Roma aus dem Kosovoin Medzitlija
ute


679 Personen kampierten vom 19. Mai bis 9. August einige Meter vom Grenzposten zwischen


Makedonien, wohin sie geflüchtet waren, und Griechenland, mit einigen Planen statt Zelten, ohne Trinkwasser etc. Das lokale Rote Kreuz lieferte täglich ein Brot und einen Liter Wasser pro Person und versah ein Mal pro Woche einen "ärztlichen" Dienst 1.


Die Polizei bewachte das Lager: Es durften täglich nicht mehr als zehn Personen in die nächste Stadt, Bitola. Wer sich dorthin begeben wollte, musste am Vortag um eine Genehmigung bei den Behörden ansuchen. Auch Besuche im zwei Kilometer entfernten Dorf Medzitlija wurden kontrolliert. Das Lager durfte nicht fotografiert werden. Der Druck war groß, denn bei jeder verdächtigen Bewegung wurde die Ordnung mit Hilfe von Knüppeln wieder hergestellt. Mehrere Personen, davon einige Kinder, mussten bereits ins Spital eingeliefert werden.


"Ich bin seit vier Jahren im Gefängnis"


Von 1999 an lebten diese Roma und Ashkali (2), die aus dem Kosovo geflüchtet waren, "unter humanitärem Schutz" in Makedonien. Sie zogen von einem Lager ins andere, bis sie sich 2001 auf der Müllhalde von Suto Orizori "niederließen", dem größten Romalager von Europa (40.000 Menschen) am Rande von Skopje. Anfangs 2003 beschloss das UNHCR, seine "Hilfe" drastisch zu reduzieren und schloss das Lager am 30. April. Im Anschluss an mehrere Demonstrationen in der Hauptstadt beschlossen einige Flüchtlinge, an der Grenze kollektiv um Asyl in der Europäischen Union anzusuchen. 30 Meter vor der "Festung Europa" wurden sie angehalten. Im Gegensatz zu den Behauptungen der Medien forderten sie, "durch das große Tor" eingelassen zu werden, nach Verhandlungen mit einem Drittland und hatten keineswegs die Absicht, gewaltsam in Griechenland einzudringen. Mitte Juni versammelte sich ein "Krisenstab" des Europarats und lehnte den Asylantrag kategorisch ab, was angesichts der immer restriktiveren Immigrationspolitik der EU niemanden überraschte. Die Mediatisierung der "spektakulären" Situation ("700 Flüchtlingen an den Toren Europas") hatte leider nicht die erhoffte Wirkung.


Die Flüchtlingen in Medzitlija würden jedoch sogar lieber in den Kosovo zurückziehen zu können, als Asyl zu bekommen und dies trotz eines idyllischen Bildes von Westeuropa, das gewisse politische Organisationen aufrechterhalten (Möglichkeit, schnell eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung und eine Unterkunft zu erhalten usw.).


Mit der heiklen Frage der Rückkehr der Flüchtlinge steht die Glaubwürdigkeit der Vereinten Nationen auf dem Spiel: Wenn sie schnell vonstatten ginge, wäre das ein eklatanter Sieg der UNO-Diplomatie gegen die angebliche lokale Barbarei; ein Statut für 679 Personen außerhalb des Balkans wäre hingegen eine schmerzliche Niederlage.


Einige Roma sind bereits in den Kosovo zurückgekehrt, nachdem sie (man fragt sich wie) der UNMIK Eigentumsrechte beweisen konnten, und als die EU, die die meisten Programme für den Wiederaufbau leitet, sich endlich herabließ, sich für ihr Schicksal zu interessieren. Die Anstrengungen für den "Wiederaufbau einer multiethnischen Gesellschaft" gehen eindeutig eher in Richtung der Serben, die politisch und wirtschaftlich von einem Staat unterstützt werden, sei er noch so geschwächt wie der serbische, als in Richtung der Roma, die in einem staubigen Winkel der Geopolitik gefangen halten werden.


Das UNHCR arbeitet nicht im Besonderen mit den Roma, weil es offiziell die Flüchtlinge als eine einzige Gruppe betrachtet. Diese Strategie trägt dazu bei, dass die Diskriminierungen einer Minderheit verschleiert werden. Hier müsste man eigentlich ansetzen, um ein anderes soziales Modell aufzubauen als die in Mitrovica immer noch bestehende "Apartheid": Wie viele Albaner einerseits, Serben, Roma, Ashkali etc. andererseits haben seit dem Krieg den Fluss überquert, der immer noch als strikte Grenze zwischen den Gruppen angesehen wird?


