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LAUTSPRECHER: Libertär und kompromisslos gegen Islamophobie

Wir - französische AnarchistInnen, libertäre KommunistInnen, AnarchosyndikalistInnen, Autonome, KünstlerInnen, Organisierte und nicht-Organisierte - verurteilen alle Formen von Islamophobie als eine Form von Rassismus.Mit Blick auf die aktuelle Lage drängt sich uns die unangenehme Vorahnung auf, dass Islamophobie als achtbare und tugendhafte Form von Rassismus zum bevorzugten Antrieb der linken machthabenden Parteien und der konformistisch-selbstgefälligen linken Mittel- und Oberschicht wird. Wir müssen mit aller Bitterkeit feststellen, dass regelmäßig progressistische Themen wie Feminismus, Laizität oder die Meinungsfreiheit als Rechtfertigungen dafür herangezogen werden. Dass der französische Senat im Februar, d.h. kurz nachdem dort eine linke Mehrheit zustande kam, ein Gesetz verabschiedet hat, welches Frauen mit Kopftuch die Ausübung bestimmter Berufe untersagt, bestätigt lediglich unsere Befürchtungen. Genauso verhält es sich mit den neokolonialistischen und rassistischen Verhaltensweisen und Diskursen der Parti de Gauche1 und den OrganisatorInnen der altbekannten Debatte «Wie können wir uns dem Front National entgegenstellen» (sic) im Rahmen der Fête de l’Humanité2.
Die Auswirkungen der Islamophobie sind erheblich für diejenigen, die sie zu spüren bekommen: Von freiheitsberaubenden Gesetzen bis zu versteckten oder bisweilen offenkundigen Diskriminierungen (wie z.B. im Falle der vier Freizeitbetreuer in Gennevilliers, die vom kommunistischen Stadtrat suspendiert wurden, da sie dem Ramadan entsprechend fasteten), ganz zu schweigen von zahlreichen Beleidigungen und Übergriffen. Diese rassistischen Angriffe drohen zuzunehmen und wir müssen uns darauf vorbereiten, sie unmissverständlich zu bekämpfen. Als Libertäre bestreiten und bekämpfen wir islamophobe Schlussfolgerungen, die im Namen des libertären Gedankens gezogen werden, und das wollen wir in diesem Aufruf deutlich machen.
Denn wir sind überzeugt davon, dass einige in den Medien besonders präsente PhilosophInnen, ZeichnerInnen und SchriftstellerInnen wie zum Beispiel Michel Onfray, Caroline Fourest3 oder die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo an der herrschenden Islamophobie und ihrer Verbreitung mitwirken, und das mitunter aus einer libertären Position heraus oder im Namen einer libertären Tradition und Ideologie. Denn wir müssen feststellen, dass einige Bereiche «unserer politischen Familie» von islamophobem Gedankengut durchdrungen sind, und das ist nicht hinnehmbar. Im besten Falle drückt es sich in Desinteresse für das gesamte Thema aus (manchmal mit einer zwar klaren Verurteilung der Islamophobie, die jedoch an zahlreiche Verweise auf den wesentlicheren Kampf gegen religiöse Entfremdung gekoppelt ist), im schlimmsten Fall in der Weigerung, Islamophobie als Rassismus zu erkennen, in islamophobem Auftreten, das im Namen eines vereinfachenden, aus anderen historischen Zusammenhängen importierten Antiklerikalismus gerechtfertigt wird, oder auch in unannehmbarem Einvernehmen und Zugeständnissen, welche glücklicherweise Randerscheinungen sind, aber nicht entschlossen genug verurteilt werden. Gewisse Dinge müssen also in Erinnerung gerufen werden:
Nein, der Begriff «Islamophobie» ist keine Erfindung des iranischen Regimes, um jegliche Kritik des Islams zu verhindern, wie Caroline Fourest behauptet. Der Begriff existierte übrigens schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Nein, Islamophobie bekämpfen bedeutet nicht, den Rückzug vor den Unterdrückungsformen anzutreten, die Religionen annehmen können. Wir unterstützen unsere FreundInnen im Maghreb, im Maschrik und im Mittleren Osten, die sich dem Salafismus entgegenstellen, der dort reaktionäre und faschistische Formen annimmt, wovon der westliche Imperialismus nur profitiert.
Nein, nicht alle Muslime und Musliminnen, die gegen islamophobe Gesetze kämpfen, sind versteckte Islamisten oder Kommunitaristen, die neue Anhänger suchen und Gotteslästerungen verbieten wollen. Viele von ihnen nehmen aktiv an sozialen Bewegungen teil. Sie sind politisch aktiv, organisieren sich, kämpfen täglich um ihre Rechte, gegen Patriarchat und Rassismus und für soziale Gerechtigkeit. Sie fordern die Anerkennung spezifischer Unterdrückung ein und zeigen Widersprüche auf, die in gewissen «linken» Diskursen existieren. Es ist eine Sache, sie für die Art und Weise zu kritisieren, sich zu organisieren oder politisch aktiv zu sein. Eine andere ist es, sie durch einen marginalisierenden und rassistischen Diskurs zu diskreditieren.



