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LAUTSPRECHER: Die weltweite Küche der Multinationalen

Mit zwanzig Jahresversammlungen und tausenden Seiten Berichterstattung entsteht, unter dem Deckmantel technischer und wissenschaftlicher Arbeitsgruppen, eine neue politische Weltordnung im Dienste der internationalen Großkonzerne, der Pharma- und Agroindustrie, der Chemie und Biotechnologie.


Diese Arbeitskommissionen von selbsternannten Experten schreiten bedrohlich leise und schnell voran. «Wissenschaft ohne Gewissen» ist nicht nur die Zerstörung der Seele sondern auch eine Bedrohung unserer Freiheit oder was davon noch übrig ist. Die Kommission des Codex alimentarius wurde 1963 gegründet und ist die erste Stelle für Vorschläge betreffend der Umsetzung eines gemeinsamen Programmes von FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und WHO (Weltgesundheitsorganisation) für Lebensmittelnormen auf der Welt. Ihre Aufgabe besteht darin, die Gesundheit der Konsumenten zu schützen, vertrauenswürdige Praktiken im Lebensmittelhandel zu garantieren und die Initiativen aller staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen in Sachen Lebensmittelnormen zu koordinieren. Sie hat den Vorsitz über 27 aktive Unterkommissionen und spezialisierten, den Regierungen direkt unterstellten internationalen Arbeitsgruppen, deren Hauptfunktion es ist, Normen, Richtlinien und andere Dokumente betreffend Lebensmittel und Lebensmittelzusätze zu erstellen. Theoretisch steht es jedem Land frei, die vom Codex erstellten Richtlinien anzunehmen oder nicht. In der Praxis werden diese aber immer mehr von der WHO als Referenz benutzt, um internationale Rechtsstreitigkeiten in Sachen Lebensmittelhandel zu schlichten. Nachdem jedes Land in so einen Rechtsstreit verwickelt sein und seine Klage abgewiesen werden kann, muss es sich schlussendlich doch den Normen und Verordnungen des Codex beugen. So bleibt den 149 Mitgliedsstaaten der 1994 gegründeten WTO (Welthandelsorganisation) nur noch die Wahl zwischen einer freiwilligen oder erzwungenen Unterwerfung.