Die Angst vor Repression, die Unsicherheit (die Morde im August 2003 haben die letzten Zweifel diesbezüglich zerstreut) und die wirtschaftliche Katastrophe (70 Prozent Arbeitslose, davon 90 Prozent Roma) entmutigen diejenigen, die zurückkehren wollen.


Sogar einige Behörden geben zu, dass heute noch nicht wirklich sozialer Frieden herrscht. Beispiel: In Gjilane (ca. 130.000 Einwohner), einer Gemeinde, die als "befriedet" angesehen wird, leben heute noch 24 Roma-Familien (ca. 400.000 vor dem Krieg). Das größte Roma-Viertel wurde von Albanern gänzlich zerstört. In vier Jahren wurden dort sechs Häuser wieder aufgebaut, zehn Familien sind zurückgekehrt und zwölf sind weggezogen. Dem Sprecher der Roma zufolge gibt es nur die Möglichkeit, die Familien nicht einzeln, sondern gruppenweise (etwa 20 auf einmal) zurückzuführen, denn die Isolierung macht Angst: Die Roma gingen nicht außer Haus, auch als Serben und Albaner wieder auf demselben Markt einkauften...


Ende Juli akzeptierten die Flüchtlinge, angesichts der Unnachgiebigkeit der europäischen Länder und der kritischen Situation in Medzitlija, über eine "Rückkehr" nach Makedonien zu verhandeln. Das HCR hat die Diskussionen wiederum blockiert und weigerte sich, ihre Forderungen anzuhören. Nach zwei Wochen zäher Verhandlungen wurden 122 Personen in einem Heim in Katlanovo untergebracht, 292 in einem provisorich eingerichteten Heim in Kumanovo und 254 Personen in einzelnen Häusern in der Region von Skopje. Am 9. August verließen die letzten Familien Medzitlija.


Wenn die Flüchtlinge hier auch auf Grund der Scheinheiligkeit der Internationalen Gemeinschaft eine Niederlage erleiden mussten, so haben sie die Grausamkeit der restriktiven Migrationspolitik aufgezeigt, die durch Rassismus und Vorurteile noch verschärft wird, in diesem Fall gegen die Roma, ein Phänomen, das keine Grenzen kennt.


Coline Pellegrini


Emmanuel Grez


Carobella Natura


Quellen: Marcel Courthiade, Les Rroms, Ashkalis et Gorans de Dardanie/Kosovo


Les Annales der l’autre Islam (Paris, INALCO), Nr. 7 (Kosovo. Six siècles de mémoire croisée), 2000


Mit’a Castle-Kanerova, Roma refugees: the EU dimension. In Will Guy (ed.), Between past and future


The Roma of central and eastern Europe

. University of Hertfordshire press, 2001


European Roma rights center


(Budapest): errc.org


Informationen unter: romnews.com


1. Eine vollständige Version dieses Textes kann bei krompirusa@no-log.org angefordert werden


2. Die "Balkan-Ägypter", denen die Ashkali angehören, bilden ein Volk ohne Territorium von ungefähr 200.000 Personen auf dem Balkan; gewöhnlich werden sie gleichgestellt mit den Roma, sie haben aber weder die gleiche Sprache, noch dieselbe Geschichte.


"Ich habe vier Kriege erlebt: den der Serben, den der NATO, den der Albaner und den der Makedonier"


Nach dem Einmarsch der NATO-Truppen in den Kosovo griffen die Albaner alle diejenigen an, die als Komplizen der Serben hätten gelten können, in erster Linie die Roma: Als Belgrad zu Beginn der 1990er Jahre die Behörden und Unternehmen von Albanern "säuberte", hatten einige Roma diese Posten übernommen. Erklärungen einer Handvoll pro-serbischer Roma, die von zahlreichen Medien aufgegriffen wurden – die Mehrheit der Roma, die sich Milosevic nicht unterwerfen wollten, wurden zum Schweigen gebracht oder zur Auswanderung gedrängt – hatte genügt, um den Verdacht gegen einige Individuen auf eine "Gruppe" auszuweiten und den Rassismus anzuheizen: Vor den Augen der KFOR häufen sich seit Juli 1999 die Gewalttaten, ganze Siedlungen brennen ab. 80 Prozent der Häuser der Roma wurden zerstört, entweder durch die Bombardierungen oder durch Anschläge sowohl von Serben als auch von Albanern. Schließlich waren es an die 50.000 Roma, die nach Montenegro oder Makedonien flüchteten, einige auch in Länder der EU. Im Jahr 2003 stellten die Roma noch 1 Prozent der Bevölkerung des Kosovo dar, gegen 4 Prozent vor 1999.

 13.10.2003, eingestellt von ute
Thema im Archipel 109 (10/2003)
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Archipel

Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 109 (10/2003)

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