LAND - WIRTSCHAFT : Biosaatgut in der Schweiz
ute

Obwohl die Schweiz klimatisch für die Saatgutgewinnung vieler Pflanzen kein begünstigtes Land ist, hat sich in der Vergangenheit gerade hier ein starker biologischer Samenbau entwickelt. Neben dem inzwischen auch vom konventionellen Samenhandel angebotenen Biosaatgut gibt es in der Schweiz drei eigenständige Biosaatgutbetriebe: Biosem am Neuenburger See, Familie Zollinger im Wallis und Sativa Rheinau in der Nähe von Schaffhausen.


 


Die Anfänge des biologischen Samenbaus begründete der biologisch-dynamische Gemüsesaatgutpionier Ilmar Randuja bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Aus diesen Anfängen entwickelte sich das Angebot der Ekkharthof Gärtnerei, die ab den 80er Jahren bei Biogärtnern im In- und Ausland für ihr Angebot zunehmend bekannt wurde. Aus Platzgründen erfolgte vor 5 Jahren der Umzug der Saatgutabteilung in die Nähe von Schaffhausen und die Begründung der Sativa Rheinau GmbH. In diesem neuen Kleid wurde das Angebot ständig erweitert und umfasst inzwischen auch landwirtschaftliches Saatgut wie Getreide und Kleegras.


Seit nunmehr 11 Jahren besteht die Sativa Genossenschaft, ein Zusammenschluss von Samenvermehrern, Züchtern und Konsumenten. Diese Genossenschaft wurde gegründet, weil durch den bevorstehenden Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum drohte, dass viele Sorten nicht mehr gehandelt werden können. Die Schweizer Stimmbürger haben sich damals gegen den Beitritt entschieden, und damit wurde das EU Sortenrecht für Gemüsesaatgut in der Schweiz nicht eingeführt. Heute kümmert sich die Genossenschaft vor allem um biologisch-dynamisch gezüchtete Getreidesorten, für die eine Sortenprüfung und Anmeldung auch in der Schweiz obligatorisch ist. Die beiden Sativas arbeiten eng zusammen mit dem biologisch-dynamischen Getreidezüchter Peter Kunz. Aus seiner Arbeit befinden sich zur Zeit 14 neue Sorten von Weizen und Dinkel in den Zulassungsprüfungen. Bereits haben 2 Dinkelsorten die strengen Prüfungen bestanden und für 2004 sollen weitere Weizensorten zugelassen werden – weltweit eine Premiere !


Die Erzeugung von biologischem Saatgut beruht im Wesentlichen auf zwei Überzeugungen:


Biolandbau soll zum Erhalt der weltweit bedrohten Arten- und Sortenvielfalt beitragen und dem Verschwinden vieler Sorten entgegen wirken.


Biologisch vermehrtes Saatgut ist ein wichtiger Bestandteil des Systems Biolandbau. Ein biologischer Landbau, der nicht in der Lage ist, mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten dauerhaft und sicher sein eigenes Saatgut zu erzeugen, ist als System nicht nachhaltig und damit auf die Dauer auch nicht glaubwürdig. Sollte der biologische Landbau gezwungen sein, regelmäßig immer wieder neu Saatgut aus konventionellem Anbau einsetzen zu müssen, dann ist das System fehlerhaft.


Außerdem sind mit dem Einsatz von Biosaatgut viele positive Effekte verbunden, da Biosaatgut besser an den biologischen Landbau angepasst ist. Je länger eine Sorte unter biologischen Bedingungen kultiviert und davon immer wieder Saatgut gewonnen wird, desto stärker ist die Anpassung. Natürlich ist diese Anpassung am stärksten, wenn die Sorten komplett unter biologischen Bedingungen entwickelt und gezüchtet wurden.


Der biologische Landbau arbeitet mit viel weniger Dünger, die Nährstoffe stehen den Pflanzen vor allem dann zur Verfügung, wenn der Boden erwärmt und das Bodenleben aktiv ist, die Kulturpflanzen müssen sich im biologischen Anbau vielfach mit einer stärkeren Beikrautkonkurrenz abfinden, und viele Krankheiten oder Schädlinge können nicht chemisch reguliert werden. Im kleiner dimensionierten Anbau spielen weitere Unterschiede eine große Rolle: Viele KonsumentInnen bevorzugen Bioprodukte auch wegen des besseren Geschmacks. Deshalb sollten Sorten, die im biologischen Anbau eingesetzt werden, in der Lage sein, zu geschmackvollen Produkten heranzureifen.


