LAUTSPRECHER: Warum wir die Olympiade lieben sollen
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Das folgende, teils satirische Flugblatt wurde in Grenoble verteilt anlässlich des Vorüberzugs der olympischen Flamme bei den Olympischen Winterspielen in Turin 2006.


 


Wir sollen die Olympiade lieben wegen der wirklichen Werte wie Brüderlichkeit, Wettbewerb, Grösse des Vaterlandes, Gesetzesgläubigkeit, Männlichkeit, Elite, körperliche Normen, Ausrichtung auf das Ergebnis, Kraft, Ehre, Verdienst, Muskeln, Leistung, Gigantismus, glanzvolles politisches Desinteresse, absoluter Respekt vor Regeln. Das ist der Sport. Im täglichen Leben werden diese Werte verteidigt durch unsere Firmenbosse, unsere Militärs und durch all die anderen Männer, die sich für wirkliche halten. Die Athleten selber sind wahrhaftige Gewinnmaschinen. Wie all diese Manager, die mit harten Ellenbogen und Sportlergeist, immer mit grösstem Respekt vor dem Gesetz, die Wirtschaft unseres Landes ankurbeln, ohne weich zu werden vor den Klagen des ausgebooteten Konkurrenten. Auf dass der Beste gewinnt! «Es gibt zwei unterschiedliche Rassen: diejenige mit dem geraden Blick, starken Muskeln, mit sicherem Tritt und diejenige der kränklichen mit resignierter, untertäniger Miene. Tja, es ist in den Schulen wie in der Welt ausserhalb das gleiche: die Schwachen werden zur Seite geschoben, einen Nutzen aus dieser Art von Bildung gibt es nur für die Starken.» Pierre Coubertin Gründer der Olympischen Spiele in «englische Erziehung».


«Der Trainer kann seine Athleten behandeln wie ein geschickter Jockey, der genau weiß, wann er die Zügel anziehen oder lockern soll.» Alberto Arcioni, Februar 1970, Athletica


«Sowohl der antike als auch der moderne olympische Geist hat als erste, wichtige Charaktereigenschaft die Religion. Indem er seinen Körper durch Training formt wie ein Bildhauer eine Statue, ehrte der antike Athlet die Götter. Indem er es ihm gleichtut, preist der moderne Athlet sein Vaterland, seine Rasse, seine Fahne.» aus «Die philosophischen Fundamente des modernen olympischen Geistes» von Pierre Coubertin.


...wegen des nationalen Zusammenhalts


Brüderlichkeit unter den Völkern? Zweifellos. Aber die Olympischen Spiele dienen in erster Linie dazu, die Völker mit sich selbst zu versöhnen. In einem Land, das von internen Konflikten gequält wird, wie denen zwischen Angestellten und Arbeitgebern, zwischen Vorstadtjugendlichen und Polizei, Arbeitslosen und Behörden, sind die Olympischen Spiele ein einzigartiger Moment, wo die Unterschiede fallen, wo sich alle vor dem Bildschirm an der Hand halten, vereint in einem Freudenschrei, wenn der Held eines ganzen Vaterlandes gewinnt. Während der Spiele vergisst man seine soziale Schicht. Man vergisst, wer wen ausbeutet. Man weiß nur noch, dass man Franzose ist und dass man die anderen Nationen schlagen muss. Es gibt zwischen uns nur mehr die große Liebe zur Trikolore. «Auf dass die bürgerliche und die proletarische Jugend sich an der selben Quelle der Muskelfreude labe, das ist das Wesentliche, dass sie sich dabei überhaupt begegnen, ist in dem Moment eigentlich Nebensache. Aus diesem Ursprung resultiert, für den einen wie den anderen, die gute soziale Stimmung, der einzige Seelenzustand der in der Zukunft die Hoffnung einer fruchtbaren Zusammenarbeit entstehen lassen kann.»


Pierre de Coubertin, zitiert von Y.P. Boulogne.


