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LAUTSPRECHER: Bootsflüchtlinge

Die Initiative des Alarmtelefons von Watch-The-Med, das am 10. Oktober 2014 in Betrieb genommen wurde 1, gewann Unterstützung von Migrantengruppen, Menschenrechtsakti-vist_innen und -organisationen wie auch von Einzelpersonen.
Die Betreuer_innen des Alarmtelefons können selbst keine Rettungsoperationen durchführen, weil sie keine Boote haben, bieten aber Beratung an und schlagten Alarm, wenn Menschen in unmittelbarer Notlage nicht sofort gerettet oder sogar von europäischen Grenzbehörden abgewiesen werden.
Die Leute, die das Alarmtelefon betreuen, bemühen sich, unverzüglich in Echtzeit zu intervenieren, wenn sie von Bootsflüchtlingen angerufen werden. Die Verbreitung der Hotline-Nummer unter den Migrant_innengruppen im Transit ist erst im Anrollen. Das Alarmtelefon ist bemüht, eine alternative Anlaufstelle für Mi-grant_innen anzubieten, um sie vor Verletzungen der Menschenrechte in Schutz zu nehmen, die nur zu oft in den europäischen Grenzregionen des Mittelmeeres vorkommen.
In den ersten zwei aktiven Monaten empfing das Alarmtelefon verschiedene Anrufe und wurde bis jetzt in 12 Fällen unterschiedlicher Grössenordnung aktiv. Sie lenkten die Aufmerksamkeit der Shiftteams (zuständige Teams des Alarmtelefons) auf mehrere Örtlichkeiten, diverse Notsituationen und auf Menschenrechtsverletzungen.
Zusammenarbeit
Bis jetzt wurden Notrufe aus dem Mittelmeer und der Ägäis empfangen, wie auch von Überlebenden, die aus Griechenland abgeschoben worden waren und sich wieder auf türkischem Territorium befanden.
In den meisten Fällen wurde das Alarmtelefon von Kontaktpersonen und -gruppen in Mi-grant_innengemeinden z.B. in Schweden, Italien und der Schweiz benachrichtigt. Einer von ihnen ist Pater Mussie Zerai, der nun schon seit vielen Jahren ein Alarmtelefon betreibt – vor allem für Flüchtlinge aus Eritrea. Er beriet die Watch-The-Med-Aktivist_innen und ermutigte sie, das Alarmtelefonprojekt anzugehen. Wie Pater Zerai erhalten auch andere Personen und Gruppen Anrufe von Menschen in Not. Das Alarmtelefon Watch-The Med beabsichtigt nicht, diese Strukturen zu ersetzen, die schon seit längerer Zeit in verschiedenen Gemeinden und Regionen existieren und wichtige Beratung leisten, sondern diese Strukturen zu unterstützen und als Katalysator zu fungieren, um Leute zusammen zu bringen, die vorher nichts von-einander wussten und zu einer allgemein zugänglichen Sammlung von Erfahrungen beitragen können.
Nach unserer bisheriger Erfahrung unterschieden sich Herausforderungs- und Zusammenarbeitsszenarios mit Behörden je nach Notlage und dem Ort des Falles: Es stellte sich heraus, dass vom Alarmtelefon in Notfällen im zentralen Mittelmeer verlangt wird, unverzüglich die italienische und maltesische Küstenwache in Kenntnis zu setzen. Wenn die Shiftteams während des Telefonats den Eindruck gewannen, dass nicht sofort Rettungsmassnahmen eingeleitet wurden, wandten sie sich an das UNHCR und andere Organisationen, um den Druck auf die Küstenwachen zu erhöhen, Rettungsaktionen einzuleiten.
Sichtbar machen und intervenieren
Mit dem Ende von Mare Nostrum und dem Beginn der von Frontex geleiteten Operation Triton begann das Alarmtelefon seine Tätigkeit in einer Zeit, in der es offen ist, ob «dem Tod ausgesetzt zu werden» in den Gewässern zwischen Libyen, Malta und Italien wieder eine gängige Praxis sein wird. Das Konzept des Alarmtelefons könnte da eine wichtige Interventionspraxis sein.
In der Ägäis wurde das Alarmtelefon Zeuge von Fällen, in denen die griechische Küstenwache illegale Abschiebungen zurück auf türkisches Territorium durchführte. Wenn Leute anriefen, die schon griechischen Boden erreicht hatten, haben Shiftteams versucht, Rückschiebungen zu verhindern, indem sie Organisationen informierten, das Wissen um die Vorgänge öffentlich machten und den Kontakt zu den betroffenen Personen/Gruppen aufrecht erhielten. In anderen Fällen gingen beim Alarmtelefon Anrufe von Personen und Gruppen in der Türkei ein, unmittelbar nachdem sie dorthin abgeschoben worden waren. In solchen Fällen dokumentierten die Shiftteams die Lage mit Zeugenaussagen und durch Aufrechterhaltung des Kontakts mit den Überlebenden der Rückschübe.
