© 

ITALIEN: Land gegen die Krise

Die europäische Landwirtschaft macht nur 1,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. In Italien sind es seit 2010 ungefähr 1,9 Prozent. Kann man daraus schliessen, dass die Krise den Primärsektor der Wirtschaft verschont und das Land seinem Ruf als wichtiger Landwirtschaftsproduzent gerecht wird? Schaut man sich die offiziellen und offiziösen Prognosen an (zahlreiche parallele Quellen zum INEA1), so erscheint diese optimistische Einschätzung der Situation der landwirtschaftlichen Realität in Italien eher illusorisch und hält einer näheren Prüfung nicht stand.
Fakten und Zahlen2 zeigen die verheerenden Auswirkungen der landwirtschaftlichen Industrialisierung auf sozialer Ebene und auf die lebenswichtige Aktivität der Nahrungsmittelproduktion. Im Jahr 2011 zeigt eine Bestandesaufnahme des nationalen statistischen Instituts (ISTAT) eine alarmierende Bilanz des Agrarlandes. In Italien umfasst die Landwirtschaftsfläche 17,8 Millionen Hektar, 12,7 Millionen werden landwirtschaftlich genutzt. 45,7% davon befinden sich im südlichen Teil, 36% im Norden und 18,3% im Zentrum der Halbinsel. Es ist schon seit einigen Jahren bekannt, dass sich die landwirtschaftliche Geographie in Italien stark verändert. Mehrere Schätzungen gehen davon aus, dass seit 1861 etwa zehn Millionen Hektar Landwirtschaftsland verloren gingen, also fast die Hälfte der Fläche von vor 150 Jahren. Mit der unkontrollierten Verstädterung in den Jahren 1980-1990 (Wohnungsmarkt, Infrastruktur für die Industrie, Strassen- und Schienenbau, Landerschliessung für den Tourismus, Betonierung der Vorstädte und Küstengebiete) kam es zu Landzerstörung in noch nie dagewesenem Umfang. Diese dramatische Situation kann auch nicht mit einigen beruhigenden Tatsachen weggewischt werden. Zum Beispiel der Vergleich mit Frankreich: Während Italien noch 1,5 Millionen Kleinbauern aufweist, sind es in Frankreich gerade noch 850.000. Der Rückgang der traditionellen Landwirtschaft, vor allem in den reichen Regionen im Zentrum und im Norden, ist unbestreitbar, wie auch die Abwanderung aus diesen Gebieten und die Vergandung des Landes. Innerhalb von zehn Jahren sind 300.000 Hektar Landwirtschaftsland verloren gegangen. Von der gesamten Landwirtschaftsfläche sind es sogar 1,5 Millionen. Je nach Region verschwinden tagtäglich zwischen 50 und 160 Hektar.


