© 

PRAG: Drei Frühlinge in einem

Der Ausdruck «Prager Frühling» ist erstmals aus dem Mund eines führenden französischen Kommunisten 1 zu hören gewesen. Er hatte ihn 1963 verwendet am Nachtag einer Franz Kafka-Konferenz im sozialistischen Prag, wo der Autor des Romans «Der Prozess» verpönt war. Heutzutage verwendet man den Ausdruck für die tschechoslowakische Bewegung von 1968, die durch die sowjetische Militärintervention im August zerschlagen wurde: Eine Tragödie, welche «den Anfang vom Ende» des sozialistischen Blocks bedeuten sollte – zumal dieser Einmarsch als «Schlag gegen die Konterrevolution» deklariert wurde.


 


In Wahrheit gab es drei Frühlinge ² im Jahr 1968: unlösbar miteinander verbunden, doch ganz verschieden und aufeinander folgend. Eine kleine Geschichtsstunde…


Die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) ist vor 1945 die einzige KP mit sehr grossem Einflussbereich in Mitteleuropa, zumindest im tschechischen Landesteil (Böhmen-Mähren). Sie ist tief in der Arbeiterklasse verwurzelt und bestens bewandert im Kampf auf parlamentarischer sowie gewerkschaftlicher Ebene in einem für Osteuropa außergewöhnlichen demokratischen Umfeld. Ihre Macht wächst noch durch den Protest gegen das Münchner Abkommen, den Widerstand gegen den Nationalsozialismus und das Bündnis mit der UdSSR sowie deren Roten Befreiungsarmee. 1946 erhält die KPTsch 38 Prozent der Stimmen. Mit ihrem Bündnispartner, den linken Sozialisten, hat sie die Mehrheit im Parlament und führt die Regierung. Ministerpräsident wird Klement Gottwald.


Obwohl in den 1930er Jahren auf die stalinistische Linie getrimmt, plant die KPTsch einen «tschechoslowakischen Weg zum Sozialismus», indem sie nicht beim sowjetischen Modell verharren, sondern den politischen Pluralismus akzeptieren will. Stalin spielt dieses Spiel mit, und die Tschechoslowakei wird zum Modell, das auch bei den USA «Interesse» weckt: Eine «Volksdemokratie» unter (unvermeidlicher!) sowjetischer Vorherrschaft, die aber offen bleibt für westliche Einflüsse. Als Washing-ton 1947 den Marshallplan zum Wiederaufbau Europas vorschlägt, was von Moskau als Versuch einer «US-imperialistischen Aneignung» gewertet wird, muss Prag, trotz ursprünglicher Begeisterung, diesen Plan zurückweisen. Der Kalte Krieg beginnt.


Im Februar 1948 – ohne Hilfe der sowjetischen Truppen, die das Land bereits verlassen haben – nutzt die KPTsch eine politische Krise, um mit Unterstützung der Arbeitermilizen und Gewerkschaften die gesamte Macht an sich zu reißen. Dies ist der berühmte «Prager Putsch», Endstation des «tschechoslowakischen Weges»… Das stalinistische Modell wird eingeführt: Diktatur einer einzigen Partei, Staatszentralismus, Planwirtschaft, Vorrangstellung der Schwerindustrie. Dieser einschneidende Radikalismus geniesst eine breite Unterstützung seitens der Arbeiter und eines großen Teils der Jugend: Die «Volksdemokratie» ist hier so populär wie in keinem anderen osteuropäischen Land. Der «Bruch mit dem Kapitalismus», das Ende von Kompromissen mit der Bourgeoisie und die Ablehnung des «amerikanischen Diktats» erzeugen großen Enthusiasmus. Eine «leuchtende Zukunft» liegt endlich in Reichweite.


Aber die Freude der einen geht einher mit dem Terror für die anderen… Ein Terror, der sich bald auch gegen die Kommunisten selbst richtet. Die Einführung des stalinistischen Parteistaates ist gekennzeichnet von politischen Gerichtsprozessen und blutigen Strafmaßnahmen. Abgesehen von den liquidierten führenden Kommunisten – viele werden nach vorgefertigten Urteilen erhängt – wendet sich die von Stalin eingesetzte Maschinerie vor allem gegen Juden und ehemalige Mitglieder der Internationalen Brigaden des Spanienkriegs. Das paranoide Klima dieser Inquisition dauert von 1948 bis zum Tode Stalins im Jahre 1953 an. Während in Moskau 3, Warschau 4, Budapest 5 1956 eine Entstalinisierung Einzug hält, zeigt sich die tschechoslowakische Führung diesbezüglich mit Antonin Nowotny an der Spitze eher zögerlich. Doch es weht ein frischer Wind, der nicht mehr aufzuhalten ist: Weder im kulturellen Leben Anfang der 1960er Jahre noch in der Wirtschaft, wo die Reformen bereits 1963 beginnen.


