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LANDWIRTSCHAFT : Zukunft säen – Vielfalt ernten!

Fünftes Treffen der europäischen Saatgutinitiativen «Let’s liberate diversity!», 25. bis 27. März 2010 im Volkshaus, Graz, Österreich

Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft sind im vergangenen Jahrhundert 80 Prozent der kultivierten Pflanzensorten verschwunden. Durch die Einführung von Hybridsorten in Verbindung mit Pestiziden und chemischen Düngern stiegen zunächst die landwirtschaftlichen Erträge. Da dieses Saatgut nicht samenfest ist und sich schon in der zweiten Generation aufspaltet, verloren Bäuerinnen und Bauern einen Teil ihrer Unabhängigkeit. Sie können Saatgut aus eigener Ernte nicht wieder aussäen und müssen jedes Jahr Saatgut kaufen. In vielen Ländern des globalen Südens verwenden die Menschen weiterhin ihre selbstgezüchteten, lokal angepassten Sorten, die sie im Tausch weitergeben. Saatgut ist dort bisher keine Handelsware. Die Saatgutunternehmen der nördlichen Industrieländer setzen derzeit alles daran, diesen Markt mit der grünen Gentechnik und Hybridsorten zu erschließen. In Europa verschwanden Pflanzensorten vom Markt, die nicht den Ansprüchen der Zertifizierung entsprachen, und wurden immer weniger verwendet. Diese Regional- oder Erhaltungssorten haben meist mehr Geschmack und sind nahrhafter als die Industriesorten. Sie können sich außerdem durch ihre Verschiedenartigkeit innerhalb einer Varietät wechselnden Klimaverhältnissen anpassen und gewinnen auch deshalb wieder an Bedeutung. Die Erhaltung der alten Sorten ist also kein romantischer Zeitvertreib: Sie sind unerlässlich für das Überleben der Menschheit. Erst seit etwa 20 Jahren arbeiten Initiativen und Vereine in mehreren europäischen Ländern für die Erhaltung regionaler Gemüse-, Kartoffel-, Obst- und Getreidesorten. Sie haben sich 2005 in Poitiers (Frankreich) erstmals versammelt und treffen sich seither jährlich, um auf europäischer Ebene zusammenzuarbeiten. Das nächste Treffen findet Ende März 2010 in Graz (Österreich) statt. Die gentechnikfrei arbeitenden Saatgut-Initiativen haben unterschiedliche Organisationsformen, ihnen allen gemeinsam ist jedoch der Einsatz für die Erhaltung der Biodiversität, der alten, nicht registrierten Sorten im Garten und auf dem Feld. Diese Vielfalt verschwindet in Europa seit Inkrafttreten der ersten Saatgutverkehrsgesetze, der Einführung von Sortenschutz und Zertifizierung Anfang der 1960er Jahre. Inzwischen beherrschen wenige transnationale Saatgutfirmen, darunter Bayer, Syngenta und Monsanto, zwei Drittel des Saatgutmarktes. Sie sind mit den großen Agrochemiekonzernen eng verflochten oder sogar identisch. Nachbau, Tausch und Verkauf nicht registrierter Sorten werden verboten, damit diesen Konzernen auch ja nichts vom Geschäft entgeht. Der Verein Kokopelli in Frankreich wurde vor zwei Jahren wegen Verkaufs illegalen Saatguts zu einer Geldstrafe von 20.000,- Euros verurteilt. Die EU-Kommission überarbeitet derzeit ihre Saatgutverkehrsgesetze. Unter dem Motto Better Regulation will sie Direktiven vereinheitlichen und Bürokratie abbauen. Das sind löbliche Vorsätze, alle Anzeichen deuten jedoch daraufhin, dass die Konzerne diese Gelegenheit nutzen, um ihre Macht noch auszuweiten. Die neuen Erhaltungssorten-Richtlinien der EU erschweren oder verbieten die Verbreitung der alten Sorten durch geographische und quantitative Beschränkungen.

