LESERBRIEF: Liebe Freunde!
ute

Erlaubt mir jedoch, der Analyse von Herrn Chameau einige Worte hinzuzufügen. So möchte ich daran erinnern, dass es für Illich keine Autonomie geben kann ohne das Konzept des «vernaculum»1, das ihm zu Folge bedeutet: «Alles, was in Haus und Hof geboren, aufgezogen, gewebt, kultiviert, erzeugt wird – Sklave oder Kind, Nahrungsmittel oder Kleidung, Tier, Meinung oder Scherz… Alle Aktivitäten, welchen sich die Menschen widmen, wenn kein kommerzieller Tausch im Spiel ist. Das Wort bezeichnet die Aktivitäten außerhalb des Marktes, durch welche man das tut und erzeugt, was man braucht.»


Diese Aktivitäten des Lebensunterhalts schaffen einen Gebrauchswert, außerhalb des Marktes, den man deutlich vom Tauschwert, den man für den Markt produziert, trennen muss.


Ausserdem besteht Illich auf der Bedeutung des Gemeindelandes. Für ihn sind dies «Teile der Umwelt, auf welchen ein spezieller Umgang mit gegenseitigem Respekt gepflegt wurde. Es handelte sich um Land, das den Dorfbewohnern nicht gehörte, auf das sie aber ein anerkanntes Gebrauchsrecht hatten, nicht um marktwirtschaftlich brauchbare Produkte zu erzeugen, sondern um den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sichern.»


Für Illich ist der Begriff des Gemeindeguts oder des «Kommunalen» weiter gespannt als seine strikt rechtliche Bedeutung, nämlich von den Dorfbewohnern für ihren Lebensunterhalt nutzbares Weideland oder Waldgebiet. Auch die Kunst des Wohnens außerhalb des Privatbereichs gehört dazu, z.B. in den Barrios von Mexiko, bevor die Autos dort Einzug hielten, als die Alten in der Strasse auf ihren Stühlen saßen und diskutierten und die Kinder dort spielten; Orte, wo man sich ohne motorisierte Transportmittel fortbewegte, zu Fuss oder mit dem Fahrrad. Es beinhaltete auch soziale und sanitäre Praktiken der Gemeinde, die es ermöglichten, die Dorfbewohner gesund zu erhalten, ohne gleich auf Medikamente zurückzugreifen, Selbstlernmethoden, der Zugang zu einer Bibliothek oder gemeinschaftliche Feste ohne kommerzielle Diskothek.


Mit freundschaftlichen Grüssen


Jean-Michel Corajoud*


Lausanne



*Jean-Michel Corajoud gibt eine Zeitschrift auf französosch mit dem Titel «La Convivialité - Cercle des lecteurs d'Ivan Ilich" sowie eine Zeitschrift mit fortschrittskritischen Texten heraus.


Kontakt: Av. Fraisse 14, CH-1006 Lausanne


1. Lateinisch, das französische Wort «vernaculaire» heißt laut Langenscheidt: «Einheimischensprache»


 

verfasst von Jean-Michel Corajoud*,  17.03.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 134 (01/2006)
Tags: Leserbrief
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Ausgabe: 134 (01/2006)

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