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ITALIEN: Land gegen die Krise

Die europäische Landwirtschaft macht nur 1,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. In Italien ist es seit 2010 ungefähr 1,9 Prozent. Kann man daraus schließen, dass die Krise den Primärsektor der Wirtschaft verschont und das Land seinem Ruf als wichtigem Landwirtschaftsproduzenten gerecht wird? Fakten und Zahlen zeigen die verheerenden Wirkungen der landwirtschaftlichen Industrialisierung auf sozialer Ebene und auf die lebenswichtige Aktivität der Nahrungsmittelproduktion. 2.Teil
Im Jahre 2012 produziert Italien noch knapp 80% seiner Nahrungsmittel. 30% vom Hartweizen und 55% vom Weizen, die für die Grundnahrungsmittel wie Brot, Teigwaren und Süßwaren notwendig sind, werden eingeführt. Die heutige Produktion von 7 Millionen Tonnen genügt in keiner Weise dem Bedarf, ein Großteil davon wird von der Nahrungsmittelindustrie und für den Export verschlungen. Die Anbaufläche für Getreide ist von 4,5 Mio. Hektar im Jahre 1960 auf heute 2,5 Mio. gesunken. In der gleichen Zeitspanne schnellte die Maisproduktion auf 1,2 Mio. Hektar (auf Kosten von anderem Getreide) mit einem Ertrag von 10 Millionen Tonnen. Die Entkoppelung der Subventionen in den Jahren 2003/2004 im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik beschleunigte diesen Umstellungsprozess noch, vor allem in den nördlichen Regionen, in denen drei Viertel der 40.000 Betriebe mit mehr als 100 Hektar angesiedelt sind. Außerdem werden alljährlich 3,5 Millionen Tonnen Sojamehl (GVO) verfüttert, was ein Viertel des Futtermittelbedarfs deckt (14,5 Mio. Tonnen, davon 10,5 Mio. Mais). Was die anderen Grundnahrungsmittel betrifft, ist die Bilanz kaum erfreulicher. Eine Produktionssteigerung gibt es nur bei Reis, Obst, Frischgemüse, vor allem bei Tomaten, Eiern und speziellen Milchprodukten wie Parmesan und Mozzarella. Die Selbstversorgung beträgt bei den Leguminosen nur 33%, beim Zucker 34%, Speiseöle 34%, Kartoffeln 69%, Milch 64% und beim Fleisch 72%. Das Defizit beim Fleisch erklärt sich durch den Rückgang der Wiesen und auch durch die Tatsache, dass der Fleischkonsum von 18 Kilo pro Person im Jahre 1950 auf  heute satte 85 Kilo angestiegen ist. Auf sozialer Ebene lasten die Konsequenzen der Umstrukturierung der italienischen Landwirtschaft vor allem auf den Bauern, die sich bemühen, nicht für die Nahrungsmittelindustrie zu produzieren.
Die Verringerung der globalen Landwirtschaftsflächen, die von den Kleinbauern bearbeitet werden (meistens Bauernfamilien, die das Land besitzen), hat eine starke Auswirkung auf die Arbeitsbedingungen. «Der Leistungsdruck hat sich verstärkt», unterstreicht Antonio Onorati, «einer Verringerung des Personals von 36% stehen 25% weniger Arbeitstage gegenüber(…) Das heißt, die Mitglieder des Familienbetriebs verringerten sich um 34% und die Arbeitstage um etwas mehr als ein Viertel. Wer weitermacht, muss mehr arbeiten...».
Im Norden wird diese Verringerung hauptsächlich durch Lohnarbeiter (40%) kompensiert. Bei den Betrieben im Süden, die ums Überleben kämpfen, wurde der zusätzliche Bedarf an Arbeitskräften vor allem durch außereuropäische Saisonarbeiter gedeckt. Dies geht oft einher mit Deregulierung und Illegalität, vor allem in der Gemüse- und Zitrusfrüchteproduktion: Schwarzarbeit, moderne Sklaverei, prekäre Lohnverhältnisse und unmenschliche Lebensbedingungen. Was Entlohnung und Sozialbedingungen (Krankenversicherung, Rente…) betrifft, so ist die Bearbeitung des Bodens keine einträgliche Aufgabe. Mit weniger als 10 Hektar bringen sich die Höfe mit einer vielseitigen Produktion gerade noch über die Runden dank lokalen Märkten und oft auch dank Einkünften außerhalb der Landwirtschaft. Nach Abzug aller Kosten (Investitionen, Instandhaltung, Materialkosten und manchmal Lohn- und Sozialkosten) beträgt das Einkommen eines Landwirts mit 5 bis 10 Hektar Land selten mehr als ein doppelter Mindestlohn. Eine Untersuchung des ISTAT (Statistisches Institut in Italien) zeigt, dass drei Viertel der Kleinbauern verschuldet sind und Konkurse ständig zunehmen. Diese Kategorie der «Verdammten dieser Erde» erscheinen im Verzeichnis der Bankitalia über die Verschuldung der Italiener an guter Stelle: 35% stehen mit 15 bis 20.000 € in der Kreide. Und auch die Subventionen der EU werden diesen Beruf nicht attraktiver machen.