Natürliche Heilmethoden auslöschen

Die Arbeit des Codex beschränkt sich nicht auf gewöhnliche Lebensmittel. Sie bestimmt auch die Normen für Vitamine, Lebensmittelzusätze, Ergänzungsnahrungsmittel, Produkte aus biologischer Landwirtschaft, Meerestiere, Öle und Fette, genveränderte Organismen, ebenso wie die Hygienevorschriften, die Etikettierung der Produkte, die Werbung etc... Eine unerschöpfliche Aufgabenliste dieser fantastischen politischen, kommerziellen Institution für globalisierte Normen – ein bürokratisches Monster mit seinen über 4.000 Verordnungen und Reglementierungen.
Im Großen und Ganzen ist der Codex darauf aus, traditionelle und natürliche Heilmethoden auszulöschen. Jegliche alternative Information über Gesundheit in Zusammenhang mit Vitaminen, natürlichen Therapien, in Lebensmitteln enthaltenen Wirkstoffen, kurzum alles, was zur großen Pharmaindustrie in Konkurrenz stehen könnte, soll verboten werden; es könnte ja ihren gewaltigen Profit bei der Herstellung von Medikamenten gegen Krebs, Aids, Herz- und anderen Zivilisationskrankheiten mindern.
Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Am 21. August 2008 wurde ein französischer Gesetzestext veröffentlicht, welcher jeden Menschen, der ein nicht homologisiertes Produkt wie z.B. Brennnesseljauche oder Schachtelhalmextrakt verkauft, verschenkt, bei sich lagert oder auch nur das Rezept verbreitet, zu zwei Monaten Gefängnis und 75.000.- Euro Geldstrafe verurteilen kann.
Einer der wichtigsten Texte der «Generellen Richtlinien des Codex» (1979 verfasst und 1991 redigiert) beschreibt als wesentliches Ziel, die pharmazeutischen Produkte als allein wirksame Mittel zur Vorbeugung, Milderung, Behandlung und Heilung von Krankheiten zu präsentieren. Besser noch: Die Anmerkung bei gewissen natürlichen Präparaten zur Nahrungsmittelergänzung, sie könnten verschiedenen Beschwerden vorbeugen, sie mildern, behandeln und sogar heilen, wird in Zukunft verboten.
Das hat die Kommission des Codex im Juli 2005 in Rom beschlossen. Außerdem wurde die erlaubte Dosis an Mineralsalzen und Vitaminen in Nahrungsergänzungsmitteln zurückgeschraubt, sodass nach dieser kriminellen Logik Kekse mit sehr hohem Mineralstoff- und Vitamingehalt, die im Kampf gegen die Unterernährung in manchen Ländern lebensnotwendig sind, verboten werden können. Nicht alle, jedoch ein Großteil solcher natürlichen Nahrungsergänzungsmittel werden in Zukunft verschwinden müssen. Außerdem wird ihre Wirksamkeit drastisch nachlassen, da sie viel weniger Vitamine und Mineralstoffe enthalten werden.
Auch wenn es wissenschaftlich bewiesen ist, dass sich Spurenelemente positiv auf die Gesundheit auswirken, dass hingegen industrielle Landwirtschaftsprodukte immer weniger wertvoll, sondern im Gegenteil oft schädlich und unverdaulich sind, will der Codex mit seinen Verordnungen offensichtlich über Leichen gehen. Unsere Kühlschränke gleichen heutzutage einem Lager von Produkten mit Giftrückständen.

Biologisch?

Natürlich steht das stärkere ökologische Bewusstsein und die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft im Gegensatz zur technisch-wissenschaftlichen Logik des Codex. Daher sieht er es auch seit einigen Jahren als eine Kernaufgabe an, die Normen für Herstellung, Behandlung und daraus folgender Etikettierung biologischer Lebensmittel mit der Aufschrift „A.B“  (=„ aus biologischer Landwirtschaft“) zu verwässern. So sollen demnächst gesundheitsschädliche Salze wie Nitrit- und Nitratnatrium sowie Carraghen in der Produktion erlaubt werden. Bekanntlich sind das krebserregende Substanzen. Ein Komitee des Codex befasst sich zur Zeit mit Studien über die Verwendung von Äthylalkohol. Diese sollen in die Richtlinien für die Produktion, die Behandlung, die Etikettierung und das Marketing von Produkten aus „biologischer“ Landwirtschaft aufgenommen werden. So nach und nach werden die Agroindustriemultis auch vom saftigen Markt der „Bio“-Produkte profitieren können.
2003 hat der Codex die ersten Richtlinien bezüglich genveränderter Lebensmittel festgelegt. Dieser Text diente zufälliger Weise den USA, Kanada und Argentinien in einem Handelsrechtsstreit, den die WTO gegen die EU ausgelöst und dank der neuen Richtlinien gewonnen hat. Andere Richtlinien, die dazu verpflichten sollen, sowohl Produktion als auch Import von genmanipulierten Produkten, die den Normen des Codex entsprechen, zuzulassen, sind in Vorbereitung. Außerdem fordert der Codex, dass alle Lebensmittel bestrahlt werden sollen, so wie es bei McDonalds bereits praktiziert wird.
Bezüglich der Schädlingsbekämpfungsmittel gibt es seit 1966 ein Komitee, das für die Definition der maximalen Grenzwerte von Rückständen in speziellen Lebensmitteln und Lebensmittelkategorien zuständig ist. Die einzelnen Gifte werden auf ihre Harmlosigkeit untersucht, ihre Auswirkungen auf die Gesundheit beim Konsum einer Kombination von mehreren von ihnen werden jedoch generell nicht beachtet. Resultat: Neun von den giftigsten chemischen Produkten sind Schädlingsbekämpfungsmittel. Von Codex’ Gnaden sind sieben von ihnen, die bereits in 167 Ländern verboten wurden, wieder zugelassen. Diese Politik wird sich mit dem kürzlich ernannten Präsidenten der FAO, einem ehemaligen Präsidenten der FNSEA, der französischen Gewerkschaft für Agro-Business, wohl kaum ändern.
Paul Antony Taylor von der Dr. Rath Health Foundation erklärt: „Der Codex ist heute die wichtigste Frontlinie in einem wirtschaftspolitischen Krieg, bei dem es um die Kontrolle über die Nahrungsquellen geht - vom Landwirtschaftsbetrieb bis zum Teller.“ „Wer das Öl kontrolliert, der kontrolliert die Nationen. Wer die Nahrung kontrolliert, der kontrolliert die Völker,“ hat schon Henry Kissinger gesagt.
Das Resultat des offenen und verdeckten Kriegs des Codex gegen die biologische Landwirtschaft und die traditionellen Heilkünste ist bereits vorgegeben, wenn nicht neue politische Weichen gestellt werden. Es wird objektiv alles getan, um die globale Vergiftung der Umwelt zu verschlimmern und „Big Pharma“ zum Nachteil der öffentlichen Gesundheit zu mästen – die H1N1-Episode war dafür ein brillantes Beispiel. Vielen Dank an die WHO! Natürlich sind optimale Gesundheit und gute Ernährung Bedrohungen für den „Handel mit der Krankheit“, das BNP und die Agroindustrie. Wir sollten uns in die Debatte einmischen und frischfröhlich in die ekligen Fettnäpfchen treten, die uns unsere „Eliten“ von Politikern, Wissenschaftlern und Konzernen vor die Füße stellen.

