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LAND - WIRTSCHAFT: Erntearbeit in Tirol

Vor zwei Jahren berichtete die Strassenzeitung Innsbrucks (20er) von Missständen in der Landwirtschaft in Tirol. Ein Erntehelfer, der damals anonym bleiben wollte, brachte die widrigen Wohn- und Arbeitsbedingungen ans Licht. Heute organisieren über sechzig Ernte-helfer_innen selbst ihren Protest. Sie kündigten und wollen ihre vertragliche Ansprüche beglichen bekommen. Sie verstecken sich nicht mehr.


Was vor zwei Jahren im 20er publiziert wurde gilt leider auch heute noch: Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Ernte-helfer_innen sind unmenschlich. Kein_e Österreicher_in arbeitet mehr unter diesen Bedingungen: Im Sommer bis zu 16 Stunden täglich (wobei Nachtarbeit und sonstige Überstunden nicht vertragsmässig bezahlt werden) für durchschnittlich drei Euro pro Stunde. Laut Kollektivvertrag darf ein Bruttolohn für eine_n Ernte-helfer_in in Österreich 5,70€ nicht unterschreiten, auch wenn sie, er auf Werkvertragsbasis arbeitet und nach Stück bezahlt wird. Unter den Landwirt_innen und Landwirtschaftsfunktionär_innen wird behauptet dass diese Mi-grant_innen «ein sehr gutes Geld für ihre Verhältnisse verdienen». Das deutet darauf hin, dass sie in Österreich selten als Menschen gesehen werden, sondern nur als Arbeitskräfte. Noch dazu sind es Menschen, die dem österreichischen Sozialsystem praktisch nichts kosten, sondern vielmehr einbringen.
Die Landwirt_innen bekommen ein gewisses Kontingent Saisonarbeiter_innen pro Jahr zugesprochen. Im Jahr 2011 waren es 530. Das Kontingent wird vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit und vom AMS Tirol (Arbeitsmarktservice) je nach Bedarf der Landwirt_innen und der aktuellen Situation am Arbeitsmarkt festgelegt. Es bestimmt wie viele Saisonarbeiter_innen aus Nicht-Eu-Ländern in Tirol arbeiten dürfen.
Die meisten Arbeitskräfte kommen aus der Ukraine und aus Serbien. Viele sind auch aus Rumänien und Bulgarien; trotz EU-Mitgliedschaft gelten hier noch bis Ende 2013 Arbeitsmarktzugangsbeschränkungen. Jede_r Saisonarbeiter_in erhält eine Arbeitsgenehmigung für sechs Monate - auf die Landwirtschaft beschränkt. Einen besseren Job dürfen sie sich nicht aussuchen. Für die Bauern und Bäuerinnen ist das Kontigent jedoch nicht genügend. EU-Bürger wollen sie aber nicht anstellen, denn diese seien «nicht an die Branche gebunden.» «Die Österreicher haben nach einigen Tagen Rückenschmerzen und wollen nicht mehr arbeiten» sagt Alfred Unmann, Referent für Gemüsebau der Landwirtschaftskammer Tirol. Was die, «an die Branche gebundenen» Gastarbeit-er_innen für Schmerzen haben - danach fragt niemand.
Die Lebensbedingungen
Die Wohnverhältnisse und hygienischen Einrichtungen der Erntehelfer_innen sind völlig unzureichend. Das Bad muss sich Andrej1 mit weiteren 20 Arbeits-kolleg_innen teilen. «Wir wohnen zu viert in einem 16qm Zimmer mit einer Kochecke und jeder von uns muss dem Chef 110 Euro Miete zahlen», berichtet er. Das Personalhaus besteht aus 40 Zimmern. Das bedeutet knapp 18.000€ zusätzliche Mieteinnahmen. «Nicht einmal in Innsbruck ist das Wohnen so teuer wie in Thaur», scherzt er. Auf dem Feld, wo die Arbei-ter_innen bis zu 16 Stunden verbringen, gibt es keine Toiletten, obwohl ihnen vom Obmann der Tiroler Gemüsebauern versichert wurde, dass es mobile Toiletten auf grossen Feldern als Hygienestandards gebe. Als nämlich die unhygienischen Zustände auf den Feldern und die schlechten Lebensbedingungen der Ernte-helfer_innen im süditalienischen Ort Rosarno bekannt wurden, war die Aufregung plötzlich gross. Doch Konsequenzen gab es keine.
«Qualitätsproduktion»
Immer mehr kleine Bauernhöfe schliessen. Die Grossen jedoch werden immer grösser. Dafür sorgen die EU Subventionen, die je nach Fläche der Landwirtschaftsbetriebe vergeben werden2.
