LESERBRIEF: El Ejido ? und jetzt?
ute

Hervé Sallé hat an der Delegation teilgenommen, die im März 2005 Andalusien besuchte. Er antwortet hier auf den Artikel von Willi Streckeisen, der in Archipel Nr. 125 erschienen ist, ein Artikel mit dem Titel «El Ejido, und danach?».


Ich möchte daran erinnern, dass es auch jetzt El Ejido gibt:


Nachdem ich Artikel gelesen, Filme gesehen und Radiosendungen gehört habe, wundere ich mich über alle diese – meiner Meinung nach – unausreichenden Beschreibungen und Darstellungen. Die Situation wird nur flüchtig beleuchtet, und wie mir scheint gerade so, dass dies Wasser auf unsere Mühlen ist. Ist El Ejido denn unser Laboratorium, wie eine Soziologieprofessorin an der Universität von Almeria meinte? Am meisten werden die Umweltschädigungen verurteilt, sowohl diese an Ort und Stelle wie auch jene, die durch die weiten Transporte verursacht werden, die schlechte Qualität der Nahrungsmittel und die Absurdität dieser Produktionsweise, welche – das muss gesagt sein – nur durch die Ausbeutung der Arbeitskräfte aufrecht erhalten werden kann. Da müssen wir klarerweise reagieren, wir, die wir diese Gesellschaft denunzieren und Alternativen dazu suchen.


Sich damit zu begnügen, sich schlussendlich nur um die eigene Umwelt, die eigene Luft zum Atmen und den eigenen Teller zu sorgen, ist in meinen Augen jedoch bequeme und kleinbürgerliche Unverantwortlichkeit.


Täuschen wir uns nicht, als erstes sollten wir uns für die Lebensbedingungen der Menschen einsetzen. Was in El Ejido passiert, ist ganz einfach skandalös (wie Albert 1 sagte) und inakzeptabel (wie ich sage). Die Lebensbedingungen dieser jungen Männer und Frauen 2 wurden nur gestreift. Ja klar, die Arbeiter werden ausgebeutet, sie leben unter unmenschlichen Umständen, in den Gewächshäusern ist es heiß. Aber auch diese Schilderungen sind noch weit entfernt von der Realität. Es ist übrigens illusorisch zu denken, dass man diese Probleme lösen kann, bevor man jene behebt, die ich noch beschreiben werde.


Nach drei Tagen an Ort und Stelle


Wer bereit ist, vom Weg des «schlechten» Gemüses, der Umweltproblematik, der Ausbeutung der Arbeiter, der Nichteinhaltung des spanischen Arbeitsrechtes abzugehen, um den Weg des Skandalösen und Unakzeptablen einzuschlagen, wird bald feststellen, dass die Situation dieser Menschen vergleichbar ist mit derjenigen der Schwarzen in den USA vor einigen Jahrzehnten. Wir haben übrigens von einer Gruppe gehört, die Versammlungen abhielt in Kleidern des Ku Klux Klans. In El Ejido regiert eine Organisation, die rechtsextreme politische Sphären, Teile der Justiz, der Wirtschaft, der Polizei und der Medien auf nebulöse Art zusammenhält und mit Geldwäscherei, Zuhälterei, Drogenhandel mit harten Drogen und dem Verkauf von chemischen Produkten, deren Verwendung in Europa verboten ist, beschäftigt ist. Diese Organisation schuf und erhält auch heute eine rechtlose Zone, in welcher sie die Regeln bestimmt, und eine Zone der Apartheid, also ein «Regime der systematischen Ausgrenzung der Farbigen». Klarer kann man es nicht sagen.


Was passiert?


Verschwinden von Menschen, Morde, Gewalttätigkeiten mit bleibenden Schäden wie Entstellungen oder Amputationen von Gliedmaßen, Arbeitsunfälle, die oft Behinderungen und den sofortigen Abschub ins Ursprungsland (Maghreb) zur Folge haben. Erstickungstode bei chemischen Behandlungen, die als Selbstmorde ausgegeben werden – die Leichen werden dann in die offenen Wasserreserven geschmissen; Prostitution: die Zuhälter kommen mit ihrer «Ware» - zehn Frauen für fünfzig Männer - in die Gewächshäuser, Verbreitung von Aids, Tuberkulose und Lepra. Und die Liste ist noch nicht erschöpft…


Und das alles ungestraft!


Wir leben im 21. Jahrhundert, in Europa (wir «Alternativen» haben zahlreich dafür gestimmt), und es scheint unmöglich, diesen Skandal aufzuhalten, unsere einzigen Aktionsmöglichkeiten wären, eine saubere, bäuerliche Landwirtschaft, regionalen Direktvertrieb (Nahrungsmittelsouveränität!!) zu praktizieren, mit dem Unterzeichnen einer Petition Gerechtigkeit zu verlangen und natürlich auch Euros zu schicken. Das reicht nicht.


Was sind die Schwachstellen des Systems?


Das gesamte System ist eine einzige Schwachstelle, das die Globalisierungsgegner, die Ökologen, die Organisationen gegen Rassismus, für die Menschenrechte, für das Recht auf Arbeit, Justiz-, Migrations-, und ökonomische Organisationen interessieren müsste. Wenn dies der Fall wäre, gäbe es El Ejido kein halbes Jahr mehr. Man kann glauben, «eine andere Welt ist möglich», doch es gibt eine Zeit davor. El Ejido ist typisch dafür, und zwar jetzt.


Ich zeichne als einziger Verantwortlicher für das, was hier geschrieben steht.


Hervé Sallé


1. Ein anderes Mitglied der Delegation


2. Die meisten sind zwischen 17 und 25 Jahre alt

verfasst von Hervé Sallé,  04.06.2005, eingestellt von ute
Thema im Archipel 127 (05/2005)
Tags: Leserbrief
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 127 (05/2005)

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