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Mehr zu meinem Artikel über den «Mehlkrieg»

Lange vor Marx hatten die Kapitalisten begriffen, dass man Sklaven gut ernähren musste, damit sie effizient arbeiteten, oder um die «Reproduktion ihrer Arbeitskraft» zu gewährleisten. Seit einiger Zeit aber zahlt die Gesellschaft dem modernen Sklaven einen Hungerlohn, der es ihm nicht mehr erlaubt, sich zu ernähren, geschweige denn zu konsumieren.

Doch die Lohnempfänger sind nicht die Mehrheit: In einigen Ländern betrifft die «informelle» Wirtschaft und die gegenseitige Hilfe innerhalb von Familien bis zu 80 Prozent der Bevölkerung. Das Tageseinkommen beträgt hier 1 bis 1,5 Euro pro Person. Wenn der Preis für ein Kilo Reis, Bohnen oder Mehl von 1 auf 1,5 Euro steigt, so verringert sich die Nahrungsmittelration um die Hälfte. Nur die freien Bauern sind nicht vollständig von diesem System abhängig, da sie meistens auf sehr bescheidene Weise für ihre Grundbedürfnisse aufkommen, indem sie ihren Lebensraum auf kluge Art nutzen.

Seit über 100 Jahren fallen die Landwirtschaftspreise vor allem aufgrund der enormen Produktivitätssteigerung, was billige Nahrungsmittel und niedrige Löhne zur Folge hatte. Die Kehrseite der Medaille im kapitalistischen System ist, dass es immer weniger zahlungsfähige Käufer für immer mehr Erzeugnisse gibt. Keine Kapitalakkumulierung mehr auf dem Rücken der Arbeiter! Wie aber unter diesen Umständen noch Geld verdienen, wenn nicht durch Spekulation? Oder durch die Aneignung von Boden, indem man die Bauern von ihrem Land vertreibt?

Der heutige Kapitalismus versorgt nur mehr die zahlungsfähigen Reichen und überlässt die Armen ihrem traurigen Schicksal, demütigt sie und stößt sie aus der Gesellschaft aus. Die Militarisierung ist da, um das «Jagdrevier» abzusichern und zu vergrößern, um die immer zahlreicheren Revolten niederzuschlagen.

Abhängigkeit - Autonomie

Das Welternährungsprogramm der UNO kümmert sich jetzt um alles: Seine Rolle besteht darin, die Überschüsse in Form von Nahrungsmittelhilfe abzusetzen. Dies wird von den Ländern finanziert, welche die Überschüsse produzieren. Am Ende kosten sie die Gesellschaft doppelt so viel. Es ist interessanter, andere Länder in Abhängigkeit zu halten, als deren Autonomie zu fördern. Wenn man von «Hungerrevolten» spricht, muss man auch über die Bauern reden, den Bauernstand, die Widersprüche, die kon-fliktreichen Beziehungen zwischen Stadt und Land. In unserer reichen Hemisphäre gibt es keine Hungerrevolten, auch wenn viele den Gürtel immer enger schnallen müssen. Die Landwirtschaft ist produktiv, das Ende der Bauern steht bevor, der Prozess der Landflucht ist beinahe abgeschlossen (außer in den osteuropäischen Ländern), die ländlichen Gebiete werden oft von ehemaligen Städtern bevölkert. Hungerrevolten gibt es vor allem in den Großstädten der armen Länder. Warum?

Natürlich hat die Erhöh-ung der Grundnahrungsmittelpreise das Fass zum Überlaufen gebracht. Diese Erhöhung ist nichts anderes als die unmittelbare Folge der künstlichen Preissteigerung der landwirtschaftlichen Grunderzeugnisse auf dem Markt. Die Städte sind vollständig abhängig von einer Versorgung von außen. Die Bauern haben etwas mehr Spielraum. Einige berühmte Wirtschaftsfachleute wie der Russe Tschajanov in den 1920er Jahren oder Theodor Shanin in den letzten Jahrzehnten, haben die Organisation der bäuerlichen Wirtschaft und ihre Fähigkeit, sich an alle Situationen anzupassen, sehr genau untersucht. Leider wurden die Studien fallen gelassen; sie wären sehr nützlich um zu sehen, wie die Bauern heute auf Veränderungen und Krisen reagieren. Fest steht, dass die Bauern, auch wenn es in China, Indien und Afrika noch viele gibt, Schritt für Schritt von den Gesetzen der Marktwirtschaft oder manu militari durch eine städtische Raum und Energie fressende Gesellschaft von ihrem Land verjagt werden.

Auf dem Land bleiben

Jacques Chonchol, der ehemalige chilenische Landwirtschaftsminister unter Salvador Allende, erklärte bereits in den 1980er Jahren, dass die einzige Lösung darin bestünde, der Landbevölkerung durch eine gezielte und intelligente Politik die Mittel zu geben, auf dem Land zu bleiben. Genau das Gegenteil von dem, was seit 30 Jahren geschieht. Der klarsichtige französische Umweltexperte René Dumont berührte bereits in den 1960er Jahren diesen wunden Punkt. Nach der Revolution und der Hinrichtung der Ceaucescus gab es in Rumänien eine Bewegung zurück aufs Land. Es war sicherer, bei den auf dem Land verbliebenen Familien unterzukommen und zu essen als in den Städten den die Familienbande bestanden noch. In den «Barrios» von Caracas sind es auch die Familienbeziehungen, welche gegenseitige Hilfe gewährleisten und etwas Öl in die verrosteten Zahnräder der Gesellschaft bringen. Dort wo die Beziehungen zwischen Stadt und Land nicht mehr existieren, ist die Lage viel explosiver; dort wo die einzigen Ressourcen der Bevölkerung in den privaten oder staatlichen Supermärkten liegen, wo die Abwanderung vom Land in die Städte unumkehrbar geworden ist.

Rückblickend sehen wir, dass das Sinken der landwirtschaftlichen Preise seit mehr als 100 Jahren zur Verarmung zahlreicher Länder beigetragen hat. Die niedrigen Preise verunmöglichten es Millionen von Bauern, ihre Höfe weiter zu entwickeln, sogar sich zu ernähren, und zwangen sie in die Slums. Die Armut auf dem Land und die Abwanderung haben die Misere in den Städten verstärkt, sodass es heute schon mehrere Generationen von Armen gibt. Nach den «fetten Jahren» (1950-75) der Vollbeschäftigung und der Überproduktion, stehen wir heute in der ganzen Welt dem Verfall der Kaufkraft, dem Ansteigen der Arbeitslosigkeit, und seitens des Kapitals der Suche nach rentablen Geldanlagen mittels Spekulation gegenüber. Die weltweite Arbeitslosigkeit und Armut beschränkt die Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Produkte.

In den Entwicklungsländern werden die Löhne an die Marktpreise der lokalen Arbeitskräfte angepasst, die 30 bis 40 Mal niedriger sind als in den reichen Industrieländern. Der niedrige Preis der Arbeitskraft zieht niedrige Produktionskosten, niedrigere Preise für Güter und Dienstleistungen sowie sehr niedrige Löhne nach sich. Schluss-endlich ist die Ungleichheit der Löhne das Ergebnis eines ungleichen Wettbewerbs zwischen Produzenten, die von der Geschichte und der Geographie mit einem ungleichen Erbe bedacht wurden, auf einem globalisierten Markt. Das Verhältnis Produktivität - Arbeitskraft kann von 1 bis 500 variieren, wenn man einen senegalesischen Bauern, der mit der Hacke arbeitet, mit einem hoch mechanisierten Getreidebauern aus Mittelfrankreich vergleicht. Im gleichen Zuge verschwanden auch die Kleinbauern des Nordens. Dazu kommt ein immer niedrigerer Preis für exportierte Rohstoffe, landwirtschaftliche und andere, der bestimmte Länder und soziale Klassen in eine Schuldenspirale hineingezogen hat. Die steigenden Importe von Billigprodukten in den armen Ländern führen zu einem Rückgang des Anbaus von Nahrungsmitteln für den Verkauf, obwohl die Nachfrage in den Städten ständig steigt.