Verstädterung ohne Mass


Das Dossier FAI/WWF3 «Gestohlenes Land, Reise durch ein bedrohtes Italien», veröffentlicht im Februar 2012, bestätigt die Untersuchungen von anderen Organisationen, wie Crocevia terra, AIAB oder Legambiente 4: «Der städtische Raum hat sich mehr als verdreieinhalbfacht. Zwischen 1950 und 2000 hat er sich um 600.000 Hektar vergrössert, d.h. um 33 Hektar pro Tag oder um 366,65 m2 pro Person. Die durchschnittlichen Werte liegen bei 300%, in einigen Regionen sind es 1100%: Dies entspricht der Grösse eines Gebietes wie Friaul-Julisch Venetien. Bei den elf am stärksten betroffenen Gebieten handelt es sich um Umbrien, Molise, Apulien, Abruzzen, Sardinien, Marken, Aostatal, Latium, Ligurien, Emilia-Romagna, Friaul-Julisch Venetien. Diese Erosion von Landwirtschaftsboden beträgt in Umbrien, Ligurien, Aostatal und Friaul 100%, in Molise, Apulien und den Abruzzen mehr als 400% und über 500% in Emilia-Romagna...»
Die Konsequenzen des Verlusts dieser Flächen liessen nicht lange auf sich warten. Die diversifizierte Landwirtschaft wird zugunsten einer Intensivproduktion verdrängt, vor allem in der Viehzucht; es findet eine Konzentration der Betriebe statt. Die bäuerliche Landwirtschaft verschwindet allmählich.
Die gemeinsame Agrarpolitik und alle nationalen Agrarreformen seit 1950 wurden vom kategorischen Imperativ des Ertrags diktiert und befinden sich in völliger Abhängigkeit von der Nahrungsmittelindustrie und den Grossverteilern. Die Landwirtschaft wurde nach und nach zur Geisel des Marktes. Innerhalb von zehn Jahren wurden 36% der Familienbetriebe und 39% der Betriebe mit Arbeitern wegrationalisiert. Der Landbesitz entwickelt sich immer mehr in Richtung verschiedener Formen von Pachtverträgen, vor allem für Grossbetriebe, die bereits ein Viertel der gesamten Landwirtschaftsflächen für sich beschlagnahmen. Die kleinen und mittleren Bauernhöfe verringerten sich um 43,7%; sie umfassen noch 50% der Arbeitskräfte aber bloss noch 5,7% der kultivierten Böden. Im Gegensatz dazu nahmen die Betriebe mit über 30 Hektar zu: von 3% im Jahre 2000 auf 6% mit 54% der kultivierten Böden. Das Netzwerk Crocevia geht in seiner Studie Terra e agricoltura. Il caso italiano von 2012 davon aus, dass 1% der Betriebe 30% des Landwirtschaftslandes kontrollieren.


Massentierhaltung im Vormarsch


Die Lage in der Tierzucht ist noch dramatischer: 70% der Zuchtbetriebe legten den Schlüssel unter den Teppich zugunsten von Grossbetrieben mit über 100 Hektar. Im Vergleich zum Jahre 2000 verringerte sich die Rinderzucht um ein Viertel (1,5 Mio. Tiere). 35% der Unternehmen mit 6 bis 9 Ställen sind eingegangen, d.h. mehr als ein Drittel des Viehbestandes. Höfe mit mehr als 500 Tieren nahmen hingegen stark zu (30% zwischen 500 und 1000 Tieren, 50% zwischen 1000 und 2000). Gegenwärtig kontrollieren 0,85% der Unternehmen 18% der Rinder (845 Einrichtungen beherbergen 812.000 Rinder von den 6,3 Mio. in ganz Italien).
Die intensive Tierhaltung ist vorwiegend in den reichen nördlichen Regionen angesiedelt, Lombardei, Venetien, Emilia-Romagna. Sie konzentrieren 67% des gesamten Viehbestandes (Rinder, Kühe, Büffelkühe), 86% der Schweine und 80% des Geflügels.35% der Milchproduzenten stellten ihre Aktivität ein, der Kuhbestand verringerte sich nur um 8%. Betriebe mit weniger als 100 Kühen gehen langsam ein, Betriebe mit über 500 Tieren ermöglichen eine regionale Konzentration der Produktion. Das gleiche Phänomen ist in der Schafzucht zu beobachten. Die Hälfte der Betriebe ist verschwunden. Neben den Herden mit über 500 Muttertieren (in den Hügelzonen und Berggebieten vom Zentrum und im Süden sind es manchmal mehrere tausend) muten sich die traditionellen kleinen Herden folkloristisch an. Die lokalen Märkte leiden darunter, die Rotation wird erschwert, die natürliche Düngung durch die Schafe bleibt aus. Die traditionelle Schweinzucht war im Wesentlichen für den lokalen Markt bestimmt; auch hier findet eine umgreifende Umwandlung statt, mit Maststationen mit über 4'000 Tieren. Zwei Fakten illus-
trieren diese Entwicklung: Obwohl innerhalb eines Jahrzehnts 87% der Kleinzüchter verschwanden, erhöhte sich die Anzahl Schweine um 9%. Die gleiche Tendenz zeigt sich auch beim Geflügel. Heute dominieren Betriebe mit 10'000 bis 50'000 Mast- oder Legehühnern.