Außerdem unterscheiden sich im biologischen Anbau die Anbaubedingungen zwischen den einzelnen Betrieben stärker als das im konventionellen Anbau der Fall ist. Die Kulturführung des Anbauers spielt eine größere Rolle und viele Hilfsmittel des konventionellen Anbaus, die ertragssteigernd und nivellierend wirken, werden nicht eingesetzt. Deshalb muss der Biolandbau ein Interesse an einer möglichst großen Sortenvielfalt haben, denn diese ermöglicht es dem Anbauer, die für seinen Standort optimalen Sorten auszuwählen.


Die weltweite Bedrohung der Sortenvielfalt hat viele Ursachen. Eine der wichtig-sten ist das Einkaufverhalten der KonsumentInnen, denn was heute gekauft wird, soll morgen wieder in den Regalen liegen und aus dieser Nachfrage ergeben sich die Anbauaufträge für die Bauern, auch für die biologischen.


Alle drei rein biologischen Saatgutanbieter bemühen sich um eine möglichst große Sortenvielfalt und den Erhalt von alten, aber wertvollen Sorten. Zusammen mit Peter Kunz bemüht sich Sativa Rheinau besonders auch um die Entwicklung von neuen, an die heutigen Verhältnisse (Klima, Anbauweise, Verbrauchergewohnheiten) angepasste Sorten sowohl im gärtnerischen wie auch im landwirtschaftlichen Bereich. Diese Arbeit ist ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung und Erneuerung der Sortenvielfalt, denn allein, dass eine Sorte alt ist, kann noch kein Wertmaßstab sein. Es genügt nicht, zu bedauern, dass die Vielfalt alter Trockenbohnensorten verschwindet. Es genügt auch nicht, von diesen Saatgut zu gewinnen und zum Verkauf anzubieten, wenn die Essgewohnheiten der Menschen sich geändert haben und heute andere Eiweißquellen in der Nahrung bevorzugt werden. Die Lebensbedingungen der Menschen sind heute anders als vor 100 Jahren und das schlägt sich auch in der Ernährung wieder.


Unser Einsatz für eigenständige Biosorten und eine erneuerte Sortenvielfalt hat bereits zu einigen anerkannten Sorten sowohl beim Getreide als auch beim Gemüse geführt. Die Entwicklung solcher Sorten ist, wie jede Züchtungsarbeit, langwierig und kostenintensiv. Unter biologischen Bedingungen muss man für die Züchtung einer neuen Sorte mit einem Zeitraum von 10 – 15 Jahren rechnen. Bis zuletzt bleibt dabei ungewiss, ob die neue Sorte schließlich bei den biologischen Anbauern auf Interesse stösst oder nicht. Die konventionelle Züchtung entwickelt Sorten, die auf möglichst großen Flächen eingesetzt werden können und kann durch den Saatgutverkauf ihre Züchtung wieder neu finanzieren. Umstrittene Methoden wie Patentierung oder Terminatortechnologie zwingen den Anbauern ihren Beitrag ab. Dies ist uns im biologischen Anbau nicht möglich und nicht gewollt. Deshalb gibt es auch kaum biologische Pflanzenzüchtung und deshalb müssen wir unsere Arbeit bisher fast ausschließlich aus Spenden finanzieren.


Wer diese Arbeit unterstützen möchte, der kann dies tun, entweder durch Mitgliedschaft in der Sativa Genossenschaft oder durch eine Beteiligung an Sativa Rheinau. Um dringend benötigtes Kapital für die Saatgutarbeit zu sammeln, wandelt sich die Sativa Rheinau GmbH in eine AG um und bietet Interessenten die Möglichkeit, Teile des Aktienkapitals zu erwerben.


Amadeus Zschunke


 


Nähere Informationen unter:


Sativa Genossenschaft, Parkweg 17, CH 3626 Hünibach, Tel: +41 33 243 07 71 Fax +41 33 243 07 72; e-mail: sativa@sativa.org www.sativa.org


Sativa Rheinau GmbH, Klosterplatz, CH 8462 Rheinau, Tel. +41 52 304 91 60, Fax +41 52 304 91 61 e-mail: sativa@sativa-rheinau.ch www.sativa-rheinau.ch



Adressen der biologischen Saatgutanbieter in der Schweiz:


Biosem, 2202 Chambrelien


Familie Zollinger,


1894 Les Evouettes


Sativa Rheinau, 8462 Rheinau


 

verfasst von Amadeus Zschunke,  10.06.2004, eingestellt von ute
Thema im Archipel 114 (03/2004)
Tags: LAND - WIRTSCHAFT
Kommentare zu diesem Artikel
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 114 (03/2004)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Home - Themen - Archipel - Über das forumcivique - Shop - Mitmachen - Spenden

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo