LAUTSRECHER René Riesel: libertärer Dissident
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Der folgende Artikel wurde ursprünglich für die Monatszeitschrift Le Monde diplomatique geschrieben, der in der Ausgabe vom November 2003 eine Zusammenfassung davon veröffentlicht hat. Im Einverständnis mit dem Autor veröffentlichen wir ihn hier in der vollständigen Fassung. Wir wollen den Leserinnen und Lesern die Gelegenheit geben, die Haltung von René Riesel besser zu verstehen. Zum Zeitpunkt, in dem wir diese Ausgabe des Archipel beenden, befindet sich Riesel noch im Gefängnis von Mende (Département Lozère), wo er seit 1. Dezember 2003 eine Haftstrafe absitzt.


 


René Riesel ist Schriftsteller und Schafzüchter in der Lozère, ehemaliger «Besessener» (Enragé) von Nanterre und vom ersten Besetzungskomitee der Sorbonne. Aus der Confédération Paysanne, deren Generalsekretär er einmal war, trat er 1999 aus politischen Gründen aus. Wegen derselben «Delikte» verurteilt wie José Bové - Zerstörung genetisch manipulierter Pflanzungen - sitzt Riesel zur Zeit eine sechsmonatige Gefängnisstrafe ab. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Freund José Bové, weigert sich Riesel kategorisch, um Begnadigung anzusuchen, die er als «widerwärtig» ansieht. Er lehnte ebenfalls jede Hafterleichterung ab.


Die Dissidenz von René Riesel hat ihre Wurzeln bei den «Canuts» (aufständische Weber von Lyon) 1, den Ludditen 2, der Pariser Commune 1871, aber auch im proletarischen Aufstand in Ungarn 1956. Die Situationistische Internationale, der er angehörte, bevor er von Guy Debord ausgeschlossen wurde, und schließlich der Mai 68, an dessen Ereignissen er maßgeblich beteiligt war, sind ebenfalls Wurzeln seiner Dissidenz.


Aber auch ein bestimmter revolutionärer Marxismus gehört dazu, d.h. Marx als Theoretiker der Anarchie, jener Marx, der den Marxismus als Parteiideologie oder Staatsdoktrin selbst zerschlägt. Eine Grundforderung von Marx war die Auflösung des Staates, formuliert u.a. in der Adresse sur la Commune von 1871: «Die Commune war keine Revolution gegen eine Form der Staatsmacht, sei sie legitim, verfassungskonform, republikanisch oder kaiserlich. Es war eine Revolution gegen den Staat an sich, gegen diese monstruöse Missgeburt der Gesellschaft (…).»


Anitautoritäre Tradition


Sowohl die Aktionen als auch das Gedankengut Riesels sind von antiautoritären Traditionen abgeleitet (antitrotzkistsich, antistalinistisch, antimaoistisch). Er kritisiert die Bürokratisierung der Gewerkschaftsbewegung, durch die sie zu einer Instanz der Kontrolle, der Kanalisierung und der Verwaltung des Widerstands wird.


Man muss die Sabotagen von René Riesel in diese Traditionen einbetten, da sie sonst ihren Sinn verlieren. Riesel zeigt den Konservatismus einer Gewerkschaftsbewegung auf, die «verhandelt», «verantwortungsbewusst» und «konsensfähig» ist, und stellt ihm eine ganze Reihe von «wilden Bewegungen» entgegen: wilde Streiks, bei dem die Apparate vor vollendete Tatsachen gestellt und praktisch handlungsunfähig werden, Kampfbewegungen ohne Generalstäbe, die vielfältige Kräfteverhältnisse herstellen und keineswegs bereit sind, die soziale Emanzipation abzuschreiben.


Riesel besteht auf dem Wort «Sabotage» gegen den Begriff «Bürgeraktion». Unter «Bürgeraktion» versteht man eine «Ablehnungs»-Bewegung - höflich, festlich, partizipativ und modern - die mit einer «archaischen», zu konfliktuellen, zu extremistischen und zu «proletarischen» Tradition bricht.


Warum taucht heute das Adjektiv «citoyen» (Bürger) fast systematisch auf, wenn es um Protestbewegungen geht? Weil es ihnen eine neue, saubere, glatte Konsistenz gibt? «Citoyen», «citoyenneté», sind Begriffe, die im Dunkeln gehalten werden, die zu Fetischen geworden sind. Will man damit den sozialen Konflikten ein beruhigendes Image geben, genau dort, wo diese Ruhe eigentlich ins Wanken geraten sollte?