Ein Mittel der Herrschaft



Eine immer wiederkehrende Kritik an denen, die von Islamophobie sprechen4, ist diejenige, dass sie ein Konzept mittragen würden, das Kommunitarismus produziere. Wir sagen, dass Islamophobie die staatliche Politik gegen zahlreiche Einwanderer-Nachkommen ist. Diese Politik hatte der Staat schon an einigen Kolonisierten erprobt. Islamophobie ist tatsächlich ein Mittel der Herrschaft, das der Palästinenser Edward Said beschrieben hat als: «Die lange Geschichte der imperialistischen Eingriffe des Westens in die islamische Welt, der kontinuierlichen Angriffe gegen ihre Kultur und ihre Traditionen, die ein normales Element des akademischen und populären Diskurses darstellt und der – und das ist vielleicht das wichtigste – offenen Verachtung, die den Bestrebungen und Wünschen der Muslime, insbesondere der Araber, entgegengebracht wird.»5 Als perfekte Fortführung der Struktur des «Orientalismus» diskreditiert der Westen den Orient durch eine verzerrende islamophobe Darstellung und erneuert auf diese Weise seine moralische Pseudo-Überlegenheit. Ob eingestanden oder versteckt, diese Denkstruktur infiziert einen weiten Teil der progressistischen politischen Landschaft.
Islamophobie ist also kein diffuses Konzept böswilliger AktivistInnen, wie manche dies gerne herbeidichten, sondern eine herrschaftssichernde Politik des postkolonialen Staates, welche tiefe Spuren in den Körpern der Beherrschten hinterlässt. (…) Diese Politik ist geprägt durch eine rassistische, durch ständige Angst geprägte Sprache, die versucht, den gesellschaftlich Auszustoßenden die unscharfen Konturen des Muslims zu geben. Salman Rushdie, der – wie andere - behauptet, Islamophobie existiere nicht, da Muslime keine Rasse seien, muss wie all denen, die die Geschichte des Rassismus in Europa so schlecht zu kennen scheinen, in Erinnerung gerufen werden, dass Antisemitismus Juden und Jüdinnen betrifft, die ebenfalls keine Rasse sind.