Die europäischen Saatgutinitiativen verteidigen das bäuerliche Recht, Saatgut aus eigener Ernte auszusäen, zu tauschen, zu verkaufen und zu verschenken. Bei dem Treffen im März 2010 in Graz werden wir über die laufende Revision der EU-Gesetzgebung diskutieren und überlegen, wie wir europaweit den Widerstand dagegen vernetzen können.

Besonderes Gewicht möchten wir den Initiativen in Ost- und Südosteuropa geben, weil dort, im Gegensatz zu Westeuropa, noch vielfach regionale Sorten verwendet werden.

Sieben Arbeitsgruppen haben wir für das europaweite Treffen in Graz geplant:

  • AG 1 Revision der EU-Saatgutgesetze: Erfahrungsaustausch zur Umsetzung der Erhaltungssortenrichtlinie in mehreren Ländern; Anbauverbote; gemeinsames Positionspapier der europäischen Saatgutinitiativen. Wie werden wir aktiv gegenüber den nationalen und europäischen Instanzen, der FAO und dem internationalen Vertrag ITPGR-FA*?
  • AG 2 Saatgut in Osteuropa: Länderberichte aus Slowenien, Ungarn, Rumänien, der Türkei ... Wodurch wird die noch vorhandene Kulturpflanzenvielfalt bedroht? Wo wird bäuerliches Saatgut verwendet und wer verteidigt es?
  • AG 3 Viehzucht: Impfzwang, einseitige Zucht auf Produktivität, Einschränkung auf wenige Selektionskriterien und Rassen machen den Viehzüchtern zu schaffen. Wie wollen wir züchten? Wie können wir unseren Widerstand europaweit vernetzen?
  • AG 4 Welche Aktionen und Kampagnen zur Revision der europäischen Saatgutgesetze laufen in den einzelnen Ländern? Was machen wir gemeinsam? Die Kampagne «Zukunft säen – Vielfalt ernten» stellt sich vor.
  • AG 5 Patentrecht und Alternativen: Patentierung von Saatgut und Sortenschutz engen die bäuerlichen Rechte und die züchterische Arbeit zunehmend ein. Wir wollen über aktuelle Patentsrechtsfälle informieren und Alternativen aufzeigen.
  • AG 6 Saatgut-Migration: Vielfalt für alle? Oft waren es MigrantInnen und Flüchtlinge, die ihre Lieblingssorten in eine neue Welt retten konnten. Ohne sie wäre unser tägliches Essen fad. Kommt und bringt Erfahrungen, Beispiele und Ideen mit, wie wir gemeinsam Saatgut und Weltoffenheit vervielfältigen können.
  • AG 7 Landwirtschaft: Monokulturen, der hohe Einsatz von Chemie und die Spezialisierung auf wenige Industriesorten zerstören die natürliche und kultivierte Vielfalt. Welche landwirtschaftlichen Produktionsformen erhalten Biodiversität?

Wir stellen Simultanübersetzungen in Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch bereit. Am Freitag, den 26. März 2010, veranstalten wir in der Nähe des Veranstaltungsortes im Grazer Augarten einen Markt der Vielfalt mit Saatgut-, Informations-, Präsentations- und Verkaufsständen, Ausstellungen, Workshops, Musik und Bio-Kulinarik. Mit medienwirksamen Zukunft-säen-Aktionen wollen wir das Saatgutthema in die Öffentlichkeit tragen. Die Compagnie MaiMun bietet dazu Straßen- und Stelzentheater. Am Samstagnachmittag schließt eine Exkursion zu einem Biohof und zu bäuerlichen Saatgutproduzenten in der Nähe von Graz das Programm ab. Für die Vorbereitung des 5. Saatgut-Treffens arbeiten vier österreichische Vereine zusammen: Arche Noah, ÖBV / Via Campesina Austria, Longo maï und der Kulturverein Compagnie MaiMun.

* International Treaty on Plant Genetic Resources for Food and Agriculture (ITPGRFA)

Das vollständige Programm in verschiedenen Sprachen und weitere Informationen finden Sie unter: www.liberate-diversity-Graz2010.org

Wenn Sie teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte an unter: Info (at) liberate-diversity-graz2010.org

verfasst von Heike Schiebeck, Longo maï,  04.02.2010, eingestellt von ute
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 178 (01/2010)

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