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LAND - WIRTSCHAFT: Den Schatz der Vielfalt bewahren

Vom 25. bis 27. März 2010 versammelten sich in Graz, Österreich, 160 VertreterInnen europäischer Saatgutnetzwerke, Initiativen zur Erhaltung, Nutzung und Verbreitung der pflanzlichen Vielfalt, zivilgesellschaftliche Organisationen, GärtnerInnen, ZüchterInnen, Bauern und Bäuerinnen aus mehr als 20 Ländern beim 5. Europäischen Saatguttreffen «Let´s liberate diversity!».


Zum ersten Mal wurden im Rahmen dieses Treffens auch Diskussionen zur Erhaltung der Nutztiervielfalt geführt, da im Bereich der Tierzucht die Verarmung der genetischen Vielfalt ebenfalls weit fortgeschritten ist. Eine Erklärung zur Nutztiervielfalt hängt diesem Text an. Wie wichtig unser Widerstand gegen die Verschärfung der EU-Saatgutgesetze ist, veranschaulichten uns auf dem 5. europäischen Saatguttreffen im März in Graz Gäste aus der Türkei, aus Mexiko und Ecuador.


Türkei


Abdullah Aysu und Olcay Bingol von der türkischen Via-Campesina-Organisation Cifti Sen berichteten, dass die Türkei über einen enormen Reichtum an Agrobiodiversität verfügt. Das Wissen, wie die eigenen Sorten nachzubauen sind, ist in der Bevölkerung, im Gegensatz zu vielen westeuropäischen Ländern, noch vorhanden. Im Hinblick auf einen eventuellen EU-Beitritt will die Regierung jedoch den Anteil der in der Landwirtschaft tätigen Menschen von derzeit 36 auf 7 Prozent senken. Fast alle Bauernorganisationen sind verboten, was ihre Arbeit sehr erschwert.
Im Zuge der nordamerikanischen Freihandelsverträge NAFTA, die Kanada, die USA und Mexiko 1994 unterzeichnet haben, übten die transnationalen Konzerne enormen Druck auf die mexikanische Regierung aus, ihr Saatgutgesetz zu ändern. Die Zollschranken wurden gesenkt und sind auch für Mais seit Januar 2008 vollständig weggefallen. Bereits 30 Prozent des mexikanischen Maiskonsums bestehen aus billigem GVO-Importmais, der gar nicht als solcher deklariert ist. Da dieser Mais nicht nur als Nahrungsmittel, sondern auch zur Aussaat verwendet wird, kontaminiert er die indigenen Maissorten. Der aufgrund der US-Landwirtschafts-Subventionen sehr billige Importmais hat Millionen von KleinbäuerInnen gezwungen, ihr Land zu verlassen, weil sie ihre Maisernte nicht mehr verkaufen konnten. Auf der Suche nach Arbeit versuchen viele, in die USA zu gelangen. Doch NAFTA garantiert nur Freiheit für den Warenverkehr, nicht für die Menschen, die an der hermetisch abgeriegelten Grenze zu den USA eingesperrt oder zurückgetrieben werden.
Ana de Ita hat mit indigenen und bäuerlichen Organisationen das ‚Netzwerk zur Verteidigung des Mais‘ (Red de defensa del maiz) gegründet. Ana ist Leiterin des CECCAM (Centro de Estudios para el Cambio en el Campo Mexicano – Studienzentrum für den Wandel in den mexikanischen Landgebieten) und seit vielen Jahren in der Antigenmais- und Biodiversitätsbewegung aktiv. Ana erzählte uns in Graz, was sich in Bezug auf Saatgut und Gentechnik in Mexiko abspielt:


