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Interview mit den Deserteuren Milomir Mostić und Siniša Prole, Mai 2000

ARCHIPEL: Milomir und Siniša, ihr seid jetzt seit fast einem Jahr in Ungarn. Könnt ihr etwas über die Zeit erzählen und die Gründe als ihr nach Ungarn gegangen seid, weg von Serbien ?

Milomir: Ich traf die Entscheidung, mein Land zu verlassen, während der NATO-Bombardements. Aber es waren nicht nur die Bomben; es war eine lächerliche Situation, in der wir uns befanden: Über zehn Jahre haben wir gegen das Regime und gegen Miloševic gekämpft und plötzlich will er uns als seine Soldaten haben. Es gab keine Alternative – entweder sein Soldat zu sein und für ihn zu töten oder das Land zu verlassen. Ich entschied mich also, das Land zu verlassen. Zusammen mit meinem Freund Mikica überquerte ich in einem kleinen Boot die Drina nach Bosnien. Von Bosnien flogen wir mit dem Flugzeug nach Budapest und sind seit einem Jahr hier.

Siniša: Ich verließ Serbien am 2. Juni 1999 und das hatte verschiedene Gründe. Alles dort ist schlecht, seit zehn, elf Jahren. (...) Die Leute werden langsam verrückt. Sie hören und sehen nur die Propaganda im staatlichen Radio und Fernsehen und sie glauben an das, was sie hören. Sie wollen nicht mit ihrem eigenen Kopf denken.
Der wichtigste Grund war, daß wir gekämpft haben: Wir waren auf Demonstrationen, sind zu den Wahlen gegangen und haben versucht, die Leute davon zu überzeugen, was gut für Serbien und unser Land ist. Das wollen sie aber nicht hören. Sie haben zu uns gesagt, wir seien Verräter und Agenten der CIA.
In den letzten Monaten sind wir dann sehr oft bedroht worden. Das waren anonyme Anrufe und ehemalige Freunde, die uns auf der Straße sagten: "Ihr seid Verräter, also werdet ihr bald tot sein."

ARCHIPEL: Wann habt ihr gesagt: Es geht nicht mehr anders, wir müssen jetzt das Land verlassen?

Siniša: Das Glas war übervoll, als ein paar harte Burschen, die ich schon vom Gymnasium kannte, zu mir sagten: "Du bist tot." Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann sie mich umgebracht hätten. Alle sind Mitglieder von Miloševic’s Sozialistischer Partei, der Radikalen Partei von Vojislasv Šešelj oder der linksextremen JUL von Miloševic’s Frau Mira Marković.
Das Schlimmste aber ist, daß meine Familie mich verraten hat. Mein Großvater sagte, wenn ich ginge, dann sei ich tot für ihn und wenn ich zurückkäme, würde er oder jemand anderes mich umbringen. Das war wirklich das Letzte und ich war mir absolut sicher, daß ich gehen mußte. Es gibt für mich keinen Platz mehr in dieser Stadt und in diesem Land.
Ich war oft mehr als zehn Stunden auf der Polizeistation. Dort haben sie mich geschlagen, nur um mich dahin zu bringen, etwas wirklich Schlechtes zu tun. Also mußte ich abhauen – die andere Lösung wäre nur gewesen, daß ich mir ein Gewehr genommen und angefangen hätte, Leute umzubringen. Ich wollte aber niemanden töten, ich wollte nicht in den Krieg (...).

Milomir: Meine Gründe sind fast die gleichen. Es gab damals Überlegungen zu einem Einsatz von NATO-Bodentruppen. Wenn das Wirklichkeit geworden wäre, hätte das die Generalmobilmachung aller Männer ab dem 14. Lebensjahr bedeutet. Natürlich hat das vielen Angst gemacht. Meine Familie, meine Mutter und mein Vater bekamen Probleme: Beinahe jeden Tag wurden sie am Telefon bedroht. Bei mir war es genauso, bevor ich weggegangen bin. Ich habe mir gesagt, wenn dein Leben in Gefahr ist, gibt es keine andere Lösung. Also bin ich geflohen.