 


Sozialismus mit


menschlichem Antlitz


Der Ausbruch des «Frühlings 1968» kommt nicht überraschend. Wer dagegen überrascht, ist der Slowake Alexander Dubcek. Am 5. Januar 1968 wird er mit Unterstützung des sowjetischen Parteichefs Leonid Breschnew zum Ersten Sekretär der KPTsch gewählt. Dubcek ist im Prinzip ein «Kompromisskandidat» zwischen den Lagern des konservativen Nowotny und des reformfreudigen Josef Smrkovsky. Aber sehr schnell erweist er sich als Aktivist der Demokratisierung. Die Januarpolitik nimmt ihren Anfang und bekommt bald den Namen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz».


Im März wird die Zensur abgeschafft und im April verabschiedet die KPTsch ein neues Programm: Die Partei mit ihrer «führenden Rolle» will sich der Meinungsfreiheit und einer aktiven Teilnahme der Gesellschaft öffnen. Das sind klare Zeichen von Erneuerung und zugleich ein schrilles Alarmzeichen für die gesamte sozialistische Welt. Die Gefahr eines Überschwappens erweist sich angesichts beginnender ähnlicher Reformen in den anderen Ländern als enorm. Der Prager Frühling beunruhigt vor allem die direkt angrenzenden Nachbarländer: Einerseits die DDR Walter Ulbrichts, vorbildliche Behüterin des Dogmas, andererseits das Polen Wladislaw Gomulkas, der wegen der Studentenproteste in arger Bedrängnis, aber auch dem Druck seitens des Generals Moczar mit dessen antisemitischen Kampagne 6 ausgesetzt ist. Selbst die UdSSR ist betroffen, denn in der Ukraine will die KP mit ihrem autonomistischen Chef Pjotr Schelest einen Sonderweg einschlagen.


Die Gegner des neuen tschechoslowakischen Kurses drängen Moskau zu einer rigorosen «Rückkehr zur alten Ordnung». Dies rückt den militärischen Einmarsch vom 21. August und die Verhaftung Dubceks erschreckend nah. Weit entfernt davon, «die Ruhe wiederherzustellen», radikalisiert die Militärintervention die KPTsch nur noch mehr. Bei ihrem XIV. Parteitag im Prager Werk für Maschinenbau ÈKD, den sie unter dem Schutz der Arbeiter durchführt, beschliesst sie den vollständigen Bruch mit dem sowjetischen Modell sowie den friedlichen Widerstand. Diese Parteilinie wird mit der Rückkehr Dubceks und des Präsidenten Svoboda aus Moskau in Frage gestellt. Beide haben in Moskau –  unter Voraussetzung einer völligen «Beibehaltung der Januarpolitik» (Beginn der Demokratisierung) – einen «Kompromiss» unterschrieben, der den XIV. Parteitag für «illegal» erklärt. Es folgt Zugeständnis auf Zugeständnis, die als zu radikal eingestuften Personen und Ideen werden geopfert und Moskau erreicht mit einer Zermürbungstaktik schließlich die Kapitulation. Dubcek wird im März 1969 ausgebootet und all seiner bisherigen Ämter enthoben. Sein von Moskau ausgewählter Nachfolger, und das ist der Clou des Ganzen, zählt nicht zu den Hardlinern. Er steht gar im Ruf, ein «Mann des Prager Frühlings» zu sein. Gustav Husak, der Nowotny besiegte, ist ein slowakischer Föderalist. Er setzt schrittweise eine autoritäre «Normalisierung» durch und garniert diese in den Geschäften mit Würsten und gutem Bier, was dank der «großzügigen Hilfe» seitens der sowjetischen Genossen ermöglicht wird. Etwa 500.000 Mitglieder werden aus der Partei ausgeschlossen, Hunderte von Dissidenten ins Gefängnis geworfen. Die KPTsch gewinnt 20 Jahre «Stabilität», verliert jedoch jegliche Glaubwürdigkeit. Bei der «samtenen Revolution» von 1989 wird sie aller wichtigen Funktionen enthoben. Sogar Alexander Dubcek, befreit und bejubelt von den Massen, wird zugunsten Vaclav Havels, Führer der post-68er Dissidenten, Kopf des «Bürgerforums» sowie Anhänger des Liberalismus und Euro-Atlan-tismus, ausgebootet.


 


Der «Frühling der


Intellektuellen»


Seit Januar 1968 haben sich die tschechischen Intellektuellen in den von der KPTsch geöffneten Riss geworfen. Ihr im Juni veröffentlichtes «Manifest der 2000 Worte» verlangt eine demokratische Freiheit wie im Westen. Diese Forderung wird von einer fast zehn Jahre alten kulturellen Bewegung gestützt. Die kulturelle Generation der späten 1950er Jahre wird durch den Jazz, den Rock sowie die lokale Version des Yeah-Yeah «aufgeweckt». Der kreative Aufbruch zeigt sich in Literatur, Theater und Kino. Die Stars dieser Nouvelle Vague sind bekannt: der Schriftsteller Milan Kundera, die Dramatiker Pavel Kohut und Vaclav Havel, die Filmemacher Milos Forman (Die Liebe einer Blondine, Konkurs, Der Feuerwehrball); Vera Chytilova (Tausendschönchen); Jiri Menzel (Liebe nach Fahrplan).


Es gäbe noch viele andere zu nennen, doch es ist eine Kultur, die dem westlichen Publikum leider verschlossen bleibt, so wie immer, wenn es sich um die ehemaligen Ostblockländer handelt. Einzige Ausnahme bilden die «zugelassenen» Dissidenten 7. Auf dem Gebiet der Soziologie schart der Forscher Radovan Richta eine Gruppe von Leuten um sich, die sich mit einer humanistischen Variante der «wissenschaftlich-technischen Revolution» auseinandersetzt. Diese Denker möchten, dass die so genannte kommende «Revolution» in einer postindustriellen Gesellschaft der Entfaltung des Menschen sowie der Kollektive diene, welche von den herrschenden Beziehungen befreit seien. Die Sichtweise spiegelt sich auch im Werk von Herbert Marcuse «Der eindimensionale Mensch» wider. Die tschechischen Reformer unter den Marxisten setzen die «vergessene» Frage der Entfremdung auf die Tagesordnung.


Aber es ist vor allem die Wirtschaft, wo die Reformer mit dem Wirtschaftswissenschaftler Ota Sik an der Spitze, besonders gefragt sind: Wie der Stagnation entkommen, in der man seit dem starken Wachstum der 1950er Jahre steckt; wie auf die Ansprüche der frustrierten Konsumenten reagieren?


Das Problem, das sich den Liberalen stellt, ist dreigeteilt: Die Wachstumsstrategie beruht auf der Schwerindustrie bei gleichzeitiger Vernachlässigung von Landwirtschaft und Konsum, und die Betriebe, ihre Kader und Arbeiter sind nicht sehr motiviert, mehr und besser zu arbeiten, Neuerungen einzuführen oder sich anders zu organisieren. Zu allen drei Punkten werden Lösungen entwickelt: die Konsumgüter erhalten Priorität, die Umsetzung des Plans muss nach wirtschaftlichen Kriterien erfolgen, Betriebe haben die Pflicht zu Rentabilität sowie bei ihren Mitgliedern Interesse für die individuellen und kollektiven Ergebnisse zu wecken. Aber diese Reform (analog jener, die sich in der UdSSR abzeichnet) kollidiert mit den «sozialistischen Prinzipien»: Das Zentrum muss die Entscheidungsgewalt über Investitionen und Löhne behalten; es darf weder Kollektiventlassungen noch die Einführung von Arbeitslosigkeit geben.


Dieses Projekt eines «dritten Weges» nach Ota Sik, das nicht staatssozialistisch und nicht kapitalistisch wäre, gerät zu einer Totgeburt. Es wird sowohl 1968-69 von den Anhängern des «Marxismus-Leninismus» verurteilt, als auch von den Liberalen, die nach 1989 das Ruder übernehmen: Für sie und ihre westlichen Berater ist klar, dass man nichts vom ehemaligen System behalten darf, genauso wenig «wie man auch nicht halb schwanger sein kann».


Der Frühling der Selbstverwaltung


Es gibt einen dritten Frühling 1968, und der erblüht im Herbst: jener der «Arbeiterräte». Bis zum Sommer sind sie noch recht spärlich vertreten. Die Arbeiterschaft ist aufmerksam, steht aber dem «Frühling» der Partei und Intellektuellen eher reserviert gegenüber und misstraut dem Spiel an der Machtspitze. Es ist die Militärintervention im August, die sie mobilisiert in einem Esprit von nationalem (friedlichem) Widerstand, aber auch, und das ist noch erstaunlicher, in der kommunistischen Tradition der «Sowjets», an welche die Liberalen kaum gedacht haben. Letztere stellen die «Menschenrechte» und die «Demokratie» ins Zentrum ihrer Anliegen, die hauptsächlich als politischer Pluralismus konzipiert und auf den Arbeitsbereich beschränkt bleiben. Es ist Ota Sik, der im Mai 1968, an die Arbeiterinitiative anknüpft, um den Widerstand der Bürokraten gegenüber den Reformen zu brechen. Ein «sozialistisches Betriebsgesetz» ist in Vorbereitung. Dieses soll eine Aufteilung der Macht zwischen Staat, Betriebsleitung und den Arbeitern herbeiführen. Und die Mitbestimmung? Die Arbeiterräte entstehen im Juni und gehen über den vereinbarten Rahmen hinaus. Sie geben sich eine kollektive Gestaltung der Macht und das Recht, den Direktor zu bestimmen. Der XIV. Parteitag der KPTsch im August stimmt für eine umfassende Selbstverwaltung. Es ist also unter der Besatzung, dass sich im ganzen Land die Arbeiterräte bilden. In vielen Fällen werden sie von militanten Kommunisten und Gewerkschaftern an der Basis ins Leben gerufen. Bis Juni 1969 wachsen sie zahlenmäßig an und erreichen schließlich mehr als eine Million Arbeiter. Die von den Arbeitern Gewählten sind mehrheitlich Kader und Techniker. Ihre erklärten Ziele betreffen vor allem die Leitung der Betriebe, die Qualität der Produkte, die Organisation der Arbeit, und nicht wie angenommen, einzig die Fragen von Gehalt und Gewinn. Die Debatte um das Betriebsgesetz bringt schrittweise auf Initiative der Regierung (noch unter Dubcek) eher ein Projekt der «Co-Mitbestimmung» als der «Selbstverwaltung» hervor. Schliesslich verbietet der Industrieminister im Juli 1970 ganz einfach alle Arbeiterräte. Laut wiederhergestellter offizieller Propaganda begünstigt die Existenz der Arbeiterräte eine «Anarchogewerkschaftsbewegung». Wer hätte das gedacht?


Der Geist, in welchem die tschechischen «Selbstverwalter» diese neue Version des Sozialismus planen, wird im Februar 1969 von Jindrich Chalupetzky unter dem Titel «Alle Macht den Arbeiterräten» dargelegt. Sich an die Liberalen wendend, sagt er: «Man kann die Wiederherstellung der menschlichen Freiheit weder auf das reduzieren, was man klassische Demokratie nennt, noch auf das allgemeine und egalitäre Wahlrecht mit der Möglichkeit, zwischen mehreren Kandidaten und Parteien zu wählen. Diese Art von Demokratie wurde für eigene Bedürfnisse von einem Drittel des Staates, von Händlern, von Handwerkern, Unternehmern geschaffen, wenn sie die Freiheit in ihren eigenen Aktionen erreicht haben. Sie haben somit auch politisch ihr «natürliches Recht» ausgedrückt(…) Die klassische Demokratie beschränkt sich de facto darauf, was man ihr zugesteht; den Menschen die Wahl zu lassen, zwischen Möglichkeiten, die von jemand anderem für sie vorbereitet wurden.(…) Die wahre Macht des Volkes kann nur dort beginnen, wo diejenigen sind, die bis dahin der Freiheit beraubt und gewohnt waren, sich den Entscheidungen, die von ausserhalb kamen, zu beugen. Sie werden sich der inneren Freiheit bewusst und beginnen selbst, Entscheidungen bezüglich grundsätzlicher Fragen ihrer Existenz, nicht nur privater, sondern auch sozialer Natur, zu treffen (…) Heute rufen die Politiker zu Mäßigung auf. Dennoch treibt uns alles dazu, diesen alten Slogan zu wiederholen: Alle Macht den Sowjets! Alle Macht den Arbeiterräten, den Bauern, den jungen Leuten, den Intellektuellen. So als hätten wir noch einmal das Recht, die ersten Seiten des Buches über die Revolution aufzuschlagen. Und so als könnten wir noch einmal, nach all der Enttäuschung und Verzweiflung, die Freiheit in dieser Welt atmen». 8


 


Vage Erinnerungen


Von diesem Frühling bleibt nichts, mit Mühe gerade mal eine vage Erinnerung. Wie kann man bei den derzeitigen Erinnerungszeremonien an den Prager Frühling dieses Stillschweigen über den Entwurf einer sozialen Revolution erklären? Ein österreichischer Tschechien-Korrespondent, 2008 in Prag tätig, meint dazu: «Erschwert wird die Auseinandersetzung über 1968 heute auch dadurch, dass die herrschenden Konservativen das Ereignis als ‚bloßen Machtkampf innerhalb der damaligen KP-Führung‘ abtun. Gezielt. Es soll niemand auf die Idee kommen, sich der Ideale und Werte von damals etwas genauer zu erinnern». 9


 


 


 


1. Es handelt sich um den bekannten Roger Garaudy, populärstes ausgeschlossenes Mitglied der KPF nach Prag und vor seinem Übertritt zum


Islam sowie einem militanten Negationismus.


2. Alles, was den «Prager Frühling» anbetrifft, sowohl in diesem Artikel als auch in vielen anderen, legt das Hauptaugenmerk auf das Geschehen in Tschechien (Böhmen und Mähren). In der Slowakei, traditionell viel ländlicher, katholisch und von der Autonomie enttäuscht, bedeutet der «Frühling» vor allem die Möglichkeit, den Föderalismus zu fordern und zu erhalten. 1993, nach gemeinsamem Einverständnis, trennen sich die tschechische und slowakische Republik voneinander.


3. Mit Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).


4. Friedlicher Volksaufstand, der Wladislaw Gomulka, ein Opfer der stalinistischen Repression, an die Macht bringt.


5. Oktoberaufstand 1956, angeführt vom antistalinistischen Kommunisten Imre Nagy. Der Aufstand wird im November von der Roten Armee niedergeschlagen. Ein anderer geschätzter antistalinistischer Führer, Janos Kadar, «stellt die Ordnung» mit eiserner Hand wieder her, leitet später liberal gemäßigte Reformen ein.


6. Dieser nationalistische General geißelt die polnischen Studentenproteste als Machwerk der «Zionisten»; und die «Patrioten» vom Machtapparat nutzen diese Situation, um sich der jüdischen «Genossen» zu entledigen, die zur Emigration nach Israel getrieben werden.


7. Somit ein verlorener Kontinent des tschechischen und slowakischen Kinos.


8. Veröffentlicht in der Zeitschrift «Listy», Februar 1969. Auf Französisch erschienen im Werk von Jean-Pierre Faye und Vladimir Claude Fisera: «Die Revolution der Arbeiterräte 1968-1969», Verlag Seghers-Laffont, 1977.


9. Hans-Jörg Schmidt «Die Presse», 9. März 2008.


 


 


Die tschechoslowakische Ausnahme


Zum «Ostblock» zählend, stellt die Tschechoslowakei dennoch  eine sehr «westliche» Ausnahme dar. Vor 1939 ist es das einzige industriell entwickelte Land dieser Region; das einzig liberal herrschende Regime, welches nicht in die Diktatur des Faschismus gleitet oder unter die Einflusssphäre Nazideutschlands gerät, wie fast ganz Mittel-, Ost- und Südeuropa. Es ist eines der wenigen Nachbarstaaten der UdSSR, die nach 1917 nicht dem antisowjetischen «Sperrgürtel» angehören.


Mit der Unterzeichnung des Münchner Abkommens im Jahre 1938 lösen Hitler, Mussolini sowie das demokratische Frankreich und Großbritannien die Aufteilung dieses Landes aus. Das Sudetenland wird an das Deutsche Reich angeschlossen und Böhmen-Mähren unter Naziprotektorat gestellt; Polen nutzt die Gunst der Stunde, um mit Zustimmung Berlins die Region Teschen zu annektieren; die Slowakei gerät unter das klerikal-faschistische Regime von Hochwürden Tiso; Ruthenien unter die von Awgustyn Woloschyn ist zudem Sammelbecken nationalistisch-radikaler Ukrainer und wird zugleich mit Hilfe Hitlers von Ungarn überfallen.


