© Hannes Lämmler, EBF Hannes Lämmler, EBF

Mali: Eine denkwürdige Konferenz und ein Staatsstreich

Die Konferenz «Uran, Gesundheit und Umwelt» in Bamako vom 16.-18. März 2012 hatte die Besonderheit, dass sie von einer Bürgerinitiative der kleinen Gemeinde Falea in Mali, der ARACF (Verein der Angehörigen und Freunde der Gemeinde Falea), in Zusammenarbeit mit den «Internationalen Ärzten zur Verhinderung des Atomkriegs» (IPPNW)1, dem Uranium network, der «Afrikanischen Uran-Allianz» (AUA) und einigen Mitgliedern des Europäischen BürgerInnenforums organisiert wurde.
Das Internationale Konferenzzentrum war während drei Tagen Treffpunkt von NuklearexpertInnen, MedizinerInnen, AktivistInnen, Neugierigen der Zivilgesellschaft und einer großen Delegation von EinwohnerInnen der Gemeinde Falea, die sich gegen das Projekt der ersten Uranmine in Mali wehren. Nach der Begrüßung durch Prof. Many Camara von der Bürgerinitiative ARACF aus Falea unterstreicht der Präsident von IPPNW Schweiz, Prof. Andi Nidecker, die Dringlichkeit, wissenschaftliche Information bereitzustellen, um die Bevölkerung zu schützen, die mit der möglichen Ausbeutung von Uran und der Perspektive von Bergen giftigen Abfalls einer geplanten Uranmine konfrontiert sind. Wegen der unkalkulierbaren Gefahren dieser Technologie ist seine Schlussfolgerung, dieses Erz, ohne es zu berühren, zu lassen, wo es ist: im Untergrund. Der Minenminister von Mali, Amadou Cisse, betont die Wichtigkeit dieses wissenschaftlichen Treffens und wünscht, dass bei der Realisierung einer Uranmine diese Erkenntnisse respektiert werden. Er fährt fort: «Der Kampf gegen die Armut ist zu oft begleitet von einem Mangel an Wissen. Man muss die lokale Bevölkerung mit einbeziehen und Fehler verhindern, die anderswo gemacht wurden.»
Günter Wippel vom Uranium-Network gibt einen Überblick über die Technologien und die Gefahren von Uran. Sein Beitrag wird ergänzt vom Ingenieur der Kernphysik und Verantwortlichen des Laboratoriums CRIIRAD 2 in Frankreich, Bruno Charyeron. Da er die Situation in Falea selbst kennengelernt hat, beschreibt er u.a. alle Schäden, die wärend der Probebohrungen durch die Firma Rockgate Capital Corp (RCT) vor Ort angerichtet wurden. «Selbst die Explorationsphase ist oft von Auswirkungen des hochgiftigen Gases Radon3 begleitet». Überall, wo Uran abgebaut wird, werden Berge radioaktiven Materials hinterlassen, dessen Staub auf Dauer die Bevölkerung der Umgebung kontaminiert und das Grundwasser vergiftet.
Auf diese Einführung folgen die Berichte von Personen aus Gabun, Namibia, Niger, Kongo, Sambia, dem Staat Neu-Mexico in den USA, Jadugoda in Indien, Südafrika und Kanada, welche die Auswirkungen des Uranabbaus in ihren Ländern beschreiben. Esther Yazzie, eine Indigena vom Stamm der Navajos, erzählt sehr emotional die katastrophale Situation in ihrem Geburtsland nach 60 Jahren Abbau dieses Erzes. Sie erinnert an das, was uns mit unserer Erde verbindet und die notwendige Wachsamkeit der Zivilgesellschaft. Bei den Navajos haben sie eine ganze Generation verloren: Tod durch Lungenkrebs durch das Einatmen von Radon in den Minen und ihrer Umgebung.
Verseuchung durch die französische Nuklarindustrie
Der Bericht von Frau Salli Ramatou aus Niger4 sollte überall bekannt gemacht werden. Entgegen den Versprechungen, die vor 40 Jahren zu Beginn der 159 Uranminen in diesem Land gemacht wurden, werden die Menschenrechte immer noch mit Füßen getreten. Entwicklung und Wohlstand sind nicht existent. Der Hauptverantwortliche ist AREVA. Diese französische Gesellschaft, weltweit Nummer eins der Nuklearindustrie, hat peinlich genau darauf geachtet, dass das Niveau der Armut auf dem Stand von 1996 bleibt. Niger leidet unter einer großflächigen radioaktiven Verseuchung: Berge von radioaktivem Staub in der Größenordnung von 35 Millionen Tonnen werden kontinuierlich vom Wind erodiert. Frau Ramatou endet mit dem Satz: «Zwei von drei Glühbirnen in Frankreich brennen dank nuklearen Treibstoffs aus Niger, das heute eines der ärmsten Länder der Erde ist.»
Drei Wissenschaftler und Mediziner, Doug Brugge, Professor an der Tufts Medical School in Boston, USA, Frau Dale Dewar aus Kanada, auch Medizinerin, und Dr. Shriprakash aus Jadugoda, Indien5, haben ihre Analysen zu den Auswirkungen von Uran und seiner Radioaktivität auf die Gesundheit der Menschen dargestellt: Leukämie, Lungenkrebs, Nierendysfunktion, dauerhaft erhöhte Rate von Missbildungen durch Erbschäden. Marc Ona Essangui erinnert daran, dass Areva auch in Gabun Verheerungen angerichtet hat. Heute noch, nach der Schließung der Mine in Mounana 1999, haben die Einwohner keine andere Wahl, als ihre täglichen Mahlzeiten mit radioaktiv verseuchtem Wasser zuzubereiten. «Und Areva plant die Wiedereröffnung der Minen in Gabun». Golden Misabiko, ist ursprünglich aus der Demokratischen Republik Kongo (RDC). Er ärgert sich über den Namen seines Landes. Die Wörter Republik und demokratisch stören ihn. Nachdem er eine Untersuchung zu AREVA im Kongo veröffentlich hatte, wurde er am nächsten Tag verhaftet. Er musste ins Exil gehen. Die Ausbeutung der Minen ist dort am rentabelsten, wo die multinationalen Konzerne nicht durch die Beachtung von Menschenrechten, Umweltauflagen, Rechtsstaat oder Demokratie eingeschränkt sind.
Nouhoum Keita, Öffentlichkeitsreferent von ARACF, beschreibt, dass dank einer lokalen Mobilisierung und eines Netzes internationaler Solidarität ARACF zu einem nicht zu umgehenden Akteur in dem Verfahren der so genannten good governance, das heißt der Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfung, geworden ist. Trotzdem muss er der Regierung und den beteiligten Ministerien vorwerfen, dass sie ihre Versprechen, Informationen bereitzustellen, nicht einhalten. Die gewählten Abgeordneten, einige Einwohner und der traditionelle Dorfchef unterstützen den Beitrag von Nouhoum Keita durch Kommentare. Sie wollen und sie werden zu diesem Projekt des Uranabbaus Nein sagen. Die Bewohner aus Falea bedanken sich bei den Gästen, die von weit hergekommen sind, um sie zu unterstützen.