Siniša: Bevor wir abgehauen sind, war die große Mobilmachung wegen des Kosovokrieges und der NATO-Bombardements – das Land war völlig verrückt. Die Leute von der Armee sind mit der Einberufung auch zu mir gekommen. Ich war nur gerade nicht zu Hause; als ich zurückkam, sagte mir meine Mutter, daß sie dagewesen wären. Ich habe nur einige Sachen eingepackt und bin erst einmal zu einem Freund gegangen, bei dem ich einige Nächte bleiben konnte. Danach habe ich den Ort gewechselt. Meine Mutter habe ich zwischendurch angerufen und sie hat gesagt, daß die Armeepolizei zweimal dagewesen wäre. (...) Wir haben dann Leute gefunden, die vom Schmuggel zwischen Bosnien und Serbien leben. Sie schmuggeln Zigaretten, Diesel und so was. Ich bin zu denen hin, habe 200 D-Mark bezahlt und sie haben mich dann bei Pavlovie Euprija über den Fluß gebracht. Dann bin ich weiter nach Bjelina, von dort nach Sarajevo. Dort haben mir dann Freunde, die schon vorher abgehauen waren, erzählt, daß uns niemand in Sarajevo helfen will, in Budapest sei es besser. Also sind wir weiter nach Budapest. Hier ist es zwar besser, aber nicht, wie wir erwartet hatten.

ARCHIPEL: Was habt ihr erwartet, als ihr nach Budapest gegangen seid? Unter welchen Bedingungen habt ihr jetzt das Jahr gelebt?

Milomir: Als wir von Serbien weggegangen sind, waren wir der Überzeugung, daß uns schon jemand helfen würde, wenn wir die Grenze überquert hätten. Denn während der Bombardements hat die NATO Flugblätter vom Himmel fallen lassen, in denen stand: "Geht nicht zur Armee! Gegen Miloševic! Laßt eure Knochen nicht im Kosovo!" Wir haben also geglaubt, daß uns jemand helfen würde. Wie, war uns auch nicht klar – wir hatten keine Pläne, nur die Entscheidung, das Land zu verlassen.
Als wir dann nach Budapest kamen, waren wir zuerst sehr enttäuscht. Verraten fühlten wir uns, denn wir mußten feststellen, daß alle Türen für uns verschlossen waren. Als erstes sind wir zum UNHCR gegangen, doch die haben gesagt, daß sie uns nicht helfen könnten. Es sei nicht ihr Business, sie würden nicht mit Serben arbeiten, sie hätten kein Programm, nichts. Sie haben uns nur gesagt, daß wir zu den ungarischen Einwanderungsbehörden gehen sollten. Da sind wir also hin. Auch dort mußten wir feststellen, daß wir nur Nummern waren, ohne Rechte. Aber sie gaben uns befristete Aufenthaltsgenehmigungen für ein Jahr. Aber es war sehr schwer, diese einjährige Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, wir mußten acht Monate warten.
(...) Es gab noch viele andere Schwierigkeiten. Wir haben kaum gewußt, welche Rechte wir hatten. Jedesmal haben die Behörden uns etwas anderes gesagt. Einer hat mal gesagt: "Du kannst ja gegen dieses eine Jahr Widerspruch erheben, wenn Du wirklich den Flüchtlingsstatus haben willst. Aber sei vorsichtig, denn wenn Du verlierst, bist Du auch die befristete Genehmigung los und man wird Dich nach Serbien zurückbringen." Das bedeutete also im Klartext: Geh nicht vor Gericht, es ist besser, wenn Du mit dem einen Jahr zufrieden bist.
Wir haben uns an alle Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen gewandt, um von irgendwo Hilfe zu bekommen, aber wir haben keine gekriegt.

ARCHIPEL: Es gibt diese Gruppe vom SAFE HOUSE mit über vierzig Deserteuren von Jugoslawien und ihr habt euch auch ein gutes Stück weit selbst organisiert – wie hat das funktioniert?

Milomir: Im letzten Sommer stellten wir fest, daß es für uns keinerlei Hilfe gibt und wir einen Weg finden mußten, um in Budapest zu überleben. Nur Brian Phillips von Amnesty International war gekommen, um zu sehen, was mit den serbischen Deserteuren passiert – in Budapest, in Ungarn und in den Lagern. Danach haben wir begonnen, uns zu organisieren. Wir bekommen etwas Geld von Amnesty International und vom Verein Connection aus Deutschland. Sie geben uns knapp 10.000 Forint, also etwa 80 Mark pro Monat; eine Familie erhält das doppelte. So können wir überleben. Der andere Weg ist die Hilfe von Verwandten aus dem Ausland. Sie schicken uns manchmal ein wenig Geld und zusammen mit dem Geld von Connection und Amnesty International schaffen wir es, irgendwie durchzukommen.
Offiziell ist es so, daß wir arbeiten dürften, aber es ist unmöglich, einen Job zu finden. Wir leben jetzt zu neunt gemeinsam in einer Wohnung: das war die einzige Chance, die ganzen Kosten zu verteilen und es ist der billigste Weg, um zu leben.