Die Tschechoslowakei ist das einzige Land des Ostblocks (mit der UdSSR und Polen), welches zur Anti-Hitler-Koalition gehört. Seine Exilregierung mit Eduard Bene an der Spitze unterzeichnet 1943 einen Bündnispakt mit Moskau. Auch als die Rote Armee diesen Teil Europas überrollt, ist es das einzige befreite Land (außer Polen*), das nicht zu ihren «Feinden» zählt. Hiermit kann man zweifelsohne die Popularität der UdSSR und der Kommunisten in der Tschechoslowakei nach 1945 erklären.


* Polen stellt einen Sonderfall dar. Ausgestattet mit einem Regime, das der UdSSR sehr feindlich gesonnen ist und die Allianz mit Deutschland gesucht hat, wird Polen 1939 zum Opfer des Hitler-Stalin-Paktes. Während es von den Nazis überfallen wird, nutzt dies die UdSSR, um belorussischen und ukrainischen Boden von Ostpolen wiederzuerlangen («Aufteilung Polens»).


Während des Krieges rivalisieren zwei Widerstandsbewegungen miteinander: diejenige der Londoner Exilregierung, und die in der UdSSR ausgebildete polnische Armee, welche nach dem Krieg hilft, in Warschau ein stalinistisches Regime zu errichten.


 


Die tschechoslowakische Ausnahme


Zum «Ostblock» zählend, stellt die Tschechoslowakei dennoch  eine sehr «westliche» Ausnahme dar. Vor 1939 ist es das einzige industriell entwickelte Land dieser Region; das einzig liberal herrschende Regime, welches nicht in die Diktatur des Faschismus gleitet oder unter die Einflusssphäre Nazideutschlands gerät, wie fast ganz Mittel-, Ost- und Südeuropa. Es ist eines der wenigen Nachbarstaaten der UdSSR, die nach 1917 nicht dem antisowjetischen «Sperrgürtel» angehören.


Mit der Unterzeichnung des Münchner Abkommens im Jahre 1938 lösen Hitler, Mussolini sowie das demokratische Frankreich und Großbritannien die Aufteilung dieses Landes aus. Das Sudetenland wird an das Deutsche Reich angeschlossen und Böhmen-Mähren unter Naziprotektorat gestellt; Polen nutzt die Gunst der Stunde, um mit Zustimmung Berlins die Region Teschen zu annektieren; die Slowakei gerät unter das klerikal-faschistische Regime von Hochwürden Tiso; Ruthenien unter die von Awgustyn Woloschyn ist zudem Sammelbecken nationalistisch-radikaler Ukrainer und wird zugleich mit Hilfe Hitlers von Ungarn überfallen.


Die Tschechoslowakei ist das einzige Land des Ostblocks (mit der UdSSR und Polen), welches zur Anti-Hitler-Koalition gehört. Seine Exilregierung mit Eduard Bene an der Spitze unterzeichnet 1943 einen Bündnispakt mit Moskau. Auch als die Rote Armee diesen Teil Europas überrollt, ist es das einzige befreite Land (außer Polen*), das nicht zu ihren «Feinden» zählt. Hiermit kann man zweifelsohne die Popularität der UdSSR und der Kommunisten in der Tschechoslowakei nach 1945 erklären.


* Polen stellt einen Sonderfall dar. Ausgestattet mit einem Regime, das der UdSSR sehr feindlich gesonnen ist und die Allianz mit Deutschland gesucht hat, wird Polen 1939 zum Opfer des Hitler-Stalin-Paktes. Während es von den Nazis überfallen wird, nutzt dies die UdSSR, um belorussischen und ukrainischen Boden von Ostpolen wiederzuerlangen («Aufteilung Polens»).


Während des Krieges rivalisieren zwei Widerstandsbewegungen miteinander: diejenige der Londoner Exilregierung, und die in der UdSSR ausgebildete polnische Armee, welche nach dem Krieg hilft, in Warschau ein stalinistisches Regime zu errichten.

verfasst von Jean-Marie Chauvier (August 2008),  06.10.2008, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 163 (09/2008)
Tags: PRAG
Kommentare zu diesem Artikel
Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob Sie ein menschlicher Benutzer sind und um automatisierten Spam vorzubeugen.

Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 163 (09/2008)

Hier können Sie aus allen Archipelausgaben seit 2002 auswählen

Home - Themen - Archipel - Über das forumcivique - Shop - Mitmachen - Spenden

Europäisches BürgerInnen Forum - Forum Civique Européen - European Civic Forum - Foro Cívico Europeo