PFLANZENZÜCHTUNG: Von den Ursprüngen zur Biotechnologie
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Von den Ursprüngen zur Biotechnologie


Pflanzen und Tieren ihrer grundlegenden Fähigkeit zu berauben, sich selbst fortzupflanzen und zu vermehren, ist eine der Grundlagen der großen Agro- und Pharmakonzerne bei ihrem Bestreben, die Kontrolle über die Landwirtschaft und somit über die Ernährung der Weltbevölkerung zu gewinnen. Anhand der 200-jährigen Geschichte der Züchtung von Nutzpflanzen zeigt der französische Wissenschaftler Jean Pierre Berlan auf, welch irreführenden Auslegungen der Agronomie und Biologie dabei die „wissenschaftlichen“ Argumente lieferten.*


 


Eine moderne Varietät oder Sorte von Weizen, Soja, Mais, Raps oder Tomate besteht aus genetisch identischen Pflanzen. Es handelt sich dabei also um Klone1, das Gegenteil einer Varietät. Die Bezeichnung Klon - in der Mikrobiologie als Population genetisch gleicher Organismen verstanden - ermöglicht es, unabhängig vom Züchtungsverfahren die Analyse auf das Resultat, nämlich Homogenität und Stabilität von Kulturpflanzen zu konzentrieren.


19. Jh.: Das Klonen der Pflanzen


Dieses Verfahren besteht darin, die Vielfalt von Pflanzen einer Sorte durch ihren besten Klon zu ersetzen. Diese Methode wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von englischen adligen Grundherren – Anhängern des Ökonomen David Ricardo erfunden. Damit wurden die Prinzipien der industriellen Revolution - Homogenität und Stabilität - auf den Bereich der Lebewesen angewendet. Sie hatten beobachtet, dass bei Getreide (Weizen, Hafer, Gerste) jede Pflanze ihre individuellen Eigenschaften von Generation zu Generation (breed true to type) überträgt. Erklären konnten sie dieses Phänomen nicht, aber das war nebensächlich. Entdeckten sie eine einzelne für sie interessante Pflanze, so wurde sie in die Züchtung aufgenommen und vermehrt. Und erwies sich der Klon als interessant, so wurde er Jahr für Jahr angepflanzt.


Im Jahr 1836 systematisierte John le Couteur das Verfahren seiner Kollegen. Er stellte fest, dass jede Pflanze einer Varietät ihre individuellen Merkmale von einer Generation zur anderen beibehält. Werden die meistversprechenden Individuen isoliert und weitergezüchtet, entstehen neue Sorten, die aus gleichen Klonen bestehen und die ursprüngliche, durch Vielfältigkeit gekennzeichnete Sorte, ersetzen.


Das Verfahren besteht also darin, den besten Klon einer Sorte zu selektionieren. Der Erfolg des Verfahrens hängt von der Verschiedenartigkeit der Klone innerhalb einer Sorte ab. Je größer die Verschiedenartigkeit, desto größer ist die Ausbeute und umgekehrt.


Le Couteur hat als Wissenschaftler und exakter Denker für seine Erfindung eine genaue Bezeichnung gefunden: Er spricht davon, eine Varietät durch eine „reine Sorte“ (pure sort) zu ersetzen, durch einen reinen Stamm, der von einem einzigen Korn oder einer einzigen Ähre ausgehend gezüchtet wurde. Seine Nachfolger nahmen das jedoch nicht so genau, und das aus guten Gründen. (…)


Logisch: Die Idee, eine Pflanzensorte, die aus vielen verschiedenen Typen besteht, durch ihr bestes Element zu ersetzen, ist unanfechtbar. Es handelt sich dabei sogar um eine Tautologie: Es ist immer vorteilhaft, wenn Vielfalt durch ihr bestes Element ersetzt wird. Dies gilt für alle Arten von Objekten. Im Reiche der Lebewesen ist dies unabhängig von der Fortpflanzungsart. Dieser letzte Punkt ist für Spezialisten äußerst problematisch, da er, wie wir sehen werden, jahrhundertealtes Wissen im Bereich der Agrargenetik in Frage stellt.


Bio-logisch ist die Sachlage ganz anders: Die interessanteste Entwicklung der letzten 20 Jahre auf dem Gebiet der Agronomie und der Biologie ist die Erkenntnis der wesentlichen Rolle der Biodiversität, die auch von der Konferenz von Rio unterstrichen wurde. Wir wissen, dass sich die bäuerlichen Zivilisationen, unsere Vorfahren, der Bedeutung der Biodiversität im Kampf fürs Überleben bewusst waren, und dass diese Zivilisationen eine enorme Vielfalt geschaffen haben, die wir heutzutage leichtfertig gefährden. Das moderne landwirtschaftliche Arsenal (Maschinen, chemischer Dünger, Pestizide, Bewässerungssysteme - gleichbedeutend mit billiger Energie, die Basis der industriellen Erdöl-Agronomie) hat die eigentliche Aufgabe der agronomischen Forschung in den Hintergrund gedrängt, d.h. die Natur kostenlos machen zu lassen, was heute mit industriellen Mitteln bewerkstelligt wird, die aus ökologischer, menschlicher, ökonomischer und sozialer Sicht zerstörerisch und davon abgesehen schon veraltet sind.


Eine weitere Erklärung können wir im Bereich der Eigentumsrechte über Lebewesen finden. Eine Varietät, die heterogen und instabil ist, eignet sich nicht für die Patentierung. Ein Klon, homogen und stabil, identisch reproduzierbar von einer Generation zur anderen (aus biologischer Sicht handelt es sich um eine Totgeburt), eignet sich für eine Patentierung. Alle „lebenden Toten“ können genau beschrieben und voneinander unterschieden werden. Unterscheidbarkeit, Homogenität und Stabilität (UHS) wurden in Frankreich in den 1920er Jahren die Kriterien für das erste Sortenschutzsystem. Ab 1961 galten diese Richtlinien im Rahmen der UPOV-Verträge (Union pour la Protection des Obtentions Végétales, Vereinigung zum Schutz der Pflanzenzüchtungen) auch für die anderen Länder der EU. Dazu sei bemerkt, dass es die Unterhändler der UPOV unterlassen haben, eine Sorte genau zu definieren. Der Grund dafür ist leicht zu finden. UHS definiert nämlich einen Klon und nicht eine Varietät.


Dieses Sortenschutzsystem schützt den Züchter vor Piraterie durch die Konkurrenz und es garantiert ihm und seinen Lizenzträgern das exklusive Verkaufsrecht. Patente auf einzelne Gene erheben konnte man damals noch nicht, und so behielt der Bauer das Recht auf freien Nachbau. Für die traditionellen Züchter, ausgezeichnete Agronome und leidenschaftliche Pflanzenliebhaber, war dieser Schutz ausreichend. Für die transnationale Agrarindustrie, welche die Kontrolle über die Saatgutzüchtung übernommen hat, ist dieser Schutz unzureichend.


Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Pflanzenselektion seit zwei Jahrhunderten darauf abzielt, heterogene und unstabile Sorten, also schwer patentierbare, durch „privatisierbare“ Klone zu ersetzen. Das erste geklonte Schaf Dolly verkörpert in diesem Zusammenhang die Anwendung dieser Technik auf das Reich der Säugetiere. Dies zeigt auf eindrückliche Weise die unmittelbare und irreversible Zerstörung der Biodiversität als Resultat dieses zwei Jahrhunderte alten abergläubischen Eifers für die Technik des Klonens.


Es ist bezeichnend und konsternierend, dass das INRA (Institut National de Recherche Agronomique, staatliches französisches agronomisches Forschungsinstitut) einen Artikel der französischen Tageszeitung Le Monde über die Agrarforschung und ihre Zukunft mit der Abbildung einer geklonten Kuhherde illustrierte…


Die Industrialisierung des Lebens ist untrennbar mit seiner Privatisierung verknüpft.