Siniša: Wir haben vor kurzem einen Verein der serbischen Deserteure gegründet, der demnächst anerkannt werden soll. Das ist eine sehr ernsthafte Sache, wenn wir als Organisation auftreten können und nicht nur als Einzelpersonen. Auf diese Weise versuchen wir uns selbst zu helfen, um in Drittländer zu kommen. Was passieren wird, wissen wir nicht; auch nicht, wie lange wir hier bleiben müssen. Derzeit ist die Situation eben sehr schlecht: Wir haben kein Geld, kein Essen, keine Schuhe. Wir sind einfach nur hier.

Milomir: Wir sind hier ohne jede Zukunft, nichts ist sicher – nicht einmal, was morgen passiert. Ich weiß nicht einmal, worauf ich genau warte: Es gibt einfach nichts, was ich mit Sicherheit sagen kann. Ich möchte aber auch sagen, daß wir sehr dankbar für die Hilfe von Amnesty International und Connection sind und das niemals vergessen werden. Und es bedeutet auf eine Art, daß wir eben nicht vergessen worden sind. (...) Wir haben in dieser Zeit so oft das Gefühl gehabt, daß uns niemand helfen will, daß uns niemand aufnehmen will – als stünden wir mitten im Nichts. Und es ist nicht einfach, so zu leben.

ARCHIPEL: Was erwartet ihr eigentlich von den westeuropäischen Staaten und den USA?

Milomir: Um es mit einem Wort zu sagen: Wir erwarten das Recht auf ein normales Leben. Wir müssen diese Chance bekommen, denn ich weiß nicht, wie ich dieses Leben hier nennen soll. Wir wollen, daß man uns die Möglichkeit gibt, eine neue Heimat zu finden. Für uns ist es ausgeschlossen, nach Serbien zurückzugehen – man würde uns umbringen oder die nächsten zehn, zwanzig Jahre ins Gefängnis stecken. Wir brauchen neue Hoffnung.

ARCHIPEL: Es gibt doch einige, kleine Schritte, die sich jetzt abzeichnen: zum Beispiel du, Milomir, du hast jetzt von der Stadt Rostock in Deutschland das Gastrecht bekommen, du wirst demnächst von der Stadt aufgenommen und wirst dort bleiben können; am 10. Mai hat die Bundesregierung den Innenausschuß des Deutschen Bundestages darüber informiert, daß sie einen Antrag der Fraktion der PDS unterstützen wollen, jugoslawischen Deserteuren generell Asyl zu gewähren...

Milomir: Für mich ist das wie ein Licht am Ende des Tunnels. Es ist ein erster Ansatz, der zu einer Lösung unseres Problems führen könnte. Sollte Deutschland den Deserteuren tatsächlich Asyl gewähren, so ist das sehr gut, denn es bedeutet, daß sich etwas ändert und wir vom Westen anerkannt werden. (...)

Siniša: Es ist sehr schön, diese Neuigkeiten aus Deutschland zu hören. Das gibt uns neue Kraft, hier zu überleben. Das hätte natürlich viel früher passieren müssen, nicht erst nach einem Jahr, das für uns sehr schwer gewesen ist. Hoffentlich werden die anderen Staaten diesem Beispiel folgen und uns helfen, woandershin zu gehen, damit wir beginnen können zu arbeiten oder wieder eine Familie zu haben. Das ist hier nicht möglich, denn hier haben wir nichts. Aber wir wollen das.

Milomir: Wir wollen einfach die Möglichkeit, selber arbeiten zu können, damit ich meinen Weg auf diesem Planeten finden kann – mit meiner Arbeit, mit meinen Händen, mit meinem Kopf. Nur diese Chance, nichts weiter. Ich will keine Geschenke oder so was; ich möchte etwas mit meinen eigenen Händen tun. Und ich werde das in Europa tun müssen, nicht in Serbien. In Serbien gibt es keine Möglichkeit dafür. (...)

Siniša: Ich glaube, man hat ein Jahr gewartet, um zu sehen, was in Serbien passiert. Und nach einem Jahr sehe ich einen neuen Krieg. Es folgt Krieg auf Krieg. Anscheinend sehen sie in Deutschland, daß Miloševic immer noch an der Macht ist. Deshalb wollen sie uns wohl jetzt helfen und allgemeines Asyl geben, weil sich die Dinge in Serbien nicht ändern. Es gibt dort ein Problem, aber nach diesem Miloševic wird es ein weiteres Problem geben, denn es gibt etliche Miloševics in Serbien.