Fortschritt?

Aber die „beste aller Welten“ des Codex ist auch sehr fragil, wie die Vampire fürchtet auch sie das Tageslicht. Würde sie ins Rampenlicht des aktuellen Zeitgeschehens gestellt, zweifle ich, dass sie großen Anklang fände. Nicht mehr als das „Reagenzglasfleisch“ aus den niederländischen Labors der Technischen Universität von Eindhoven, denen es gelungen ist, Fleisch in vitro ausgehend von Schweinemuskelzellen in einem Serum aus Blut von Schweineföten herzustellen. Guten Appetit. Diese Söldner-Wissenschaftler arbeiten für Stegemann, eine Filiale von Smithfields Foods, weltweite Nummer eins für Schweine.
Am 13. März 2002 verabschiedeten die Europaabgeordneten die Bestimmungen des Codex über Naturtherapien und Nahrungsmittelzusätze trotz einer Flut von Protest-Emails. Elektronische Protestaktionen haben eben Grenzen angesichts so großer politischer und finanzieller Macht. Aber ihre Macht hat nichts Natürliches, auch nichts Endgültiges, Widerstand ist möglich: In Südafrika zum Beispiel sprach sich der Gesundheitsminister gegen Bestimmungen aus, Geld mit patentierten Medikamenten zu machen und natürliche Produkte zu diskreditieren. Indien teilte mit, dass es sich nicht an die Anordnungen des Codex halten werde. Auch in den USA hat die Vereinigung der Ärzte und Chirurgen protestiert. In England lehnen sich Heilpraktiker mit Unterstützung des Oberhauses auf. Wir alle müssen aufstehen, um den „Herren der Welt“ und ihren Zauberlehrlingen etwas Weisheit und Demut beizubringen. Ihnen erklären, nett oder nicht, dass wir keine physikalisch-chemischen Maschinen sind, denen man Massentherapien mit chemischen oder synthetischen Molekülen aufzwingen kann. Der Homo sapiens funktioniert nicht, er lebt. Und er verträgt es immer weniger, von deren gefährlichen Ideologien eingesperrt zu werden.

verfasst von Nicolas Furet (EBF-Frankreich),  07.06.2010, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 182 (05/2010)

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