LATEINAMERIKA: Ein Widerspruch,namens Uruguay
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Zur gleichen Zeit, als die ganze Welt durch die Medien am amerikanischen Wahlspektakel teilnehmen konnte, fanden in Uruguay ebenfalls Präsidentschaftswahlen statt. Der Text von Eduardo Galeano, den wir hier veröffentlichen, stammt aus dem Jahr 1999, dem Vorabend der damaligen Präsidentschaftswahlen in Uruguay. Er hat nichts an Aktualität verloren. Damals hatte sich der Wunsch des Autors nicht erfüllt, aber seither sind fünf Jahre verflossen.


Wir Uruguayaner neigen dazu, an die Existenz unseres Landes zu glauben, während die Außenwelt es nicht zur Kenntnis nimmt. Die großen Medien, die mit universellem Einfluss, erwähnen nie diese kleine, im äußersten Süden auf der Weltkarte verlorene Nation.


Ausnahmsweise kümmerte sich kürzlich die britische Presse um uns, als Prinz Charles unser Land besuchte. Die renommierte englische Tageszeitung The Times informierte ihre Leser darüber, dass das uruguayanische Recht einem betrogenen Ehemann erlaubt, der untreuen Gattin die Nase abzuschneiden und ihren Liebhaber zu kastrieren. Die Times sprach die Ursprünge dieser schlechten Bräuche in unserem Eheleben den englischen Kolonialtruppen zu. Wir danken für diese Aufmerksamkeit, aber in Wirklichkeit sind wir nicht so tief gesunken. Dieses barbarische Land, das 120 Jahre vor den Engländern körperliche Züchtigungen in den Schulen abschaffte, ist nicht, was es zu sein scheint, wenn man es von oben und von weitem betrachtet. Wenn die Journalisten aus dem Flugzeug aussteigen würden, könnten sie einige Überraschungen erleben.


Wir Uruguayaner sind nicht sehr zahlreich, gerade etwa drei Millionen. Wir könnten alle zusammen in einem Viertel einer x-beliebigen Weltstadt unterkommen. Drei Millionen konservative Anarchisten: Wir haben es über-haupt nicht gerne, wenn uns jemand kommandiert und wir sind auch nicht bereit, uns so einfach zu verändern. Aber wenn wir einmal zu einer Veränderung entschlossen sind, machen wir keine halben Sachen. Jetzt bläst ein verheißungsvoller Wind durch das Land, und Veränderung liegt in der Luft. Es ist an der Zeit, dass wir damit aufhören, unser eigenes Unglück nur zu beobachten. Seit der Zeit, in der wir immerhin in allen Bereichen Avantgarde waren, hat Uruguay lange seinen Verfall passiv hingenommen. Die Akteure waren zu Betrachtern geworden. Drei Millionen politische Ideologien – und die reale Politik in den Händen von skrupellosen Politikern, die die Bürgerrechte im Sinne ihrer Machtinteressen zurechtbogen – drei Millionen, die viel von Fußball verstehen, und der uruguayanische Fußball lebt immer noch von Nostalgie – drei Millionen Filmkritiker, und die nationale Filmproduktion bleibt nur eine große Hoffnung.


Das jetzige Land ist im ständigen Widerspruch zu dem früheren Land. Der Acht-Stunden-Tag war in Uruguay ein Jahr vor den USA gesetzlich durchgesetzt worden, und vier Jahre vor Frankreich. Aber heute Arbeit zu finden, ist ein Wunder, und noch wunderbarer ist es, wenn man genug zu essen hat, wenn man nur acht Stunden arbeitet. Nur Jesus könnte das, wenn er Uruguayaner wäre, und auch nur, wenn er noch dazu fähig wäre, Brot und Fisch zu vermehren. Uruguay hat 70 Jahre vor Spanien das Scheidungsrecht, und das Stimmrecht für Frauen vierzehn Jahre vor Frankreich eingeführt. Aber im täglichen Leben werden die Frauen schlimmer behandelt als die Tangos, das heißt schon etwas. Sie glänzen durch Abwesenheit auf der politischen Szene, es gibt winzige weibliche Inseln in einem Männermeer.


Dieses müde und sterile System übt nicht nur Verrat an seiner eigenen Vergangenheit, sondern es überlebt auch nur in ständigem Widerspruch zur Realität. Das Land hängt vom Fleisch-, Leder-, Woll- und Reisexport ab – doch die Landwirtschaft bleibt in den Händen einer kleinen Gruppe. Diese Leute, die die moralischen Werte der christlichen Familie lauthals verkünden, schicken die Arbeiter auf die Straße, wenn sie sich verheiraten, und reißen allen Gewinn an sich. Bis jetzt ist es so, dass derjenige, der Land haben möchte, um es zu bearbeiten, einen Fußtritt bekommt, und derjenige, der eine kleine Parzelle erworben hat, von Krediten abhängt, die die Banken den Besitzenden geradezu nachwerfen, aber niemals denen zugestehen, die sie dringend brauchen würden.


