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MEXIKO: Auf dem Weg der Ahnen

Mit diesem Artikel beginnen wir wieder mit der Chronik des Autors Georges Lapierre aus Oaxaca. Er beschreibt aus philosophischer und politischer Sicht die Ereignisse in Mexiko und hinterfragt gleichzeitig unser Leben im heutigen Europa.


 


Nun befinde ich mich in Mexiko DF (Distrito Federal) nach einem kurzen Aufenthalt in Huichola, genauer gesagt in Awatsiat’a beim Volk der Wixarika zum 20.Treffen des Nationalen Indigena-Kongresses (CNI) an einem Ort, der Ciénega de los Caballo (auf deutsch: Pferdeschlucht) heißt. An diesem Freitag, dem 14. März 2008, spüre ich besonders stark den Kontrast zwischen den Erklärungen des ständigen Kriegstreibers George W. Bush einerseits und dem Kampf der indigenen Bevölkerung gegen den Bau einer Straße in der Pferdeschlucht andererseits: Dort die Kriegslüsternheit der grössten Weltmacht und hier das «Ya Basta» der Wixarika-Gemeinschaft, die entschlossen ist, ihr Gebiet um jeden Preis zu verteidigen. Diese ungleiche Konfrontation zwischen zwei Welten ist die Realität unserer Zeit: Zwischen einem totalitären System einerseits, das sich aus der sozialen Verwesung ernährt, und dem Widerstand von denjenigen Kulturen andererseits, die auf den Lebensweisen und – erfahrungen beruhen, welche unsere Menschheit begründet haben.


Neue Feindbilder


Auch wenn sich die europäischen Intellektuellen dieser Wirklichkeit heute noch nicht vollständig bewusst sind, haben sie die kapitalistischen Weltstrategen nicht übersehen. Der Bericht «Globale Tendenzen 2020» vom United States National Research Council über sicherheitsgefährdende Zukunftsszenarien ist sehr anschaulich. Die größte Bedrohung komme von den eingeborenen Völkern, welche die uralten Rechte über ihre Gebiete schützen wollen, die ihrerseits von multinationalen Konzernen begehrt werden. Der Bericht nimmt die Kämpfe der Eingeborenen in Chiapas, Ecuador und Bolivien als Beispiel und präzisiert: «Am Anfang des 21. Jahrhunderts gibt es in der Mehrheit der lateinamerikanischen Länder eingeborene, radikale Gruppen. Bis zum Jahr 2020 werden diese sich in exponentieller Weise vergrößern und die Zustimmung der Mehrheit der eingeborenen Völker erhalten. Diese Gruppen könnten zu internationalen Terroristen und Globalisierungsgegnern, welche die europäische Handelspolitik in Frage stellen, Beziehungen aufbauen.»


Die Berichterstattung über die Attacken gegen die FARC in Ecuador zeigen, wie der Begriff «Terrorist» immer dehnbarer wird. Terroristen sind nicht nur die militanten, bewaffneten Kämpfer in Kolumbien, sondern all diejenigen, die sich den Umtrieben des Kapitalismus entgegenstellen wie zum Beispiel die indigenen Bauern, welche gegen die Enteignung ihres Bodens kämpfen. Diese werden dann vom Militär oder von paramilitärischen Einheiten massakriert. Auf diese Weise konnten in Kolumbien sechs Millionen Hektar Land für Monokulturen zur Herstellung von Agro-treibstoffen «gewonnen» werden.


Die Vorherrschaft der kapitalistischen Welt geht so weit, dass es kaum noch konventionelle zwischenstaatliche Kriege gibt. Der Feind sitzt jetzt im Inneren des Landes, und in Ländern wie Mexiko oder Kolumbien verwandeln sich die Armeen in Polizeikräfte, die einen gnadenlosen Krieg gegen die eigene Bevölkerung führen, der keine internationalen Konventionen kennt.


Der Plan Colombia sowie die Initiative Mérida in Mexiko, die von den USA und den beteiligten Staaten unterzeichnet wurden, passen genau in diesen Raster. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass der Präsident von Peru sich fragt, «ob es nicht eine terroristische Internationale in Lateinamerika gibt», und dass die Führer der indigenen Bevölkerung in Peru und Chile mittels antiterroristischer Gesetze verurteilt werden.


Widerstand gegen


Straßenbau


Es ist 2 Uhr 30 nachts. Der Bus, in dem wir seit Guadalajara sitzen, macht einen grossen Seufzer, den letzten einer langen Agonie, und bleibt endgültig stehen. Es ist eiskalt draussen. Während wir unschlüssig herumstehen, lädt uns eine Stimme ein, uns zu denjenigen zu gesellen, die um die fogatas (Lagerfeuer) versammelt sind und auf uns warten: «Kommt Euch aufwärmen, kommt zu den lumbres». Die Einladung ist warmherzig und freundschaftlich, und wir wagen den Schritt in die tiefschwarze Nacht. Im flackernden Licht eines Lagerfeuers begegnen wir einer Gruppe von Indigenas und wir lernen einander kennen.


Dieses Lager in den Bergen, nördlich der Region Jalisco im Gebiet der Wixarika, gibt es seit einem Monat. Am 11. Februar ist das Volk der Huichol von der Gemeinde Santa Caterina Cuexcomatitlan in den Widerstand getreten. Sich jede Woche abwechselnd kommen die Familien aus der Gemeinde hierher und stellen ihr Zelt auf, das oft aus einfachen Plastikplanen besteht. Diese werden so aufgestellt, dass ein kleiner Innenhof entsteht, der durch einen Zaun aus miteinander verflochtenen Zweigen vor dem Wind geschützt wird. In der Mitte des Innenhofes brennt ständig ein Feuer, fogata, auf dem tagsüber gekocht wird und an dem man sich in der Nacht wärmt. Ein kleiner Baum wurde gespalten und so geschnitzt, dass darin eine Mühle für Mais Platz findet. Die Handmühle hat in vielen Familien die metate * ersetzt, so werden die Tortillas dicker.


Die Bewohner wehren sich gegen den Bau der Straße von Bolanos nach Huejuquilla, die über ihr Gebiet führen soll. Die Vorarbeiten sind schon weit fortgeschritten, auch wenn es sich bisher nur um eine in die Berge geschlagene Bresche handelt. Einige Mestizengemeinden und die indigene Gemeinde San Sebastian Tenochtitlan haben den Bau der Straße akzeptiert. Die letztere will jedoch auf ihre Entscheidung zurückkommen. Offensichtlich ließen sich ihre «Oberhäupter» unter dem Druck der Polizei «überreden» und unterzeichneten das Protokoll einer Gemeindeversammlung, an welcher der Bau der Straße einstimmig (!) befürwortet wurde. Der einzige Haken an der Sache war, dass die nämliche Gemeindeversammlung nie stattgefunden hatte. Vorher war genau das Gleiche in der inzwischen widerständigen Gemeinde Santa Caterina geschehen. Als die Bewohner jedoch das plumpe Manöver durchschauten, wählten sie ihre «Oberhäupter» einfach ab und erwirkten beim Gericht einen vorläufigen Baustopp.


Die Straße ist Teil eines Projektes, welches auf höchster Ebene entworfen wurde. Es hat sowohl politische als auch kommerzielle und touristische Hintergründe. Auf politischer Ebene sollen die drei nördlichen Gebiete des Staates Jalisco - Bolaños, Huejuquilla und Mezquitic - miteinander verbunden werden.


Auf kommerzieller Ebene soll die Nutzung der Ressourcen der einzelnen Regionen erleichtert und erhöht werden. Gleichzeitig wird die Strasse ein riesiges kulturelles und touristisches Projekt vorantreiben. Die Idee wurde aus Spanien abgeschaut, wo sogenannte «kulturelle Straßen» existieren. Dieses Konzept umfasst die Restauration der historischen und religiösen Monumente, die Renovierung von Bauwerken aus der Kolo-nialzeit (wie bei den Minen von Bolaños) und die Aufwertung archäologischer Fundstätten. Zusätzlich ist die Schaffung von Jagdgebieten für Touristen vorgesehen. Für all das wurden noch zwei neue Straßenverläufe beschlossen: die Straße Pèlerin und diejenige von Wixarika.


Und wo bleiben die Indigenas?