Die Arroganz der Macht


Der Repräsentant des Minenministeriums, Seydou Keita, schwärmt vom Reichtum an Bodenschätzen in Mali, das zurzeit etwa 50 Tonnen Gold pro Jahr exportiert6. Er unterlässt es, darauf hinzuweisen, wie viel davon jährlich im Land bleibt. Mali ist der drittgrößte Exporteur von Gold des afrikanischen Kontinentes, was im Land aber nicht spürbar ist. Der Sprecher des Ministers zeigt mittels einer Powerpoint-Projektion ein Schema, wie der Ertrag im Land aufgeteilt wird. Eine vorgetäuschte Transparenz, bei der die grundlegende Information verborgen bleibt. Ein gewisser Unmut wird spürbar. Er führt vor, dass der Uranabbau ohne Schäden für die Bevölkerung möglich sei: «…dank Gott, der den Maliern die Intelligenz gegeben hat. Solange es Konzerne gibt, die sich für unsere Rohstoffe interessieren, werden wir diese empfangen! Sie können hier im Saal diskutieren, was Sie wollen.» Er wirft den Gästen vor, nur nach Mali gekommen zu sein, um Urlaub zu machen. Das war ein Wort zu viel. Eine erregte Debatte bricht los. Nach einigen Minuten gelingt es den Organisatoren, dass im Saal wieder zugehört wird. Prof. Many Camara fordert vom Vertreter des Minenministeriums eine öffentliche Entschuldigung, bevor die weiteren Redner das Wort bekommen. Seine Entschuldigung, nach langen nichtssagenden Sätzen, wird per Akklamation angenommen. Frau Ramatou erinnert an die Situation im Niger und dass Mali noch eine Chance hat, da es hier noch möglich ist, den Uranabbau zu verhindern. Eine lange Liste von Forderungen und Kritik an der kanadischen Firma RCT wird in den Beiträgen von Leuten aus Falea vorgebracht: Die Probebohrungen haben Brunnen verunreinigt, aber die Lieferung von Trinkwasser seitens der RCT wurde nach wenigen Tagen eingestellt; die Bohrmaschinen arbeiteten Tag und Nacht neben bewohnten Hütten; Kühe, die aus unerklärlicher Ursache gestorben sind, nachdem sie Wasser neben schlecht gesicherten Bohrlöchern getrunken hatten... Die Möglichkeit, Nein zu dem Minenprojekt zu sagen, ist die Volksbefragung. Das ist ein Vorgang, der Bestandteil der Umwelt- und Sozialverträglichkeitsstudie ist. Wird nur eine kleine Delegation der Einwohner das Wahlrecht haben, oder wird jede und jeder der 17.000 Einwohner von Falea das Recht haben, seine Meinung zu sagen? Wird eine für den multinationalen Konzern negative Entscheidung respektiert werden? Kann die Bevölkerung auf die Regierung zählen?
Das Treffen von Bamako bestätigt die Wichtigkeit des Informationsaustauschs, des Vernetzens von verschiedensten Akteuren und die Forderung nach Respektierung demokratischer Prinzipien, die man aus ihrer rein dekorativen Rolle herausreißen muss. Die Einwohner von Falea wollen ernst genommen werden. Die Einwohner des ganzen afrikanischen Kontinents können sich nicht damit zufrieden geben, was der Generaldirektor von Paladin-Energy im Jahr 2006 in Australien so ausgedrückt hat: «The Australians and Canadians have become oversophisticated in environmental and social consent over Uranium Mining. The Future is Africa.»