...wegen der Magie des Spektakels


Die Spiele sind vor allem ein Waffenstillstand. Es braucht einen Moment der Zärtlichkeit, des Träumens und des Innehaltens, wenn rundherum die Angestellten streiken, die Dorfbewohner ein neues TGV-Projekt sabotieren, die Mieter die Zahlung ihrer Miete verweigern, die Zwangsverwalteten aufhören, an die Demokratie zu glauben, die Jungen sich ohne Ende Gedanken machen über die Probleme der Dritten Welt, wenn selbst der Fortschritt eine reservierte Reaktion auslöst. Während der Olympiade zählt nur, dass jeder für sich an seinem Platz bebt für eine Stoppuhr, einen Star, einen Rekord. Bleibt still und profitiert vom Spektakel. Die Magie der Spiele entbindet euch von belanglosen Beschäftigungen.


...wegen der Werbung


Seht euch das Dekor der Olympischen Winterspiele an: Berge, Schnee und Reklame. Die Athleten sind stolz, ihre Kultmarken auf jedem Körperteil zu tragen. Denn Werbung ist wie ein moderner Glücksbringer. Milliarden von Fernsehzuschauern verfolgen die Spiele. Gibt es eine traumhaftere Möglichkeit, sein Logo rund um die Welt zu schicken? So wie unsere Profite steigen, wachsen auch die Arbeitsplätze und damit der Konsum. Das ist «Wachstum», das Wohl für die Menschheit.


...wegen des Dopings für den Städtebau


Wenn eine Stadt die Olympiade austrägt, ergeht sie sich in einer Symphonie von großen Arbeiten. Man bohrt neue Schnellbahnen. Es werden wunderbare neue Sporteinrichtungen errichtet, die manchmal sofort danach wieder abgebaut werden. Den Vorstädten wird ein neues Gesicht gegeben, die Einfallsstrassen aufgemöbelt, es wird neu verputzt, gesäubert, Armut und Ungeziefer wird ausgelagert. Die Spiele sind ein perfektes Argument für Stadtprojekte, die bisher in der Schublade lagerten oder Polemik ausgelöst hatten. Sie erlauben den Baulöwen zu überleben und – noch einmal – Arbeit zu beschaffen. Nach Olympischen Spielen ändert die Dimension einer Stadt. «Zwischen dem Jahr 2005 und dem nächsten Jahr müssen wir 130 Baustellen mit einem Gesamtvolumen von 1,3 Milliarden Euro realisieren», so sagte es Frau Arcidiacono, Direktorin der Agentur Turin 2006, zuständig für öffentliche Finanzierungen, in der La Stampa vom 30.11.2001. Im Jahr 1999 war noch von 500 Millionen die Rede. Der unglückliche Tod von vier Arbeitern auf den Baustellen für Turin 2006 fällt dabei nicht ins Gewicht.


Im November 2005 hat dann die Polizei das Recht erhalten, mit «angemessener Gewaltanwendung» all diejenigen Personen zu entfernen, «die das Gefühl der Belästigung oder ein Ärgernis hervorrufen». Die Interpretation dieser Begriffe bleibt den Ordnungskräften überlassen. «Während der Spiele in Sydney konnten nur 10 Prozent der Obdachlosen in speziellen Zentren untergebracht werden. Alle Hotels der Stadt waren schon durch die Behörden und das Organisationskomitee der Spiele reserviert. 25.000 Obdachlose haben keine Unterkunft gefunden.» Tristan de Bourbon, L’Humanité vom 24.2.2000.


 


...wegen der Umwelt


Es kommt nicht von ungefähr, dass einer der olympischen Ringe grün ist. Werden wegen der  Olympiade etwa neue Flächen zubetoniert, um grosse Stadien aus dem Boden zu stampfen? Ja, aber es werden Büsche daneben gepflanzt. Werden wegen der Olympiade neue Installationen in die Bergwelt gesetzt? Ja, aber es werden Gänge für die Frösche unter der Bobbahn hindurch gebaut. Verursachen die Spiele nicht riesige, die Umwelt belastende Baustellen, Parkplätze und Hotels und Massen von Zuschauern? Ja sicher, aber es gibt auch Webespots, die sagen, dass man seine Abfälle nicht einfach irgendwo hinwerfen soll. Seit der Umweltschutz in Mode kam, ist er ein starkes Anliegen der Olympiaden. Experten und Ingenieure halten für alles eine technische Lösung parat. Warum die Zweifel? Glaubt an unsere Experten und belastet euch nicht mit grundsätzlichen Fragen.


«Die Bobbahn für die Olympiade 2006 wird auf dem Gemeindegebiet von Cesana gebaut (...) Dieses 1400 m lange Zementband zerstört einen Lärchenwald und eine Alm. An mehreren Stellen ist die Konstruktion mehrere Meter hoch und bildet eine Art Damm. Die 48 Tonnen Ammoniak, die der Bahn entlang fließen um sie zu kühlen sind gleichermaßen Besorgnis erregend. (...) Die voraussichtlichen Kosten für die Bobbahn von Cesana haben sich bereits von 35 auf 55 Millionen erhöht.»


aus der La Stampa vom


16. November 2002.


(Es gibt übrigens keinen einzigen Sportler dieser Disziplin in der Region Piemont).


...wegen der Größe


Unsere gewählten Vertreter haben besser als alle anderen die Wichtigkeit solcher Grossanlässe verstanden. Mit den Spielen wird eine Stadt während einiger Wochen einfach zur Welthauptstadt. Klar erfordert eine Olympiade Unsummen an öffentlichen Ausgaben, aber das gehört eben dazu. Wer von uns wäre nicht bereit, sein Sparschwein zu opfern für die wenig effizienten Sozialwerke, wenn ein derartige Dosis Prestige damit erreicht würde? «Was sicher ist, dass nichts ausser acht gelassen worden ist um die Sicherheit der Spiele zu gewährleisten. (...) 2.5 Milliarden Francs sind vom spanischen Staat ausgegeben worden für (...) die Olympischen Spiele. Vier Mini-Uboote können auf eine Tiefe von 50 Metern abtauchen, und fixe Radarquellen werden allfällige Eindringlinge aufspüren. Ferngesteuerte Amphibienfahrzeuge werden an schwer zugänglichen Stellen eingesetzt. Auch der Luftraum wird ständig überwacht werden. Drei Hubschrauber, ausgerüstet mit Nachtsichtgeräten und Kameras werden ständig über Barcelona kreisen.(...) Im Ganzen 45.000 Mann, davon 6000 Soldaten, werden in ganz Katalonien im Einsatz sein.» Le Monde 25. 7.1992.


Grenoble, Kandidat für die Olympiade 2018!


Freut Euch! Seid stolz! Das Fest wird doppelt so groß sein, denn im Jahr 2018 wird das 50-jährige Jubiläum der Spiele von 1968 gefeiert. Olympische Spiele, das ist Magie der Zahlen: Rekorde, alles entscheidende Hundertstelsekunden, grosse Geburtstage. Das sind die Symbole, die im Leben zählen. Es leben die runden Zahlen!


In einem Interview im Januar 2006 erwähnte Alain Pilaud, Sportbeauftragter der Stadt Grenoble, die Spiele von 2018 als erstes Argument für die Möglichkeit, Grenoble an die TGV-Linie Lyon-Turin anzubinden. Vorausgesetzt dass unsere Alteingesessenen nicht so gegen dieses schöne Projekt meckern wie die Bewohner des Susatals (Piemont), wo sie mit fast 80.000 Personen dagegen demonstrieren. Diese Letzteren müssen verstehen, dass 20 Jahre Baustelle in einem Gestein voll Asbest und Uran, bei der am Ende herausschaut, dass mehrere TGVs pro Tag hindurch fahren, der normale Preis dafür ist, dass Waren und Menschen einige kostbare Minuten gewinnen. Auf dass die Gesetze des Marktes ohne Hindernisse spielen können. Erst morgen werden wir die Kehrseite der Medaille erleben.


Also dann: ans Werk!


Sam Soulgrave


offizieller Sponsor für Turin 2006


 


 

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 136 (03/2006)

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