PARISER VORSTADTREVOLTE: Vorstadtglück, lichterloh*
ute

Die französische Banlieue brannte. Fast drei Wochen. Besonders hell brannte sie auf den ersten Seiten der Presse und im Fernsehen, wo sie nie vorkommt, wenn sie nicht brennt.


«Banlieue» heißt Vorstadt, wörtlich übersetzt, «Bannort», «Ort der Verbannten». Die französische Sprache sagt da etwas, was ihre Sprecher nicht mehr wissen: Die Menschen, die in den Banlieues leben, gehören nicht zur Stadt, sei es auch nur an deren Rand, sondern sie sind ausgestoßen. Ferngehalten vom Zentrum werden sie nicht mehr durch Stadtmauern und bewachte Tore, sondern durch das Geld, das sie nicht haben. Ein bisschen auch von einer Kultur, die nicht die ihre ist, wenn man von Nike und Nokia einmal absieht.


Das, was für uns Paris ist, liegt innerhalb des Stadtrings aus Autobahn und hat kaum zwei Millionen Einwohner. Wer dort lebt, wo der Quadratmeter Wohnfläche im Schnitt ungefähr 5.000 Euro kostet, kommt entweder mit wenig Platz aus, oder ist irgendetwas zwischen wohlhäbig und stinkreich. Junge, Alte, Reiche, Firmen, Museen - daraus besteht Paris sozial. Jedenfalls dahin bewegt sich die Sozialgeografie der Stadt. Aber hinter dem Autobahnring geht die Stadt weiter: nobel im Westen, bürgerlich-korrekt im Süden. Da sind Vorstädte im deutschen Sinne, so etwas wie Grune-wald oder Blankenese oder der Vordertaunus. Im Norden und Osten aber vor allem liegt die Banlieue.


Unbekannte Vorstadt


Fünf Millionen Bewohner, so sagt man, hätten die Banlieues, die meisten um Paris, aber auch um Lyon, Marseille oder Toulouse. Kein Mensch kennt sie. Wir Besucher fahren nicht hin, sondern wir fahren durch. Die Bewohner des Zentrums haben dort nichts zu suchen und die Bewohner der Banlieues selbst kennen nur ihre Banlieue, ihre «Cité», allenfalls noch die benachbarten. Über zwei Jahrzehnte gab es in Paris kaum öffentliche Verkehrsverbindungen zwischen den Banlieues: Man musste erst mit der Schnellbahn und der Metro ins Stadtzentrum fahren und von dort dann in eine eigentlich benachbarte Cité. 50 Kilometer für zehn Kilometer Luftlinie. François Maspero, eingeborener Pariser, hat in den neunziger Jahren ein Buch über eine Erkundung der Pariser Banlieues entlang der Schnellbahn vom Flughafen Roissy bis in den Pariser Süden gemacht. Es war für ihn eine Expedition in eine unbekannte Welt, das Buch liest sich so spannend wie eine ethnologische Feldstudie. Nur hat es kaum einer lesen wollen.


Ich war schon Dutzende Male in Paris gewesen, bevor ich zum ersten Mal bewusst die Banlieue wahrnahm. Und zwar, weil ich musste: Wir sollten ein paar Bilder für ein Fernseh-Büchermagazin über Jean Vautrins Billy-ze-Kick drehen, einen der ersten Romane über diese Vorstädte. Gelungen übrigens. Der Pariser Aufnahmeleiter, der uns die Drehorte suchen sollte, war begeistert: «Endlich einmal nicht der Eiffelturm und Sacré Cœur und Notre Dame, der Louvre und der Arc de Triomphe - Fernsehteams wollen doch sonst immer das Gleiche aufnehmen.» Dann standen wir schließlich irgendwo auf einem Hochhausdach im Norden von Paris und schauten staunend in nie Gesehenes, Unerhörtes: So weit das Auge reichte, gab es wildwüchsig scheinende Neubebauung. Die älteren, teilweise schon bröckelnden Gebäude aus fünf- oder sechsstöckig übereinandergesetzten Wohnzellen, Hunderte von Metern weit umstandslos aneinander gereiht, ein flaches Dach darauf, ein zu schmaler Balkon davor. Und fertig. So wurde bei uns im Westen in den fünfziger Jahren auch gebaut. Nur waren die Riegel nicht so lang. So ein bisschen wie Marzahn in der DDR. Irre wurde es hier in Paris dadurch, dass es dann dazwischen steil in die Höhe ging. Hochhäuser wie Sechziger-Jahre-Möbel, runde Bullaugenfenster wie an gigantischen Schiffen, Fassaden wie Mondrian-Bilder; keine Architektenphantasie, die sich hier nicht austoben durfte. Gereihte und gestapelte Einheitswohnungen, nirgends Stadt, kaum mal eine Kneipe. Riegel und Hochhäuser. Banlieue.


Ich kann mich übrigens nicht erinnern, wo es war. Die Banlieue ist für Besucher gesichts- und namenlos. Sie ist lebendige Welt nur für die, die darin leben. Für die freilich ist es dann auch die ganze Welt. Übrigens wohnten wir natürlich bei den Dreharbeiten in Paris. Es gibt, wenn man von der Flughafengegend absieht, nur wenige Hotels in den Banlieues.


Wie darüber schreiben?


Das Thema hat mich nicht losgelassen. Als ich ein paar Jahre später ein Buch über das gegenwärtige Frankreich schrieb, sollte darin etwas über die Banlieues vorkommen, gerade, weil es so etwas in dieser Form in Deutschland nicht gibt. Vom Bürgermeister in Aubervilliers wurde ich freundlich empfangen. Tagelang ließ er mir die Stadt zeigen. Es kommen nicht viele Ausländer, die über die Pariser Banlieue schreiben wollen. Die erste Erfahrung aus der Nähe war, dass die Orte enorm verschieden sind. Die Fernsehkameras sind wie die Augen von Weißen, die ungeübt auf Schwarze schauen: Sie sehen nur die Farbe, nicht die individuelle Physiognomie. Die zweite Erfahrung: Wie viele Menschen hier hartnäckig und leise darum kämpfen, dass die unablässig neu Ankommenden einigermaßen integriert werden. Sozialarbeiter, Lehrer, Drogenberater, kleine Theatertruppen, Arbeitsvermittler, Ärzte, manchmal sogar die Polizisten - ohne sie hätten die Menschen hier überhaupt keine Chance und die Republik auch nicht. Höchstens die Armee. Aubervilliers war damals kommunistisch und der Bürgermeister, Jacques Ralite, eine imponierende Gestalt. Solche Stadtverwaltungen gibt es heute noch, auch unter Bürgermeistern anderer politischer Couleur. Im Konkreten sind sich die ziemlich einig über das, was Not tut, wie man neulich bei einer der Fernsehsondersendungen sehen konnte, die es immer dann gibt, wenn es brennt.


Für Ralite bestand das Hauptproblem nicht in den Wohntürmen. «Wissen Sie, weshalb die gebaut worden sind? Weil es keine Wohnungen gab und die Menschen noch nach dem Krieg in Bidonvilles lebten wie heute in Rio oder Mexiko-City.» Wohnungsnot, Mangel an bezahlbaren Sozialwohnungen gibt es übrigens in Frankreich immer noch. «Das Problem ist auch nicht die Zuwanderung. Das Problem ist, dass die alten Integrationsmechanismen immer mehr versagen. Seit hundert Jahren gibt es immer neue Wellen von wirtschaftlichen oder politischen Flüchtlingen - für die Betroffenen macht das wenig Unterschied -, die nach Frankreich, nach Paris drängen und von den Vorstädten aufgenommen werden. Die Elsässer, die Lothringer nach 1871, dann viele Polen, Italiener, die Nordafrikaner nach dem Algerienkrieg. Alle sind sie integriert worden. Über die Schule, über die Arbeit, über die Arbeiterkultur, über die Nachbarschaft. Jetzt kommen seit ein paar Jahren die Schwarzafrikaner. Wir haben wenig, um sie aufzufangen.»


Integration kann sich auflösen


Was Ralite damals noch nicht erfahren hatte: Integration kann sich auch wieder auflösen. Die Kinder, die Enkel der nordafrikanischen Einwanderer, die leidlich integriert waren, sind heute draußen, draußen aus der Gesellschaft und draußen auf der Straße, nachts, mit Benzinbomben in der Hand.


Das war übel, aber das war nicht Bagdad. Fast alle meiner in Frankreich lebenden deutschen Freunde erhielten, wie ich selbst, besorgte Anrufe, ob wir denn gefährdet seien. Keiner war gefährdet. Auch kein deutscher Fußballmillionär. Gefährdet waren die randalierenden Jugendlichen selbst, die Polizisten, die Kameramänner und ein paar Menschen, die zufällig in eine ausbrechende Randale gerieten. Es zeigte sich wieder einmal, wie desinformierend authentische Bilder sein können. Die Fernsehbilder waren echt, die Effekte, die sie auslösten, waren auch echt und doch ganz falsch. Das lag an den Bildern, es lag an der Presse, es lag am Voyeurismus der Zuschauer, und es lag daran, dass die Bilder vielen gelegen kamen, die zeigen möchten, dass die französische Integrationspolitik gescheitert ist, weil die eigene auch nicht klappt.


Der Anlass erschien seltsam zufällig, wie häufig bei solchen Revolten: Ein paar Vorstadtjugendliche sollten von der Polizei kontrolliert werden, flüchteten auf ein eingezäuntes Gelände der Elektrizitätswerke und wurden dort vom Strom getötet. Den Polizisten wird vorgeworfen, sie nicht gerettet, sondern mit klammheimlicher Freude zugesehen zu haben («Lass sie, die kommen nicht weit»). Ein Gerücht. Vielleicht war es sogar so. Es herrscht täglicher Kleinkrieg zwischen der Polizei und den Jugendlichen aus der Banlieue. Es gibt viele Dealer unter den Jugendlichen. Es gibt auf der anderen Seite auch viele Polizisten, die kaffeebraune oder schwarze Gesichter für einen Verdachtsgrund halten. Jedenfalls haben die Funken aus dem E-Werk die Spannung explodieren lassen.


Anlässe sind nicht die Ursachen


Die Ursachen sind genau dort zu suchen, wo sie Ralite vor über zehn Jahren schon fand: Schule, Arbeit, Ende der Arbeiterkultur, soziale Entmischung.


Die Schule nimmt eine Schlüsselstellung ein im französischen Integrationsmodell. Frankreich ist seit dem 19. Jahrhundert Einwanderungsland und bekennt sich im Gegensatz zu Deutschland auch dazu, manchmal laut, manchmal sehr leise. Aber die französische Idee von Republik akzeptiert keine kommunitaristischen Inseln. Wer die Grenzzäune überwindet, darf und muss Franzose werden. Das wird man durch den Pass, vor allem aber durch die Schule. In der spontanen Alltagsvorstellung der meisten Franzosen ist ein Franzose derjenige, der korrekt Französisch spricht und sich entsprechend den französischen Codes verhält. Und das lernten Generationen von Einwanderern in der Schule. Die Lehrer gelten hier seit je nicht nur als Vermittler von Wissen, sondern auch als Vermittler republikanischer Werte und republikanischen Verhaltens. Das hat lange geklappt. Und dank des Einsatzes einer großen Zahl engagierter Lehrer klappt es immer noch in vielen Fällen. Aber es ist weniger wirksam als früher. Und scheitert manchmal ganz.


Das liegt weniger an den Lehrern, nicht einmal an der Schulorganisation, sondern daran, dass Schule zwar immer schon forderte, wenn auch weniger als heute, aber auch ein Versprechen geben konnte, das Versprechen, dass diejenigen, die brav und erfolgreich lernen, auch einen Platz in der Gesellschaft finden werden. Und das heißt zuallererst: Arbeit finden. Schlecht bezahlt, aber immerhin Arbeit. Das Versprechen galt noch, als die Bauten der Banlieue entstanden, in den fünfziger und sechziger Jahren. Und so ließ es sich auch in Hochhäusern mit Bullaugenfenstern leben. Solange man hoffen konnte, durch Arbeit ein Auto zu erwerben, wurden die Autos nicht angesteckt.


Das Versprechen ist heute für eine große Menge von Schülern nicht mehr glaubhaft. Die Schüler wissen es, sie sind, wie Tucholsky einmal in anderem Zusammenhang anerkennend über das Volk formulierte, «dumm, aber gerissen.» Die fordistische Arbeitsorganisation ist zu Ende. Niedrig qualifizierte Arbeitsplätze, die den Einwanderern früher allemal offen standen, werden in Billiglohnländer verlagert, wenn es denn irgend geht. Und die  Hochtechnologie, die (noch) nicht verlagert werden kann, die braucht immer weniger Arbeitskräfte. Das ist kein französisches Problem, das ist das Problem aller entwickelten kapitalistischen Länder. Und niemand weiß etwas dagegen außer Sozialismus, der sich im Weltmaßstab gerade nachhaltig historisch blamiert hat. So sind alle ratlos. Die einen rufen «dem Gesetz muss Geltung verschafft werden», die anderen rufen «Sozialarbeit», die dritten «Verantwortung»; es gibt viele gute Programme, selbst vom zuständigen Minister. Und alle, wenn sie nicht ganz dumm sind, wissen doch, dass es nicht reicht.


Verschwundene Kultur


Mit der Arbeit ist auch die Arbeiterkultur verschwunden, die Vereine, die Strukturen, die Arbeitslose auffingen, stützten, integrierten. Sie existierte in Frankreich länger als in Deutschland, aber sie lebt heute nur noch auf Bildern und in Filmen. Sie war nicht nur solidarisch gegenüber den neu Ankommenden, sie war auch ein bedeutender Ordnungsfaktor. Bewegungen, die hoffen, künftig die Gesellschaft bestimmen zu können, sind meist von untadeliger Moralität. Die Bürger waren moralischer als der Adel und stolz darauf. Die Arbeiterorganisationen haben dann wiederum später die Bürger als Gauner denunziert und sorgfältig aufgepasst, dass der «Gesindel»-Vorwurf sie nicht treffen konnte.


Dschungelkämpfer


Wer nicht mehr hoffen kann, durch Arbeit seinen kleinen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum zu bekommen oder als Angehöriger einer Klasse einen Anteil an der Macht, der kann sich von der Moral wenig erwarten außer Hindernissen beim Überleben. Er wird zum Dschungelkämpfer, dealt und klaut, was er nicht kaufen kann. Oder macht es, wenn die Gelegenheit besteht, kaputt. Wo es so zugeht, ziehen diejenigen weg, die noch integriert sind, die nicht im Dschungel leben wollen. Soziale Segregation nennen das die Stadtsoziologen.


Heute müssen staatliche Strukturen die selbstorganisierten ersetzen. Das geht nie ganz und wird zum Tropfen auf den heißen Stein, wenn die Mittel knapp sind. Wo Republik nicht ist und nicht Arbeit, bleibt dem Sozialen die Bande, bleiben der Identität die Hautfarbe und der Glaube. Aber kaum der christliche. Der Glaube in den Banlieues, das ist aus kolonialgeschichtlichen Gründen in Frankreich in erster Linie der Islam. Die Revolten in den französischen Banlieues haben ihre Ursache nicht im islamischen Fundamentalismus. Aber er beutet sie aus. Was wiederum die Verteufelung der Revoltierenden und die mutwillige Verwechslung von Paris und Bagdad erleichtert.


Aber es sind keine Marionetten bärtiger Mullahs, die da Molotow-Cocktails werfen. Es sind zum großen Teil Kinder, deren Eltern der Staatspräsident mit hilflosen Appellen an ihre Pflichten erinnert. Sie haben einfach Lust an Randale, wollen ihre Wut loswerden, den Bullen eins draufgeben, wollen für einmal im Leben ein paar Sekunden ins Fernsehen. Machen wir uns nichts vor: Auch die Vorstädter des Faubourg Saint-Antoine, aus deren Elendswohnungen und Werkstätten heute die schönen Lofts des Bastille-Viertels geworden sind, jene Vorstädter, die die Revolutionen von 1789 und 1830 und 1848 auslösten, die unsterblich geworden sind in Hugos Romanen, waren keine Engel, waren angetrieben von Wut und Hass und Neid und damals auch noch von Hunger. Ohne sie hätte es keine Revolutionen gegeben, aber bekanntlich haben sie wenig davon profitiert. Immerhin haben sie aber Könige verjagt und Staatsformen umgewälzt.


Das Triste an dieser Revolte sind nicht die verbrannten Autos. Das Triste ist, dass diese Revolte zu nichts führen wird als zu 3.000 oder mehr neuen Insassen ohnehin katastrophal überbelegter französischer Gefängnisse, bestenfalls begleitet von ein paar Millionen zusätzlich für die Banlieues. Die gerissenen Kinder, die da Randale machten, ahnten es gewiss schon, dass sie am Ende wieder die Dummen sein würden. Der Glücksmoment, für einmal Macht zu haben, sich für einmal zu wehren, einmal die eigene Kraft zeigen zu können, einmal dem Verhängnis ein Gesicht geben zu können und dreinzuschlagen, dieser Glücksmoment war es ihnen wert.


 


 


Professor für deutsche Literatur und Landeskunde an der Universität in Aix-en-Provence. Zuletzt erschien von ihm 2002 im Siedler-Verlag der Band: Immer Paris. Geschichte und Gegenwart.



*Dieser Artikel ist erschienen in: freitag Nr. 47, 25. November 2005


 


 

verfasst von Karl Heinz Götze,Aix-en-Provence,  17.03.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 134 (01/2006)
Tags: PARISER VORSTADTREVOLTE
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 134 (01/2006)

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