Bei Riesel ist Protest radikal, oder er ist nur Schein: Er richtet sich gegen den Staat und gegen das Geld, oder er ist nur Schall und Rauch. Es muss eine Konfrontation herbeigeführt werden zwischen denen, «die davon träumen, die Menschen an die moderne Hölle zu gewöhnen und Gene zu manipulieren und jenen, die demokratisch über die Modalitäten dieser Anpassung diskutieren wollen». Wer da noch über Modalitäten diskutieren will, tappt - Riesel zufolge – in die Falle Reformismus, in die ihm innewohnende Fragilität: «Die Illusion, dass es mehrere, komplementäre Arten gibt, sich den Genmanipulationen zu widersetzen, zerstiebt. Gewisse ‚Extremisten’ sabotieren die Forschung über Nekrotechnologien, andere, die ‚Taktiker’, fordern Gutachten und Kontrollen». Unter Reformismus ist diese implizite Akzeptanz (die nie als solche bezeichnet wird) der etablierten Ordnung, des Status quo zu verstehen. Diese Akzeptanz wird durch einen gewissen «Realismus» oder «Pragmatismus» gerechtfertigt und stempelt jede Radikalität, jede klare Ablehnung, von der ausgehend kohärente Aktionen möglich werden, als naiven Idealismus ab. Der «Realismus» des «Bürger-Akteurs» verbirgt nur den stark fatalistischen Beigeschmack des Unabänderlichen. Er ist fast eine Art von Geschichtsphilosophie, in die man jedoch ganz schüchtern ein paar magere Verbesserungen einbringen möchte.


Ein guter Staat?


«Staat, noch mehr Staat!» tönt der kriegerische Ruf des «Bürger-Akteurs». Was hier erwartet wird, ist eine gute Regulierung der Wirtschaft, eine gerechte Kontrolle des Kapitalismus, eine Korrektur seiner Exzesse… Für Riesel klingt dieser kriegerische Ruf wie das Miauen eines Kätzchens.


Der Frage der Herrschaft wird ausgewichen, die der Ausbeutung verwandelt sich in die Frage einer akzeptablen Ausbeutung. Ein guter Staat, nett, keynesianisch und voller Mitgefühl für die Armen; eine gute Regulierung der Wirtschaft als Lösung, etc… Nichts wesentlich Neues. Schon Machiavelli denunzierte die Dummheit und den Anflug von Metaphysik in Bezug auf ein «gutes Regime» und seine Verehrung. Er spottete über den Glauben an die Möglichkeit, mit dem Tumult aufzuräumen, an eine Lösung für die Zwietracht.


Was soll’s, manche warten wohl vergeblich auf eine gute Bürokratie, andere auf einen guten Gewerkschaftsfunktionär oder einen guten Chef, einen guten Herrn. All dem stellt Riesel die Sabotage gegenüber, hier und jetzt, ohne Delegierung, ohne Vermittlung: Wo der Saboteur «ich» sagt gegen das «wir» des klassischen, herdenartigen Aktivismus. «Rieselismus» ist also ganz unmöglich!


Mit dem Sabotieren des CIRAD (öffentliches Agrarforschungsinstitut) wird gegen den Staat als neutrale Schlichtungsinstanz protestiert. (…) Die heilige These von der Neutralität des Staates, von einer unanfechtbaren, weil reinen und tugendhaften öffentlichen Forschung -diese These bekämpft Riesel.


Die öffentliche Forschung (und nicht nur einige düstere Privatlabors) ist am Ideologisierungsprozess von Genmanipulationen - d.h. der Legitimierung ihrer Notwendigkeit - beteiligt und dient dazu, philosophische und politische Fragen zu verschleiern, die hier kurz zusammengefasst sind:


- Privatisierung des Lebendigen: in Frankreich angeführt von der CIRAD durch Verbreitung von genetisch manipuliertem Saatgut. Folgen davon sind Sterilisation von Saatgut durch den Konzern Monsanto und Klagen gegen einige Bauern, die in einem Anflug von «Nostalgie» eigenes Saatgut zurückbehalten haben.


