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ISRAEL - PALÄSTINA: Betray your race1 – Israelis kämpfen gegen die Mauer


Seit bald zehn Jahren protestiert die Gruppe Anarchists against the wall (AAtW) gemeinsam mit den Bewohnern palästinensischer Dörfer gegen den Bau der Separationsmauern zwischen Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten sowie gegen die israelische Siedlungspolitik. Yossi trägt seit Beginn die Aktionen von AAtW mit und bringt alternative Informationen zum Israelkonflikt nach Europa. Unter anderem stellt er den Film „Bil’in, meine Liebe“ vor, der den Widerstand des Dorfes Bil’in dokumentiert. Dieser Text basiert auf einem Gespräch mit Yossi.
Die Mauer rund um die palästinensischen Gebiete ist fast geschlossen und wird nur laufend erweitert, um neuen jüdischen Siedlungen Platz zu machen. Doch noch immer demonstriert die AATW gemeinsam mit den Palästinensern gegen diese Mauer, gegen die Apartheidstraßen und gegen den Rassismus an den Checkpoints. Yossi konstatiert: „Das Wichtigste, was wir mit unserer Zusammenarbeit erreicht haben, ist, dass heute niemand mehr im linken Milieu Israels glaubhaft von Frieden und sozialer Gerechtigkeit sprechen kann, ohne eine Zusammenarbeit mit den Palästinensern vorzuweisen.“ Er selbst ist in einem gehobenen Vorort Jerusalems aufgewachsen. Dort beschränkte sich der Kontakt mit Palästinensern auf eine Dienersituation. Sie waren Putzkräfte, Gärtner, verkauften Humus2. In den 1990er Jahren gab es auch bei der politischen Arbeit wenig Kontakte mit Palästinensern, und die beschränkten sich vornehmlich auf freundliches Händeschütteln. Einzig die kommunistische Partei arbeitete direkt mit palästinensischen Aktivisten zusammen. Später brachten weder die Antiglobalisierungsbewegung, noch ökologische Gruppen einen wirklichen Kontakt zustande.

Die eigene Angst überwinden

Erst als beim Mauerbau ab 2002 die palästinensischen Dörfer ihre Proteste organisierten, entstand eine Zusammenarbeit mit den Israelis. Damals war der Zeitpunkt günstig, weil die politischen Strukturen der Palästinenser geschwächt waren, Arafat stand unter Hausarrest, und die palästinensischen Dörfer waren durch die militärische Präsenz Israels ziemlich abgeschnitten von den Städten und den politischen Organisationen. Die Leute mussten sich selbst helfen, wenn sie nicht tatenlos zusehen wollten, wie sie von ihren Feldern und Plantagen abgeschnitten wurden und wie das Militär gezielt ihre Landwirtschaft zerstörte. In vielen Dörfern entstanden Volkskomitees, in denen sich die Familien und Parteien zusammenschlossen und ihren Widerstand planten. Die Anarchists Against the Wall wurden eingeladen, bei den Protesten mitzumachen. Für die meisten Israelis war es das erste Mal, dass sie mit Palästinensern zusammenarbeiteten. „Du kannst lange linke Ideen haben, aber als Israeli das Angstgefühl in einem palästinensischen Dorf loszuwerden, ist der entscheidende Prozess. Und der kommt nur in Gang, wenn wir zusammenarbeiten.“ Yossi erzählt, wie ihm während seiner ganzen Kindheit eingetrichtert wurde, dass die palästinensischen Dörfer gefährlich seien. Auch für die Palästinenser war es schwierig, den israelischen Anarchisten zu vertrauen. Anarchist ist auf Arabisch ein Schimpfwort und viele der Aktivisten sind Punks, Schwule und Lesben. Yossi sagt: „Wir sind schlecht angezogen und viele von uns essen vegan 3. Das erregte zunächst einiges Misstrauen.“ Erst als die Palästinenser gesehen haben, dass die Anarchisten in heiklen Situationen nicht wegrennen und nicht auf ihre Privilegien zurückgreifen, sondern sich mit ihnen verhaften lassen, begannen sie, ihnen zu vertrauen.
So gibt es seit 2002 Proteste und Demonstrationen gegen die Mauer, an denen sich auch die AAtW beteiligen. In den intensivsten Jahren gab es alle paar Tage eine Protestaktion, heutzutage sind zwischen sechs bis zehn Dörfer aktiv und auch in Jerusalem werden viele Aktionen durchgeführt. Die wichtigste Aufgabe der AAtW ist dabei, die Demonstrationen der Palästinenser zu begleiten. Denn solange Israelis unter den Demonstranten sind, schießt die israelische Armee nicht scharf. Außerdem wirkten Solidaritätsbekundungen der Anarchisten in den ersten Jahren wie Schocks auf die Soldaten, die nicht verstehen konnten, wie Israelis sich auf die Seite der Feinde schlagen können. Yossi meint sarkastisch dazu: „Manchmal fragten die israelischen Soldaten – nachdem sie während der Demonstration auf uns geschossen hatten – ob wir in den palästinensischen Dörfern nicht Angst hätten. Eine absurde Situation.“

Gewaltfrei, aber radikal

Der Kampf in den Dörfern ist vornehmlich unbewaffnet. „Das Machtverhältnis ist klar. Die Armee ist sehr stark und kann durchsetzen, was sie will“, sagt Yossi. Außerdem zieht Gewalt, z.B. die Selbstmordattentate, auch Gewalt innerhalb der palästinensischen Gesellschaft nach sich. Das verurteilen viele Palästinenser. Nicht zuletzt sei Gewalt nur etwas für junge Männer, aber in den Dörfern wollten auch ältere Menschen und Frauen mitmachen. „Die Grasswurzelaktionen erlauben es allen Menschen, an einem radikalen Widerstand teilzunehmen.“ erläutert Yossi. Die AAtW möchten mit möglichst vielen Dorfbewohnern zusammenarbeiten, auch mit Frauen und älteren Menschen, dabei kommt ihnen die Struktur der Volkskomitees sehr entgegen. Sie achten darauf, nicht nur mit einer Gruppe in Kontakt zu sein. Allerdings ist die Situation von Dorf zu Dorf verschieden. In manchen Dörfern nehmen die Frauen teil, in anderen nicht. In manchen ist auch das Werfen von Steinen ein Streitpunkt, denn dies verschärft sofort die Repression und macht die Präsenz der Anarchisten weniger effektiv.
In den letzten Jahren hat sich die Situation für die israelischen Aktivisten verschärft. „Am Anfang waren die Soldaten verunsichert durch unsere Präsenz, weil sie uns als Menschen anerkannten“, erzählt Yossi. Die Anarchisten hatten damals einigen Handlungsspielraum und konnten mit den Soldaten reden. „Heute werden wir als Verräter und als Gefahr für Israel abgestempelt.“ Die Soldaten dürfen nicht mehr mit ihnen sprechen und sie gehen immer aggressiver gegen die Aktivisten vor. Die bei der Mauer eingesetzten Soldaten stammen zudem aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen, wie äthiopisch- und russischstämmige Juden. Da die Anarchisten vor allem aus der Bildungsschicht kommen, spielt  auch der Hass gegen Privilegierte mit. Mittlerweile sind viele der ersten Generation von AAtW im Ausland, teils weil sie in Israel der Repression ausgesetzt sind, teils weil sie die gesellschaftliche Ausgrenzung nicht aushalten können. „Wir verraten die Strukturen, die uns privilegieren und leben nach dem Motto: betray your race.“ Yossi selbst ist vor einigen Jahren nach Europa ausgewandert, reist aber regelmäßig nach Israel, um den Kontakt zu halten. Er sieht die Situation in Israel pessimistisch. „Wir befinden uns in einer politischen Sackgasse.“ Durch den Siedlungsbau auf palästinensischem Gebiet ist eine Zwei-Staaten-Lösung eigentlich unmöglich geworden, dennoch hofften viele Palästinenser noch auf einen eigenen Staat. „Viele glauben daran, dass es der effektivste Weg ist, um sich von der israelischen Besatzung zu befreien.“ Die Palästinenser kämpfen gegen eine nationale Unterdrückung und für eine nationale Selbstbestimmung. Ob diese nationalistische Färbung die Anarchisten nicht stört? Sie stellen sich auf den Standpunkt, dass Israel, der Staat, in dem sie privilegiert sind, die Palästinenser unterdrückt. Das sei für sie das Wichtigste. „Der Nationalismus spricht uns nicht an, aber es ist die Entscheidung der Palästinenser. Wir kämpfen mit ihnen für die Befreiung“, sagt Yossi. Allerdings fragen sich auch einige Palästinenser, ob ein palästinensischer Staat nicht genauso schlimm wäre, denn schon heute trägt der Machtkampf zwischen Fatah und Hamas Gewalt und Repression in die palästinensische Gesellschaft. Für die AAtW ist diese Entwicklung ein schwieriger Punkt.