In den Kolonien erprobt


Diese Sprache versucht zudem eine Zuschreibung aufzuzwingen: Jeder Araber, jeder Afrikaner oder mitunter jedes menschliche Wesen, für das der Islam Teil seiner Kultur oder Geschichte ist, sei in erster Linie reaktionär, von Grund auf religiös und daher unvereinbar mit den grundlegenden Prinzipien der Republik – Prinzipien, die leider auch dazu dienen, diesen Ausschluss zu rechtfertigen. Franz Fanon hat gezeigt, dass der Kolonisierte «durch die Religion den Kolonisten außer Acht lässt.» «Der Fatalismus entledigt den Unterdrücker jeglicher Initiative, da die Ursache für alles Leid, Elend und Schicksal von Gott kommt. Der Einzelne nimmt so die von Gott beschlossene Auflösung seiner selbst an, kriecht vor dem Kolonisten und vor seinem Los und erreicht so durch eine Art innerer Wiederherstellung des Gleichgewichts die Gelassenheit eines Steins.»6
Den Kolonisierten und heute den Nachkommen der Einwanderer eine Religion zuschreiben, ist Teil einer Herrschaftsdynamik, die schon in den ehemaligen Kolonien erprobt wurde. Islamophobe fürchten vor allem eins: Dass die Unterdrückten sich Gesellschaftskritik und Philosophie als Waffen aneignen, denn auf diesem Terrain entfaltet sich der soziale Kampf. Jenseits von Islamophobie verweist dieses Problem auf das mangelnde Interesse und Engagement, das dem Rassismus gegen die Nachkommen der Einwanderer aus der Kolonisierung entgegengebracht wird. Es geht auch um die Frage der migrantisch geprägten Vorstädte, die für den Mangel an Engagement der sozialen Bewegung büßen müssen. Als Beweis dient, wie Wenige gegen Polizeibrutalität und rassistische und sicherheitspolitische Verbrechen politisch aktiv werden.
Die Bevölkerungen aus den ehemaligen Kolonien - seien sie farbig, arabisch, muslimisch - aus den Vorstädten, haben beschlossen, nicht mehr auf dem ihnen zugewiesenen Platz zu bleiben. (…) Wir müssen uns zusammentun und mit aller Kraft gegen Rassismus in allen Formen kämpfen. Die herrschende Islamophobie, durch alle westlichen Mächte ermutigt, ist auch eine Gelegenheit, diejenigen voneinander zu trennen, die zusammengebracht werden sollten, und die zusammenzubringen, die getrennt werden sollten. In einer durch das Spektakel bestimmten Gesellschaft hat sie zudem die Funktion, die soziale Wirklichkeit mit dicken Rauchschwaden zu verhängen. Lasst uns nicht in diese Falle tappen!
Letztlich stellt sich auch die Frage des Atheismusgebots. (…) Als sei es unmöglich oder unbegründbar, seinem Glauben Ausdruck zu geben, wenn man gläubig ist, und gewisse progressistische Überzeugungen zu teilen. Wir verurteilen die Essentialisierung der Gläubigen und der religiösen Praktiken an sich, die geschieht, ohne die direkt Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, und die heute dazu führt, dass alles über einen Kamm geschert wird. Unserem kompromisslosen Widerstand als Libertäre gegen Islamophobie muss in diesem Punkt Gehör verschafft werden. In uns spiegeln sich auch gewisse Widersprüche: So wie auch in unseren Reihen sexistische oder homophobe Herrschaftsverhältnisse existieren, was heute (mehr oder weniger) innerhalb der libertären Bewegung anerkannt wird, müssen wir auch die rassistischen, postkolonialen Herrschaftsverhältnisse in unseren Reihen sehen und uns damit in dem gesellschaftlichen Kontext, in dem wir uns befinden, auseinandersetzen. Gegen Islamophobie als kolonialistische Waffe zur Spaltung der Massen und als «Erneuerung des Rassismus», gegen die Erschaffung eines neuen Feindes im Inneren, sprechen wir uns als Libertäre aus.
 Wir versichern all denen unsere Solidarität, die gegen diese Art der Unterdrückung kämpfen und sich organisieren. Deshalb rufen wir für die kommenden Monate und Jahre zu einem anti-rassistischen Aufbruch auf.
Wenn Sie diesen Aufruf mit Ihrem Namen unterstützen wollen, schicken Sie ein E-mail an: akye(at)bboykonsian.com

 27.11.2012, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 209 (11/2012)

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