20. Jh.: Hybridzüchtung oder privatisierte Klone


Das 20. Jahrhundert wird von der Hybridzüchtung dominiert, welche Hybridsorten oder besser gesagt heterozygote Klone hervorbringt. Die Ansicht eines Saatgutkatalogs oder der Besuch eines Saatgutladens zeigen deutlich, dass heutzutage fast alle Pflanzensorten „Hybride“ sind. Das Interesse für die Züchter besteht darin, dass sie ihre Eigenschaften von einer Generation zur anderen nicht übertragen können. Oder anders gesagt, verlieren diese Sorten auf dem Feld der Landwirte die Eigenschaften, wegen derer sie gekauft wurden. So erreichten die Saatguthersteller und Züchter auch ihr Ziel: die Abkoppelung von Produktion, die weiterhin von den Bauern bewerkstelligt wird und Reproduktion, die zu ihrem Monopol wird. Der Landwirt muss nun Jahr für Jahr das Saatgut, das aus heterozygoten Klonen besteht, von neuem kaufen. Verklärt durch einen fast mystischen Aberglauben an die Verbesserung durch die Hybridsorten, bleibt unerkannt, dass sie die erste Stufe in der Entwicklung von „Terminator“-Saatgut sind.


„Terminator“ ist ein Verfahren der Transgenese, das 1998 von der staatlichen US-Forschung in „Partnerschaft“ mit einer privaten Firma patentiert wurde und das darin besteht, Pflanzen zu züchten, deren Nachkommen steril sind. Es ist der größte technische Erfolg der Biologie seit 150 Jahren, als die professionelle Pflanzenzüchtung begann. Aber sie ist auch eine politische Niederlage: Terminator enthüllte das von der Wirtschaft diktierte Ziel, nämlich die Sterilisierung der Lebewesen für die Erschließung neuer Profitquellen, und beschleunigte so den Verfall der so genannten „Naturwissenschaften“.


Diese Abkoppelung beruht auf der Mendelschen Spaltungsregel, die 1900 wieder „entdeckt“ wurde. Sie besagt, dass ein heterozygoter (der von seinen Eltern verschiedene Gene geerbt hat) Organismus, der selbstbefruchtet ist, in der zweiten Generation die Hälfte seiner Heterozygotie verliert. Ein heterozygoter Klon zerstört sich also auf dem Felde des Bauern selbst, da die Pflanzen genetisch identisch sind und sie sich fortgepflanzt haben, als wären sie Selbstbefruchter. Um sich einer Computermetapher zu bedienen, würde man sagen, die genetische Software zerstört sich bereits bei der ersten Benutzung und zwingt ihren Benutzer, sie erneut zu kaufen.


Ab 1908 schlägt der amerikanische Biologe (die Bezeichnung Genetiker kommt erst zu einem späteren Zeitpunkt auf) Georges Shull vor, das von Le Couteur entwickelte Klonungsverfahren auch bei der Maiszüchtung anzuwenden. In seinem ersten Artikel für die Vereinigung der amerikanischen Pflanzenzüchter (American Breeder’s Association) geht er äußerst diskret auf diesen Aspekt seiner Erfindung ein. Diskret, da er nicht lautstark vertreten kann, dass es das Ziel der Züchter sei, die Sorten praktisch zu sterilisieren.


Wieder einmal spielt hier die Wortwahl bei der Mystifizierung der Realität eine wichtige Rolle. Das von Shull vorgetragene Klonungsverfahren besteht darin, eine „freie“ Sorte (die vom Bauer frei nachgesät werden kann) durch einen privatisierten Klon zu ersetzen. Ich konnte bereits darlegen, was dazu geführt hat, dass so lügnerische Ausdrücke wie Hybridvarietät für privatisierte Klone verwendet wurden. Wie zum Beispiel die geheime, erst 1942 enthüllte Absprache zwischen den amerikanischen Genetikern Shull und East vom Jahre 1910, die dem revolutionären Verfahren zum Durchbruch verhalf. Diese beiden einflussreichen Professoren der Universitäten von Yale und Harvard, die im Jahre 1916 die Zeitung Genetics gründeten (einer von beiden war ihr Verleger während der ersten 10 Jahre), verstanden es, ihre Theorie in Amerika durchzusetzen (siehe Kasten).