ARCHIPEL: Was sind für euch die Bedingungen, die eine Rückkehr nach Serbien möglich machen würden?

Milomir: Es tut mir leid, aber das ist eigentlich nicht möglich. Das ist nicht nur eine Frage von Miloševic oder der Polizei; das Problem ist nicht nur, daß wir verhaftet werden könnten. Das Problem liegt bei den Leuten, unseren Nachbarn und Verwandten. Stell Dir vor, Du lebst im gleichen Gebäude mit einer Frau, deren Sohn im Krieg ist, im Kosovo oder sonstwo. Sie sieht mich und sagt: "Oh, Du bist hier! Mein Sohn ist im Kosovo und Du bist hier und redest gegen Miloševic und unterstützt die NATO." So etwas kannst du nicht so schnell in den Köpfen der Leute ändern. Auf gewisse Art verstehe ich auch ihre Gefühle wegen ihrer Söhne. Aber, ich weiß nicht, ich habe gesagt, daß ich nicht Teil dieses Wahnsinns sein will und es auch nie werden will. Und viele haben natürlich Angst zu desertieren, weil sie sich vor dem Gefängnis oder einer Verurteilung fürchten. Also ziehen sie mit in den Krieg und später gibt es dann keine Frage mehr, wer falsch lag oder richtig. Die Mutter denkt einfach nur an ihren Sohn, der irgendwo im Krieg ist und sie sieht die Dinge in einem anderen Licht. Das ist also etwas, was Du nicht ändern kannst: ich werde für immer ein Verräter bleiben, für meine Nachbarn, einige Verwandte und einige Freunde, denn ich habe das Land verlassen.
Vielleicht erlassen sie eine Amnestie, wenn Miloševic gegangen ist, aber es wird keine Amnestie in den Köpfen der Menschen in Serbien geben. Es wird viel Zeit brauchen, bis sie realisieren, was wirklich passiert ist und sie ihr persönliches Leid vergessen. Es haben ja einige ihren Sohn oder Mann im Krieg verloren; deshalb denke ich, daß eine Rückkehr nicht möglich ist.

Siniša: Ich muß um mein Leben fürchten, wenn ich zurückgehe. Ich komme aus einer Kleinstadt. Dort leben vielleicht 20 bis 25.000 Menschen und jeder kennt jeden und weiß alles. Dort gibt es kein Geheimnis, weil wir immer auf den Straßen gewesen sind und laut über die Probleme gesprochen und versucht haben, etwas zu tun.
Meine Familie, meine Kollegen und ehemaligen Schulfreunde haben mich verraten. Ich habe Angst.

Milomir: Es ist eine sehr schwierige Situation. Vielleicht kann ich es so erklären: Mein Vater arbeitet in einem zentralen Elektrizitätswerk und das wurde während einer Nacht bombardiert. Er war gerade bei der Arbeit und durch den Angriff verletzt, so daß er bewußtlos war. Ein ganzer Teil des Werkes wurde zerstört. Mein Vater hat dort sein ganzes Leben gearbeitet und in einer Nacht ist alles zerstört worden und verbrannt. Ich habe es erfolglos versucht, ihn davon zu überzeugen, daß das nicht gegen ihn gerichtet war. Es ist sehr schwer, den Leuten klarzumachen, daß diese Bomben nicht ihnen galten, weil sie vielleicht so einen Angriff überlebten, aber ihre Fabrik war zerstört. Man hat ihr Stück Brot zerstört, ihr Leben - und so denken die Leute. In ihren Augen ist das, was wir unterstützen, die Zerstörung ihres täglichen Lebens, und ich konnte sie nicht davon überzeugen, daß ich das nicht unterstützt habe.
Ich möchte einfach in einem freien Land leben und nicht in einem Ghetto. Serbien ist doch nur ein Ghetto in der Welt, von allen Seiten abgeschlossen. Ich habe nur für die Freiheit gekämpft, und wenn sie das nicht wollen, dann kann ich nicht helfen.

Joachim Langer

Das Interview wurde für die Sendung "Europa von unten - Monatssendung der Zeitung Archipel" geführt und liegt in deutscher Fassung auf CD vor. Die CD kostet 20 DM/20 CHF/150 ATS plus Versandkosten und kann bestellt werden beim Europäischen Bürgerforum Österreich, Lobnik 16, A-9135 Eisenkappel, Tel +43/4238/8705, Fax +43/4238/8705-4. Der Erlös kommt der Deserteursgruppe in Budapest zu.