Im Jahre 2011 erhielten 822.000 Kleinbetriebe 1.250€, während die 3.070 Großbetriebe (ab 500 Hektar) mehr als 100.000 € einsteckten. Der Jahresbericht des INEA bestätigt, dass 0,27% der Betriebe 18% aller Subventionen einstreichen, während 97% aller Höfe kaum 50% davon erhalten. Dazu kommt noch der Umstand, dass diese Hilfe durch lokale Behörden, um nicht zu sagen durch mafiöse Organisationen, die sich wenig um die öffentliche Wohlfahrt kämmern, veruntreut wird.
Die gleiche Knausrigkeit kann beim Bankkredit festgestellt werden. Die aktuelle Finanzkrise schränkt diesen immer mehr ein. In diesem Bereich hält das System an der goldenen Regel fest, die besagt, dass das Geld sich zum Geld gesellt und der Profit an jene geht, die die Mittel dazu haben. Im Süden verstärkt die lächerliche finanzielle Hilfe das Verschwinden des bäuerlichen Standes. Die Zahlen brauchen keine Erklärung: 11,2 Milliarden für den Nordwesten, 13,6 Milliarden für den Nordosten und gerade noch 5 Milliarden für den gesamten südlichen Teil Italiens.
Zu diesem Handicap kommt noch die Inflation der Bodenpreise, die die kleinen Produzenten und die junge Generation vom Landerwerb ausschließt.
Innerhalb von zehn Jahren erhöhte sich der Hektarpreis für Landkauf um 22%. Der Durchschnitt bewegt sich um 18.000 €, mit großen Unterschieden, je nach Region, Bodenbeschaffenheit und Kulturen. Die Werte liegen zwischen 9.000 € pro Hektar  in Bergregionen bis zu 40.000 € in den fruchtbaren Ebenen im Norden, vor allem in jener des Po. Er kann sogar in den Gegenden mit intensiven Gemüsekulturen bis auf 50.000 € steigen und in renommierten Weingebieten (Piemont, Toskana) gar auf 500.000 €. Laut dem nationalen Institut für landwirtschaftliche Ökonomie (INEA) sind 4,5 Mio. Hektar der landwirtschaftlichen Nutzfläche, d.h. 36% von den 12,8 Mio., gepachtet. Und auch hier ist ein brutaler Bruch mit der italienischen Tradition festzustellen, die Spekulation auf die Pachtzinsen schreckt junge Menschen vom Bauernberuf ab.
So setzt die ländliche Abwanderung aus Süditalien und manchmal auch von den kargen Böden im Zentrum wieder ein, wie schon in den Jahren 1970/80, als eine große Migration in den Norden stattfand. In einigen Berggebieten (Abruzzen, Apenninen, Aspromonte, ein Bergmassiv Kalabriens…) schreitet die Verödung voran, überall verlassene Dörfer und brachliegende Felder. Diese Exilbewegung wird noch verstärkt durch das Ausscheiden der Bauern, die in Rente gehen und von der lokalen Jugend nicht ersetzt werden. Die letzte Volkszählung zeigt auf, dass in den kleinen und mittleren Höfen zwei Altersstufen überwiegen: die 35-44 Jährigen (24,8%) und die 45-64 Jährigen (30%). Die Überalterung des Bauernstandes verheißt für die vitale landwirtschaftliche Ökonomie der Halbinsel nichts Gutes.
Ein weiterer verheerender Umstand kommt noch dazu: unter dem Vorwand die Staatsschulden (1‘900 Milliarden €) zu senken, beschloss die Regierung Monti 270.000 Hektar Landwirtschaftsland in staatlichem Besitz und 445.000 Hektar unter regionaler Verwaltung zu verkaufen. Diese umfassen ungefähr 2.600 Landwirtschaftsbetriebe. Gemäß COLDIRETTI (Nationale Vereinigung von unabhängigen Bauern) bringt ein weiteres Verkaufspaket von 338.000 Hektar lächerliche 6 Milliarden € ein. Unter einem Wert von 400.000 € wird das Grundstück von der lokalen Agentur verkauft, über diesem Kaufpreis durch Versteigerung, was Tür und Tor öffnet für jegliche Spekulationen. Der Gesetzesbeschluss sieht vor, den Verkauf von Grundstücken auch auf unveräußerlichen öffentlichen Besitz auszuweiten (laut den Gegnern handelt es sich um 1 Mio. Hektar), wie z.B. ungenutztes Land innerhalb von Nationalparks, in Flussgebieten und an den Strandzonen. Im Prinzip müsste während 20 Jahren die ursprüngliche Benutzung weitergeführt werden. Der Staat garantiert sogar ein Vorverkaufsrecht für Interessenten unter 35 Jahren: ein frommer Wunsch, der der Kauflust von Banken und Multinationalen aus Europa, Nordamerika, Russland, China und den arabischen Staaten, die schon kräftig auf dem Immobilienmarkt in London und New York mitmischen, kaum standhält.
Tausende von Landarbeitern organisieren sich heute gegen alle diese Faktoren, die den Bauernstand disqualifizieren und ausrotten. Gegen die alles überrollende Dampfwalze eines auf Abwege geratenen Produktionssystems von Nahrungsmitteln, das völlig abhängig von den Supermarktketten ist. Sie wollen nicht hinnehmen, dass eine menschlich lebbare Landwirtschaft endgültig ausgemerzt werden soll.

verfasst von Jean Duflot,  15.12.2012, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 210 (12/2012)

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