 


Hybridsorten


Es handelt sich nicht um Sorten, sondern um Klone! Die Hybridität dieser Klone ist überhaupt nichts besonderes, da sie bei allen Fortpflanzungsmethoden auftritt. Und was den Hybridcharakter dieser Klone betrifft, so hat er überhaupt keine Relevanz, da er bei allen Fortpflanzungsmethoden zum Zuge kommt. Diese aus einer Sorte selektionierten Klone sind also ganz offensichtlich nicht mehr oder weniger „hybrid“ als irgendeine Pflanze einer Maissorte.


Welche Manipulation der Wirklichkeit versteckt diese Manipulation der Begriffe?


Der von Shull 1914 beschriebene Heterosiseffekt2 und der Begriff „hybrid“ bilden die Grundlage für den Aberglauben, dass Hybrid-Mais durch den Heterosiseffekt verbessert wurde. Zahlreiche Experten stellten dies während des Symposiums 1997 über den „Heterosiseffekt in den Kulturen“ vom internationalen Zentrum in Mexiko für die Verbesserung von Mais und Weizen in Frage, denn durch die klonale Mischbildung wurde, ganz im Gegenteil, eine Art Sterilisation vorgenommen. Die sprachliche Umdeutung erreicht hier orwellsche Perfektion.


Es ging Shull und East darum, die reelle Problematik der interklonalen Variationen, die den Züchtern bei der Pflanzenzüchtung zur Verfügung stehen - eine Fragestellung die wissenschaftlich gelöst werden kann - durch eine zu diesem Zeitpunkt unlösbare esoterische Fragestellung zu ersetzen. Dies ist umso verständlicher, wenn man bedenkt, dass die interklonale Variabilität bei Maissorten sehr gering ist und bei Maisklonen die Ertragssteigerung dementsprechend klein ist. Mit anderen Worten ausgedrückt, ist das von Shull propagierte Verfahren ein „Enteignungsverfahren“. So entstand das erste Saatgut vom Typ „Terminator“, jedoch von den Genetikern geschickt mystifiziert. Die vermuteten „Tugenden“ der Heterosis und die Vitalität der Hybridpflanze anzupreisen, lohnt sich natürlich mehr als die Realität des Maisklonens zu beschreiben, und ermöglicht es, unter dem Deckmantel der Sortenamelioration die Enteignung zu verstecken.


1922 zwingen Vater und Sohn Wallace3 den widerstrebenden Züchtern das Klonen als Zuchtverfahren auf. Diese Praktiker liessen sich vom wissenschaftlichen Esoterismus der Heterosis nicht täuschen. Einige von ihnen hatten das Hybrid-Verfahren von Shull und East ohne Erfolg getestet. Warum sollten die Maissorten durch mehrere Generationen Selbstbefruchtung zerstört werden? Und wie konnte man sich erklären, dass aus geschwächten Inzuchtpflanzen eine Verbesserung durch ihre Kreuzung eintreten sollte? Stand dies nicht in krassem Widerspruch zu den grossen Züchtungsprinzipien „breed from the best“’ und „like engenders like?“ Kurzum, dieser Kraftakt hat bewirkt, dass die widerspenstigen Züchter entlassen und eine neue Generation von Züchtern zusammengestellt wurde, die ein enormes Forschungsprogramm für das Klonen von Mais umsetzten.


Dies war damals ein bedeutender Eingriff in das extrem dezentrale amerikanische Forschungsgefüge. Alle staatlichen Klonungsspezialisten (im Jahre 1936 über 100) waren direkte oder indirekte Schüler von East und Verfechter seiner Auslegung der Heterosis.