- Totale Dominierung: die gleichschaltende Verdinglichung von allem, was sich bewegt; totale Beherrschung, weil, Riesel zufolge, «ein riesiger Graben besteht zwischen der vernünftigen Kontrolle einer humanisierten Natur und sogar dem kartesianischen Modell einerseits und der ununterbrochenen Zerstörung der Natur, der Menschen und ihrer Gesellschaften andererseits». Verdinglichung, sagt Riesel und erklärt diesen Begriff: «Diese utilitaristische und einschränkende Wissenschaft, als Ideologie auch ‚Scientismus’ genannt, glaubt, dass etwas nur zu verstehen ist, wenn es auch zu dominieren ist. Sie kann sich nichts vorstellen, was unentgeltlich, nicht patentierbar, nicht manipulierbar ist.» Das Reelle ist manipulierbar: Das ist die höchste Erkenntnis dieser Wissenschaft, eigentlich eine Farce, nach der das Wesen des Reellen endlich erklärt oder auf dem Weg dazu sein soll… Was bedeuten diese genetischen Trugbilder? «Einen Versuch, die Natur auszubooten (in und um den Menschen), den letzten Widerstand gegen die Herrschaft des technologischen Rationalismus zu brechen». Eine «Vernunft», die alles ignoriert – und in diesem Fall vernichtet – was nicht sie selbst ist, ist Delirium. «Wir stehen hier dem Gedankengut Hannah Ahrendts sehr nahe über die Vermischung der techno-wissenschaftlichen Maßlosigkeit und der Fortschrittsreligion, der man den Willen ablesen kann, mit Andersheit und Besonderheit aufzuräumen, um nur mehr mit sich selbst zu tun haben zu wollen».


Protest oder Spektakel


Wenn Riesel die wahnsinnige Spirale der Künstlichkeit denunziert, dann nicht, um einen Gegenpol zu produzieren, ein rosiges Bild von einem radikalen, kämpferischen, ungezähmten Widerstand. Es geht darum, sowohl die Wirksamkeit als auch die Zukunft einer Protestbewegung zu untersuchen, die vor allem (aber nicht nur) durch die Person José Bovés zur Theaterbühne wird und merkwürdig festliche Züge annimmt.


Was soll man von einer Bewegung halten, die in die Falle der Personalisierung getappt ist (oder daran beteiligt war?), zur lächerlichen Folklore wird (Pfeife, Roquefort…)? Ist es politisch vertretbar, die verheerenden Auswirkungen des Ultraliberalismus zu denunzieren und gleichzeitig nicht zu zögern, an den ach so modernen, liberalen Talkshows teilzunehmen? Hier geht es um eine Logik des Spektakels, und diese Logik gerät außer Kontrolle: Auf die humanistischen Jahrmärkte, «Bürgerfeste» und «philanthropischen Würstelessen» folgt der große Ball der «Experten» im Gerichtssaal. Der Experte gehört zu dem Spektakel; Riesel denunziert ebenfalls, im selben Zug wie Jacques Rancière, die Herrschaft der Gutachter. Gibt es überhaupt Experten in Gleichheit und Freiheit, fragt Rancière? Eine Frage, die Riesel zweifellos auch stellen würde.


Man könnte die Mediatisierung von José Bové in Bezug auf die spezifische Dynamik des Kapitalismus untersuchen, d.h. auf dessen Fähigkeit, alles zu «verdauen», was ursprünglich dazu bestimmt war, die bestehende Ordnung zu unterwandern.


Tatsächlich ist der Markt der Angst und des Protests ein lukratives Geschäft, das ein breites Spektrum umfasst: Von den «ethischen» Tennisschuhen (Ethik wird zum Marketinginstrument), über Protestsongs von Rockgruppen unter Vertrag bei irgendwelchen multinationalen Plattenfirmen, bis zu den Ethikspezialisten, Umweltfachleuten und anderen Scharlatanen, die von einer zweifelhaften wissenschaftlichen Aura umgeben werden. «So wird nicht versucht, die Angst zu besänftigen, sie ist ein anerkannter wirtschaftlicher und sozialer Motor geworden. Die Nachfrage nach Schutzeinrichtungen wird evaluiert, um zu beweisen, dass das ‚Risiko’ die Bedingung für das Überleben der Industriegesellschaft ist. Die Umweltspezialisten und ‚Drittsektoren’ werden angehört, die Wissenschaftstheoretiker dürfen ins Mikrophon sprechen – sind ja Experten! – die Ethikdoktoren können die Anbeter des Goldenen Kalbs ausschimpfen».


