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ITALIEN: Rosarno: Experimentierfeld des Hasses

«Wann werdet ihr uns von den ausländischen Negern, Huren und Dieben befreien, von den farbigen Vergewaltigern, von den Leuten, die unsere Häuser und Strände, unser Leben und unseren Geist verschmutzen? Schmeißt diese ruchlosen Menschen raus!»*

Was sich am 7. und 8. Februar 2010 in Rosarno abspielte, ist nicht eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Es handelt sich um geläufige Ausdrucksformen einer Regel, die innerhalb der Grenzen Europas einen permanenten Ausnahmezustand schafft.
Der Bericht des Europäischen Bürgerforums im Jahr 2000 «Anatomie eines Pogroms, z.B. El Ejido» prangerte die Menschenjagd auf marokkanische Immigranten an, die Opfer des intensiven Gemüseanbaus in Plastiktunneln sind. Wir alarmierten die Öffentlichkeit über dieses Symptom des Schiffbruchs der Grundrechte in der Flut der finanziellen Spekulation und des kurzfristigen Profits. Zehn Jahre danach kann man die gewalttätigen Ausschreitungen der ökonomischen und sozialen Fremdenfeindlichkeit innerhalb der Festung Europa kaum mehr aufzählen.
Man kann nur feststellen, dass «die Jagd auf Neger», die auf die Revolte der Sklaven der «Pianura» von Gioia Tauro in Kalabrien folgte, dem andalusischen Pogrom äußerst ähnlich ist. In Rosarno wurden die Afrikaner bewusst durch Schüsse provoziert. Daraufhin mobilisierten sich Hunderte von den afrikanischen Saisonarbeitern auf den kalabrischen Orangenplantagen spontan. Die jungen «Mafiosi» einer «cosca» der N’Drangheta der Region handelten in völliger Kenntnis der Lage. Sie wussten, dass diese Aggression einen Aufstand der Afrikaner auslösen würde, und sie inszenierten die Hetzjagd der Einheimischen gegen sie. Sie wussten, dass diese Provokation die Erinnerung an andere kriminelle Expeditionen gegen ausländische Arbeitskräfte wecken würde: zum Beispiel diejenige bei Foggia in Apulien während der Tomatenernte, die in einem Blutbad endete; die Hinrichtung von sechs Arbeitern aus Ghana in Kampanien; das Gemetzel von Brescia, wo Rechtsextreme das Feuer auf ein antirassistisches Meeting eröffneten. Seit Ende der Neunzigerjahre lockte die italienische Nachfrage Massen von ausländischen Arbeitern an, die vom italienschen Eurowunder fasziniert waren, und das in allen Schlüsselsektoren der Wirtschaft, vor allem auch in der Landwirtschaft. Und so wurde Italien, ein traditionelles Land der Emigration, zu einem der rassistischsten Länder gegen legale oder illegale Einwanderer.


Auflösung des Rechtsstaats

Dazu einige Erklärungen: Es handelt sich nicht um eine italienische Besonderheit; dieses Phänomen kann in allen «fortgeschrittenen» Industriegesellschaften beobachtet werden.
Gleiche Ursache, gleiche Wirkung. In Spanien schafften die Plastiktunnels, die den europäischen Markt im Winter mit Früchten und Gemüse versorgen, Ausbeutungsverhältnisse von unbarmherziger Härte. Die Just-in-time-Produktion der Waren und das Geld verwandelten die Landwirtschaft in ein industrielles Straflager. An der anderen Küste des Mittelmeers, zwischen Neapel und Sizilien, findet man ähnliche Verhältnisse vor, in den riesigen Plantagen von Orangen, Mandarinen und Klementinen an der ionischen und tyrrhenischen Küste. Bestimmt ist die Situation im Süden der Halbinsel schlimmer als in Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Holland. Dort unten verschlechtern sich die Arbeitsverhältnisse und das Leben der Einwanderer mit der Krise, die die italienische Wirtschaft mit voller Wucht trifft, ganz besonders auch die Zitrusfrüchteproduktion. Mit der Konkurrenz aus Griechenland, Israel, Nordafrika und vor allem Brasilen fiel der Kilopreis für Orangen auf 5 Cents. Die Unternehmer der Ebenen von Sybaris und Gioia Tauro ziehen es beispielsweise vor, Fertigprodukte aus Lateinamerika zu importieren (Fruchtsäfte), anstatt Arbeitskräfte für die Orangenernte einzustellen. Der Markt ist eingebrochen. Nach der Strafexpedition vom Februar, die etwa 4000 ausländische Arbeitskräfte von Rosarno nach Bari, Crotone oder Caserta vertrieben hat, riskieren die Früchte an den Bäumen zu verfaulen. Und es sind nicht die 1500 fiktiven Arbeitslosen von Rosarno, die vom mafiösen Wohlwollen der lokalen Verwaltung profitieren, welche Tausende in die Identifikations- und Abschiebungszentren deportierte afrikanische Pflücker (CIE) ersetzen werden. Die Vertreibung der Afrikaner kam gelegen: Die Zitrusfrüchte rentieren nicht mehr und die Sklaven auch nicht mehr. War die Hetzjagd nicht die billigste Methode, um sie loszuwerden?


