INTERNATIONALE FOREN: Dialoge oder Scheindialoge?
ute

Der Bürgermeister, Tarso Genro (den ich kurz zuvor in einer brasilianischen Favela kennen gelernt habe) erkundigt sich, wes Geistes Kind der Landammann von Davos sei. Er denke daran, ihn zu einem Erfahrungsaustausch nach Porto Alegre einzuladen.


Ich strecke meine Fühler nach Davos aus und faxe dann zurück: Der Landammann, obzwar eine der treibenden Kräfte für das Davoser Sicherheitspositiv, das erheblich teurer war als das gesamte Weltsozialforum von Porto Alegre, sei gerne zu einer Begegnung bereit, falls Genro sich einmal zufällig in der Schweiz aufhalten sollte. - Dieser Zufall sollte aber nicht eintreten, und so ist es nie zu einem Dialog zwischen den beiden Bürgermeistern gekommen.


Dialog ja oder nein, und wenn ja, wie und mit wem? Diese Frage beherrscht wie ein Leitmotiv das Verhältnis zwischen dem 1971 gegründeten Davoser Weltwirtschaftsforum und den seit sechs Jahren regelmäßig stattfindenden kritischen Parallelveranstaltungen.


Zwei NGOs, Erklärung von Bern und Pro Natura, initiierten im Januar 2000 eine erste solche Parallelveranstaltung, das Public Eye on Davos: In einer kritischen Diskussion sollten die Chefs multinationaler Konzerne über ihre Firmenpolitik öffentlich zur Rede gestellt werden. Doch schon bald verweigerten die Konzernchefs das Gespräch, und die Organisatoren ließen sich etwas Neues einfallen: Sie verliehen an besonders unverantwortliche Unternehmenden eine ironische Auszeichnung, den Public Eye Award, und stießen damit bei den Medien auf ein breites Echo. Auch dieses Jahr wird ein paar Firmenchefs - wahrscheinlich im Abwesenheitsverfahren - die Skandalkappe aufgesetzt.


Die Diskussion mit den Wirtschaftsführern übernahmen inzwischen - unter dem Titel Open Forum - der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) und das evangelische Hilfswerk Brot für alle. Diese Initiative polarisierte die Kirche aller-dings von Anfang an. Als vor drei Jahren ein Mitarbeiter der Fachstelle Oeme (Ökumene, Mission, Entwicklungszusammenarbeit) der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn verlauten ließ, er halte den Dialog mit dem WEF für sinnlos, erhielt er vom Synodalratspräsidenten der Reformierten Kirche Bern-Jura einen Maulkorb verpasst.


Die Zweifel am Sinn des Open Forum sind deswegen jedoch nicht verstummt. Im Gegenteil: Zwei Beobachter, die die Oeme an die letztjährige Veranstaltung entsandte (Ina Praetorius und Willy Spieler), diagnostizierten eine Vielzahl von Scheindialogen, Dialogverweigerungen und Dialog­verhinderungen. Die Organisatoren, so ihre Kritik, hätten allzu vornehme Zurückhaltung geübt und es versäumt, ihre eigene Position zur Globalisierungsdiskussion zu klären und offenzulegen.


Inzwischen hat sich Brot für alle aus der Organisation des Open Forums zurückgezogen. Der Evangelische Kirchenbund hingegen macht weiter, schließ-lich hat der Architekt der Veranstaltungsreihe, C. Stückelberger, die Leitung von Brot für alle mit derjenigen des Instituts für Theologie und Ethik des SEK gewechselt. Zum Jahresende legte er (mit H.Hoppe) im Namen des SEK ein 120-seitiges Positionspapier zur «Globalisierung» vor. Der Titel Globalance steht für ein Plädoyer zugunsten einer ausgewogenen Beurteilung der globalen Marktwirtschaft. Anders als der Reformierte Weltbund, der anlässlich seiner Vollversammlung in Accra (2004) die herrschende Marktökonomie in ihrer heutigen Form zurückwies, setzt der SEK auf deren Reformierung. Er lässt sich allerdings auf keine vertiefte Analyse der Globalisierungsprozesse ein und sagt nichts darü-ber, weshalb sich die Wohlstands-Kluft zwischen Industrie- und Entwicklungsländern immer mehr ins Innere der meisten Länder hinein verlagert hat - einschließlich unseres eigenen.


