erwähnten Gesetz 2006-11 verfolgen die Behörden lediglich die Durchsetzung ihrer Amtsgewalt in der Züchtung weiter, wie mit dem Gesetz zur Viehzucht von 1966 schon begonnen.
Parallelen zum neuartigen Umgang mit Saatgut tun sich auf: Es ist nicht lange her, da wurden Nutzung und Austausch von Saatgut verboten, wenn es keine Zulassung hatte, wobei selbige dessen phytosanitäre Unbedenklichkeit garantieren sollte. Das wiederum hat zum Ausbau einer florierenden und einträglichen Industrie für die Produktion und Standardisierung von Saatgut geführt.
Industrialisierung der


Reproduktion?


Aber bei der Tierhaltung liegt der Fall doch etwas anders: Das Einführen industrieller Verfahren bei der Reproduktion von Nutztieren (künstliche Besamung) ist schwieriger als beim Saatgut. Die Behörden fügen sich hier jedoch staatlichen Vorgaben: Praktiken von Haltung und Züchtung in ihrer Gesamtheit können indessen von einer flächen-deckenden Industrialisierung gar nicht erfasst werden. Dennoch soll Landwirtschaft letztlich eine wirtschaftliche Aktivität, wie jede andere auch, sein. Sie ist also zu verstehen als Teil miteinander verflochtener Wirtschaftszweige, von den Herstellern landwirtschaftlicher Geräte und Materialien, über die chemische Industrie als Lieferantin agrochemischer Produkte, der Lebensmittelindustrie, dem Großhandel bis hin zur Verwaltung selbst. Kurz gesagt, die Landwirtschaft ist auch nur eine der «Dienstleistungen» in dieser «Fabrikswelt», deren gutes Funktionieren garantiert werden muss.
Darin besteht der eigentliche Sinn von Überwachung. Elektronische Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit sind nur ein sehr kleiner Teil davon. Es geht darum, Entwicklungen in der Landwirtschaft so zu lenken, dass eine durchgehende Produktionskette gefördert und die Verflechtung der Bereiche untereinander nicht behindert werden. Die Politik der Hilfen für die europäische Landwirtschaft und die mit ihr zusammenhängende Politik der Überwachung  dienen dazu, die Landwirtschaft im Gefüge der Gesamtökonomie fest zu verankern.
In Frankreich meint man, dieser Mechanismus sei besser von einer Bürokratie zu lenken statt von den Kräften des Marktes. Diese französische Besonderheit hat zumindest auf europäischem Niveau Schule gemacht. Landwirte «bearbeiten nicht mehr ihre Böden», weil sich die Notwendigkeit aus ihren ureigensten Produktionszusammenhängen ergibt, sie «betreiben deren Nutzung» entsprechend der Vorschriften oder in Erwartung entsprechender Subventionen. Man kann beobachten, wie innerhalb eines Jahres ererbte Anbautraditionen aufgrund neuer Zuwendungsbedingungen komplett umgestoßen werden. Diese so entwickelte Anpassungsbereitschaft an Vorgaben der Agrarpolitik macht aus Landwirten Hilfeempfänger und, viel wichtiger noch, wahrhaftige Staatsbürger. So wird langsam deutlich, wie Landwirtschaft als Spezialbereich auf ihre Warenform  reduziert wird. Nicht so sehr in Bezug auf ihre Produkte sondern vielmehr darauf, was das Warenverhältnis an Veränderungen in den sozialen Beziehungen hervorruft, in der Entwertung von menschlichen Qualitäten, von Innerlichkeit und Mitgefühl, von allem, was nicht sachlich-gegenständlich und messbar ist, kurz – allem was nicht globalisierbar ist. So benennen «Durchsetzung der Warenform» und «Industrialisierung» mehr noch eine allgemeine Veränderung der Existenzbedingungen, als einfach nur eine durch Industrie geprägte Produktionsweise von Gegenständen oder Waren.


Bürokratisierung


Zudem kann keine Rede sein von einem Rückzug oder einer zunehmenden Schwächung des Staates – der Eindruck ist falsch. Denn der schleichende Abbau «öffentlicher Dienstleistungen» kaschiert mehr schlecht als recht die zunehmende Machtstellung des Staates und seiner Verwaltungsorgane bei der Aufrechterhaltung der Industriegesellschaft. Letztere tritt, in der Landwirtschaft zumindest, in Gestalt einer von wissenschaftlichen Experten und Technikern getragenen «Coaching-Bürokratie»4 auf. Im Alltag eines Landwirtes ist der Staat heutzutage omnipräsent, er durchdringt und reglementiert sämtliche Bereiche seines Berufes. So sehr, dass eine einzige staatliche Direktive das Agieren sämtlicher Landwirte einer vollständigen Produktionskette in derselben Manier verändern kann.
Aufgabe der Bürokratie ist die Begleitung auf dem Wege hin zur industriellen Landwirtschaft. Mit viel Statistik bringt sie Diagnosen und Voraussagen für eine Produktionskette hervor. Dies soll den Kenntnishorizont des modernen Bauern ausmachen. Ihre Sprache ist geprägt von Dominanzrhetorik, gleichermaßen professionell und wissenschaftlich. Es ist eine Sprache der Rationalität, die jeder Landwirt reproduziert, wenn auch verkrampft, sobald er von seinen eigenen Aktivitäten redet, um sich nur ja in der Illusion eines Beherrschers aller wirtschaftlichen und technischen Belange seines Unternehmens wiegen zu können, selbst wenn dieses schon längst fremden Vorgaben folgt. Diese rhetorischen Krämpfe sollen einen ganzen Berufszweig für sein fortschreitendes Verschwinden, das vorprogrammiert ist, blind machen. Verschwinden soll nichts weniger als eine menschliche Aktivität, die spezialisierter Produktion Platz machen soll.
Jegliche Initiative, ob individuell oder kollektiv, scheint nur schwer dem vorgezeichneten Weg des Fortschritts zu entkommen. Das Eindringen wissenschaftlicher Methodiken bis in alltäglichste Verrichtungen wurde durch die Unsitte begünstigt, auf ein gegebenes Problem nur eine mögliche Antwort zuzulassen. Und weil alle auf dieselbe Art räsonieren, ist auch niemand da, der dem widersteht. Der simple Fakt des Auftauchens eines Gütesiegels Appellation d’Origine Controlée (A.O.C. – kontrollierter Herkunftsnachweis) heißt, dass die Art und Weise der Herstellung z.B. eines Käses Schritt für Schritt auseinandergepflückt werden muss, um zu einer objektiven Definition dessen zu gelangen, was schließlich als DIE Herstellungsmethode eines Banon oder Ste Maure5 gelten soll. So tauchte ein Mittel der Standardisierung par excellence auf: das Leistungsverzeichnis. Weil mit dem Gütesiegel A.O.C. viele Landwirte geködert wurden, genügten wenige Jahrzehnte, und die originelle Vielfalt empirischer Herstellungsmethoden ging verloren. Das betraf gerade kleine Hofkäsereien, die so in einen Prozess der Industrialisierung und Bürokratisierung gerieten.
Erst vor kurzem und infolge Jahrzehnte andauernder Schädigung der Umwelt, welche die Flut von industriellen Praktiken begleitete, haben sich die Behörden auf die Regeneration der Umwelt spezialisiert, aber eben in Verbindung mit der Fortführung des Industrialisierungsprozesses. So wurden weiterhin Normen, Kontrollen und Diagnosen ins Zentrum ihrer Denk- und Handlungsweise gestellt, die einem als «Lösung» präsentierten Modell dienen sollten. Die Bürokratie scheint also kompromissbereit und mit dem guten Gewissen als «Retterin des Planeten zu arbeiten», fortschrittstrunken und voller Selbstsicherheit, dass das Gemeinwohl auf ständiger Wiederholung der Litanei von Wissenschaft beruht, die doch eigentlich die Ursache des Problems ist. 
Selbst wenn die von den Industrialisierungsbemühungen der Landwirtschaft angerichteten Schäden uns tagtäglich ein wenig mehr die Luft nehmen, sollten wir uns nicht täuschen lassen: Es gibt keine industrielle Landwirtschaft; es gibt die weltweite Industrialisierung, der die Landwirtschaft nicht entrinnt. Der Zweck der Industrialisierung besteht nicht in dem Versuch, der Landwirtschaft eine spezielle Form zu geben sondern es so einzurichten, dass diese all den großen Veränderungen der Industriegesellschaft folgt, dient und sie selbst mitgestaltet.
So gesehen mündet die Diskussion um die elektronische Kennzeichnung nicht in die simple Frage nach einem «Pro oder Kontra um die RFID-Technologie» oder nur nach Überwachung oder Kontrolle von Tierhaltern. Die mit diesem Text versuchte Beschreibung der Transformationsmechanismen welche die elektronische Kennzeichnung begleiten, kann jedoch Klarheit über deren tatsächliche Tragweite verschaffen und zugleich über die Beschaffenheit einer Welt, die ein solcher Prozess hervorbringt.
Damit die Warenproduktion überall eindringen kann, muss die Industriegesellschaft die Bedingungen für die Akzeptanz all ihrer neuen materiellen und ideologischen Erzeugnisse schaffen, indem sie sich alle Bereiche unterwirft. Und in diesem Sinne erstaunt es kaum, dass so wenig Halter und Züchter an der elektronischen Kennzeichnung oder der «männlichen Zuchtlinie» etwas auszusetzen haben. Um sich daran noch stoßen zu können und die Verschlechterung unserer Lebensbedingungen wie auch der Bedingungen für Haltung und Züchtung wahrzunehmen, muss man sich eine gehörige Dosis Sensibilität bewahrt haben. Elektronische Kennzeichnung oder männliche Zuchtlinie erscheinen jedoch als Kleinigkeiten angesichts bürokratischer Mechanismen zur Umwandlung der Landwirtschaft, die deren Industrialisierung angestoßen und begleitet haben. Sie sind aber Teil dieser. Dagegen Widerstand zu leisten ohne gegen die Organe und Mechanismen Stellung zu beziehen, die sie hervorgebracht haben, wirft uns indessen wieder auf eine Basis von Verhandlungen darüber zurück, wie denn das Joch auszugestalten sei, zu dem wir verdammt sind. Egal, ob Landwirt oder nicht, jeder soll erdrückt werden von den Erfordernissen einer rationellen Organisation. Und die steht für die Abschaffung jeglicher freien Lebensform, vor allem des Denkens.

verfasst von Xavier Noulhianne (Züchter in Lot-et-Garonne August 2011),  08.08.2012, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 206 (07/2012)

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