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ROMA IN SERBIEN: Wer anders ist, hat nicht die gleichen Rechte

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich ein grosser Teil der serbischen Bürger_innen mit zweifelsfreier Roma-Abstammung, in den Volkszählungen nicht als Roma identifizieren lässt.
Die älteren Generationen der meisten Balkanvölker sehen seit ihrer Kindheit eine Roma-Frau als eine böse Frau. Wenn die Kinder unartig waren, haben ihre Eltern versucht, ihnen Angst zu machen mit der Drohung  «wenn ihr nicht brav seid, kommt eine Zigeunerin und trägt euch weg in ihrem Sack». Manche mögen sich mit einer gewissen einfältigen Nos-talgie an diese Momente ihrer Kindheit erinnern, doch was würden sie denken, wenn eine Roma-Mutter ihren Kindern laut sagen würde: «Wenn ihr nicht brav seid, kommt eine Serbin / Kroatin / Albanerin oder – (Gott behüte!) – eine Slowenin und trägt euch weg in ihrem Sack»? Dieses Geschichtchen ist ein angemessenes Beispiel, um zu zeigen, dass die Stigmatisierungsprozesse von Roma-Mitbürger_innen, die eigentliche Grundlage ihrer formellen und informellen Diskriminierung im Alltag, tief in der gesellschaftlichen Tradition der Balkanvölker verankert sind, und dass die Wahrnehmung ihrer Identität reich an banalen Vorurteilen und Stereotypen ist.
Nach realistischen Schätzungen leben in Serbien ca. 450.000 Roma, doch die Volkszählung im Jahr 2011 registrierte lediglich ca. 147.000. So hat ein schon früher erkanntes Problem der ethnischen Mimikry oder des «ethnischen Exodus» der Roma seine Bestätigung gefunden. Durch die Selbstidentifizierung als Nicht-Roma wollen die Roma-Bürger_innen im Grunde genommen ihre Identität verändern, in manchen Fällen auch vollständig aufgeben.   
Zwei wesentliche Gründe für die «Flucht» der Roma vor ihrer Identität werden berechtigterweise genannt: Ausweg aus der Armut und besserer Schutz vor Diskriminierung. Deutlich weniger Aufmerksamkeit wird dem Problem der Assimilation d.h. dem mangelnden Wunsch nach Identitätsbewahrung der Roma-Bevölkerung und der wachsenden Fremdenfeindlichkeit in der serbischen Gesellschaft geschenkt. In Serbien wird die Feindseligkeit gegenüber allem was anders, verschieden und fremd ist, stets hemmungslos ausgedrückt und in Kriegszeiten besonders stark entwickelt. Es reicht, Anhänger eines anderen Fussballvereins, anderer ethnischer Abstammung, Religionszugehörigkeit, Sexualorientierung, Ausländer oder Roma zu sein, und schon wird es Gruppen geben, die ihre Frustration, Wut und Eitelkeit an dieser unglücklichen Person auslassen. Das tragische Ende eines jungen französischen Fussballfans in Belgrad oder die mutwilligen Jugendmorde in Belgrad und Bor sind ein Indikator für den bedenklichen Allgemeinzustand der Gesellschaft. In der Gesellschaft gelten die Roma mehrheitlich als «Menschen am Abgrund», denen niemand besondere Aufmerksamkeit widmet. Nach wie vor gibt es die romantische Vorstellung von den Roma als einem musikalisch aussergewöhnlich begabten Volk und die negativen Stereotypen von «schmutzigen Leuten», mit Vorliebe für «kleine Schwindeleien» und «Diebstahl». Grundsätzlich kann man sagen, dass der Alltag der Roma aus einem endlosen Überlebenskampf besteht. Das ist sozusagen eine der wichtigen Eigenarten ihrer Identität! Sie haben sich aber trotzdem vom äussersten Rand zur Mitte der Gesellschaft bewegt. Von «unsichtbaren Mitbürger_innen» sind sie zu einem wahrnehmbaren Bestandteil des öffentlichen Lebens Serbiens geworden, mehr in der Politik, Kultur und vor allem in der Bildung als in der Wirtschaft. Die Verdienste für diese sicherlich positive Entwicklung in der öffentlichen Wahrnehmung liegen sowohl bei prominenten Ver-treter_innen des Roma-Volkes, als auch bei verschiedenen Institutionen.
Ein fünfeckiges Labyrinth
Ein Blick auf das Leben der Roma allgemein bietet dennoch ein düsteres Bild. Wenn man die gesellschaftliche und ökonomische Stellung der Roma-Familien betrachtet, sowie den politischen und kulturellen Status ihrer Gemeinde in der Gesellschaft, stellt man fest, dass sich die Roma-Bürger_innen in einem fünfeckigen Labyrinth befinden, aus dem sie nur mit grossen Schwierigkeiten einen Ausweg finden werden. Die Seiten dieses Fünfecks sind: Segregation, Assimilation, Diskriminierung, Integration und Emanzipation. Bislang ist ihr alltägliches Leben offensichtlich mehr mit Segregation und Diskriminierung konfrontiert, als mit Integration und Emanzipation. Kann es in einer armen, von Kriegsfeldzügen und Kriegswucher verwüsteten und ausgeraubten Gesellschaft anders sein? Es stellt sich die Frage, was es bedeutet, eine Gemeinde aufzufordern, sich in die gesellschaftliche Umgebung integrieren zu lassen, wenn sie in dieser Gesellschaft schon seit Jahrhunderten lebt. Dabei haben die Roma während dieses jahrhundertelangen Zusammenlebens in keiner Hinsicht territoriale, politische oder ökonomische Ansprüche gestellt. Unter Berücksichtigung dieser Tatsache sollte jedes Integrationskonzept der Roma von der Grundhaltung ausgehen, dass die Roma eine eigene Identität besitzen und dass sie das Recht haben, sowohl gleichberechtigt als auch anders zu sein. Es ist deutlich entscheidender, dass die Roma die Koordinaten der eigenen Emanzipation selbst bestimmen, als dass ihnen Integrationsprozesse, die letztendlich zur Assimilation führen, auferlegt werden.
Im Bermudadreieck
Das politische Leben Serbiens basiert auf dem Ethnonationalismus und der Idee, dass die Nation der absolute Herrscher seines Territoriums ist. Ethnozentrismus und Nationalismus sind die dominanten Optionen, die die moderne serbische Politik ihren Minderheiten, darunter auch den Roma, zur Verfügung stellt. Das Problem dabei ist, dass der exklusive Ethnonationalismus, basierend auf dem traditionalistischen Konzept der Sabornost (Versammlung, Symphonie, Einklang), keine Basis für die Entwicklung multiethnischer Gesellschaften sein kann. Ein Bestandteil der Roma-Identität ist die freiheitsliebende Aufgeschlossenheit und nicht die ethnozentrische Abschottung. Dieses Stück der Roma-Identität sollte bewahrt werden, auch im Interesse unserer gesamten Gesellschaft
Die politische Lage der Roma im gegenwärtigen Serbien wird von drei Faktoren bestimmt, die die Erhaltung oder Veränderung ihrer Identität beinflussen.
Erstens: Massnahmen der Staatsbehörden auf allen Ebenen und die Tätigkeit politischer Parteien, zweitens: Aktivitäten der politischen Parteien und Vereinigungen der Roma-Bevölkerung und drittens: die Arbeit der internationalen  Organisationen, die einen Teil ihrer Tätigkeit in Serbien den Roma gewidmet haben. Ohne an den guten Absichten dieser Ak-teur_innen zu zweifeln, weist eine Analyse ihrer Betätigung auf folgendes hin: die Roma-Gemeinde in Serbien befindet sich politisch gesehen in einer Art «Bermudadreieck»; desorientiert aufgrund der Politik der Staatsbehörden und vor allem der gros-sen Mehrheit der politischen Parteien, der unangemessenen Vorgehensweise der internationalen Institutionen, aber auch der Unmöglichkeit, wenn nicht Unfähigkeit der eigenen meistens selbsternannten Anführer und Ak-tivist_innen der zahlreichen Roma-Vereinigungen.  Sich in diesem Wust zurechtzufinden und die Interessen der Gemeinde und nicht ihre eigenen in den Vordergrund ihrer Tätigkeit zu stellen, fällt ihnen schwer. Die generelle wirtschaftliche, politische, kulturelle und moralische Katastrophe, in der sich Serbien, zusammen mit manchen anderen Gesellschaften auf dem Balkan, im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts befunden hat, führte dennoch zu einer gegenseitigen Annäherung zwischen Roma und Nicht-Roma. Das ist, fürs Erste, eine «Gleichsetzung in Armut». Ob die Roma und die Serb_innen, sowie Angehörige anderer in Serbien lebender Völker, in sich die Kraft finden werden, dieser Katastrophe mit gemeinsamen Bemühungen zu entkommen, bleibt abzuwarten.
Die Roma sind ein Volk andersartiger Lebensstile, Kulturmuster, Bräuche und Sprachen, im Vergleich zu der serbischen, in manchen Gemeinden albanischen, bosnischen oder ungarischen Mehrheitsbevölkerung. Diese Unterschiede, obgleich sie manch-mal Auslöser für Missverständnisse und Misstrauen sein können, stellen einen Reichtum jeder demokratischen Gesellschaft dar. Ein Leben ohne Diskrimierung und Assimilation, ohne von Ethnozentrismus erdrückt zu werden, Emanzipation aus den elenden Lebensverhältnissen – das benötigen die Roma im gegenwärtigen Serbien wirklich, anstatt grosser Parolen über ihre Integration. Lebensbedingungen zu ermöglichen, in denen eine Roma-Familie durch Arbeit und nicht durch humanitäre Hilfe ausländischer Spender ihre Existenz sichern kann, ist eine grosse Herausforderung, vor der das öffentliche Leben in Serbien steht. Es ist gewiss erforderlich, dass die Roma selbst solche Verhältnisse für sich erkämpfen. In diesem Kampf sind ihre natürlichen Partner viele Bürger_innen Serbiens, die selbst in nicht viel besseren Umständen leben. Eine Emanzipation aus dem Elend unter Erhaltung der Haupteigenschaften der Roma-Identität ist notwendig! Die Roma sind anders, aber das ist ihr Recht, das ihnen niemand streitig machen kann. Es ist nötig, Gleichberechtigung für die Roma zu schaffen, in der ihnen ihre Freiheit und das Recht auf Unterschiedlichkeit gelassen werden. Das Recht der Roma, gleichberechtigt und verschieden zu sein, ist der grösste Gewinn, den alle politischen Kräfte des Staates und der Roma-Gemeinde unserer gesamten Gesellschaft bringen können.
Die Vorstellung von Romni als einer «bösen Hexe», die irgendeinen kleinen Racker in ihrem Sack fangen möchte, ist aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden, doch bleibt die Tatsache, dass immer noch lediglich zwei bis fünf Prozent der Roma-Frauen einen festen Arbeitsplatz haben, stets unerwähnt.

verfasst von Božidar Jakšic Belgrad,  30.03.2015, eingestellt von ute
Thema Nah & Fern im Archipel 235 (03/2015)
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Dieser Text stammt aus dem Archipel

Ausgabe: 235 (03/2015)

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