Die staatlichen Züchter hatten damals gar keine andere Wahl. Der Wallace Clan verlangte von ihnen, den triumphalen Siegeszug der Hybridsorten zu gewährleisten und nicht die genetischen oder epistemologischen Grundlagen dieser Technik zu erforschen. Wissenschaftliche Kritik zu üben und sich Henry Wallace auf der Höhe seiner Macht entgegenzustellen wäre damals selbstmörderisch gewesen. Die Mystifizierung erreichte ihren Höhepunkt, als es den staatlichen Klonungsspezialisten gelang, nach 15-jähriger hartnäckiger Selektionsarbeit Klone zu züchten, die den von den Bauern angebauten Sorten – sie wurden seit 1910 nicht mehr genetisch verbessert – überlegen waren. Die zusätzlichen Millionen Tonnen Mehrerträge wurden einfach dem Heterosiseffekt zugeschrieben.


Der Mehrertrag, den man sich vom Maisklonen erhoffen kann, ist gering, die damit verbundenen Kosten sind jedoch astronomisch. Die Maiserträge konnten seit dem 2.Weltkrieg vervierfacht werden. Diese Mehrerträge erfolgten zeitgleich mit der Einführung der Hybridsorten. Deshalb wird das erste mit dem zweiten erklärt. Diese vorgaliläische Schlussfolgerung kursiert auch heute noch - geradeso, als ob die Beobachtung des Sonnenkreislaufes allein seine Richtigkeit beweisen könnte. Die Realität ist eine andere. Die Züchter der öffentlichen Forschungsanstalten hatten die Maissorten durch Selektion verbessert und anhand dieser verbesserten Sorten verbesserte Klone ausgeschieden. Diese Klone wurden dann von privaten Unternehmen zu astronomischen Preisen verkauft.


Im Jahre 2000 wurde die Firma Pioneer der Familie Wallace, die mit einem Startkapital von 7600 Dollar gegründet worden war, an den Agrochemie- und Gifthersteller Du Pont für 10 Milliarden Dollar verkauft. Jeder 1926 investierte Dollar hat sich also 1.500.000 mal vervielfacht. Das investierte Kapital hat sich prächtig vermehrt, immer vorausgesetzt, dass dies die Pflanzen auf dem Feld des Bauern nicht taten.


Während des 20. Jahrhunderts lag die Hauptausrichtung der Züchtung bei der Entwicklung heterozygoter Klone (Hybridsorten), gleichgültig ob die Arten nun Selbstbefruchter oder Fremdbefruchter (wie z.b. die Tiere) sind. Bei den Selbstbefruchtern war der Erfolg dieses Verfahrens weniger eindeutig. Der Weizen zeigte sich trotz sechzigjähriger Versuche widerspenstig. Ein Forscher der INRA kündigte bereits 1986 in der Zeitung Recherche an, dass Hybridweizen bald die Labors verlassen würde…


Das französische Landwirtschaftsministerium finanzierte damals in diesem Bereich ein bedeutendes Forschungsprojekt. Hybridweizen ist jedoch auch heute noch in der Versuchsphase in den Labors. Glücklicherweise! Aus dem einfachen Grund, der sich mit der Vermehrungsrate einer Pflanzenart erklärt. Dieses Forschungsprojekt musste scheitern. Auch die Hybridsorten von Raps, die 1996 vom INRA mit großem Pomp angekündigt wurden, erweisen sich als Misserfolg. Aber die fixe Idee vom Heterosiseffekt hat die Genetiker und Züchter blind gemacht für diesen entscheidenden Aspekt des Erfolgs ihrer Enteignungsstrategie.