Mexiko


«In Mexiko erließ der Präsident am 6. März 2009 ein Dekret, das das Moratorium gegen den Anbau von Genmais aufgehoben hat. Das Moratorium wurde 1998 erlassen, weil man erkannt hatte, dass Mexiko und Mittelamerika die Ursprungsregion des Mais sind. Die aus Maismehl hergestellten Tortillas sind nach wie vor das wichtigste Grundnahrungsmittel, wir konsumieren pro Person und Jahr 150 bis 200 kg Mais. Diese Tatsachen haben sich nicht geändert, aber dem Präsidenten war das egal, er hat das Moratorium aufgehoben und es darf jetzt Genmais ausgesät werden. Seit letztem Jahr gibt es 24 Versuchsfelder mit Genmais, alle in den fünf nördlichen Bundesstaaten von Mexiko. Dieser Versuchsanbau ist nur der erste Schritt für den zukünftigen kommerziellen Anbau. Das ist eine der schlimmsten Bedrohungen, die wir in Mexiko haben.
Die zweite Bedrohung, und auch deswegen sind wir nach Graz gekommen, stellt das neue Saatgutgesetz dar, das 2007 in Kraft trat. Es sieht die Privatisierung und Kriminalisierung des bäuerlichen Saatguts vor. Die kleinstrukturierte, bäuerliche Landwirtschaft hat in Mexiko große Bedeutung, obwohl die Regierung schon seit langem auf der Seite der Agroindustrie und der großflächigen Landwirtschaft steht. Laut Landwirtschaftsstatistik von 2007 werden nur 14 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche mit industriellem Saatgut bebaut und nur 25 Prozent der Bauern verwenden gekauftes Saatgut. Die Verwendung ist von Art zu Art unterschiedlich: Beim Mais werden 74 Prozent der Flächen, bei den Bohnen 91 Prozent und bei Reis 90 Prozent der Flächen mit Saatgut aus eigener Ernte bestellt.
In Mexiko beherrschen vier Unternehmen, Monsanto, Pioneer, Dupont und Aspro, 80 Prozent des Saatgutmarktes. Das Gesetz über die Produktion, Zertifizierung und den Handel mit Saatgut gibt den Saatgutfirmen den Schutz und das Recht, gegen die BäuerInnen vorzugehen, die ihr Saatgut verwenden, ohne dafür zu bezahlen. Das Gesetz untersagt den Austausch und Verkauf von bäuerlichem Saatgut. Nur Nachbau aus eigener Ernte und Saatgut, das offiziell gekauft wurde, ist legal. Das muss man mit der Rechnung oder mit der Etikettierung nachweisen. Saatgut, das man von einem anderen Landwirt bekommen hat, ist illegal. Noch wird das Gesetz in der Praxis nicht vollzogen, aber das könnte sich unter dem Druck der Multis bald ändern. Wenn wir bedenken, wie viel Saatgut getauscht wird, ist dieses Gesetz ein unglaublicher Angriff auf die KleinbäuerInnen. Ihr Saatgut wird als Konkurrenz zum kommerziellen Saatgut gesehen. In Mexiko bearbeiten 4,2 Millionen Menschen, das sind 80 Prozent der BäuerInnen, Flächen unter 5 Hektar. Sie verwenden nur eigene Sorten, keine Chemikalien oder künstliche Bewässerung. Sie sind die eigentlichen HüterInnen der Biodiversität. Es sind die kleinen ProduzentInnen, die die Vielfalt erhalten. Nur die Agroindustrie, die großflächige Landwirtschaft betreibt, verwendet gekauftes, industrielles Saatgut.
Mexiko ist das genetische Ursprungsland des Mais. Vor etwa 7.000 Jahren haben Menschen angefangen, den Mais aus dem unscheinbaren Süßgras Teocintle zu züchten. 61 lokale Arten und Tausende Sorten sind daraus entstanden. Allerdings ist diese Sortenvielfalt zwischen 1930 und heute schon um 80 Prozent zurückgegangen. Die mesoamerikanischen Kulturen haben nie auf Monokulturen gesetzt. Wegen der Risikostreuung sind viele verschiedene Sorten interessanter, da sie sich verschiedenen klimatischen und geographischen Bedingungen anpassen. Das Ernährungssystem der indigenen Völker Mittelamerikas beruht auf 1000 bis 1500 verschiedenen Pflanzen, das Welternährungssystem hingegen auf nur 15 Pflanzensorten. Obwohl mit der Grünen Revolution schon seit 50 Jahren versucht wird, die Welt mit wenigen Sorten zu versorgen, ist ihnen das nicht gelungen, denn sie haben es nicht geschafft, ihre Industriesorten an die klimatischen Bedingungen anzupassen.
Bei den traditionellen Maisfesten in Mexiko wird auch immer Saatgut getauscht. Gegen diese Praxis des Austausches von bäuerlichem Saatgut aus Familienbetrieben ist das neue Gesetz gerichtet, also direkt gegen die bäuerlichen Rechte. Die Diversität der Pflanzen und des Anbaus spiegelt die Diversität der Kulturen und des Wissens wieder. Wenn eine Sorte verschwindet, verschwindet auch das kollektive Wissen, das damit verbunden war. Das neue Saatgutgesetz bedroht die Diversität auch weil die Industriesorten sich immer nur auf wenige Eigenschaften beschränken.
Das neue Gesetz ergänzt das mexikanische Gesetz zur Biosicherheit, das wir auch Monsantogesetz nennen, weil es die Biodiversität gefährdet. Es gibt den transnationalen Unternehmen die Kontrolle über den Saatgutmarkt und drängt die bäuerliche Produktion zurück. Diese Gesetze wurden für die transnationalen Konzerne gemacht. Das neue Gesetz verlangt auch, dass das Saatgut uniform, stabil und identifizierbar sein muss. Aber das bäuerliche Saatgut entspricht anderen Kriterien, denn die BäuerInnen haben es in wechselseitiger Wirkung mit der Natur geschaffen.
Für die TNCs1 ist dieses Saatgut Piratensaatgut. Sie behaupten, man müsse sehr vorsichtig sein bei der Verwendung von Saatgut, das kein Etikett hat, denn das könne das Land kontaminieren. Sie wollen das indigene Saatgut zurückdrängen, weil sie damit keine Profite machen können. Bis 2025 sollen 60 Prozent des verwendeten Saatguts zertifiziertes Saatgut sein, das ist ihr Ziel. Scheinbar sind die TNCs dagegen, dass die BäuerInnen die Welt ernähren, deshalb ist dieses Treffen in Graz so wichtig.