Der Kern des Papiers ist ein Katalog von Empfehlungen mit Appell-Charakter - als wären Appelle ein wirksames Mittel, um Menschen aufzurütteln und zum Handeln zu motivieren. Der Adressatenkreis reicht von Kirchgemeinden, Hilfswerken, Missionen, theologischen Fakultäten und Forschungsstellen über das Schweizer Parlament und die Regierung bis zur Privatwirtschaft. Obwohl die Interessen der Angesprochenen ausgesprochen heterogen sind, verzichten die Autoren darauf, die insgesamt 79 Empfehlungen aus eigener Sicht zu gewichten. Man will es allen recht machen und entzieht dem Papier deshalb jeden möglichen Stachel. Es ist lobenswert, dass für das Offshore-Banking mehr Transparenz und Kontrolle empfohlen wird. Noch löblicher aber wäre es, Transparenz auch im Schweizer Bankwesen zu fordern und auf die Abschaffung des Bankgeheimnisses hinzuarbeiten. Darauf wird aber verzichtet - frei nach dem Sprichwort: «Nur nicht anecken, sonst entsteht Lärm und weckt noch die Bankiere!»


Ein Dialogforum ganz anderer Art bildet schließ-lich das Weltsozialforum, das seit 2001 als Gegenveranstaltung zum WEF regelmäßig in einem Land des «Südens» stattfindet und zwischen allen interessierten NGOs einen Erfahrungs- und Wissensaustausch über die «Globalisierungs»-Folgen ermöglicht. Das erste Forum versammelte 10.000 Personen. Seither sind die Teilnehmerzahlen jedes Jahr um 50.000 gestiegen. Nachdem das Weltsozialforum bisher viermal in Brasilien und einmal in Indien (Bombay) getagt hat, wurde es dieses Jahr auf drei Städte in drei Kontinenten verteilt: Caracas (Venezuela), Karachi (Pakistan) und Bamako (Mali). Ebenfalls seit vier Jahren generiert das globale Sozialforum eine Vielzahl regionaler und landesspezifischer Sozialforen, die für Dialog und Meinungsbildung in mittleren und kleinen Dimensionen Raum bieten. In der Schweiz haben bisher zwei solche Foren stattgefunden, im September 2003 und im Mai 2005 - leider praktisch ohne kirchliche Beteiligung. Das Potential zum Dialog ist hier noch so gut wie unangetastet.


Niemand hat vorausgesehen, welche Dynamik mit der Schaffung eines Weltsozialforums in Gang kommen würde. Und doch folgt diese Dynamik einer leicht nachvollziehbaren Logik: Bedingt durch die Revolutionierung der Verkehrs- und Kommunikationstechnologien, sind die Gesellschaften dieser Welt im letzten Jahrhundert zu einem «globalen Dorf» zusammengewachsen. Weil aber die heute lebenden 6,5 Milliarden Menschen nicht gut zu einer Landsgemeinde zusammentreten können, um über die Modalitäten ihres Zusammenlebens abzustimmen, muss eine immer größere Zahl von Menschen zusehen, wie Entscheidungen, die ihr Schicksal betreffen, in proportional immer kleineren Gremien getroffen werden. Auf diese Herausforderung stellt das sich verdichtende Netz kirchlicher und sozialer Foren die wohl natürlichste Reaktion dar: Hier können Mitglieder von Kirchen und NGOs mit den Menschen, die ihr Überleben im Schatten der Globalisierung improvisieren müssen, in den Dialog treten. Jedes Sozialforum ist zudem ein Think Tank. Obwohl ihr Einfluss auf die Gestaltung von Weltpolitik und Weltwirtschaft bisher kaum messbar ist, sollte die Bedeutung der Sozialforen für die Meinungsbildung in der globalisierten Öffentlichkeit nicht unterschätzt werden. Allein schon die Tatsache, dass sie sich regelmäßig wiederholen, mit lawinenartig wachsender Beteiligung, wird längerfristig auf das Davoser WEF abfärben. Letztes Jahr haben Tony Blair, Bill Gates und Jacques Chirac aktiv für eine gesteigerte Afrikahilfe geworben: Ein absolutes Novum! Oder bloße Show? - Die Sozialforen im Süden haben die Botschaft vernommen und werden die künftige Politik der Grossen daran messen.


Prof. Thomas Kesselring


Universität Bern

verfasst von Prof. Thomas Kesselring (Universität Bern),  09.05.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 137 (04/2006)
Tags: INTERNATIONALE FOREN
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 137 (04/2006)

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