Mafia

Bei der Interpretation der «Barbarisierung» Süditaliens greift man vielleicht etwas vorschnell auf die Verantwortung der regionalen Mafias (Camorra in Neapel, die sizilianische Mafia und N’Drangheta in Kalabrien) zurück. Sicher ermöglicht die Provokation von Rosarno dem Netz der «Cosca», ihre Kontrolle über die Region zu verstärken. Das Attentat gegen das Rathaus von Reggio Calabria deutet auch in diese Richtung. Aber man sollte dabei nicht vergessen, dass die Landwirtschaft für die Ökonomie der Mafia keine wesentliche Rolle spielt. Die kriminelle Organisation in Kalabrien verschafft sich ihre kolossalen Einkommen (über 60 Milliarden) vom Monopol des Kokainhandels in Europa und vom Waffenschmuggel aus den Ostblockländern. Der landwirtschaftliche Sektor wird zweitrangigen Kreisen überlassen, kleinen und großen Landbesitzern, unter Kontrolle der N’Drangheta.
Die Mafia hat alle Stufen der regionalen und staatlichen Regierungen unterwandert, die kalabrische Gesellschaft wurde absichtlich politisch von allen zentralen Regierungen im Stich gelassen.
In Wirklichkeit sind sie die Geiseln der kalabrischen Mafia. Sie lässt sich seit Jahrzehnten von Subventionen und strukturellen Hilfen von Europa und dem italienischen Staat unterhalten.
Die Verantwortung der heutigen Regierung, vor allem des engeren Kreises um Berlusconi und des «Cavaliere» selbst, steht außer Zweifel. Die Amnestiegesetze, die der transalpine Alleinherrscher einführte, um sich selbst weiß zu waschen, ihn und seine ganze mafiöse «Familie», stellten ein zynisches Dementi dar zu den Kriegserklärungen gegen die N’Drangheta, die sein Innenminister Maroni abgab. Mafiosi gegen die Mafia: ein tragikomisches Paradox eines der korrumpiertesten Regime in der Europäischen Gemeinschaft.


Programmierte Illegalität

Eine genauere Analyse vermag dieses System zu entlarven, das eine perverse Regierungstätigkeit und eine gefährliche inflationäre Ideologie produziert.
In Kampanien, in Pulien, Basilikata, in Kalabrien und Sizilien überleben Tausende von Saisonniers in einem feindlichen Umfeld, mit ihrem Nichtbürger-Status, aller elementaren Rechte beraubt. Keine der internationalen Konventionen (UNO, ILO, IUF etc.) hat Geltung in diesen verkommenen Enklaven des Südens. Und die Krise in der Industrie produziert entlang der Autobahn und der Eisenbahnlinie, zwischen Rom und Reggio Calabria, verlassene Fabrikgelände .
Man darf nicht vergessen, dass der Verlust an Arbeitsplätzen im Produktionsapparat auch die Immigranten trifft (17,4 Prozent im Bau, 16 Prozent in Hotels und Restaurants, 10 Prozent in der Industrie, 13 Prozent in der Textilwirtschaft, 14 Prozent in der Landwirtschaft).
Die Verarmung führt diese modernen Sklaven in Situationen dramatischer Prekarität. Hungerlöhne (20 bis 30 Euro) für Arbeitstage von 8 bis 10 Stunden, abzüglich 5 Euro für «Transportkosten»: Dieser Abstrich ist die Prämie für die Brutalität der «Caporali», die Vorarbeiter und Aufseher im Dienste der lokalen Mafia. Nur zwei bis drei Arbeitstage pro Woche, die den Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung ausschließen (51 Tage Minimum). Wohnungen, die allen Vorschriften des Gesetzes Bossi-Fini zuwiderlaufen, ein Gesetzeswerk, das auf leere Ankündigungen beruht, ein Instrument der programmierten Illegalität der ausländischen Arbeitskräfte. Hütten und Slums in unbeschreiblichem Zustand, Industrieruinen (Castelvolturno, Rosarno, Caserta), Metallsilos, verlassene Plastiktunnels. Nur 6 Prozent der Wohnungen verfügen über eine Heizung, 80 Prozent sind Bruchbuden und werden oft für 200 oder 300 Euro vermietet.