 


 



3. Henry Cantwell Wallace war US-Landwirtschaftsminister der Harding Regierung. Sein Sohn Henry Agard war Saatgutproduzent in den Jahren 1910, Landwirtschaftsminister von Roosevelt während dem New Deal und sein Vizepräsident während dem Krieg


 


Heterosis


Es sei hier kurz erwähnt, dass Wissenschaftler nicht in ihren Laboratorien sind, weil sie viel wissen, sondern weil sie unwissend sind. Im Jahre 1910 hatten englische Wissenschaftler die Vitalität der Hybridpflanzen mit der Mendelschen Vererbungslehre erklärt und mit Experimenten wissenschaftlich belegt. Hier liegt der Grund für die Geheimabkommen in den USA. Die Anwendung der Resultate der englischen Methode hätte die Entwicklung „freier“ Sorten bewirkt und keine „Eigentümerklone“ hervorgebracht und somit das Ende der revolutionären Erfindung bedeutet. Damals steckte die Genetik noch in den Kinderschuhen und so konnte die englische Studie andere genetische oder biologische Phänomene als Erklärung für die Vitalität der Hybridpflanzen nicht ganz ausschliessen. Diese Ungewissheit nutzten die zwei amerikanischen Rivalen, um ihre Idee von der Vitalität der Bastardisierung mit einer mysteriösen Superdominanz (die Überlegenheit der Heterosis) oder wie den von Shull 1914 suggerierten, nicht weniger mysteriösen Heterosiseffekt (da Kreuzung in jedem Fall einen Vorteil bringt) zu erklären. Sie erreichten damit, dass die Aufmerksamkeit von der eigentlichen wissenschaftlichen Fragestellung nach dem Einfluss der interklonalen Variation, die den Züchtern zur Verfügung steht, auf eine unlösbare esoterische Fragestellung abgelenkt wurde. 1964 haben die Wissenschaftler Lindsey, Moll und Robinson mit ihrer Arbeit über Maiszüchtung, die nie widerlegt wurde, der seit 50 Jahren dauernden Kontroverse ein Ende gesetzt, indem sie bewiesen, dass es keine Superdominanz bei den Erträgen von Mais gibt. Die Züchter (zumindest der öffentlichen Institute) hätten, um den Mais zu verbessern, seit 1964 ‚freie’ Sorten und nicht ‚gefangene Klone’ entwickeln können. Natürlich sind es nicht die Klone die verschwunden sind, sondern die Arbeit von Lindsey, Moll und Robinson.*


 


Kokopelli gewinnt einen Prozess


Während der französische Staat die Aussaat von genetischen Chimären auf französischem Territorium legalisiert und 1991 im geheimen die neue Version des Vertrags der UPOV ratifiziert (welche den Bauern auf immer verbietet, das geerntete Korn wieder auszusäen); während Aktivisten, die Felder mit genetischen Chimären abmähen, ihre Bankkonten gesperrt und sie zu Tausenden Euro Busse verurteilt werden, gewann der Verein Kokopelli einen der zwei gegen ihn angestrengten Prozesse.


Am 14. März 2006 sprach das Gericht von Alès den Vorsitzenden von Kokopelli, Dominique Guillet, frei und verurteilte die GNIS (Groupement National Interprofessionnel des Semences, Nationale interprofessionelle Vereinigung für Saatgut) und die FNPSP (Fédération Nationale des Professionnels de Semences Potagères et Florales, Nationale Föderation der Blumen- und Gemüsesaatguthersteller), die Prozesskosten zu tragen.


GNIS und FNSPS hatten Kokopelli wegen Handels mit Saatgut angeklagt, das nicht im nationalen Katalog aufgeführt ist. Man bemerke, dass die GNIS ein hybrider Organismus ist (gleichzeitig offiziell und interprofessionell), das dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist und von der Regierung Pétain 1941 gegründet wurde.


 


 


1. Klon: aus ungeschlechtlicher Fortpflanzung hervorgegangene Nachkommenschaft eines Individuums


Hybride: die ersten Nachkommen zweier Inzuchtlinien


heterozygot: mit verschiedenen Erbanlagen


2. Konzept, wonach die Nachkommen aus einer Kreuzung verschiedener Erbverbände im Durchschnitt ihre Eltern in Bezug auf Wüchsigkeit, Ertragsleistung und Vitalität übertreffen


 


 


 


 


 

verfasst von Jean-Pierre Berlan(INRA),  10.07.2006, eingestellt von ute
Thema im Archipel 139 (06/2006)
Tags: PFLANZENZÜCHTUNG
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 139 (06/2006)

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