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MEXIKO: Die Verschwundenen bleiben präsent

Zum Jahresende 2014 hatte die Zapatistische Nationale Befreiungsarmee EZLN das erste weltweite Festival der Widerstände gegen den Kapitalismus organisiert. An allen Stationen wurde die Erinnerung an die verschleppten Studenten von Ayotzinapa lebendig gehalten. Dritter und letzter Teil unseres Reiseberichts.
Am 31. Dezember 2014 brechen wir am frühen Nachmittag von San Cristobal de las Casas zum Caracol Oventic auf. Hier soll ein Fest der Widerstände stattfinden, aber auch das 20-jährige Jubiläum des zapatistischen Aufstands gefeiert werden. Für jemanden, der noch nie das zapatistische Territorium betreten hat, ist die Ankunft in Oventic beeindruckend, noch dazu im Rahmen eines Festivals inmitten einer Masse von zapatistischen und anderen Teilnehmer_innen. Alle Zapatisten, von den Grossmüttern bis zu den Kindern, tragen entweder Mützen, die nur die Augen aussparen, oder das paliacate, ein rotes Halstuch, um ihr Gesicht zu verdecken. Das Organisationsniveau überrascht ebenso: Auf einer riesigen Bühne sind drei Orte für Konzerte hergerichtet, Schulen sind in Schlafsäale umgewandelt, es gibt einen diskreten, aber sichtbaren Sicherheitsdienst, zapatistische Ambulanzfahrzeuge und anderes mehr.
Am Ende des Nachmittags beginnen die Konzerte und die Besucher_innen strömen unaufhörlich herbei. Nieselregen setzt ein, der sich mit richtigem Regen abwechselt: Wir sind eben auf dem Hochplateau von Chiapas. Dekoriert ist die Bühne mit einer Fahne der EZLN (Zapatistische Nationale Befreiungsarmee), mit Banderolen des Festivals, solchen für die Befreiung der politischen Gefangenen und einer mexikanischen Fahne, die zwei oder dreimal so gross ist wie jede andere Banderole. Die ersten Konzerte variieren zwischen Rap und Reggae. Die Mützen- und Halstuchträger_innen beobachten mehr, als dass sie tanzen. Das ändert sich völlig, als corridos1 und andere typisch mexikanische Musik zu hören sind.
Gegen 22 Uhr nach mexikanischer Zeit, also um 23 Uhr nach zapatistischer Zeit (die gleiche Zeitzone wie Kuba), beginnt der «zivile Akt». Die Musik verstummt. Alle setzen sich zu Boden. Auch die Stände, die Essen und Kunsthandwerk verkaufen, werden geschlossen. Auf der Bühne erscheint die Delegation der Familien und Freund_innen der verschwundenen Studenten und hinter ihnen eine Delegation der zapatistischen Führung und einige Personen vom Nationalen Kongress der Indigenen (CNI).
Bevor das Wort ergriffen wird, ertönt die mexikanische Hymne und Soldaten der zapatistischen Armee defilieren ohne Waffen, aber mit zwei Fahnen: mit der Fahne der EZLN und zwangsläufig auch mit der mexikanischen. Die Familien und Freund_innen der Toten und Verschwundenen von Ayotzinape beginnen zu sprechen. Es ist emotionell immer noch sehr bewegend, was sie sagen und manchen in der Versammlung kommen die Tränen. Natürlich bedanken sich die Familien bei der EZLN für den Platz, der ihnen beim Festival eingeräumt wurde. Sie betonen die Notwendigkeit einer tief greifenden sozialen und anti-kapitalistischen Veränderung. Das politische und wirtschaftliche System hat ihre Angehörigen ermordet und verschleppt, deshalb muss es zu Fall gebracht werden.
Danach prangert der Sprecher des CNI mit ebenso kraftvollen und entschiedenen Worten den immer brutaleren Kapitalismus an. Die Situation der Indigenen sei sehr schwierig wegen der Grossprojekte, durch die ihnen ihr Land weggenommen wird, und wegen der Repression gegen die darauf folgenden Widerstandsbewegungen - ganz zu schweigen vom strukturellen Rassismus, den die mexikanische Gesellschaft ihnen gegenüber zeigt. Um eine Veränderungsmöglichkeit zu entwickeln, muss man sich «links unten» organisieren.
Zum Schluss spricht der aufständische Subcomandante Moises Worte voll Ehrerbietung für die Getöteten und Verschwundenen von Ayotzinapa und ihre Familien und Freund_innen. Er unterbricht seine Rede, um jede_n Einzelne_n der Delegation in die Arme zu nehmen. Beim Ausrufen der 46 Namen steigen 46 Zapatist_innen auf die Bühne, um die Angehörigen und Freund_innen zu umarmen. Bei jedem Namen antwortet die Menge «presente!». Moises beendet seine Rede damit, indem er betont, wie wichtig es sei, weiterhin das kritische Denken und die Theorie zu pflegen. Auch in den schwierigsten Momenten sei es notwendig, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, ansonsten bestehe die Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren. Mit der zapatistischen Hymne endet der politische Teil des Programms, bevor ein Feuerwerk losgeht und die Feuerwerkskörper aufs Geratewohl herunter fallen und auch die Zelte auf dem Campingplatz nicht verschonen. Die Musik gewinnt sprichwörtlich wieder Oberwasser, denn es regnet, doch das Fest dauert trotzdem bis in die frühen Morgenstunden. Trocken bleiben nur die Kehlen, denn bei den Zapatist_innen ist Alkohol verpönt.
Abschluss und Fragen
Bei der Abschlussveranstaltung am 3. und 4. Januar 2015 im CIDECI2 von San Cristobal de las Casas herrscht Massenandrang. Der erste Tag verläuft aus organisatorischen Gründen etwas chaotisch. Inhaltlich ist es für uns eine Wiederholung, da wir während den vorangegangenen Etappen an den comparticiònes teilgenommen hatten.
Die Menschenmenge schafft eine Atmosphäre, die uns etwas verunsichert, vor allem weil sie eine grosse Distanz zwischen dem CNI und den Vertreter_innen der nationalen und internationalen Sexta schafft. Die Mitglieder des CNI sind nun gänzlich unansprechbar geworden. Ausserdem platziert sie eine Spezialbehandlung in eine gehobene Stellung. Sicherlich braucht der CNI dies, um sein Selbstverständnis zu stärken. Für uns jedoch ist diese Trennung brutal, nach all den gemeinsam verlebten Tagen in Amilcingo und Campeche. Diese Trennung war übrigens schon während der Busreisen spürbar. Die Mitglieder des CNI hatten eigene Busse. Auch wenn wir die Gründe dafür begreifen, ist es etwas schade. Die vielen im Bus verbrachten Stunden hätten mehr Begegnungen zwischen den Menschen des CNI und der Sexta ergeben und mehr Nähe geschaffen. In den Gassen des CIDECI herrscht wieder die Atmosphäre eines alternativen Markts, wie wir sie in Mexiko-Stadt erlebt haben. An einer grossen Anzahl von kleinen Ständen werden Gegenstände angeboten, denen ein revolutionärer Wert anhaftet. Damit versuchen Gruppen, Kollektive und Einzelpersonen, ihre Reisekosten zu decken. In Anbetracht der wirtschaftlichen Lage in Mexiko ist es verständlich, dass alle Gelegenheiten wahrgenommen werden, um den mageren Geldbeutel zu füllen, aber diese Jahrmarktstimmung irritiert uns.
Von unserer Reise sind wir mit einigen Fragen zurückgekehrt. Eine wichtige betrifft die Ereignisse während der Etappe im Lienzo Charro in Mexiko-Stadt, oder besser gesagt, das, was nicht stattgefunden hat. Das Kulturfestival wurde mit den Berichten der Angehörigen und Freund_innen  der Verschwundenen von Ayotzinapa eröffnet und ging danach mit Konzerten weiter. Warum passierte inhaltlich im Lienzo Charro nicht mehr, obwohl an diesem 26. Dezember vor genau drei Monaten die Verschleppung stattgefunden hatte? Im Stadtzentrum hingegen fand im Andenken an die Geschehnisse eine Demonstration statt.
Ein weiterer Punkt, der uns Mühe bereitete, war die Form der Treffen selbst. Die Bürokratie nahm viel Platz ein, war aber sicher notwendig, um das Infiltrationsrisiko zu verringern und um gewisse materielle Angelegenheiten im Griff zu haben. Der starke Formalismus und die straffe Organisationsstruktur während der Treffen schufen eine Distanz, enthoben uns annähernd jeglicher Verantwortung und liessen keinen Platz für Mitgestaltung. Überraschend fanden wir auch, dass es keine Fragen oder Diskussionen gab, wenn ein Kampf oder eine Gruppe vorgestellt wurde. Aus unserer Sicht wurde für Diskussionen und Gedankenaustausch in den Versammlungen zu wenig Platz gelassen. Ebenso fehlte es an Diskussionen in kleinen oder grösseren Gruppen. Zum Glück gab es den informellen Austausch. Er hätte noch grösser sein können, wenn wir an der kollektiven Organisation mitbeteiligt gewesen wären, zum Beispiel bei der Zubereitung des Essens und beim Aufräumen der gemeinschaftlich genutzten Orte.
Manches an diesem Festival war für uns eine Art Kulturschock. Der mexikanische Nationalismus ist sehr präsent; wir zum Beispiel können uns nicht vorstellen, bei einem antikapitalistischen Treffen die französische Fahne zu hissen. Natürlich, Frankreichs Geschichte als Kolonialmacht ist nicht dieselbe wie die des eroberten Mexikos, das sich auch noch neben den USA behaupten muss. Dennoch war dieses Nationalbewusstsein überraschend für uns, die wir uns für die Abschaffung der Nationalflaggen einsetzen.
Die Konzepte von Recht, Justiz und Demokratie beinhalten unserer Meinung nach auch ziemlich problematische Seiten. Findet die Rechtsprechung im Rahmen einer Volksversammlung statt und in welcher Weise geht sie vor sich? Oder ist damit das Entstehen irgendeiner Institution verbunden? Das Konzept von Demokratie wurde ebenfalls oft zitiert, ohne klar und deutlich auszudrücken, ob eine direkte Demokratie auf Versammlungsbasis gemeint ist oder ein anderes Konzept. Die gerechtfertigte Kritik an der «schlechten Regierung» lässt die Schlussfolgerung zu, dass es eine «gute Regierung» gibt. Aber was für eine? Wer oder was steht dahinter? In welcher Grössenordnung ist sie durchführbar? Die Kritik dieser paar Punkte ist nicht leichtfertig dahergesagt und jedenfalls kein Grund für einen Bruch. Wir wissen sehr genau, wie schwierig es ist, eine horizontale, vielfältige Bewegung aufzubauen, in der sich keine Vormachtstellung herausbildet. Niemand ist im Besitz der Wahrheit und nichts ist jemals perfekt. Auch wenn unsere Sichtweise eine von weissen Europäer_in-nen ist, haben uns diese Treffen begeistert.
Zukunft
Zum Schluss wurde ein vom CNI geschriebenes pronunciamento final3 vorgelesen. Darin wurde zusammengefasst, was während der Treffen über die verschiedenen Kämpfe berichtet worden war und rief dazu auf, die antikapitalistischen Kämpfe von linksunten zu verstärken. Dieser Text beinhaltet keine grossen Entscheidungen, Übereinkünfte oder Projekte und vielleicht ist es auch besser so. Denn wem steht es zu, solche Entscheidungen zu treffen? Zu oft haben wir gesehen, dass grosse Entscheidungen gefasst und niemals ausgeführt oder von oben nach unten aufgezwungen werden. Der schrittweise Weg, um «dort, wo die von oben zerstören, und wo wir von unten aufbauen» ist nur möglich, wenn wir uns Zeit zur Begegnung und zum Kennenlernen nehmen. In dieser Weise wird die Gefahr umschifft, dass eine Gruppe oder eine Denkweise die Vormachtstellung einnimmt. So entsteht für eine Vielfalt von Menschen Handlungsfreiheit und die Möglichkeit, je nach dem lokalen Kontext vielfältige Strategien zu entwickeln.
Eine Idee wuchs im Kreis der Vertreter_innen der internationalen Sexta: die Familien und Freund_innen der Verschwundenen von Ayotzinapa zu einer Tournee in Europa einzuladen. Viele Fragen über die Zielsetzung und die Organisationform einer derartigen Tournee bleiben offen. Für die Situation in Mexiko und in Anbetracht der Tatsache, dass die Solidaritätsbewegung mit Ayotzinapa die Armee im Visier hat, kann sich der Druck aus internationalen Kreisen auf die Regierung nur positiv auswirken.
Bis bald beim nächsten Festival?

1. Corridos sind typische mexikanische Volkslieder, die vom alltäglichen Leben und den Kämpfen erzählen. Sie sind Teil der Geschichtsschreibung der Volksbewegungen.
2. CIDECI bedeutet Centro Indígena de Capacitación Integral-Universidad de la Tierra (CIDECI-Unitierra) und ist ein Schulungszentrum für die indigenen Gemeinschaften. In den neun Jahren seiner Existenz wurden auf seinem Gelände eine beachtliche Anzahl an Infrastrukturen, Gebäuden, Werkstätten, etc. gebaut. Alles ist phantasievoll und farbenfreudig dekoriert. Eine der Besonderheiten des CIDECI besteht darin, Bereiche, die bei uns nur zu oft getrennt sind, gleichwertig zu lehren. Das heisst, Kunst, Praxis (Landwirtschaft oder Schreinerei z.B.) und Theorie innerhalb allwöchentlicher Seminare, bei denen die lokalen, nationalen und internationalen aktuellen Ereignisse analysiert und debattiert werden, sind gleich gewichtet.
3. Abschlusskundgebung auf: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2015/01/13/erklaerung-nach-dem-ersten-weltfestival-des-widerstandes-und-der-rebellionen-gegen-den-kapitalismus/

 

verfasst von Cédric und Johann, Radio Zinzine, Frankreich,  28.05.2015, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 237 (05/2015)
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 237 (05/2015)

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