Wir gewannen in all diesen Fällen den Eindruck, dass wir denen, die unsere Nummer anriefen, signifikante psychologische Unterstützung anbieten konnten, und das kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Offenbar ist es für die Anrufer sehr wichtig, in oder nach lebensbedrohlichen Situationen zu wissen, dass das, was ihnen widerfuhr, nicht unbemerkt bleibt und dass sie zu einer europäischen Zivilgesellschaft gehören, die sich bemüht, zu intervenieren und Menschenrechtsverletzungen auf See sichtbar zu machen.
Drei Fälle für eine breite Öffentlichkeit
1. «Sie wollen sehen, wie wir ertrinken»: Ein Überlebender einer Rückschiebeaktion informierte das Watch-The-Med Alarmtelefon von einer illegalen Rückschiebung der griechischen Küstenwache Ende Oktober 2014. 30 syrische Flüchtlinge hatten versucht, die Ägäis zu überqueren, als ihr Boot von der griechischen Küstenwache geentert wurde, die den Motor unbrauchbar machte, ein Leck in das Boot schlug und dann die Flüchtlinge auf See zurückliess. Den Passagieren gelang es, mit der türkischen Küstenwache zu telefonieren, die sie dann rettete und zurück auf türkisches Territorium brachte.2
2. Drohende Abschiebung nach Ankunft auf europäischem Territorium: Das Alarmtelefon stand in Kontakt mit einer Gruppe von rund 75 syrischen Flüchtlingen, die im Oktober auf der griechischen Insel Symi gelandet waren. Sie befanden sich in einem prekären Zustand, ohne Nahrung, Wasser und Orientierung, und fürchteten, von den griechischen Behörden zurückgeschoben zu werden. Den Shift-Teams gelang es, direkt mit ihnen Verbindung aufzunehmen, ihren Bewegungen zu folgen und Organisationen und Behörden zu informieren.3
3. Flüchtlingsboot in Not vor der libyschen Küste. Ein Boot mit an die 200 Flüchtlingen drohte vor der libyschen Küste zu kentern, Schiffe waren keine in der Nähe. Die italienische Küstenwache informierte Schiffe über die Lage der Flüchtlinge und eines nahm Kurs auf sie. Das Shiftteam begleitete die Flüchtlinge über wiederholten telefonischen Kontakt und versicherte ihnen, dass Hilfe unterwegs sei. Das Schiff erreichte das Boot der Flüchtlinge und führte eine erfolgreiche Rettungsoperation durch. Es war der erste Fall, in dem das Shiftteam in direktem Kontakt mit Menschen in Seenot stand.4
Wie wir in unserer Presseaussendung im Oktober bemerkten, sehen wir das Alarmtelefon nicht als Lösung, sondern als Instrument zur Intervention in Notfällen. Das Projekt ist ein weiterer Beitrag, um die zunehmenden Bemühungen gegen repressive europäische Grenzbehörden zu unterstützen. Innerhalb der ersten Wochen seines Bestehens wurden neue Verbindungen zu und zwischen Organisationen von Mi-grant_innen und Aktivist_in-nen hergestellt, die sich für gefährdete Menschen engagieren und gegen Menschrechtsverletzungen protestieren.
Bekanntmachen und unterstützen
Wir rufen alle Mitglieder von Bürgerrechtsorganisationen auf, die Nummer des Watch-The-Med Alarmtelefons so weit wie möglich bekannt zu machen und es in Migrant_innengruppen, die es brauchen, zu verbreiten. Sie lautet: +334 86517161. Geben sie die Nummer an alle Freund_innen weiter, die selbst Freund_innen und Verwandte haben, die die europäischen Aussengrenzen überschreiten wollen. Für uns ist das die wichtigste Aufgabe der kommenden Wochen und Monate – und um das zu erreichen, brauchen wir breite Unterstützung. Nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf, falls Sie weitere Fragen haben oder falls Sie Informationsmaterial brauchen (z.B. «Sicherheit in der Ägäis und in Marokko» in mehreren Sprachen, eine kurze Beschreibung des Projekts in verschiedenen Sprachen, Visitenkarten mit der Notnummer). Da wir auf ein effizient funktionierendes Netzwerk und auf Übersetzer_innen angewiesen sind, rufen wir zu weiterer, aktiver Partizipation am Projekt des Alarmtelefons auf. Ebenso suchen wir finanzielle Unterstützung. Falls Sie in der Lage sind, uns auf die eine oder andere Art zu unterstützen, kontaktieren Sie uns bitte unter: Email: wtm-alarm-phone(a)antira.info.

1. siehe die Artikel in Arch. Nr. 230 und 231
2. Fallbezeichnung: 2014_10_25_pushback_ CHIOS-GR-CESME-TR, siehe http://watchthemed.net/reports/view/84
2. Fallbezeichnung: 2014_19_21-Symi, siehe http://watchthemed.net/reports/view/87
4. Fallbezeichnung: 2014_11_14-CM1, siehe http://watchthemed.net/reports/view/86

 

verfasst von Watch the med,  18.01.2015, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 233 (01/2015)

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