Rückgang der Ackerflächen


Im Oktober 2011 veröffentlichte Antonio Onorati, Präsident des internationalen Zentrums Crocevia, einen alarmierenden Artikel über die Ernährungssouveränität in der Zeitschrift Bio Agricultura, herausgegeben von AIAB: Die italienische Landwirtschaft, ein Sprung ins Schwarze. Er beschreibt die Wirkung der Konzentration und der Landflucht auf die Strukturen der Landwirtschaft vor dem Jahre 2000: «Was die Arbeitskräfte auf den Höfen betrifft, so verringerten sich die Getreidebauern um 40%, die Gemüseproduzenten um 60%. Zwischen 2000 und 2010 schrumpften die Ackerbauern um 38%. Die Anbaufläche für Getreide verringerte sich um 11%, der Anbau für Futtermittel vergrösserte sich hingegen. Sie erstreckt sich heute auf 1,5 Millionen Hektar. Zum grossen Teil ein nicht ausgeschöpftes Potential, das dem Anbau von Nahrungsmitteln oder der Viehzucht entzogen wird. Die Anzahl der Weinbauern ging um 53% zurück, deren Anbaufläche um 15%. Das Resultat einer völligen Umstrukturierung des nationalen Weinanbaus durch die «Neue Gemeinsame Organisation des Marktes». (...) Die Obstbetriebe, der einzige Sektor mit einer positiven Handelsbilanz auf dem Weltmarkt, schrumpften um 54%. Auch die Anbaufläche nahm um 13% ab.»
Was die Anbaufläche betrifft, sind alle Sektoren mit 28% rückgängig (mit Ausnahme von gewissen Gemüsekulturen, Futtermitteln, Anbau von Saatgut und Ölpflanzenanbau). Laut einer neuen Analyse vom Juli 2012 von Coldiretti5 verschlimmerte sich die Korrelation zwischen Verlust von Landwirtschaftsböden und Nahrungsmittelproduktion stark. Weder die Konzentration, noch die Technisierung der intensiven Landwirtschaft konnten verhindern, dass «der ständige Verlust der Anbaufläche dazu führt, dass Italien immer abhängiger von der Einfuhr von Nahrungsmitteln wird. (...) Der Zuwachs von Inputs aller Art vermag keine Zunahme der Produktion zu bewirken. Wir sind heute an einen Punkt gelangt, an dem der massive Einsatz von heute verfügbaren Technologien nicht mehr zu einem höheren Ertrag führt».
Coldiretti ist im Wesentlichen einverstanden mit einer Studie des Ministeriums für Landwirtschaftspolitik, Ernährung und Waldwirtschaft, die von INEA, ISPRA6 und ISTAT (Zukunft schaffen) herausgegeben wurde. Dieses Dokument präzisiert das Defizit des Angebots für die Bedürfnisse der Bevölkerung. Es wurde von der italienischen Koordination von Via Campesina überarbeitet und diente als Grundlage für die «Vorschläge für eine Charta der Ernährungssouveränität in Italien». Darin wird klar gemacht, dass Trockenheit, Bevölkerungszuwachs oder die veränderten Konsumgewohnheiten den Einbruch der Nahrungsmittelproduktion nicht umfassend erklären können.


 


1. INEA: Nationales Institut für landwirtschaftliche Ökonomie
2. Ohne diese nackten Zahlen (Flächen, Arbeitskräfte, Produktionsvolumen, Kosten und Preise ...) sind die Mutationen der italienischen Landwirtschaft kaum fassbar
3. FAI: Verband der italienischen Landwirtschaft, WWF: internationale NGO für Naturschutz
4. Crocevia terra: NGO, die sich für die Erhaltung von Landwirtschaftsland einsetzt. AIAB: Italienischer Verband für biologische Landwirtschaft. Legambiente: Umweltschutzorganisation
5. Nationale Vereinigung von autonomen Bauern
6. ISPRA: höheres Institut für den Schutz der Landwirtschaft und Umweltforschung

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 209 (11/2012)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Home - Themen - Archipel - Über das forumcivique - Shop - Mitmachen - Spenden

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo