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MEXIKO: Atenco, eine Gemeinde wehrt sich gegen die Metropole

Atenco, dieser Name ruft bei vielen Erinnerungen wach: etwa die von einem erfolgreichen Kampf gegen ein Flughafen-Bauprojekt, das symbolträchtige Bild der in den Himmel emporgereckten Macheten, oder die Erinnerung an eine furchtbare staatliche Repression1. Manche erinnern sich auch an die darauffolgenden Begegnungen mit BewohnerInnen Atencos, die mehrmals in Europa von ihrem Kampf berichteten. Sie erzählten auch von ihrer Geschichte und der politischen Kampagne, die sie in den letzten Jahren geführt haben, um alle Gefangenen wieder freizubekommen, die der Repressionswelle von 2006 zum Opfer gefallen waren.


Im Alltag steht der Name Atenco hingegen für eine große ländliche Gemeinde, die im nordöstlichen Agglomerationsgürtel von Mexiko City liegt und an einen großen Autobahnring grenzt. Eine Ortschaft wie viele andere in Mexiko – insofern, als sie und die benachbarten Dörfer die enormen Landwirtschaftsflächen bewahren konnten, welche in den umliegenden Gemeinden schon von der Ausbreitung der mexikanischen Hyper-Megametropole geschluckt wurden. Von Nordwest nach Nordost: Nacala: 800.000 EinwohnerInnen, Tlalnepantla: 600.000, Tultepec: 500.000, Coacalco: 450.000, Ecatepec: zwei Millionen, Atenco: 50.000 EinwohnerInnen, allerhöchstens! Auf einer Satellitenkarte der Hauptstadt ist Atenco einfach zu finden, die Gemeinde bildet die Form einer schwarzen Mondsichel im Nordosten der Hauptstadt, inmitten eines Lichtermeers von Millionen Backsteinhäuschen. Atenco also, eine kleine Ortschaft ohne einen einzigen Supermarkt, weder „Oxxo“ noch „7eleven“, mit seiner dörflichen Atmosphäre, seinen Fahrrädern und Velotaxis, feierte gerade Karneval, als der Konflikt mit Antorcha im Februar 2012 ausbrach.
Antorcha Campesina (die bäuerliche „Flamme“ oder „Fackel“) ist eine Massenorganisation, die in enger Verbindung zur PRI (Institutionelle Revolutionäre Partei) steht, der Einheitspartei, welche Mexiko während mehr als 70 Jahre regiert hat. Ganz im Gegensatz zu ihrem Namen hat Antorcha nichts Bäuerliches an sich, sondern ist vielmehr auf die Invasion von Landflächen spezialisiert und ein Hauptakteur der wilden Urbanisierung in den noch ländlichen Zonen rund um die Hauptstadt. Am 20. Februar 2012, um die Mittagszeit, versuchte die Antorcha – unter der Leitung eines gewissen Rubén Pacheco – in das Territorium des atenqueser Ejidos (bäuerlicher Kollektivbesitz2 San Antonio einzudringen. Als Vorwand diente der Ausbau einer Straße. Auf diese Weise wollte sich die Antorcha in der Nähe des Stadtzentrums von Atenco einnisten. Die Organisation, die mit schweren Maschinen, 20 sogenannten Ingenieuren und Angestellten, mit Rubén Pacheco und einer Gruppe von Antorchistas aufgefahren war, musste bald unter dem Druck der mobilisierten Bevölkerung und der „Volksfront der Dörfer zur Verteidigung des Bodens“ zurückweichen, welche entschlossen waren, der Organisation den Zutritt auf das Gebiet Atencos zu verwehren.


Antorcha Campesina


Diese Organisation entstand Mitte der 1970er Jahre in den indigenen Regionen des Bundesstaates Puebla. Ihr Initiator, der maoistische Agroingenieur Aquilés Cordova Moran, war ebenfalls Gründer der „Kommunistischen Partei der mexikanischen Arbeiter“ und der „Nationalen Föderation der bolschewistischen Organisationen“. Antorcha Campesina trat, wie viele andere maoistische Organisationen dieser Zeit, mit einer „Politik der zwei Gesichter“ auf: Organisation der proletarischen Massen und revolutionärer Diskurs nach innen, nach außen eine Strategie der Unterwanderung der offiziellen Machtstrukturen und der Regierung. In Wirklichkeit dienten derartige Organisationen vor allem als Instrument und die Mitglieder als Kanonenfutter für die Manöver der neuen politischen Eliten innerhalb der offiziellen Partei, um Teile der damaligen revolutionären Bewegungen zu kontrollieren und zu infiltrieren.
Zunächst unterstützt von den Machthabern des Bundesstaates Puebla, breitete sich Antorcha Campesina rasch über das ganze Land aus – unter der finanziellen und administrativen Schirmherrschaft der Brüder Salina de Gortari, welche die geheimen, wahren Paten des „mexikanischen Maoismus“ waren. Die Verquickungen mit der Regierung verschafften der Organisation auch viele Subventionen, die in die Förderung der Landwirtschaft und in die ländliche Entwicklung hätten fließen sollen, aber an ihre Anhängerschaft umgeleitet wurden. Dies geschah vornehmlich dort, wo in den indigenen Gebieten radikale und vom Staat autonome bäuerliche Bewegungen im Entstehen waren.
Seit den frühen 1980er Jahren begann sich Antorcha für die Armenviertel an der Peripherie der großen Städte zu interessieren und dort auch Fuß zu fassen. Dabei verdrängte sie andere Organisationen, welche für die ärmeren Viertel kämpften, die ihrerseits unabhängig und meist in Opposition gegen die Regierung und ihre Partei waren. Unter der Leitung von Jesus Tolentino Roman Bojorquez, Lehrer in der neuen Armuts-Agglomeration im Osten von Mexico-City, wurde die Antorcha popular („Flamme des Volkes“) gegründet – eine urbane Version von Antorcha campesina.
Die Antorcha Popular orientierte sich an anderen Volksbewegungen Lateinamerikas: Invasion oder billiger Aufkauf von Landwirtschaftsland an der Peripherie der Städte, welches dann aufgeteilt und günstig weiterverkauft wird an die Basis-AktivistInnen, die sich dadurch den Entscheidungen und der Disziplin der Organisation zu unterwerfen haben. Antorcha profitiert von ihren Kontakten im Staatsapparat, und die armen Leute treten der Organisation bei, weil sie hier mit einem zügigen Aufbau der Infrastrukturen rechnen können: Drainagen, Asphaltierung der Straßen und der Anschluss ans Stromnetz werden in den neu besiedelten Gebieten rasch bewerkstelligt – die Gegenleistung sind die Stimmen der Antorcha-Anhängerschaft für die PRI-Kandidaten. Es ist fast unmöglich, ja lebensgefährlich, für die BewohnerInnen jener neuen Viertel, die Wahlbefehle und Demonstrationsaufrufe der Organisation zu ignorieren oder zu verweigern.
In Ixtapaluca, Chimalhuacan und zahlreichen anderen alten Ortschaften in der östlichen Agglomeration der Hauptstadt sind auf diese Weise Hunderte Hektar Acker- und Weideland überbaut worden. Heute leben Hunderttausende Menschen unter prekären Bedingungen auf den ehemaligen Landwirtschaftsflächen. Für die politischen Eliten bot die Zersiedelung dieser Flächen eine unerwartete Chance, sie zwangsweise zu urbanisieren, gerade dort, wo Kollektivbesitz des Bodens die gewünschte Expansion behinderte. Hinzu kommt, dass die neuen Wohnkolonien eine riesige politische Klientel darstellen mit hunderttausenden WählerInnen. Seit Enrique Pena Nieto 2005 zum Gouverneur des Hauptstadtbezirks gewählt wurde, erlebt die Antorcha eine rasante Entwicklung rund um Mexico-City, da ihr immer mehr öffentliche Aufträge und die Durchführung von Programmen übertragen werden. Von einer Randerscheinung ist sie so zu einer Organisation herangewachsen, die in zahlreichen Gemeinden eine führende Stellung eingenommen hat. So zum Beispiel in Chimalhuacan, einer der ärmsten und bevölkerungsreichsten Vororte im Osten von Mexico-City, wo Antorcha nach blutigen Zusammenstößen die Kontrolle über den Gemeinderat übernommen hat. Nun schielt die Organisation nach den landwirtschaftlichen Flächen von Texcoco und Atenco. Es ist  in diesem Zusammenhang auch zu sehen, dass Pena Nieto, PRI-Kandidat und Favorit für die Präsidentschaftswahlen im Juli 2012 einer der wichtigsten Mäzene und politischen Unterstützer von Antorcha ist. Der Kandidat hat die Organisation zu einem Eckpfeiler seiner Wahlstrategie in der Region gemacht.
Texcoco ist ein ehemaliges prähispanisches städtisches Zentrum, das traditionell von der PRD (Demokratische Revolutionäre Partei3 regiert wird und im Norden der von Antorcha kontrollierten Agglomeration von Chimalhuacan liegt. In Texcoco hat die Organisation während der letzten Jahren ihre Aufkäufe und Überbauungstätigkeit intensiviert. Seither sind auf riesigen ehemaligen Landwirtschaftsflächen urbane Kolonien entstanden: Auf mehr als 40 Hektar wurden in einem Handstreich Häuser für 2.000 Familien gebaut. Kürzlich hat der Staat weitere 38 Hektar aufgekauft und Antorcha Campesina beauftragt, sie in Parzellen aufzuteilen und weiterzuverkaufen.


Widerstand


Die BewohnerInnen des angrenzenden Dorfes Cuautlalpan und die lokalen Kräfte der PRD, die sich Anwerbungs- und Einschüchterungsversuchen ausgesetzt sahen, treten seit 2011 vermehrt mit Gerichtsverfahren, Demonstrationen, der Besetzung des Gemeindeamtes von Texcoco und Straßenblockaden gegen Antorcha Campesina in Aktion, um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Situation zu lenken und die Kräfteverhältnisse vor Ort zu verändern.
In Atenco war die Präsenz der Organisation bisher marginal und wird erst seit kurzem problematischer. Seit langem war sie in den Dörfern von Ixtapan und Nexquipayac im Norden der Gemeinde vertreten. Doch richtig entwickelte sich Antorcha Campesina erst seit Ende der 1990er Jahre am Rande des „Monstervororts“ Ecatepec. Bedrängt von den skrupellosen Investoren begannen die BäuerInnen der umliegenden Weiler, unter Mithilfe von korrupten lokalen Verwaltern der Ejidos, ihr Land zu verkaufen und Flächen illegal aufzuteilen. Die auf diesen Flächen neu entstandenen Siedlungen sind ständig von der Räumung bedroht und es fehlt jegliche Infrastruktur (Strom, Wasser, Abwasser). Gleichzeitig sind sie ein gefundenes Fressen für Antorcha Campesina, die im Austausch gegen die politische Kontrolle in diesen Siedlungen ihre Beziehungen zu den Behörden spielen lässt, um die Überbauungen zu legalisieren und Infrastrukturen einzurichten. Die Organisation zählt heute auf Rubén Pacheco, um bei den nächsten Wahlen Atenco unter ihre Kontrolle zu bringen. Pacheco, lokaler Unternehmer und ehemaliger Verwalter des Ejidos von Ixtapan, ist einer der Hauptverantwortlichen für die illegalen Verkäufe. Dieses Manöver würde Antorcha, wie in Texcoco, den Bau neuer Siedlungen ermöglichen und damit der PRI eine große Masse WählerInnen verschaffen – genug, um das Flughafenprojekt neu zu lancieren.
Die Manöver von Antorcha sind zu einem Hauptthema bei der Mobilisierung der „Volksbewegung der Dörfer zur Verteidigung des Bodens“ und der Flughafen-GegnerInnen geworden. Darüber hinaus zeichnet sich auch eine Allianz zwischen der Volksbewegung in Atenco und den aufgebrachten EinwohnerInnen des Dorfes Cuautlalpan in Texcoco ab. Am 18. März fand ein lokales Forum gegen die Präsenz von Antorcha statt, zu dem mehrere Tausend Personen kamen. Zwar bestehen Spannungen zwischen der Volksbewegung von Atenco und der PRD von Texcoco, die sich mit ihrer Beteiligung an diesem Kampf die Weste reinwaschen möchte, aber die Bedrohung durch Antorcha vereint nun neuerlich die Bevölkerung der Dörfer der Region, die besorgt zusehen müssen, wie sich ihre Umgebung in einen riesigen neuen Vorort verwandelt und einer zügellosen Günstlingswirtschaft unterworfen wird.


1. Im Jahr 2006 wüteten die Behörden und 3000 Polizisten mit äußerster Brutalität in Atenco. Dabei wurden Javier Cortes und Alexis Benhumea ermordet, an die dreißig Frauen vergewaltigt und sexuell gefoltert, zahlreiche gewalttätige Übergriffe und Fälle von Hausfriedensbruch im Zuge von Razzien begangen und mehr als 200 Personen verhaftet. Zwölf der politisch Gefangenen wurden mehr als vier Jahre festgehalten.
2. Als „Ejido“ wird in Mexiko ein Kollektivbesitz bezeichnet, der an eine Gruppe von Bauern vergeben wird, um das Land zu bewirtschaften. Diese Besitzform ist eine Errungenschaft der mexikanischen Revolution.
3. Die Demokratische Revolutionäre Partei (PRD) ist eine politische Partei, die sich am 5. Mai 1989 von der Institutionellen Revolutionären Partei (PRI) abgespalten hat, Sie hat eine politisch linke Ideologie und gilt als eine der drei großen Parteien Mexikos.
Akuelles von der Volksbewegung der Dörfer zur Verteidigung des Bodens unter: www.blogspotpdt.com und http://cspcl.ouvaton.org

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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 205 (06/2012)

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