Ist Apartheid die Zukunft?

Yossi fürchtet sich vor einer Zwei-Staaten-Lösung, da in Israel damit die Idee eines Bevölkerungsaustauschs verbunden ist, um Israel rein jüdisch zu machen. Das beträfe rund eine halbe Million Siedler auf palästinensischem Gebiet und die 20 Prozent Palästinenser in der israelischen Bevölkerung. Die AAtW bekämpfen diese Apartheidtendenzen. In Israel leisten sie viel Aufklärungsarbeit, zum Beispiel plakatieren sie die Fotos des bekannten Fotografenkollektivs Actives stills 4, organisieren Infoveranstaltungen und versuchen in den Medien eine Gegeninformation zur Staatspropaganda unterzubringen. Mit dieser Idee hat der AAtW-Aktivist Shai Carmeli Pollack auch den Film „Bil’in my love“ gedreht, der 2006 in Israel im Kino und im Fernsehen gezeigt wurde. Der Film begleitet die Anarchisten in das Dorf Bil’in, wo sich die Bevölkerung mit vielen radikalen und phantasievollen Widerstandformen gegen die Besetzung wehren. Er zeigt die Härte der Konfrontationen, die Aussichtlosigkeit der Situation und die Ungerechtigkeit der israelischen Siedlungspolitik. Vor allem porträtiert er jedoch einige der Widerständigen und lässt ihnen viel Raum, um ihre Sicht der Dinge zu erklären. Der Film hat bis heute nicht an Aktualität verloren – unter anderem weil die Bil’iner Bevölkerung weiterhin gegen die Mauer protestiert. Yossi und andere AAtW zeigen ihn immer noch gerne, wenn sie zu Infoabenden eingeladen werden.

Webseite der Anarchists against the Wall: www.awalls.org
Infos zum Film: „Bil’in Habibti“ (Bil’in my love), Regie: Shai Carmeli Pollak. Dokumentarfilm 2006. Als DVD erhältlich; Dauer: 84 Min., zu bestellen direkt auf der Webseite der AAtW unter „contact us“.

1. Betray your race (verrate deine Rasse) : Der Ausspruch wird von den Aktivist_Innen im Kontext der Appartheidstendenzen in Israel verwendet.
2. Kulinarische Zubereitung im Nahen Osten, bestehend aus Kichererbsenpüree und Sesam.
3. Vegan: Essenszubereitung unter Ausschluss jeglicher Lebensmittel tierischen Ursprungs
4. <http://activestills.org>

verfasst von Katharina Morawietz EBF - Schweiz,  13.09.2012, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 207 (08/2012)

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