Riesel ruft uns ganz prosaisch in Erinnerung, dass eine politische Bewegung nicht dann für die bestehende Ordnung gefährlich ist, von Gerichten verurteilt wird und eine tatsächliche Gegenmacht darstellt, wenn sie «Picknicks vor der Nase der Polizei veranstaltet», sondern dann, wenn es etwas ist wie das, «was bei der CIRAD gemacht wurde, auch wenn es nachträglich lächerlicherweise auch als ‚Bürgeraktion’ interpretiert wurde». Riesel ruft dazu auf (und das erklärt seinen Austritt aus der Bauerngewerkschaft Confédération Paysanne), zu einer politischen Praxis zurückzufinden, die gleichzeitig an der libertären Gesinnung vom Mai 68 anknüpft - «simultane Ablehnung des Kasernensozialismus und des Welfare State» - und an die unverfälschte Geschichte der Arbeiterbewegung. Zurückfinden? Ja, denn das Wort bedeutet nicht Imitation, nostalgischer Fetischismus gegenüber gewissen Figuren oder Ereignissen als Narkose oder Krücke, die das desillusionierte Gewissen beruhigen und ihm seine Aufgabe zuweisen.


Zurückfinden heißt einen Bezug zur Vergangenheit herstellen, der jede Art von Distanzierung vom Historischen oder die objektivistische Neutralisierung des Historischen ausschließt. Diese Neutralisierung besagt, dass die Vergangenheit in der Gegenwart nicht mehr hinterfragt werden kann, und dass der problematische Bezug von Vergangenheit und Gegenwart ein für allemal geregelt oder zumindest kontrolliert sei.


Emanzipation


Bei früheren revolutionären Bewegungen erkennt man – nicht durch eine positive, stabile Doktrin, sondern eher durch eine Stimmung – eine «libertäre Laune» die uns anspricht und uns auf unsere eigenen Aufgaben verweist. Bei Riesel heißt es: «Wir können uns heute noch durch die Ludditen und ihr Organisationstalent inspirieren lassen – die offizielle Geschichtsschreibung ist immer noch nicht überzeugt, dass ihre Offensiven ohne einen geheimen Generalstab koordiniert wurden! Wir können uns inspirieren lassen von ihrer historischen Fähigkeit, mehr zu fordern als die Bewahrung von gewissen Errungenschaften und aufzuzeigen, dass diese nur die schlimmsten Verletzungen der Integrität ihrer Gemeinschaften kompensiert haben, aufzuzeigen, dass die Bewahrung und Entwicklung dieser Errungenschaften unvereinbar ist mit dem Fortschreiten des industriellen Maschinismus.»


Ein kritischer Zugang zu dieser Art von historischen Quellen erfordert es, noch einmal, aber anders, den theoretischen Sockel der Wissenschaft als Ideologie zu brechen. Diese gibt nicht nur vor, Probleme, die die Natur betreffen, zu lösen, sondern greift die Geschichte als solche an, unterstützt von der überaus hartnäckigen Ideologie des Fortschritts. Scientismus und Fortschrittsideologie, in ihrer eifrigen Rationalisierung der Gegenwart (eine Gegenwart, eingezwängt in ein notwendiges, unüberwindbares, endgültiges Entwicklungsschema) verbergen die Tatsachen, dass «…was auch immer gewisse fossilisierte Glaubensbrüder denken, man in gewissen früheren Stadien der menschlichen Gesellschaft einem Humanisierungsprozess näher war als heute oder fähiger, sich für die Emanzipation einzusetzen.»


Emanzipation! Das Wort lässt sich nicht trennen von Kampf, Konflikt, Spaltung und Uneinigkeit, wo viele einzelne, verschiedene Individuen, die aber auf das liberale Credo des Individuums/soziales Atom spucken, eines politischen Experiments fähig sind, d.h. menschlicher Beziehungen, die im Zuge von Widerstand und zivilem Ungehorsam entstehen.


Ohne unbedingt vergleichen zu wollen, kommt mir aber doch Auguste Blanqui in Erinnerung: «Keine Autorität, vom Gendarmen bis zum König, die nicht jeden Morgen 25 Peitschenhiebe verdient, als Strafe für ihre Arroganz, ihre Eitelkeit, ihre Habgier, ihre Ungerechtigkeiten.»


Thomas Feixa


 


1. Bei den Zitaten von R. Riesel handelt es sich vor allem um Abschnitte aus Texten, die in der Encyclopédie des Nuisances (Enzyklopädie der Schäden) veröffentlicht wurden.


 


 


 

verfasst von Thomas Feixa,  10.06.2004, eingestellt von ute
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Ausgabe: 114 (03/2004)

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