Europa


Europa hat in gewissem Sinne eine Vorreiterrolle. Wir sehen hier die Zukunft, die uns blüht. Doch wir hoffen, dass diese Zukunft uns nie erreichen wird. Aber es gibt auch die andere Seite, die Seite des Widerstandes, den ihr hier mittragt.
Für uns in Mexiko stellt der europäische Weg auch eine große Hoffnung dar, weil er beweist, dass eine gentechnikfreie Landwirtschaft keine Utopie ist. Die sozialen Bewegungen werden dafür sorgen, dass die Welt nicht so ausschaut, wie Monsanto sie haben will. Die Vorschläge und Forderungen, die ihr hier in Graz ausarbeitet, müssen der Privatisierung entgegentreten. Die bäuerlichen Rechte, das Saatgut zu gewinnen, zu züchten, zu tauschen und zu verkaufen, müssen respektiert werden. Wenn wir, die aus dem Süden kommen, hören, dass wir Saatgut nicht wieder aussäen dürfen, ohne zu bezahlen, kommt uns das verrückt vor, so als wolle man uns verbieten zu atmen. Deshalb existieren die bäuerlichen Rechte, denn die BäuerInnen haben die Vielfalt geschaffen. Gemeinsam mit Via Campesina sagen wir «Kein Patent auf Leben!» und «Saatgut darf keine Ware werden!» Deshalb ist es für mich sehr wichtig hier zu sein. Denn wenn ihr gewinnt, dann gewinnen wir alle.»


‚Zukunft säen – Vielfalt ernten!‘


Nach dem 5. europäischen Saatguttreffen in Graz (siehe ‚Grazer Erklärung‘ im Kasten) werden wir die Saatgutkampagne ‚Zukunft säen – Vielfalt ernten!‘ im Jahr der Biodiversität, bis Ende 2010, weiterführen. Die Petition finden Sie unter www.saatgutkampagne.org. Fotos und Berichte, sowie demnächst auch ein Film vom Grazer Treffen, stehen im Internet 2 zur Verfügung.


1. TNCs sind Transnationale Unternehmen, auch bekannt unter den Begriffen "Multinationale Unternehmen" oder "Multis"
2. www.liberate-diversity-Graz2010.org

verfasst von Heike Schiebeck (Longo maï),  16.06.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 183 (06/2010)

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