Der Verbrauch pro Kopf ist weltweit zurückgegangen, trotz oder gerade wegen der Billigimporte. Das Fallen der landwirtschaftlichen Preise, das seit über 100 Jahren andauert, hat eine Verminderung der Kaufkraft der armen Bauern sowie eine Hemmung ihrer Entwicklung nach sich gezogen. Die Folgen waren eine Kapitalverringerung, Umweltschäden, eine verminderte Nutzung der landwirtschaftlichen Ressourcen, geringerer Verbrauch, Unterernährung, Verschuldung, Abwanderung und Selbstmorde.

 Zukunftsplanung unmöglich

Die «grüne Revolution» hat diesen Prozess nur beschleunigt, indem sie die Vielfalt der Kulturen, Ga-rantin für eine ausreichende Ernährung, auf dramatische Weise verringerte.

Die derzeit hohen Getreidepreise sind ein Segen für die Bauern, die Land besitzen. Aber dieser künstliche Anstieg verstärkt nur den Einkommensunterschied zwischen reichen Landwirten und armen Bauern, welche auf dem globalisierten Markt in Konkurrenz zueinander gebracht wurden. Die Preisschwankungen machen Planungen für die Zukunft unmöglich. Die Mehrheit der Bauern besitzt kleine Landstücke (0,5 bis 2 Hektar), gerade genug, um ihre Familien zu ernähren. Auf unserem Planeten leben heute sechs Milliarden Menschen, davon die Hälfte auf dem Land. Unter den eineinhalb Milliarden Kleinbauern befindet sich die Mehrheit der 800 Millionen Menschen, die unterernährt sind. Im Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung zwischen neun und zehn Milliarden betragen; die weltweite landwirtschaftliche Produktion müsste verdoppelt werden.

Heute werden 1,5 Milliarden Hektar bebaut, laut FAO (Welternährungsorganisation) stünden 4,2 Milliarden zur Verfügung. Die «moderne» Landwirtschaft betrifft nur zwei Prozent der Bauern, die maschinell arbeiten. Die überwiegende Mehrheit benützt nur Handwerkzeuge, eine kleine Minderheit Tiere. Nur etwa die Hälfte des produzierten Getreides wird konsumiert: 25 Prozent gehen bei der Lagerung verloren, 45 Prozent werden an Tiere verfüttert, wobei eine Kalorie Fleisch 10 Kalorien Getreide entspricht.

Die «Agro-« oder «Nekro-treibstoffe», wie sie der Agronom Jean-Pierre Berlan nennt, verschlimmern die Lage: Landwirtschaft von Reichen für reiche Verbraucher. Die Mehrheit der Hungerleidenden sind entwurzelte Bauern, die von ihrem Land verjagt wurden, oder solche, die noch mit ihrem kleinen Landstück verbunden sind. Mancher-orts ist auch schon die «Mittelschicht» betroffen.

Die Revolten der hungrigen Stadtbevölkerung erregen mehr Aufmerksamkeit als die dramatische Lage des Bauernstandes, dessen Bedeutung und direkte Verbindung mit den Städten wir aber klar sehen müssen.

Um die Menschheit zu ernähren und viel schlimmere Hungersnöte abzuwenden, muss der Bauer seinen Platz in der Gesellschaft wieder finden, müssen Solidarität, Austausch und Komplementarität auf lokaler Ebene wieder hergestellt werden, um den Teufelskreis der Abwanderung in immer unmenschlichere Städte zu durchbrechen. Der Boden und das Wissen existieren.

Nur eine kleine Frage zum Schluss: Wie viele landlose brasilianische Bauern könnten auf der 200.000 Hektar umfassenden privaten «Fazenda» der Familie Logemann leben, welche von der Weltbank finanziert wird und genetisch manipulierte Baumwolle, Mais Soja und Kaffee für den Export produziert?

 

Quellen: La France Agricole – Hervé Le Bras, Demograph

Marcel Mazoyer, Laurence Roudart: Histoire des agricultures du monde (Geschichte der Landwirtschaft weltweit)

 

verfasst von Jacques Berguerand (Longo maï, Frankreich),  01.12.2008, eingestellt von ute
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 165 (11/2008)

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