Niemand fragt die Indigenas nach ihrer Meinung, denn was gut für die kapitalistische Unternehmung ist, muss für alle gut sein: Arbeit wird beschafft, und man hört das Klingeln von Geld. Wer sagt da, dass Alles, was man Entwicklung nennt, als Nebenwirkungen Tod, Elend, Leid, rücksichtslose Ausbeutung und soziale Desintegration mit sich bringt.


Für die Welt des Profites ist es nicht vorstellbar, dass die Indigenas, z.B. die Wixaritari, eine andere Vorstellung von Entwicklung haben, die nicht der entspricht, die man ihnen aufdrängen will, und auch eine andere Idee von Reichtum. Die Welt, die aus dem Westen kommt, geht in ihrem Zynismus, der aus Ignoranz und Egoismus geboren wurde, jedoch noch viel weiter. So versichert der Tourismussekretär, dass diese Straße für die indigene Bevölkerung keine Bedrohung darstellen wird: «Wir werden die kulturellen Besonderheiten berücksichtigen, weil sie zu den Hauptattraktionen der Strecke zählen.» Erst vor kurzem weihte der Gouverneur von Chihuahua auf der Straße nach Tarahumara Hundestatuen ein, die mit der traditionellen Tracht der Raramurindios bekleidet waren, und zeigte sich erstaunt, dass diese kulturelle Verballhornung im Disneyland-Stil einen Skandal auslöste!


Eine junge Frau der Huichol meint dazu: «Más que represión, hay humillación.» (Schlimmer als die Repression ist die Demütigung!). Der Tourismussekretär wagt sogar noch von Ethik zu reden! «Wenn wir die Region weiter entwickeln wollen, dann vor allem weil es aus ethischen Gründen nicht richtig wäre, den Norden zu vergessen.»


Das Ritual der Rückkehr


Die Mütter, Schwestern und Ehefrauen weinen und klagen. Die jungen Männer gehen auf lange Wanderschaft, wo sie nach einigen Wochen des Marsches durch die Sierra zum Cerro Quemado (dem verbrannten Berg) in der Nähe von Real de Catorce kommen werden und wo sie aus zeremonieller Sicht sterben. Wenn sie nach einigen Monaten wiederkommen, werden sie in den Augen der Gemeinschaft Fremde sein. Die Ehefrauen werden ihre Männer nicht wiedererkennen und sich von ihnen abkehren. Eine Zeremonie, das Ritual der Rückkehr, wird erforderlich sein, um sie ohne Gefahr für die Gemeinschaft wieder zu integrieren.


Während dieses Rituals der Initiation, das sie unter Leitung eines Schamanen vom Pazifik zum Atlantik führt, werden die Esser der Peyote (halluzinogene Kaktusfrucht) sich im Fasten, im erschöpfenden Marsch, in Nächten voller Halluzinationen und im Göttlichen verlieren.


Sie werden die Zersplitterung ihres Wesens kennenlernen, die Auflösung ihrer Knochen, genau wie Quetzalcóatl beim Abstieg in das Reich der Toten. Danach werden sie ihr neues Menschsein erschaffen und wie der Morgenstern nach seinem versteckten Weg wiedergeboren werden. Der göttliche Elch, der auch Mais und Peyote ist, wird ihnen erscheinen, um ihnen ihren Platz im Kosmos und in der Gesellschaft zu zeigen.


Vergeblich wartete ich an diesem 10. März auf die Rückkehrer, obwohl ich mich in der Nähe des Lagers platziert hatte. Man sagte mir, dass es 29 waren und dass sie unten durch das Tal gekommen sind.


Bei den indigenen Völkern ist die soziale Ordnung mit den vielfältigen Regeln gegenseitigen Austauschs das Werk der Gesellschaft selber, deren Aufgabe es ist, diese zerbrechliche und komplexe Organisation aufrecht zu erhalten. Was wir unter Tradition verstehen, ist eine menschliche Kreation, das Werk der Ahnen, die die Regeln des Zusammenlebens erfunden und vorgeschrieben haben.


Diese Gesellschaften werden also von menschlichem Willen gelenkt, dem der Ahnen, die sehr talentiert waren, die Menschen dazu zu bringen, miteinander zu kommunizieren.


Dort wo diese Ordnung zerbrochen ist, tritt eine abstrakte, rein emotionelle Einigkeit an deren Stelle: Der Glaube an einen einzigen transzendentalen Gott und/oder an einen charismatischen Führer wie Moses, Jesus oder Mohammed. Der Geist der Ahnen verschwindet zum Vorteil einer transzendentalen Macht oder heutzutage zum Profit der unsichtbaren Hand des Marktes.


Der Nationale Indigene Kongress in Wixarika


Auf Anfrage der Gemeinde Wixarika aus Tuapurie hat der Nationale Indigene Kongress beschlossen, die XX. Versammlung in diesem Ort des Widerstands abzuhalten. Auch wenn die Straßen für das Militär, die Touristen und den Handelstransport gebaut werden, kommt es manchmal vor, dass sie Delegierte weit entlegener Gegenden benutzen, um sich zu treffen. Es kamen Delegierte aus Oaxaca, dem niederen Kalifornien, Milpa-Alta, Colima, Michoacan, Jalisco und Durango. Die Raramuri aus Chihuahua und die Nanu aus Atlapulco schickten Solidaritätsadressen. Es wurden vier Diskussionsgruppen zu verschiedenen Themen gebildet: über die Megaprojekte, die staatliche Repression, die sozialen Auswirkungen der Regierungspolitik und über die Handelsverträge. Die Verquickung all dieser Themen ist so eng, dass wir an dem Tisch, an dem ich saß, alle Punkte miteinander besprachen. Ich möchte nicht die ganze Diskussion wiedergeben und nur einige der wichtigsten Megaprojekte aufzählen, die Erwähnung fanden: die Escalera Nautica an der Küste des Meeres von Kalifornien als riesiges Tourismusprojekt, welches das Leben in den Fischerdörfern gefährdet, die 200 geplanten Windkraftwerke auf der Halbinsel Tehuantepec, der Damm von Parota nahe Acapulco und die Zerstörung der Lagune von Cuyutlan bei Manzanillo im kleinen Staat Colima. Die Liste ist lang und die Propagandamaschine wiederholt ständig, dass die Projekte der Entwicklung des Landes dienen. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, könnte man auch sagen, dass es sich um die praktische Tätigkeit eines totalitären Kommunikationssystems handelt, das alle anderen Formen der Kommunikation sowie jegliche Form autonomen Lebens zerstören will.


Im Laufe des Plenums wurde am 9. März beschlossen, die Treffen des CNI in verschiedenen Gemeinden mit deren Beteiligung abzuhalten. Es sind drei Versammlungen vor dem Kongress im November geplant. Die erste soll im Niederen Kalifornien stattfinden, die zweite wieder in der Region huichola und die dritte in den Bergen von Oaxaca.


Ich bin zwei Tage länger im Lager geblieben. Viele Dorfbewohner aus Pueblo Nuevo und Nuevo Colonia sowie die der rancherias, die weit verteilt in den Bergen liegen, sind aus Anlass des Treffens in das Camp gekommen. Für sie gab es die Möglichkeit, sich im Laufe der Versammlung über konkrete Fragen auszutauschen wie die Wachablösung beim Kampieren, die Verantwortung des Einzelnen bei den Schutzmassnahmen. Es konnte herausgearbeitet werden, welche Haltungen im Angesicht von möglichen Provokationen einzunehmen sind und welche besser vermieden werden sollten. Während einer Wanderung in dieser zerklüfteten, von hohen Schluchten aus grauem oder blauem Felsgestein eingeschnittenen Landschaft standen wir plötzlich vor den versteinerten Ahnen. Wie aus dem Nichts waren sie auf der anderen Seite der Schlucht aufgetaucht: Gigantische Felsformationen, die frappierende Ähnlichkeit mit menschlichen Gestalten haben und - wie Statuen von Giacometti - eng gedrängt dastehen, das Gesicht zu uns gedreht. «Das sind die Männer», sagen meine Begleiter, «die Frauen stehen auf der anderen Seite.»


 


 


 


* Der Metate (span. el metate) ist eine Reibmühle, die von den Azteken in Mexiko benutzt wurde. Er besteht aus einer flachen Schale oder Reibfläche und einem walzenförmigen Pistill, beide aus Vulkangestein.

verfasst von George Lapierre, Mexiko, 14.3.2008,  04.08.2008, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 161 (06/2008)
Tags: MEXIKO
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 161 (06/2008)

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