2009 hat z.B. der Thaurer Grossbauer Josef Schirmer knapp 85.000€ Subventionsgeld bekommen. In seinem Betrieb arbeiten rund 160 Erntehelfer_innen. Da die Personalkosten einem Drittel des Verkaufspreises entsprechen», betont Alfred Unmann, «wäre die Produktion ohne die ausländischen Arbeitskräfte sofort am Boden». Mit einer Anbaufläche von etwa 100 Hektar von Hatting bis Imst, ist er einer der grössten Landwirte der Region. Zusammen mit weiteren 30 Gemüsebauern bilden sie die Marke «Genussregion Nordtiroler Gemüse». Eine Marke, die für qualitativ hochwertige und regionale Produkte steht – trotzdem stammen die Schösslinge aus Holland und die Ern-ter_innen aus Osteuropa. Öster-reicher_innen schuften nicht mehr auf diesen Feldern.
Protest
Anfang Oktober dieses Jahres entschlossen sich sechzig Ern-tehelfer_innen zu einem gemeinsamen Protest. «Plötzlich wurden sie nett zu uns. Herr Norz brachte uns sogar Kaffee in die Halle». Der 50-jährige Rumäne Lezla Ricolae hatte in den elf Jahren zuvor nie eine nette Geste seitens des Arbeitgebers erlebt. Ricolae ist einer der Erntehelfer, die vor dem Gelände des Thaurer Schotthofbauern für bessere Arbeitsbedingungen protestierten. Sie forderten ihre vertraglich festgelegten Ansprüche wie Bezahlung für Überstunden, Sonntags- und Nachtarbeit, die sie seit mehreren Jahren nicht bekommen haben.
«Für ihn ist eine Karotte mehr Wert als ein Mensch» - so beschreibt Monica Oprisiu  den Arbeitgeber, Gemüsebauer Josef Norz. Als «Ware» wurde sie während sechs Jahren – so lange arbeitete sie im Schotthof – auf die Felder gebracht. In überfüllten Warentransport-LKWs, ohne Fenster. «Immer ist einer von uns in Ohnmacht gefallen», erinnert sie sich. Und wenn die Polizei den LKW gehalten hat, «dann hat der Fahrer, einer von uns, die Strafe bezahlen müssen».
Ihr Mann Sorin startete Anfang Oktober mit einigen anderen den Protest. Sorin hat den Stundenplan vom vergangenen Juli mit dem Handy fotografiert. Insgesamt 432 Stunden sind darauf vermerkt. Am Feld, gebückt oder am Steuer, als Fahrer. Dass Überstunden im Schotthof nicht bezahlt werden, beschloss Sorin Oprisiu nicht mehr tatenlos hinzunehmen. Zusammen mit anderen Ernte-helfer_innen forderte er vergebens mehr Entlohnung. Über sechzig kündigten nach dem Protest das Arbeitsverhältnis mit dem Grossbauern.
Ricolae war hierzulande elf Jahre lang eine Zahl und ein Strichcode. Die «072». Der Code, den er auf die Gemüsekisten klebt, um seinen Akkordlohn zu messen. Er ist einer von den 42 Schotthof-Erntehelfer_innen, die nun gegen Josef Norz klagen.
Von der Landarbeiter-Kammer fühlten sie sich jedoch nicht vertreten, denn laut dieser müsse Josef Norz  den Erntehelfer_innen die Ansprüche rückwirkend ausschliesslich für das Kalenderjahr 2013 begleichen. Deshalb baten sie die Arbeiterkammer Tirol um Unterstützung. Und obwohl diese für die Erntehelfer_innen nicht vertretungsberechtigt ist, stellte sie den Erntehelfern mit Markus Orgler rechtlichen Beistand zur Seite. Die AK übernimmt die Anwaltskosten und stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung um ein Treffen zwischen Erntehelfern und dem Anwalt zu ermöglichen. «Wenn wir schon vom Gesetz her nicht zuständig sind, so war es für uns dennoch eine Frage der Menschlichkeit», betont AK Präsident Erwin Zangerl.
Ricolae bringt in die AK Tirol den Strichcode mit, denn «Sorin sagte uns, wir sollen alle Dokumente mitbringen». Ricolae ist mittlerweile nach Hause gefahren, zurück nach Rumänien. Hierzu-lande fühle er sich nicht willkommen. Seit 11 Jahren nicht. Auch die anderen sind wieder in ihr Herkunftsland zurück gefahren - die Ernte ist zu Ende. Sie hoffen auf eine neue Arbeit unter menschlicheren Bedingungen für die nächste Saison. Resultate der Proteste seitens der Juristen der Arbeiterkammer gibt es bestenfalls in einigen Monaten. Der Kampf geht jedenfalls weiter!

verfasst von Sónia Melo, Österreich,  22.12.2013, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 221 (12/2013)

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