Unmenschliches Leben

In Rosarno waren Hunderte von Afrikanern in einer Industriebrache von Opera Sila zusammengepfercht, die danach von Bulldozern auf Befehl der Präfektur wegrasiert wurde. Der Lohn wird mit drei bis vier Monaten Verspätung ausbezahlt. Überstunden werden nicht honoriert und manch-mal wird nicht einmal der Lohn ausgezahlt.
Man kann sich die verheerenden Folgen dieses unmenschlichen Lebens vorstellen. Die Berichte der «Ärzte ohne Grenzen» und die Statistiken im Süden belegen die gesundheitlichen Schäden der Immigranten und Arbeiter aus der Subsahara. Unter dieser Gruppe von jungen Menschen (die Mehrheit ist unter dreißig Jahren) ist der physische Zusammenbruch eine Sache weniger Monate.
Die Gesundheitsbilanz und die epidemologische Untersuchung von ÄOG («eine Saison in der Hölle») zählt die häufigsten Pathologien auf: Knochenentzündungen und schwere Hautkrankheiten, Arbeitsunfälle (320 Tote und 110.000 Verletzte im Jahre 2009), starke Atembeschwerden, Gastritis und Darmentzündungen (eine Mahlzeit pro Tag, einseitige Ernährung mit Zitrusfrüchten, schlechte Ernährungshygiene), chronische Depressionen.
Die Ärzte weisen darauf hin, dass dabei die Unmöglichkeit, ihren Familien Geld zu schicken, eine Quelle ständiger Stresszustände ist.
Diesem düsteren Bild ist hinzuzufügen, dass es an Pflegestationen (SSN und STP) und Krankenpflegern (oft sind es Freiwillige) mangelt, die regulären und irregulären Ausländern die notwendige ärztliche Betreuung gewährleisten können. Wegen fehlender Sprachkenntnisse, der seltenen Beratungsstellen und auch aus Angst vor Ausschaffung, ziehen es viele Schwarzarbeiter vor, bis an die Grenzen ihrer Kräfte zu gehen. Manche von ihnen stranden erst zum Sterben in den Notfallstationen.
Bis heute gibt es keine Statistiken über die Anzahl der Todesfälle dieses unmenschlichen Überlebens, und noch viel weniger gibt es Angaben über verstorbene Illegale.
Niemand fragt sich, wie viele im riesigen Friedhof des Mittelmeers ertranken, und wie viele in den mauretanischen oder libyschen Wüsten oder in der Sahara verschwanden.

Fremdenfeindliche Gesetze

Um den Motor dieses System der Verachtung und institutionellen Fremdenfeindlichkeit zu verstehen, muss man auf das Gesetz Bossi-Fini und das «Paccheto sicurezza» von Innenminister Maroni zurückkommen. Dieses Gesetz vereinigt Aufenthaltsbewilligung und Arbeitserlaubnis und setzt Immigrationsquoten fest (ein Vorrecht des Premierministers), die nicht den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts entsprechen (z.B. 50.000 bis 70.000 Bewilligungen in der Landwirtschaft, die 400.000 Immigranten erfordert). So wird das Reservoir der illegalen Arbeitskräfte systematisch erneuert und vergrößert. Es legalisiert die Erpressung, für Hungerlöhne zu arbeiten. Der unbeständige Arbeitsmarkt, vor allem in der Landwirtschaft, setzt auch die legalen Arbeiter unter Druck: Bei Verlust des Arbeitsplatzes müssen sie innerhalb von sechs Monaten eine neue Stelle finden, ansonsten verfällt ihre Arbeitserlaubnis. Sie riskieren die Ausschaffung, nachdem sie zuerst in den zahlreichen CIE (Ausschaffungszentren) der Halbinsel eingesperrt werden. Die meisten von ihnen ziehen es vor abzutauchen. Sie vergrößern so das Kontingent der Rechtlosen und akzeptieren die Bedingungen der Schwarzarbeit. Wer gegen das Paket von Maroni verstößt und auch die Helfer der Immigranten riskieren bei Rückfall 10.000 Euro Buße und bis zu drei Jahren Gefängnis. Die Gesetzesänderung Ferrero, die den Staat verpflichtet, bei Einsprache eines Immigranten innert zwanzig Tagen zu antworten, wird schlicht ignoriert. In den «Sozialzentren» im Norden wie im Süden sind Wartezeiten bis zu zweieinhalb Jahren üblich, um schlussendlich eine einfache Ablehnung der Regularisierung zu erhalten.
Dies also einige Fakten, um die Tragweite der rassistischen Repression in Rosarno zu verstehen. Aber machen wir uns nichts vor, sie könnte so ungefähr überall in Europa stattfinden. Italien ist dafür bloß ein aktuelles Experimentierfeld.

verfasst von Jean Duflot,  09.06.2010, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 181 (04/2010)

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