Epilog


Einige KonferenzteinehmerInnen begaben sich nach Falea. Fünf Stunden auf der neuen Straße nach Kenieba, nahe der senegalesischen Grenze, und anschließend 80 km Schotterpiste, noch einmal vier Stunden. Die Asphaltstraße wurde übrigens von einem Konsortium aus chinesischen, japanischen und französischen Gesellschaften gebaut. Die Arbeiten wurden aus diversen staatlichen Entwicklungsfonds im Hinblick auf die zahlreichen Minenprojekte in der Region finanziert. Nach der Rückkehr nach Bamako: ein militärischer Staatsstreich. Der Präsident Amadou Tournai Touré (ATT), einige seiner Minister, Generäle und Obersten wurden verhaftet7, der Flughafen und die Grenzen geschlossen. Wir waren vorläufig blockiert, unsere Rückkehr nach Europa musste verschoben werden. Man sprach nur von wenigen Toten. Die Bevölkerung blieb sehr ruhig und zurückhaltend. Einige Plünderungen und Beschlagnahmungen von Autos fanden statt. Schon nach drei Tagen hatte man den Eindruck einer gewissen Normalisierung. Die Soldaten wurden aufgerufen, in ihre Kasernen zurückzukehren. Die Junta ordnete die Wiederaufnahme der Arbeit ab Dienstag, den 27 März, 7.30 Uhr, an. Sie erklärte, die Macht übernommen zu haben, um die Demokratie zu verbessern und den Staat wiederherzustellen. Die Arroganz des Ministers und besonders seines Repräsentanten während des Treffens «Uran, Gesundheit und Umwelt» war von den Einwohnern von Falea sehr heftig zurückgewiesen worden. Ein grosses Murren war durch das Kongresszentrum gegangen. Inzwischen haben wir gehört, dass viele Faleaner sogar hoffen, dass die jungen Putschisten des «Nationalen Komitees für die Verbesserung der Demokratie und die Wiederherstellung des Staates» (CNRDRE) die Korruption eindämmen und es nicht zulassen werden, dass die Minengesellschaften ihre Angewohnheiten beibehalten, unter dem Tisch Gelder hinüber zu schieben, die sich in ministerielle Villen und Schmiergelder verwandeln, der lokalen Bevölkerung ein paar Krümel und die Schäden zu überlassen und die gemachten Erträge in Steueroasen zu transferieren.


 


Literatur:
Unterlagen zur Vorbereitung der Konferenz in Bamako zu bestellen bei: Uranium Network.org
Joachim Tschirner: Yellowcake - Die Lüge von der sauberen Energie, Kino- und Fernsehfilm, 108 min.
Kerstin Schatz, Uranium is it a country, Dokumentarfilm
Susanne Boos, Fukushima lässt grüßen, die Folgen eines Supergaus, Rotpunktverlag, Zürich, 2012
1. NGO, die 1985 den Friedensnobelpreis erhielt
2. Unabhängige Kommission für Forschung und Information über Radioaktivität, Sitz in Valence, Frankreich
3. Radioaktives, farb- und geruchloses Gas. Radon ist vor allem in Granitgestein, Vulkanerde und uranhaltigem Gestein vorhanden.
4. Bericht der Gruppe für Überlegung und Aktion bezüglich der Extraktionsindustrien in Niger.
5. Black Magic of Uranium at Jadugoda www.idpd.org
6. Im Wert von ungefähr 600 Millionen Euro (393 Milliarden Francs CFA) bei einem Tageskurs von 12Euro/g Gold
7. Zurzeit, in der ich diesen Artikel schreibe, wissen wir noch nicht, ob der Minenminister auch verhaftet wurde

verfasst von Hannes Lämmler FCE - France,  20.05.2012, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 204 (05/2012)

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