Davon entmutigt, dass sie nur einen Peso für eine Ware bekommen, die das Zehnfache wert ist, verlassen die Kleinbauern das Land, um ihr Glück in Montevideo zu versuchen. Die Verzweifelten kommen in der Hauptstadt, dem Zentrum aller Macht, an, und hoffen, Arbeit zu finden, die es in den alten, verstaubten, mit Spinnweben überzogenen Fabriken nicht mehr gibt. Vielen von ihnen bleibt nichts anderes übrig, als von Abfällen zu leben oder per Flugzeug beziehungsweise per Schiff weiter zu reisen.


Was wir im Fußball nicht sind, sind wir auf der Ebene der Widersprüche zwischen Macht und Realität, nämlich Weltmeister. Auf der Weltkarte gleicht Uruguay einem Zwerg, der von gigantischen Nachbarn umgeben ist. Vielleicht ist es nicht ganz so. Wir haben fünfmal mehr bebaubares Land als Holland und fünfmal weniger Einwohner. Wir haben mehr Kulturland als Japan und eine vierzigmal geringere Bevölkerungszahl. Hingegen wandern viele aus, weil sie keinen Platz unter der Sonne finden. Es gibt nur wenig alte Leute, es werden wenige Kinder geboren, und in den Straßen sieht man mehr Rollstühle als Kinderwagen. Kaum sind diese wenigen Kinder geboren, werden sie schon aus dem Land ausgestoßen. Wir exportieren junge Leute, es gibt Uruguayaner in Alaska und in Hawaii. Vor etwa 20 Jahren hat die Militärdiktatur viele Menschen ins Exil getrieben. Heute, mitten in einer demokratischen Periode, verurteilt das Wirtschaftssystem noch mehr Menschen dazu, ihr Glück anderswo zu suchen. Die Wirtschaft wird von den Bankiers bestimmt, welche den Sozialismus dann zur Anwendung bringen, wenn es darum geht, die betrügerischen Konkurse zu sozialisieren, und sie halten sich an den Kapitalismus, wenn es um Dienstleistungen geht. Um durch die Hintertür in den Weltmarkt zu schlüpfen, reduzieren sie uns zu einem Finanzparadies mit Bankgeheimnis, vier Kühen im Hintergrund und Blick aufs Meer. In diesem Wirtschaftssystem sind die Leute überfordert, so wenige sie auch sein mögen.


Bei aller Bescheidenheit: Wir hätten es ehrlich gesagt verdient, auch in dem Guinness Rekordbuch zu erscheinen. Während der Militärdiktatur hat es in Uruguay nicht einen einzigen bedeutenden Intellektuellen, anerkannten Wissenschaftler und repräsentativen Künstler, niemanden gegeben, der den Machthabern Beifall geklatscht hätte. Und unter einem demokratischen Regime hat Uruguay 1992 eine Volksbefragung durchgeführt. 72 Prozent der Uruguayaner haben sich dafür ausgesprochen, dass die wesentlichen öffentlichen Dienste auch weiterhin öffentlich bleiben sollen. Diese Neuigkeit wurde nicht mit einer einzigen Zeile in der Weltpresse erwähnt, auch wenn dies ein ungewöhnlicher Beweis für gesunden Menschenverstand war. Die Erfahrungen anderer lateinamerikanischer Länder zeigen uns, dass Privatisierungen die Bankkonten einiger Politiker anschwellen lassen und die Auslandsschulden gleichzeitig erheblich erhöhen, wie es in Argentinien, Brasilien, Chile und Mexiko in den letzten Jahren der Fall war. Außerdem sind die Privatisierungen eine Demütigung für die Souveränität – und das um einen Spottpreis.


Durch das beharrliche Schweigen der großen Medien war die Chance von vorn-herein verspielt - auch wenn sie noch so gering war - dass die Volksabstimmung zugunsten der öffentlichen Dienste über die Grenzen hinaus ein Exempel statuieren könnte.


Aber innerhalb der Grenzen hat dieser kollektive Akt der Willensbezeugung gegen den Strom, dieses Sakrileg gegen die universelle Diktatur des Geldes gezeigt, dass die Energie der Würde, die der Militärterror hatte vernichten wollen, immer noch vorhanden ist. Auf dass diese Zeilen, wenn sie schon einer Sache dienen sollen, als Wahlargumente für die Frente Amplio – Encuentro Progresista ins Feld geführt werden können. Die Urnen werden sagen, wozu dieses paradoxe Land berufen ist, in dem ich geboren bin und in dem ich auf meine Wiedergeburt warte.


Eduardo Galeano


 


Quelle: La Jornada


http://www.jornada.unam.mx,


31. Oktober 1999


Übernommen von


RISAL http://risal.collectifs.net,


deutsche Übersetzung aus dem Französischen: L. Sievers

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 122 (12/2004)

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