 

Kommentar

Milomir Mostić und Siniša Prole flohen im letzten Jahr aus der Bundesrepublik Jugoslawien nach Ungarn. Da die Grenzen der westeuropäischen Länder geschlossen waren, konnten sie nicht weiterwandern, sondern mußten in Ungarn bleiben. Sie erhielten zwar eine einjährige Duldung, was aber auch heißt, daß ihnen als soziale Unterstützung nur die unmenschlichen Bedingungen in ungarischen Flüchtlingslagern angeboten werden: unzureichendes Essen, katastrophale hygienische Verhältnisse, eingeschränkte Bewegungsfreiheit usw. Milomir und Siniša haben sich aus guten Gründen dagegen entschieden und erhalten daher keinerlei soziale Unterstützung vom ungarischen Staat. Zudem bedeutet die Duldung, daß ihr Antrag auf Asyl abgelehnt worden ist. Sie können in Ungarn praktisch keinen dauerhaften Schutz mehr erhalten, auch wenn die Duldung über Jahre hinaus verlängert werden kann.

Die NATO hatte die Soldaten der jugoslawischen Armee zur Desertion aufgerufen, ihnen aber keinerlei Schutz angeboten. Sie wurden von den Militärs benutzt und schließlich doch verfemt: Ein Deserteur bleibt eine Person, die sich gegen das Heiligste des Militärs richtet: den Gehorsam.

Dennoch gab es in Deutschland eine Veränderung. Das Innenministerium entschied, den bis zum April bestehenden Entscheidungsstopp bei Asylanträgen jugoslawischer Deserteure und Militärdienstentzieher mit dem Hinweis aufzuheben, daß sie einen Flüchtlingsschutz erhalten sollen. Das betrifft derzeit 360 Personen, die sich vom Herbst 1998 bis Juli 1999 der jugoslawischen Bundesarmee entzogen. Wie aber sollen sie alle den verlangten Nachweis führen, daß sie einberufen worden sind? Es gab im Frühjahr 1999 in der Bundesrepublik Jugoslawien eine allgegenwärtige Rekrutierung: auf Plätzen, Strassen und in Bussen. Werden die EinzelentscheiderInnen des Bundesamtes dies als ausreichenden Beweis sehen? Es bleibt zu bezweifeln und somit auch, ob alle 360 tatsächlich einen Flüchtlingsschutz erhalten. Darüberhinaus gab es viele Deserteure, die kein Asyl beantragten, sondern lediglich von den Kommunen eine Duldung erhielten. Was passiert mit ihnen, wenn sie jetzt Asyl beantragen? Und immer noch sind Deserteure aus den ersten Kriegen im ehemaligen Jugoslawien in Deutschland - aufgrund der unzureichenden Amnestieregelungen in ihren Ländern müssen sie weiterhin Strafverfahren befürchten. Sie werden von dieser Regelung des Innenministeriums nicht profitieren können, obwohl sie ebenso gute Gründe für ihre Verweigerung haben.

Die Entscheidung des deutschen Innenministeriums war zweifellos überfällig. Aber Kriegsdienstverweigerer und Deserteure aus Kriegsgebieten, wie z.B. Russland, Türkei, Angola, Algerien und weiteren Ländern haben in allen westeuropäischen Ländern nach wie vor mit ihrer Ablehnung in den Asylverfahren und ihrer Abschiebung ins Kriegsgebiet zu rechnen. Wer ihre Entscheidung unterstützen will, wer sich für ein Ende der Kriege einsetzen will, muß ihnen die Einreise, dauerhaften Schutz und Asyl anbieten.

Rudi Friedrich, Connection e.V.

Connection e.V., Gerberstr. 5, D-63065 Offenbach, Tel.: +49-(0)69-8237 5534, Fax.: +49-(0)69-82375535, Email: Connection.eV@t-online.de, Net: www.connection-ev.de

 

Informationen des SAFE HOUSE Projektes/SEOBE 99: www.extra.hu/prigovor

Amnesty International-Report - EUR 70/111/99, October 1999, Federal Republic of Yugoslavia. The Forgotten Resisters: The Plight of Conscientious Objectors to Military Service After the Conflict in Kosovo (im Internet: www.amnesty.org/ailib/aipub/1999/EUR/47011199.htm)

verfasst von Joachim Cotaru,  01.07.2000, eingestellt von Jochen
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 74 (07/2000)

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